„Was digitale BIldung betrifft, sind wir in Deutschland weit hinterher“

Isabelle Sonnenfeld leitet das Google News Lab. Ein Gespräch über digitalen Journalismus, Fake News und Teamkultur

Vor neun Monaten zog das Berliner Büro von Google in die ehemalige Frauenklinik der Charitè, doch jetzt ist schon wieder kein Raum zu finden, an dem man in Ruhe sprechen kann. Bleibt also nur die Baustelle in der obersten Etage. Aber was für eine! Eine Raum so groß wie ein ganze Etage, rundum verglast. Blick auf das Bode-Museum, unten fließt die Spree, der Grill Royal ist nicht weit, gleich um die Ecke wohnt die Kanzlerin. In den Stockwerken darunter befinden sich die Teams für politische Arbeit, Marketing, YouTube sowie das Google News Lab, das Isabelle Sonnenfeld, 34, seit vier Jahren leitet.

Frau Sonnenfeld, seit vier Jahren leiten Sie das Google News Lab im deutschsprachigen Raum. Woran genau wird dort gearbeitet?

Das News Lab startete 2015 mit dem Ziel, digitalen Journalismus zu fördern. Vier Dinge stehen dabei im Fokus. Erstens die Frage: Wie umgehen mit Desinformation? Wie können wir Initiativen aufbauen, die Journalisten helfen, Desinformation schneller zu finden? Zweitens geht es um die Frage, wie wir Journalisten unsere Tools und Werkzeuge noch näher bringen können. Wir haben ein Online-Trainings-Centeraufgebaut mit 55 Online-Sessions und führen Trainings auch in Redaktionen durch. Da geht es vor allem darum zu zeigen, wie ich in meiner Recherche schnell an die relevanten Ergebnisse komme. Oder wie kann ich Google Earth in einer Breaking-News-Situation am besten nutzen? Drittens befassen wir uns mit neuen Technologien. Mit Virtual Reality, mit Künstlicher Intelligenz oder neuen Möglichkeiten, Daten zu analysieren und zu visualisieren. Und viertens beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie können wir Diversität in der Medienbranche fördern? Wie können wir Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund oder mit Fluchtgeschichte den Weg in Redaktion und Verlage ebnen? Und natürlich: Wie können wir Frauen in der Medienbranche fördern? Das ist der Kern unserer Arbeit.

Was missfällt Ihnen derzeit am Journalismus?

Ich finde toll, wie politisch aktiv die junge Generation gerade ist. Auf die Straße geht, in sozialen Netzwerken unterwegs ist, und sich um unsere Welt wirklich Sorgen macht. Mir missfällt aber, wie sie von den traditionellen Medien kleingeschrieben werden. Ich würde mir wünschen, dass diese junge Generation noch stärker gehört wird. Redaktionen müssen dafür ihre Perspektiven etwa weiter drehen und verschieben.

Wie informieren Sie sich selbst?

Ich beginne den Tag mit einem Nachrichten-Podcast. Ich habe eine kleine Tochter, da kann ich nebenbei aufräumen, das Kind anziehen oder etwas zu Essen machen und bin über das Wichtigste informiert. Dann lese sich sehr viele Newsletter unterschiedlicher Medien, ich nutze Google News als App, und mittags sehe ich mir die klassischen Nachrichtenseiten an. Und wenn ich abends mit dem Fahrrad nach Hause fahre, höre ich nochmal einen Podcast, meistens New York Times Daily. Da bekommt man den internationalen Blickwinkel.

Keine Zeitungen, keine Magazine?

Aktuell lese ich keine Print-Tageszeitung mehr, aber ich habe eine Wochenzeitung abonniert. Und ich kaufe sehr viele Magazine, auch, um meine Perspektiven zu variieren. Modemagazine, Wirtschaftsmagazine, auch Elternmagazine.

Welche Rolle spielen Twitter, Facebook und Instagram für Sie?

Ich habe früher bei Twitter gearbeitet, daher ist das mein natürlichstes Nachrichten-Medium. Ich folge sehr vielen Journalisten direkt. Instagram nutze ich mehr und mehr. Bislang sah ich das eher als Entertainment mit Familie und Freunden. Aber ich finde es spannend, welche Formate sich dort gerade entwickeln. Bestes Beispiel ist Eva Schulz, eine begnadete junge Journalistin, die ihrer Generation Politik näherbringen will. Ihr Format „Deutschland 3000“. Sehr direkt, sehr klar erklärt sie darin komplexe Themen.

Wie abhängig sind Sie von Ihrem Smartphone?

Ich gebe mir Mühe, die Zeit zu begrenzen, die ich damit verbringe. Im Urlaub schalte ich alles aus. Und ich habe eine App die mir sagt, wie häufig ich das Smartphone in die Hand genommen habe und womit ich meine Zeit verbringe. Das sehe ich mir nicht jeden Tag an, ein paar Mal im Monat aber schon.

Wie wird künstliche Intelligenz Journalismus beeinflussen und verändern?

In einem gemeinsamen Projekt mit der London School of Economics versuchen wir das gerade herauszufinden. Ein paar Beispiele. In der New York Times gab es vor kurzem eine sehr spannende Geschichte, die Satellitenbilder von Google Earth auswertete, um Routen und Bewegungen von Schiffen auf dem Atlantik zu analysieren. Die Muster verraten einiges über Handelsbeziehungen, ihre Mechanismen, auch über Piraterie.Oder die Financial Times wollte herausfinden, wie divers ihre eigene Berichterstattung ist. Wie häufig sind Interviewpartner weiblich? Wie häufig männlich? Als sie diese Daten analysierten, kamen sie zu dem Schluss: „Wir müssen besser werden, denn 70 Prozent unserer Interviewpartner sind männlich. Und das Gleiche kann man natürlich auch mit Fotos machen: Wie häufig tauchen Männer und Frauen auf Fotos in den Artikeln auf? Und der „Guardian“hat, basiert auf der Analyse ihrer Texte, eine neue Richtlinie eingeführt, wie sie über Klimathemen schreiben, welche Begriffe sie verwenden und welche nicht. Statt Klimawandel heißt es jetzt Klimakrise. Das heißt, auf der einen Seite tragen solche Anwendungen künstlicher Intelligenz dazu bei, die Berichterstattung einfacher und schneller zu machen, aber auch dazu, eigene Texte zu analysieren. Auch spannend ist ein Produkt von Jigsaws, einem Tochterunternehmen von Alphabet, das den toxischen Wert von Kommentaren analysiert. Mit solchen Projekten zeigen wir, wie man unsere Technologien anwenden kann.

Was weiß Google noch über Journalismus, was Journalisten selbst nicht wissen?

Wir wissen nicht mehr, als Journalismus über sich weiß. Die Mission von Google ist, Information verfügbar und zugänglich zu machen. Diese Mission lässt sich auch übertragen auf den Journalismus, denn das ist auch das Ziel von Journalismus. Derzeit erleben wir, dass dieser Zugang zu Information gefährdet werden kann, wenn sich Desinformation verbreitet, wenn Leser und Leserinnen nicht mehr unterscheiden können, was wahr ist oder nicht. Deshalb haben wir da eine sehr große Verantwortung.

Abgesehen von Innovationen, die beim Recherchieren helfen: Worin liegt die Motivation von Google Journalismus zu unterstützen?

Qualitätsjournalismus ist die Grundlage unserer funktionierenden Gesellschaft, unserer funktionierenden Demokratie. Und das heißt, das wir dem Vertrauen, das die Nutzer uns schenken, relevante und richtige Informationen zu finden, gerecht werden. Denn häufig sind diese Informationen journalistische Inhalte.

Phänomene wie Fake News, Hate Speech, haben die Unternehmen des Silicon Valley erst hervorgebracht. Ist Googles Engagement als Wiedergutmachung anzusehen für eine Entwicklung, die Google mit ausgelöst hat?

Es gab schon immer falsche Informationen, auch vor dem Internet. Und in erster Linie hängt Falschinformation an den Menschen und nicht an den Plattformen. Die Wut auf Politik hat sich verstärkt und kommt insbesondere auf den Plattformen zum Ausdruck. Dennoch gibt es eine riesengroße Verantwortung, mit dem Thema Verbreitung von Desinformation umzugehen. Vor allem Jugendliche können kaum unterscheiden, was ist Qualitätsjournalismus und was ist Information aus unsicherer Quelle. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die ein Technologieunternehmen wie Google nicht alleine lösen kann, sondern nur in Zusammenarbeit mit der Medienbranche, mit der Politik und mit der Zivilgesellschaft. Was digitale Bildung betrifft sind wir in Deutschland sehr weit hinterher.

Was sind die gängigsten Fehler bei der Google-Suche?

Ein Trick, den wir immer zeigen, ist die umgekehrte Bildersuche. Mit einem Mausklick rechts kann ich sehen: Ist dieses Foto schon mal erschienen? Ist es vielleicht fünf Jahre alt und zeigt gar nicht die aktuelle Situation? Das ist vielen nicht bekannt. Ein anderer Trick: Unterschiedliche Suchoperatoren miteinander zu kombinieren. In unseren Trainings sehen wir häufig überraschte Gesichter, wie schnell man etwa zu einem Dokument einer Regierungsorganisation kommt, wenn man die unterschiedlichen Filter kennt und nutzt.

Google ist in den Rankings der besten Arbeitgeber immer ganz vorne dabei. Was macht Google so attraktiv als Arbeitgeber?

Man kann sehr kreativ arbeiten, sehr crossfunktional und es ist sehr international. Ich habe ein Team mit Kollegen in Singapur, Mexico oder Argentinien. Für viele andere Unternehmen ist Google Vorbild, vor allem was Teamkultur und Transparenz angeht. Wir haben jede Woche ein Treffen, auf dem unser Leadership-Team Fragen beantwortet. Objective Key Results sorgen dafür, dass jeder im Team sieht, woran man arbeitet und wie erfolgreich man war. Es gibt Manager-Feedback, es gibt Kollegen-Feedback. Diese Transparenz und die Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern, macht die Kultur aus. Und das ist einzigartig,

2015 haben sie das Projekt Role Models zusammen mit David Noel gegründet, eine Veranstaltungsreihe, mit der Sie Frauen aus der Techszene miteinander ins Gespräch bringen. Wie kam es dazu?

David hat damals bei Soundcloud gearbeitet, ich noch bei Twitter. Die Idee entstand, weil ich als Frau in der Tech-Branche immer nach weiblichen Vorbildern gesucht hatte und wir uns damals oft gefragt haben: Wie können wir Frauen fördern? Woran liegt das, dass es zu wenig Frauen in Leadership-Positionen gibt? Und David hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie man eine Kultur schaffen kann, die divers und inklusiv ist. Irgendwann sagte ich: „Diese inspirierenden, spannenden, erfolgreichen Frauen muss es ja geben. Lass uns versuchen, sie zu finden.“ Wir haben drei Events gemacht, alle waren komplett ausverkauft. Jetzt spricht jeder über Female Empowerment und über Female Leadership, aber damals gab es das nicht.

Das ist erst vier Jahre her.

Ja, seither hat sich einiges getan, was sehr gut und positiv ist. Wir haben inzwischen über 100 Frauen interviewt.

Welche Begegnungen haben Sie besonders beeindruckt?

An die mit Anne Will denke ich oft. 600 Leute im Saal, ich war sehr nervös. Das Gespräch war sehr offen, sehr persönlich, sehr nah.

Haben Sie inzwischen Vorbilder gefunden?

Ich treffe und lese immer häufiger von Frauen, bei denen ich denke: Da würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden. Und Greta Thunberg beeindruckt mich sehr. Ich hätte mir gewünscht, so ein Vorbild zu haben, als ich so jung war wie sie. Vielleicht hätte mich das motiviert, politisch aktiver zu sein.

„Wir tun das Richtige“

Es ist wieder passiert. Diesmal dauerte es fünf Tage, ehe die Aquarius Mitte August mit 141 aus Seenot geretteten Flüchtlingen an Bord die Erlaubnis erhielt, in einen Hafen auf Malta einzulaufen. Vergangenen Juni kam es zur ersten Irrfahrt des von SOS Mediterranée und Ärzte ohne Grenzen betriebenen Rettungsschiffes, als sich die italienische Regierung erstmals weigerte, die Flüchtlinge aufzunehmen. In Valencia gingen sie schließlich an Land und wurden auf mehrere europäische Länder verteilt. Seither ist die Lage für die Seennotretter ziemlich kompliziert. Die italienische Regierung hat alle Häfen für Boote mit Flüchtlingen geschlossen, die EU ist sich nicht einig, welches Land wie viele Flüchtlinge aufnimmt. Und Verena Papke, seit einem Jahr Geschäftsführerin von SOS Mediterranée, ist im Dauereinsatz.

Frau Papke, andere Rettungsschiffe dürfen inzwischen nicht mehr auslaufen. Kann das der Aquarius auch passieren?
Rettungsschiffe aus dem Verkehr zu ziehen, kann keine Lösung sein. Im Juni war kein ziviles Rettungsschiff im Einsatz. Das hatte zur Folge, dass so viele Menschen im Mittelmeer gestorben sind wie lange nicht, etwa 700 waren es.

Was war Ihr Impuls, sich zu engagieren?
Ein Schlüsselerlebnis war eines der größten Unglücke vor Lampedusa im April 2015. Diese Bilder machten mir bewusst, dass zwischen dem reichen Europa und den Menschen, die aus menschenverachtenden Umständen fliehen, nur ein Meer liegt. Und dass die Tatsache, wo wir geboren sind und wie wir aufwachsen, nur Zufall ist. Diese Ungerechtigkeit hat mich sehr wütend gemacht. Über einen Freund lernte ich 2015 den Kapitän Klaus Vogel kennen, den Gründer von SOS Mediterranée. Von Beginn an sagte er: „Wir brauchen ein großes, europäisches Schiff. Was auf dem Mittelmeer geschieht, ist ein Versagen der Europäischen Union, also müssen wir eine europäische Organisation sein.“ Inzwischen ist SOS Mediterranée eine große und wichtige europäische Organisation.   

Was sind Ihre Aufgaben bei SOS Mediterranée?
Wir haben vier Vereine, in Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Jede Woche besprechen die Geschäftsführer die wichtigsten Dinge: Wann fährt die Aquarius wieder raus? Was muss bis dahin getan werden? Machen wir eine Kampagne? Arbeiten wir mit Prominenten? Wenn ja, mit welchen? Wir haben in Deutschland sechs Vollzeitstellen, das ist für so eine große Organisation nicht viel. Wir stehen in Kontakt mit Unterstützern.

 Inklusive Ärzten und Sanitätern besteht die Crew der Aquarius aus 22 Männern und Frauen. Alle haben einen professionellen Hintergrund, kommen aus der Seefahrt und Medizin. Was braucht ein Helfer sonst noch?
Große Empathie, vor allem mit den Geretteten. Aber auch eine gewisse Resilienz, um durchzustehen, was einem an Bord widerfährt. Man muss Blut sehen können und auch Tote. Man muss über Selbstkontrolle verfügen. An Ostern etwa war die libysche Küstenwache zeitgleich mit uns bei einem Einsatz. Es kam zu einer Verhandlung darüber, Gerettete an Bord der Aquarius nehmen zu dürfen. Am Ende hatten wir 100 Menschen an Bord, die Libyer ebenfalls. Dabei zuzusehen, dass Menschen zurückgebracht werden an Orte, vor denen sie geflohen sind, das ist hart. Dabei darf keiner durchdrehen.  

Waren Sie selbst bei Einsätzen dabei?
Ich war zweimal für mehrere Wochen an Bord. In dieser Zeit gab es drei Einsätze. Gehen wir einen Einsatz durch. Die Aquarius läuft aus einem Hafen am Mittelmer aus, das Schiff patroulliert in den Gewässern vor der libyschen Küste, in der sogenannten Search and Rescue Zone, dabei halten wir von der Brücke aus 24 Stunden am Tag Ausschau nach Schlauchbooten. Entdecken wir eines, melden wir das der zuständigen Seenotleitstelle. Sofern wir das nächstgelegene Schiff sind, sollte sie uns die Order zum Einsatz erteilen. 

Führt die Entdeckung eines Schlauchboots automatisch zu einem Rettungseinsatz?
Die Menschen auf den Schlauchbooten sind in Seenot von dem Punkt an, an dem man sie entdeckt. Entweder entweicht die Luft aus den Kammern oder die Boote brechen in der Mitte, weil die Menschen dicht zusammen gepfercht auf den Holzpaneelen stehen. Die Außenhülle dieser Schlauchboote ist zwei, drei Millimeter dick. Ich würde nicht mal auf der Spree mit so einem Boot fahren. Hinzu kommt: Seitdem die europäische Militäroperation „Sophia“ Schlepper bekämpft, verschlechtert sich der Zustand der Schlauchboote. Die Schlepper gehen seither nicht mit auf die Boote. Die setzen die Leute in Libyen ins Boot, drücken ihnen einen Benzinkanister in die Hand und sagen: „ Das, was leuchtet, ist Italien.“ Das ist dann eine Ölbohrinsel. Früher sind sie noch mit auf die Boote, um diese zurückzubringen und wieder zu verwenden. Mittlerweile müssen die Schlauchboote von den Rettern aber zerstört werden. Und das führt dazu, dass die Schlepper nur noch die billigsten Fabrikate verwenden. Alle, die auf einem solchen Schlauchboot landen, haben nur zwei Möglichkeiten: Sie werden gerettet oder sie ertrinken.  

Wie holt die Crew die Flüchtlinge aus den Booten?
Wir haben zwei Schnellboote. Damit fahren wir zu den Schlauchbooten und verteilen als erstes immer Rettungswesten. Dann beginnt die Bergung, Verletzte, Frauen und Kinder zuerst. Das kann zwei, aber auch 48 Stunden dauern. Dann folgt das Boat Landing. An Bord sieht man ihnen einmal ins Gesicht, sie bekommen die Rettungsweste ausgezogen und müssen an einem sogenannten Schnupperer vorbei. Riechen Sie nach Benzin, saßen sie meistens nah am Motor oder mussten das Benzin nachfüllen. Dann müssen sie sofort ihre Kleider ausziehen und kriegen eine Dusche, weil Benzin in Verbindung mit Salzwasser zu Verbrennungen führt. Häufig sehen wir krasse Hautverletzungen, wir bergen auch viele Dehydrierte, Menschen mit Schussverletzungen, mit Verbrennungen auch Knochenbrüchen. Die werden sofort operiert. Wir hatten auch schon Geburten an Bord. Das ist schon ein logistisches Meisterwerk, auf 77 Metern eine kleine Klinik zu betreiben, die unter Leitung unseres Partners Ärzte ohne Grenzen funktioniert. Hunderte von Menschen zwei, drei Tage mit Essen zu versorgen, und sanitär alles so zu managen, dass es menschenwürdig ist. Meistens dauert es dann ein paar Stunden, bis einem ein sicherer Hafen zugewiesen wird. Und dann nochmal zwei Tage, bis das Schiff einen sicheren Hafen erreicht! In den letzten Wochen haben wir leider oft erfahren müssen, dass die Seenotleistellen ihre Zuständigkeit verweigern und wir tagelang auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten mussten, so wie im Juni, als wir nach einer Woche auf See dann 1000 Kilometer bis nach Spanien/Valencia fahren mussten, obwohl Malta oder Italien näher gewesen wären. 

Bereitet die Crew die Flüchtlinge darauf vor, was sie an Land erwartet?
Wir klären sie über ihre Rechte auf. Interessanterweise kennen die meisten das Wort „Asyl“ gar nicht. Sie wollen oder müssen weg von dort, woher sie kommen. Etliche sind absolut traumatisiert durch ihren Aufenthalt in Libyen. Jemand hat mal gesagt. “Ich wäre gern da geblieben, wo ich herkomme, aber es gab noch nicht mal die Mittel, um zu bleiben.“ Ich denke, genau darum geht es.

Inzwischen werden private Seenotretter stark kritisiert.
Ein Argument lautet, Seenotrettung sei eine staatliche Aufgabe. Seitdem wir da draußen sind, fordern wir ein europäisches Seenot-Rettungsprogramm, aber davon sind wir weiter entfernt denn je. Sobald sich keine Menschen mehr auf diese gefährliche Überfahrt begeben, werden wir auch nicht mehr da sein. Ein anderer Vorwurf ist, dass Seenotretter das Geschäft der Schleuser begünstigen. Dass Menschenhändler oder Schleuser wissen, dass Rettungsschiffe existieren, ist nicht auszuschließen. Aber das hat keine Konsequenz. Die Menschen flüchten unabhängig davon, ob Rettungsschiffe da sind oder nicht. Sind keine da, sterben mehr Menschen. Den Schleppern ist es egal, ob sie gerettet werden. 

Was wissen Sie über Schleuser und Schlepper?
Wir haben niemals Kontakt mit irgendwelchen Schleppern gehabt. Ärzte ohne Grenzen, unser Partner, ist eine der wenigen humanitären Organisationen, die in den Lagern in Libyen noch vor Ort sind. Und da hört man immer wieder, es gäbe Kommandeure, die um das Geld aus Europa konkurrieren. Interessant ist auch die Frage, inwiefern die libysche Küstenwache in Verbindung mit Schleppern steht.  

Wieviel kostet der Unterhalt der Aquarius?
Pro Tag 11.000 Euro inklusive Sprit, Crew, und Verpflegung, also gut 300 000 Euro im Monat. Eine Hälfte davon übernimmt Ärzte ohne Grenzen, die andere wir. Alles ist aus Spenden finanziert.

Welches Gefühl überwiegt nach drei Jahren Engagement für SOS Mediterranée: die Erleichterung, Menschen zu retten? Die Wut darüber, dass dies überhaupt nötig ist? Der Ärger darüber, kritisiert zu werden?
Letzteres auf jeden Fall nicht. Doch in den letzten Wochen und Monaten ist auch eine Ohnmacht zu spüren. Wir arbeiten nach geltendem Recht, wir sind unabhängig, und wir sind zivil. Wie kann es dann sein, dass wir nur noch eine rückwärtsgewandte, rechtsgerichtete Debatte führen? Was aber überwiegt, ist die Tatsache, dass wir das Richtige tun: Menschen zu retten. Lange war es so, dass wir unsere Arbeit gemacht haben, und niemanden hat es interessiert. In den letzten Wochen aber haben wir große Unterstützung erfahren von der Zivilgesellschaft, auch von vielen Prominenten. Sie sind auf die Straße gegangen, haben demonstriert und gespendet. Manche schreiben in den Spenden-Betreff: „Jetzt erst recht! Weiter so! “. Was in den Sommerwochen von einigen Politikern gesagt worden ist, geht vielen Menschen zu weit. Das spüren wir und das gibt einem Team Kraft.

Zurück zur Wurzel

Anne-Christin Bansleben entwickelte ein umweltverträgliches Verfahren, um Leder zu gerben – mit einem Extrakt der Rhabarberwurzel

Sie kennt diesen Moment, wenn sich in den Gesichtszügen ihres Gegenübers Erstaunen und Neugier zu einem Fragezeichen formen, sobald sie von Ihrer Entdeckung erzählt. Also kommt sie einem zuvor und stellt die Frage selbst: „Wie man darauf kommt?“ Anne-Christin Bansleben hat vollkommen recht, genau das ging einem eben durch den Kopf.

Gemeinsam mit Ihrem Mann David und Ingo Schellenberg, ihrem ehemaligen Professor hat Anne Christin Bansleben herausgefunden, dass sich mit einem Extrakt aus der Wurzel des Rhabarbers Leder gerben lässt. Mit pflanzlichen Stoffen Tierhäute vor dem Verderben zu bewahren, ist keine neue Idee. Über Jahrtausende war das der einzige Weg Leder haltbar zu machen. Auch heute werden in Asien und Südamerika Tierhäute noch mit den Extrakten von Schalen, Rinden und getrockneten Früchten gegerbt. Aber eben nicht mit Rhabarber. Bansleben hat daraus ein Verfahren und ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickelt, das für Aufsehen sorgt, weil es einen Ausweg aus der industriellen Ledergerbung weisen könnte.
Aber wie kommt man nun auf die Idee, in einer Pflanze, die in vielen heimischen Gärten vor allem deswegen gedeiht, weil sie kaum Zuwendung verlangt und in den Sommermonaten eine gewisse Aufmerksamkeit in Form von Kuchen Kompotten und Schorlen erfährt, nach einem alternativen Gerbstoff zu fahnden?

Begonnen hat es mit dem Studium. Bansleben hatte sich an der Hochschule Anhalt wie ihr Mann David für Ökotrophologie eingeschrieben. Beide spezialisierten sich auf Pflanzenanalytik und wurden Teil der Forschungsgruppe um ihren Professor, Ingo Schellenberg. „Unser Ansatz lautete: Welche Inhaltsstoffe aus Pflanzen kann man sich für Neuentwicklungen zunutze machen? Zum Rhabarber hatten wir schon einige Untersuchungen angestellt und Zugriff auf mehr als 40 Spezies. Als sich zeigte, dass bei einigen Arten in der Wurzel Inhaltstoffe enthalten sind, die sich zum Gerben eignen, haben wir uns mit den bekannten Verfahren und weiter an unserer Entdeckung gearbeitet: Wie bekommt man den Extrakt aus der Pflanze? In welcher Kombination wirken die Inhaltstoffe am besten? Wie optimieren wir den Anbau?“

Wie die Geschichte weiter geht muss Bansleben derzeit oft erzählen. Jedem ihrer Sätze ist die Freude anzumerken darüber, was ihr und ihrem Team in den vergangenen Jahren gelungen ist. Keine Spur von Routine oder zurechtgelegten Wortbausteinen. Irgendwann, erzählt sie, kam der Punkt, an dem ihnen ihre Entdeckung so sehr ans Herz gewachsen war, dass sie ihren ursprünglichen Plan, als Forscher zu arbeiten, fallen ließen und beschlossen, selbst ein Unternehmen zu gründen. „Wir waren sicher, wir haben ein Superprodukt“, Fördermittel waren dennoch nicht aufzutreiben und so gingen sie selbst ins Risiko. Anfang 30 war sie damals. „Wir haben alles, was wir damals besessen haben, einschließlich unseres Autos, verkauft und in unser Unternehmen gesteckt“. Deepmello nannten sie es nach der herausragenden Eigenschaft ihres Leders: tiefzart.

Sie knüpften Kontakt zu Gerbern, verfeinerten ihr Verfahren, Schritt für Schritt kamen sie voran. Ehe sie den ersten Prototypen des Rhabarberleders in Händen hielten, vergingen vier Jahre.

Seit 2010 bringt deepmello jährlich zwei kleine Kollektionen Eco-Couture auf den Markt, Taschen, Börsen, Gürtel, High Heels, aber auch Jacken, Tops und Kleider aus Materialen wie Bioseide und Canvas, die sich gut mit Rhabarberleder kombinieren lassen. „Mit dem Label zeigen wir, wie man Rhabarbarleder verarbeiten kann. Wir haben sehr genaue Vorstellungen, wie wir unser Material verarbeitet sehen wollen“. Schwarz dominiert, „das liegt an meiner persönlichen Vorliebe, aber auch daran, das schwarzes Leder einfach toll aussieht und zeitlos ist. „Außerdem ist es uns wichtig, dass die Langlebigkeit von Leder wieder geschätzt wird“.
Den Großteil des Umsatzes macht deepmello allerdings mit dem Vertrieb des rhabarbergegerbten Leders. Schuhe werden daraus gefertigt, Couchgarnituren, neuerdings auch das Interieur von Yachten. Kleinere Fashionlabels verwenden das Leder, „mit einigen großen Brands sind wir im Gespräch, auch mit Autoherstellern“, sagt Bansleben. Sieben Mitarbeiter beschäftigt deepmello mittlerweile, der Kundenkreis wird größer und größer, der Umsatz verdoppelt sich von Jahr zu Jahr. Vor x Jahren kam noch die Kosmetiklinie dazu, red rhubarb. „Von Anfang an war es uns wichtig, die ganze Pflanze zu verwenden und keinen Abfall zu produzieren. Aus unserer Forschung wussten wir, dass in den Stengeln pflegende und schützende Wirkstoffe für die Haut enthalten sind“, sagt sie.
Ende Januar eröffnete deepmello einen Laden in Leipzig, deepmello and friends heißt er. Neben den eigenen Kollektionen finden sich dort unter dem Motto „Slow fashion & fine living“ auch Produkte anderer nachhaltig arbeitender Labels, Männerkleidung, Schmuck, Dessous, Kosmetik, Gourmetöle.

Bansleben ist viel unterwegs zur Zeit. Das liegt auch am Sitz von deepmello in Bernburg, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt zwischen Halle und Magdeburg. „Viele Menschen wundern sich, das wir aus einer kleinen Stadt kommen. Diesen Überraschungseffekt nutze ich gerne“, sagt sie. Zumal die Lage in der Mitte Deutschlands einen unschätzbaren Vorteil ist mit sich bringt: Die Wege sind kurz. Vom Anbau der Pflanzen, der Herstellung des Extraktes, den Häuten, der Gerberei, die Verarbeitung: alles made in Germany.
Und besitzt in Hinblick auf die herkömmliche Lederproduktion damit ein ziemlich schlagkräftiges Argument. Der Großteil der international verarbeiteten Häute stammt aus Südamerika, wird konserviert nach Asien transportiert und nach der Gerbung zur Verarbeitung nach Europa geschickt. „Wenn wir auf diese Weise auch noch eine strukturschwache Gegend wie Sachsen Anhalt stärken können, ist das natürlich toll.“

Die Rhabarberpflanzen wachsen auf einem fünf Hektar großem Gelände der Hochschule. Anders als der Stengel ist die Wurzel nicht saisonabhängig. Nach vier Jahren ist die Wurzel reif für die Ernte, dann sind die Wirkstoffe ausgebildet. „Teil unserer Forschung war es auch, den Anbau und die Ernte zu optimieren, deshalb können wir komplett auf Pflanzenschutzmittel verzichten.“ Die Häute stammen allesamt von Höfen aus Süddeutschland, die keine Massentierhaltung betreiben. Deepmello verwendet ausschließlich Rindsleder, „weil es das am vielseitigsten einsetzbare Leder ist“, so Bansleben.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Chromleder wird das Rhabarberleder nicht mit Kunststoff beschichtet. Zu erkennen ist das daran, dass manche Stellen mehr Struktur und Maserung aufweisen, manche weniger. Das Leder bekommt auf diese Weise mit der Zeit eine Art Patina. „Das ist ein Effekt, der uns sehr gefällt. Man sieht, das Produkt lebt weiter und entwickelt sich. Vor allem bei helleren Farben ist das sehr schön.“
Rhabarberleder riecht auch anders. „Was wir als typischen Ledergeruch wahrnehmen ist ja eigentlich der Geruch der Chemikalie. Wenn unsere Leder frisch hergestellt sind, haben sie einen leicht süßlichen, fruchtigen Geruch.

Als Indiz, wie vielversprechend und zukunftsträchtig Rhabarberleder ist, wertet Bansleben die Versuche, ihr Verfahren zu diskreditieren. Bereits kurz nachdem deepmeello auf dem Markt war, erzählt sie, sahen sie sich Kampagnen und Attacken ausgesetzt. Pflanzliche Gerbung würde mehr Wasser verbrauchen, die Qualität ihrer Leder sei ohne Chrom nicht denkbar, um den Bedarf zu decken, seien Anbauflächen für Rhabarber so groß sein wie Deutschland, Österreich, und die Schweiz zusammen notwendig. „Als derjenige, der versucht etwas besser zu machen, muss man sich ständig rechtfertigen und falsche Behauptungen widerlegen“, sagt sie. Für ihre Widersacher zeigt sie Verständnis. „Sobald man sich unser Verfahren versteht, taucht natürlich die Frage auf: Wie wird eigentlich all das andere Leder hergestellt?“ Und auch darauf gibt sie gleich die Antwort. „Leder“, sagt sie, „gilt als sehr hochwertiges Produkt. Aber es ist nur wenig darüber bekannt, wie es produziert wird“.

Der Großteil der Häute stammt aus Südamerika, wird konserviert nach Asien transportiert und nach der Gerbung zur Verarbeitung nach Europa geschickt. 80 Prozent des weltweit hergestellten Leders wird mit Chrom gegerbt. Für Bansleben, ihren Mann und Professor Schellenberg war diese Erkenntnis zusätzliche Motivation, neue Wege einzuschlagen. „Die Idee unseres Materials ist es, Ersatz zu schaffen für ein Produkt, das unter umweltbelastenden Bedingungen hergestellt wird. An einer Chromgerbung hängt ja nicht nur Wirkstoff dran. Chrom wird durch Tagebau abgebaut, vor allem in Asien und in Afrika. So wie Chrom im Boden vorliegt, kann es zur Gerbung nicht eingesetzt werden. Um es in das gerbende Chrom 3 umzuwandeln, erfordert einen hohen Energieaufwand. Der Großteil der Leder wird in Asien produziert, die Herstellungsbedingungen sind häufig sehr schlimm. Auf Arbeitsschutz oder ob es ein Abwassersystem gibt, wir dort in der Regel nicht geachtet. Kinder baden in den chromversuchten Flüssen, die Arbeiter stehen barfuß in den Fabriken. Das sind die Leder, die vorrangig am Markt gehandelt werden“.
Bansleben klingt nicht anklagend, wenn sie so spricht. Was sie antreibt, ist die Überzeugung , die eine gute Idee entwickelt zu haben. Wir wollen niemanden bekehren. Aber wir erklären viel. Viele unserer Kunden freuen sich darüber. Zudem sehe ich es als meine Verpflichtung an, aus meinen Fähigkeiten das Beste zu machen. Ich habe die Chance, gemeinsam mit Kollegen nachhaltige Produkte herzustellen, also machen wir das. Es ist mir wichtig, etwas voranzutreiben und etwas zu bewegen.“

Ideen für neue Produkte gibt es einige, mehr will sie nicht verraten. Nur soviel, dass die Pflanze im Mittelpunkt steht, über die sie so gut bescheid, wie nur wenige. „Rhabarber kann so viel, Rhabarber ist so unterschätzt“, sagt sie.