„Kunst ist für alle da“

Diandra Donecker ist Chefin der Villa Grisebach. Die Fotografie-Expertin führt das Auktionshaus in die Zukunft

Herzblut. Vertrauen. Leidenschaft. Liebe. Wenn Diandra Donecker von ihrer Blitzkarriere erzählt, davon, was sie antreibt, und was man eigentlich so macht als Geschäftsführerin eines Auktionshauses, fallen diese Worte immer wieder.
Grisebach, sagt sie, das war von Beginn an eine Liebesbeziehung. Ihr Verhältnis zu Papier und Fotografie? Liebe. Zur Handzeichnung? Große Liebe. Das Wichtigste im Gespräch mit Kunden? Vertrauen. Hat sie sich das zurecht gelegt? Ist das eine clevere Strategie in einem Geschäft, in dem vor allem die großen Zahlen Schlagzeilen machen und Erfolg in Euro, Dollar und Rekorden gemessen wird?
Hört man Diandra Donecker eine Weile zu, verflüchtigt sich dieser Gedanke schnell. Und weicht mit etwas Abstand der Einsicht, dass sie das genauso meint und genauso lebt. Und Begeisterung, Empathie und Leidenschaft genau das ist, was sie mit der Kunst, ihren Kunden und ihrem Beruf verbindet.

Egal, ob sie von ihrem bislang größten Coup erzählt, der Versteigerung eines Fotogramms für 490 000 Euro, von dem ergreifenden Augenblick, in dem ein Bietergefecht endet oder von Begegnungen mit Georg Stefan Troller, dem legendären, mittlerweile 97 Jahre alten Fernsehjournalisten, Dokumentarfilmer und Schriftsteller. Unter seinem Bett in seiner Wohnung in Paris fand Troller eine Schachtel mit Fotos aus dem Paris der 50er Jahre. Er vertraute sie Donecker an, Grisebach ließ sie rahmen und nahm sie auf in den Katalog für die Sommerauktion. Ein Wagnis, natürlich, Fotos von einem Mann, der berühmt für seine Interviews wurde und für das, was er schrieb. Aber nicht für seine Fotos. Auf der Auktion fand sich dann auch kein Käufer. Inzwischen aber, im Nachverkauf, haben sich zwei Bieter gefunden und den Preis auf 15 000 Euro für die ganze Serie hochgetrieben.

„Hier zu sitzen ist ein Geschenk“, sagt Donecker und meint damit die Lage der Villa Grisebach in der Berliner Fasanenstraße in Nachbarschaft des Literaturhauses, des Käthe-Kollwitzmuseums, von Galerien, Kunsthändlern und Antiquariaten. Aber auch ihr Büro in der vierten Etage der einst als Wohnhaus konzipierten Stadtvilla mit dem Kirschholzschreibtisch und unzähligen Regalmetern mit Kunstbänden entlang der Wände – das Büro der Geschäftsführerin. Vergangenen Januar hat sie es bezogen.

Sie mit 30 Jahren zur Chefin zu machen, war eine mutige Entscheidung. Sie weiß das. Grisebach ist zusammen mit Ketterer, gemessen am Umsatz, das größte Auktionshaus in Deutschland. Mal liegt der ein vorne, mal der andere. Bernd Schultz gründete Villa Grisebach 1986 zusammen mit vier anderen Kunsthändlern. Seine Vision war es, an die große Zeit Berlins als Kunsthandelszentrum in den 20er Jahren anzuknüpfen. Sein Interesse galt der Klassischen Moderne, den deutschen Impressionisten und Expressionisten. Bis 2017 führte Schultz die Geschäfte. Florian Illies folgte ihm nach, kümmerte sich vor allem um Kunst des 19. Jahrhunderts und begann Grisebach zu modernisieren, verließ das Haus aber Ende 2018, um Chef des Rowohlt-Verlags zu werden. Diandra Donecker war gerade zwei Jahre bei Grisebach und leitete die Abteilung Fotografie. Zuvor arbeitete sie bei Christies in München.

Im Gegensatz zu Florian Illies Abschied ging mit Ihrer Berufung kein Raunen durchs Feuilleton. „Ich bin ein No Name, ein unbeschriebenes Blatt. Das ist gut so“, sagt sie und lacht. Weil sie genau weiß, was sie kann, was sie vorhat und was man von ihr erwartet.

Bernd Schultz, der im fünften Etage der Villa eine Art Salon unterhält, versteht Doneckers Berufung zum Gesicht des Hauses und zur Sprecherin der vierköpfigen Geschäftsführung, als Wegmarke in die Zukunft. „Ich war sehr überrascht, als ich das Angebot bekam Aber ich habe nicht länger als acht Sekunden gezögert, es anzunehmen“, sagt Donecker.

Für das Gespräch hat sie sich an die Stirnseite ihres Schreibtischs gesetzt. Über Eck sprechen, nicht frontal, Distanz abbauen, gute Atmosphäre schaffen. Sie weiß, dass sie gelegentlich auf Vorbehalte stößt „Natürlich gerate ich in Situationen, in denen ich aufgrund meines Alters unterschätzt werde. Ich nehme das sportlich.“ Jung zu sein habe aber vor allem Vorzüge. „Ich verfüge über viel Optimismus und auch Naivität. Mein Vorteil ist, dass ich nicht immer alles mit allen Konsequenzen durchdenke, sondern mich traue, einfach zu machen. Ich habe nicht viel Angst. Ich bin eher ein kraftvoller Tusch.“

Auch für solche Worte wird sie geschätzt Denn das Auktionsgeschäft verändert sich. Das Interesse an der klassischen Moderne, einst die Königsklasse im Kunsthandel, hat nachgelassen. Werke von Karl Schmidt-Rottluff oder Max Pechstein, die vor einigen Jahren noch Millionen erlösten, sind heute vergleichsweise günstig. Im Foyer der Villa hängt Schmidt-Rottluffs „Fischräucherei am Bahngleis“, der Schätzwert: 400 000 bis 600 000 Euro.

Das liegt einerseits am neuen Kulturgutschutzgesetz, das den Verkauf von Kunstwerken ins Ausland wesentlich schwieriger macht als früher. Stärker ins Gewicht fällt aber, dass jüngere Sammler einen anderen Zugang zu Kunst haben. „Da spielt der Moment der Betrachtung, was man dabei fühlt und Intuition eine viel größere Rolle als die Relevanz eines Werkes oder ein großer Name“. Junge Käufer, sagt Donecker wollen Kunst stärker fühlen als sich einem Werk mit Wissen zu nähern. Auch mit flachen Absätzen ist Donecker so groß, dass man unweigerlich den Rücken durchdrückt, um auf Augenhöhe zu bleiben.

Sich auf veränderte Seh-und Sammelgewohnheiten einzustellen, damit hat Grisebach schon früh begonnen, Seit 1987 existiert die Abteilung Third Floor. Die Idee: Menschen für Kunst zu begeistern, die noch nicht auf ein Vermögen zurückgreifen können. Zwischen 500 und 3000 Euro liegen die Preise im Third Floor. „Young Collectors“ oder „Next Generation“ wird die Klientel der 20 bis 50-Jährigen im Jargon des Kunsthandels genannt. Weniger bekannte Werke großer Namen finden sich dort, viele Druckgrafiken, Radierungen und Arbeiten zeitgenössischer Künstler. Eine Farbserigrafie von Alex Katz etwa ging in der Sommerauktion für 2350 Euro weg. „Viel zu verdienen ist da nicht“, sagt Donecker. Aber darum geht es auch nicht. Third Floor ist ein Einstieg in die Kunstwelt und in den Kosmos der Kunstauktionen. „Kunst“, sagt Donecker, „ist für alle da.“

Dass sie als studierte Kunsthistorikerin nun an Ergebnissen und Bilanzen gemessen wird, ficht sie nicht an. „Ich habe keine Zahlenkennerschaft qua Ausbildung, aber ich habe Interesse daran. Kreativität ist auch in Zahlen zuhause.“ Was sie damit meint, wird deutlich wenn sie von den ergreifendsten Momenten einer Auktion erzählt. Wenn die Gebote schon ein Vielfaches des Schätzpreises erreicht und den Boden des Rationalen längst verlassen haben. Wenn nicht abzusehen ist, wer den Zuschlag erhält. Welche Kräfte wirken da, welche Impulse, welche Interessen? Was genau geschieht in so einem Moment? „Niemand weiß das genau“, sagt Diandra Donecker. Der Auktionator nicht, die Zuschauer nicht, der Käufer oft am allerwenigsten. Gewiss ist nur: In diesem Moment verdichten sich große Gefühle, große Zahlen, Leidenschaft und Geld zu einem furiosen Finale. „Man kauft sich ein Stück Zugehörigkeit zu einer Geisteswelt, in der man sich verortet. Das finde ich sehr schön.“ Manchmal setzt der Hammer auch den Schlusspunkt unter die Arbeit von Monaten, manchmal auch von Jahren.

So war es, als ein Fotogramm des Bauhaus-Künstlers Laszlo Moholy-Nagy im vergangenen Jahr für 490 000€uro den Besitzer wechselte. Mehr wurde in Deutschland noch nie für eine Fotografie bezahlt. Grisebach konkurrierte mit den großen Häusern in New York und London, um dieses Werk anbieten zu können. Dass die Berliner den Zuschlag bekamen, hatte mit der Geschichte des Werkes zu tun, mehr noch aber mit Doneckers Bemühen und Überzeugungskraft. Viele, viele Gespräche habe sie mit dem deutschen Sammler geführt. Die alte Regel, wonach es drei Ursachen gebe, weshalb Kunstwerke in einem Auktionshaus landen – death, debt und divorce, also Tod, Schulden und Scheidung – im Fall des Moholy-Nagy-Werks spielte sie keine Rolle. Das Fotogramm war für den Sammler eine Art Lebensbild. Als junger Mann erwarb er es für vergleichsweise wenig Geld, nun, im Alter, entschloss er sich, seine Sammlung zu reduzieren.

Wenn Donecker davon erzählt, verweben sich Zeitgeschichte und Expertise mit der Begeisterung für die Leucht- und Strahlkraft des Werks. Und es fällt nicht schwer, zu verstehen, weshalb der Sammler sein liebstes Werk bei Grisebach in besten Händen sah. Ein amerikanischer Sammler kaufte das Fotogramm von Laszlo Moholy-Nagy. Nun ist es wieder öffentlich zugänglich, im Milwaukee Museum of Art.

Noch ist der Markt für Fotografie klein, drei Prozent des Umsatzes macht er aus. Aber er wächst. Zur Fotografie fand Donecker erst bei Grisebach. Schwerpunkt ihres Kunstgeschichte-Studiums in München waren Altmeisterzeichnungen und Druckgraphik, vor allem niederländische Renaissance. Und auch alle Praktika und Volontariate, die sie in Auktionshäusern, bei Kunsthändlern, im British Museum in London und im Metropolitan Museum in New York absolvierte, machte sie in diesem Umfeld. „Ich komme aus einer Papierwelt“ , sagt sie. Zeitungen, Bücher, Zeichnungen, damit ist sie aufgewachsen. In der Familie ihrer Mutter, sagt sie, „waren gefühlt alle Kunsthistoriker.“ So kam auch ihr nie anderes in den Sinn. Etwa, selbst Künstlerin werden zu wollen. „Mich interessierte Kunst immer nur als historische Quelle.“

Mit einer Ausnahme. Donecker war vierzehn und schrieb einen Brief an die damalige Chefredakteurin der Vogue, Angelika Blechschmidt. Es ging um eine einzige Frage. Wie werde ich wie Sie? Wochen später bekam Donecker eine Antwort. Von Christiane Arp, sie war Blechschmidt inzwischen nachgefolgt. „Sie rief mich an und hat mir auf rührende Weise und sehr geduldig erklärt, dass man sich nicht zum Ziel setzen kann, Chefredakteurin der Vogue zu werden.“ Sie gab mir den Rat, etwas zu studieren, in dem ich mich sehr gut auskenne.“

Auch bei Grisebach begann sie in der Kunst des 19. Jahrhunderts, der Abteilung, die Florian Illies leitete. Bis sie auf eine Kollegin traf, Susanne Schmid, sie leitete die Abteilung für Fotografie, „Von ihr habe ich alles gelernt, sie übte mit mir, brachte mir alles bei“. Als Schmid das Haus verließ, empfahl sie Donecker, damals 28, als ihre Nachfolgerin. „Diandra hat das Auge, um zu sehen, was auf Papier passiert“, sagte sie. Inzwischen, sagt Donecker, schätzt sie alles an Fotografie.“

Klar, dass sie damit nur eines meint: Fotokunst. Und nicht die Allgegenwart des Klicks, die Gewohnheit, alles und jeden unentwegt in einem Bild festzuhalten. „Ich finde das verdummend. Der Umstand, dass es egal ist, wie oft man auf den Auslöser drückt, bedeutet einen „Niedergang des Im-Moment-Sein sowie des Sich-Spürens. Es zerstört Gespräche, es macht unkonzentriert, es führt weg von sich. In diesem Punkt bin ich fundamentalistisch. Auch,“ ergänzt sie, wo sie sich schon einmal in Fahrt ist, „dass jeder, der ein Foto macht, denkt, er sei ein Fotograf. Fotografie ist ein Prozess der Komposition, in dem es darum geht, Augenblicke erkennen, die mehr sagen als das Abbildende.“

Instagram dagegen schätzt sie. „Instagram ist ein Wundertool, je nachdem wie man es nutzt. Ich habe schon eine Reihe toller Leute dort entdeckt. Für Grisebach ist Instagram wichtig, weil es unser Haus viel erlebbarer macht als eine Homepage und Jüngere auf diesem Weg leichter zu uns finden.“ Sie folgt knapp 2000 Accounts vornehmlich Galeristen, Kuratoren, Sammlern, Kreativen und Museen. Selbst postet sie nahezu jeden Tag, Momentaufnahmen, Assoziationen, auch ein Werk, das sich besonders gut verkauft hat, ist mal darunter. „Ich nutze das wie ein Bildermosaik“, sagt sie. Vor kurzem sah sie etwa einen Film mit der jungen Liz Tylor. „Daraufhin habe ich sie gegoogelt und bin auf ein sehr tolles Bild von ihr gestoßen, auf dem sie raucht.“

Chefin eines Auktionshauses zu sein, bedeutet nicht automatisch, selbst zu auktionieren. Einige Kollegen tun das, sie nicht. Auch, weil sie weiß, dass sie gut daran tut, das Wohlwollen, das ihr entgegengebracht wird, nicht über zu strapazieren. Hinzu kommt großer Respekt vor der Arbeit des Auktionators. „Der Auktionator ist zugleich Schauspieler, Sachverständiger und Dompteur. Wie gut er seine Arbeit macht, hängt vor allem an seiner Präsenz. Im Stehen, in der Stimme, und an der Sprache seiner Hände. Wenn der Auktionator mit dem Publikum nicht flirten kann, ist viel verloren.“ Was sie Neulingen rät, die das erste Mal eine Auktion besuchen? „Man braucht nur seine Augen. Und im Idealfall träumt man von einem Werk.“