Im Isartal geht’s abwärts

Ach, was heißt schon Nobelvorort? Über den Niedergang von Grünwald

 

Keiner da heute. Keine Bayernstars, keine Ochsenknechts, keiner, dem man in einer Talkshow schon mal begegnet wäre. Nicht mal einer, der auch nur annähernd das Klischee des Grünwalders erfüllen mag: um die Schultern den rosa Kaschmirpullover, im Haar die Sonnenbrille mit Goldbügel, im Gesicht unerklärliche Bräune und das überhebliche Lächeln des allzu schnell oder ohne Arbeit zu Geld Gekommenen.

Für den Münchner ist Grünwald etwa das, was der Berliner in München sieht: ein Ort, dessen Bewohner er, wegen der vermuteten Privilegien, insgeheim beneidet, aufgrund ihnen unterstellter Eigenschaften jedoch lautstark verachtet, zumindest belächelt. Ein dankbares und verlässliches Feindbild, das allein schon deshalb funktioniert, weil Grünwald nicht zu München gehört. Grünwald beginnt da, wo München aufhört.

Und nun das. Viel zu viele Kellner für viel zu wenige Gäste. Vereinzeltes Messergeklapper aus der hintersten Ecke des Lokals, ein Paar, dem schon vor dem Hauptgang die Gesprächsthemen ausgehen, im »Eboli«, dem Klassiker unter den Grünwalder Lokalen, herrscht trostlose Stille – trotz Samstagabend, trotz cremefarbener Lederpolster, trotz der perfekten Kulisse für Louis-Vuitton-Handtaschen und Geplauder über Lachs-carpaccio. So bleibt es den ganzen Abend, und man bekommt beinahe Mitleid mit dem Wirt, der offensichtlich erst vor Kurzem einen Haufen Geld in die Renovierung gesteckt hat. Auch beim anderen Italiener, eine Straße weiter, bietet sich kein anderes Bild, abgesehen davon, dass man dort noch ganz dem Stil der Achtzigerjahre vertraut. Irgendetwas stimmt hier nicht mehr: Entweder ist das Klischee schon ein wenig in die Jahre gekommen. Oder der Ort selbst hat sich verändert in den vergangenen Jahren.> Die Vorstellung, dass Grünwald vor allem aus übergeschnappten Reichen und fortgeschrittenem Schnöseltum bestehe, hat entscheidend der Umstand geprägt, dass mehr als zwanzig Jahre lang jeden Freitagabend um Viertel nach acht angebliche Grünwalder Gebräuche im Fernsehen zu besichtigen waren. Oberinspektor Derrick bot einem Millionenpublikum Einblick in Villen, Gärten und die Abgründe verkrachter Millionäre, die Mehrzahl der Derrick-Folgen wurden in Grünwald gedreht. Gewöhnlich bekam es der Oberinspektor mit Witwenmördern, verwahrlosten Söhnen, skrupellosen Töchtern und raffgierigen Ehefrauen zu tun.

Natürlich ist nicht alles nur Vorurteil. Der durchschnittliche Grünwalder versteuert dreimal so viel wie der durchschnittliche Münchner, die Statistik verzeichnet mehr gemeldete Autos (11 709) als Einwohner (10 954), und es leben auch noch richtige Stars in Grünwald – wenngleich nur wenige, Franck Ribéry etwa und bald auch Jürgen Klinsmann, der mit seiner Familie in die Villa des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld einzieht. Doch dass in Grünwald einiges anders ist als früher, das zeigt sich, wenn man in Zeitschriften blättert. In den Klatschspalten tauchen Grünwalder Prominente nur noch gelegentlich auf, etwa wenn sie Ärger mit Kindern, Alkohol oder Ehemännern haben, was einfach daran liegt, dass die meisten, die dort noch leben, wie etwa Carolin Reiber, Patrick Lindner, Max Greger oder die Kessler-Zwillinge, ihre besten Zeiten schon hinter sich haben. Ein Los, dem Uschi Glas, Horst Jüssen und Roberto Blanco offenbar entkommen wollten – sie haben Grünwald verlassen. Oliver Kahn, so ist zu hören, sieht sich ebenfalls nach einer neuen Bleibe um, wahrscheinlich in Harlaching. Es braucht schon einiges Wohlwollen und Sinn für Nostalgie, um Grünwald nach wie vor als »Prominentenvorort« zu bezeichnen. Zuletzt war von Grünwald öfter im Wirtschaftsteil zu lesen, wenn Steuerfahnder nach unterschlagenem Geld fahndeten, in Korruptionsfällen ermittelten oder gegen Anlage-betrug vorgingen. Nicht dass ein direkter Zusammenhang bestünde, doch dass sich in-zwischen auffallend viele Finanzdienstleister, Leasingfirmen und Fondsverwaltungen in Grünwald niedergelassen haben, hat weniger mit der Abgeschiedenheit zu tun als mit dem Umstand, dass der Ort seit 2004 über einen der geringsten Gewerbesteuersätze Deutschlands verfügt.

Zu bestaunen gibt es in Grünwald aber noch ganz anderes: alte und noch mehr kuriose Villen. Toskanische Landhäuser, Bungalows im Palm-Springs-Stil, alpenländische Holzhäuser, bizarre Bauten, die nur dem Geschmack ihrer Erbauer folgen. Doch was viel stärker ins Auge sticht, sind die Baulücken und Bauzäune, die Schilder der Immobilienfirmen entlang der guten Adressen: »Zu verkaufen«. Die Auswahl ist groß: Penthouse-Wohnungen, Villen und Bungalows, alles ist zu haben, und Baugrund ist, etwa im Vergleich zum Herzogpark in Bogenhausen, günstig. 1500 Euro für den Quadratmeter muss man in Grünwald derzeit zahlen, in Bogenhausen sind es beinahe doppelt so viel. Dass Grünwald nicht mehr die teuerste und begehrteste Adresse für Münchens Reiche ist, dafür gibt es einige Gründe. Detlev von Wangenheim makelt seit mehr als vierzig Jahren Luxusimmobilien in und um München. Die Bedürfnisse haben sich verändert: »Besonders weil die Käufer immer jünger werden«, erklärt er. Sei es, dass sie in der IT- oder Finanzbranche schnell zu Geld gekommen sind oder dass sie große Vermögen geerbt haben. Wer über mehr Geld als genug verfügt, den zieht es heute in die Stadt, so zentral wie möglich – oder gleich ganz raus an den Starnberger See. Früher stand eine Grünwalder Adresse für Leben im Grünen, mit Garten und Personal. Der Weg hinaus aus der Stadt, durch Harlaching hindurch, galt ebenso als Privileg wie die Ferne zum Getöse der Stadt. Heute bedeutet Grünwald auf dem Immobilienmarkt: Randlage, weite Wege, hoher Zeitaufwand.

Ende der Neunziger nahm der Niedergang Grünwalds als Villenvorort seinen Anfang. Bis dahin hatten Baugrundstücke eine Mindestgröße von einem Tagwerk, das entspricht 3408 Quadratmetern. Es galt die einfache Regel: ein Tagwerk, ein Gebäude. Seit 1997 gilt der sogenannte Tagwerkszwang nur noch für ein Karree entlang des Isarhoch-ufers, überall sonst dürfen Grundstücke geteilt, gedrittelt und mehrfach bebaut werden. Das Resultat ist nun überall zu besichtigen: Eine Villa nach der anderen weicht »Doppelspännern« und den unter alten Grünwaldern verhassten »Flachdachkisten« – der Vorort wird anderen Vororten immer ähnlicher, außer dass hier inzwischen viele Russen Grundstücke und Häuser kaufen, wie der Makler von Wangenheim erzählt.

Früher wurde Grünwald gelegentlich mit Beverly Hills verglichen, und so abwegig war das nicht mal: die Filmstudios, die Stars, das Geld. Doch die großen Zeiten des Bavaria Filmgeländes, als Billy Wilder, Ingmar Bergman und Rainer Werner Fassbinder dort drehten, sind lange vorbei. Heute residiert da RTL 2.

Grünwald verblasst. Man merkt es nur nicht gleich. Zum einen, weil die Patina, in die sich der alte Glanz an vielen Stellen verwandelt hat, oft noch sehr schön ist. Zum anderen, weil das Verblassen sich an diesem Ort unter erstklassigen Bedingungen vollzieht. Inzwischen gibt es nahezu alles, was auch anderswo vorstädtisches Leben ausmacht: Bioläden, McDonald’s, Schwimmbad, Kulturzentrum. Und Kindergärten – in den vergangenen Jahren kamen so viele neue hinzu, dass Dietmar Jobst, Geschäftsleiter der Gemeinde Grünwald, den in Deutschland ziemlich einmaligen Satz sagen kann: »Bei Kindergartenplätzen haben wir eine Deckung von 100 Prozent, bei Krippen immerhin von 90 Prozent.« Derzeit plant man ein eigenes Gymnasium. Geblieben ist das Geld. Es gibt davon trotz allem immer noch so viel in Grünwald, dass die Gemeinde derzeit über eine Kinderprämie nachdenkt, eine Art zusätzliches Kindergeld. 100 Euro pro Kind und Monat. Allerdings, heißt es, sollen nur bedürftige Familien davon profitieren. Daran könnte es scheitern.

Ein See will mehr

Der Maestro also auch. Gestern erst war er angekommen, doch die seltsame Sorge der Einheimischen hatte er sich seitdem bereits zu eigen gemacht. Wir trafen uns auf der Terrasse des »San Rocco«, des schönsten Hotels am See. Die Spätnachmittagssonne hatte noch viel Kraft, ein weißer Leinenschirm gab Schatten, vor uns zwei Gläser kühlen Piemonteser Weißweins, vor allem aber: der See, dieses unvergleichliche Idyll. Eingefädelt hatte das Gespräch die Dottoressa. Unter diesem Namen kennt sie jeder im Hotel, sie ist dort für das Marketing zuständig. »Der Maestro«, sagte sie, »würde Sie gerne kennenlernen.« Nun gut, warum nicht. »Achten Sie aber darauf«, empfahl sie mir, »ihn mit Maestro anzusprechen, darauf legt er Wert.« Ich erkundigte mich nach seiner Arbeit, er zeigte mir einen Bildband seiner Werke, sprach davon, dass er sich im Augenblick ein wenig treiben lasse, und so sei er hier im Norden gelandet. Mit einer Gruppe Rad fahrender Rotarier. Wir waren uns einig, dass es einem Wunder gleichkommt, dass ein so schöner Fleck bislang nahezu unentdeckt geblieben ist, und versicherten uns gegenseitig, wie sehr wir die hiesige Unaufgeregtheit schätzten. Wir nahmen einen Schluck und sahen raus auf den See, hinüber zu der kleinen Insel mit dem Franziskanerkloster. Luigi, der Kellner, kam vorbei und sagte: »Im Winter, bei günstigem Wind, hört man den Gesang der Messe.« Wir schwiegen ein paar Augenblicke lang, dann sagte er unvermittelt: »Haben Sie vielleicht eine Idee?« Ich verstand erst nicht, worauf sich seine Frage bezog. Tatsächlich meinte er: Was man tun könne, um diesem schönen Fleck zu helfen. Ihn bekannt zu machen, ihm ein Image zu verpassen. Verkaufsargumente finden. Er also auch. Die Dottoressa sprach davon, Luigi, Jenni, die im Tourismusbüro arbeitet, nahezu jeder, der am und vom See lebt, kam irgendwann mehr oder weniger deutlich darauf zu sprechen: Hier muss etwas geschehen, am Lago di Orta. So kann es nicht weitergehen. Mit der Stille, der Ruhe, dem Idyll. Mag sein, dass einem der Blick für das Schöne abhanden kommt, wenn man pausenlos davon umgeben ist, und die Stille unerträglich wird, wenn sie kein Ende nimmt. Und doch überrascht es, dass niemand auf die Idee kommt, dass es alles andere als ein Versäumnis war, sich in der Vergangenheit nicht ganz und gar dem Tourismus hinzugeben, sondern das größte Glück, das dem See widerfahren konnte, und erst Untätigkeit dazu führte, dass der Lago di Orta ein Juwel ist, wie es selbst in Italien nicht so oft zu finden ist. Der See liegt ein gute Stunde nördlich von Mailand. Er ist umgeben von sanft ansteigenden Hügeln, die in der Ferne von Bergketten überragt werden. Mit einer kleinen, hübschen Insel mittendrin, über die, am Kloster vorbei, der Weg der Stille führt. Kleine Holzboote fahren zwischen der Insel und Orta San Giulio hin und her, wer will, den bringen sie auch hinüber ans andere Ufer nach Pella; abgelegt wird, wenn das Boot voll und der Capitano fertig ist mit der Zigarette auf der Piazza Motta. Dort liegen zwei Cafés, eine Gelateria, eine Enoteca und ein Designhotel. Den Berg hinauf gelangt man zum Sacro Monte, auf dem in 21 Kapellen Fresken und Figuren aus dem Leben von Franz von Assisi erzählen. Offenbar hatte der Abend zuvor Eindruck hinterlassen beim Maestro. Da saß er in der Mitte einer langen Tafel, um ihn eine Reihe aufmerksamer und zurechtgemachter Männer und Frauen, die schwiegen, wenn er sprach, und auf ihn einredeten, sobald sich eine Gelegenheit bot. Nur so war seine Sorge zu verstehen. Zu erklären ist diese Haltung, das Idyll mithilfe vom Imagekampagnen und Neubauten verbessern und an die vermeintlichen Bedürfnisse zahlungskräftiger Gäste anpassen zu wollen, nur aus der Lage des Lago di Orta und aus der psychischen Verfassung, die sich daraus für seine Bewohner ergibt. Um mal eben zu beschreiben, wo der See sich befindet, lässt sich kaum vermeiden, einen anderen, viel, viel größeren, viel, viel berühmteren See zu erwähnen, den Lago Maggiore im Osten. So ergeht es dem kleinen Lago di Orta wie dem Sohn eines berühmten Vaters, der auch als Erwachsener nur als der Sohn wahrgenommen wird und sich schwertut, aus dessen gewaltigem Schatten hervorzutreten. Und beim Versuch, sich von dessen Übermacht zu lösen, auf die eigenartigsten Mittel verfällt, ohne darauf zu achten, wo seine eigenen Stärken liegen. Wie es vielleicht gehen könnte, demonstriert Domenico. An der Südspitze des Sees gehört ihm ein Haus, in dem er mit seiner Frau Lydia lebt, dazu ein herrliches, großes Seegrundstück, das ohne Zaun zum Nachbarn auskommt, sodass der Garten wie ein Park wirkt. Sie haben ein paar Zimmer übrig und vermieten sie. Er hat das Haus geerbt und die Zimmer so belassen, wie sie waren, mitsamt den alten Möbeln, antiken Betten, den Ankleidetischchen und den Waschschüsseln. Lydia kocht und zum Frühstück trifft man sich in der Küche, in der der Espresso auf einem alten Holzofen heiß wird. »Am schönsten«, sagt Domenico, sei es im Januar oder Februar. »Dann kann man stundenlang am See stehen, ohne ein menschliches Geräusch zu hören.« Dann sei der See das Paradies schlechthin. Als ich dem Maestro davon erzählte, nickte er langsam. Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass er von unserem Zusammentreffen genauso überrascht war wie ich, die Idee stammte keineswegs von ihm, sondern von der Dottoressa. Vermutlich dachte sie, es könne nicht schaden, wenn in einer Geschichte über den See, an dem das Hotel liegt, für das sie arbeitet, auch ein Maestro aus Rom vorkommt, der aussieht wie ein Maestro, Ausstellungen in Zürich und München hatte und zuletzt das Plakat für den Giro d’Italia entwarf.

 

„Hellmutt, ca va?“

Beim ersten Mal stand Philip Reichardt sechs Wochen lang hinter der Theke. Beim zweiten Mal wechselte er die Seiten – und gab der hübschen Barfrau Nachhilfe

Nachmittags am Meer. Für ein Tennismatch ist es zu heiß, die Warteliste am Wasserskisteg zu lang, also unternehme ich, was Urlauber eben so tun. Nichts. Ich lasse mich auf einer Liege nieder, von einem ablegen-den Ausflugsschiff wehen klickende Housebeats an den Strand herüber, unterlegt vom tiefen Röhren beschleunigender Motorboote, gerade eben so laut, dass man abwechselnd dösen und gelegentlich einen Blick auf die Silhouetten der Tanzenden auf dem Schiff werfen kann. In diese vertraute Soundkulisse mischt sich ein Geräusch, dessen Herkunft ich zunächst nicht identifizieren kann. Es stammt von zwei Männern, einem Dicken mit Schnauzbart und einem Dünnen mit sehr weißer Haut, die bis zu den Knien im Wasser stehen und sich unterhalten. Auf Russisch, wie mir nach ein paar Sätzen klar wird. Russen in der Badehose. Ich muss lachen. Bislang waren mir Russen in Lederjacken, in Trainingsanzügen, auch in Wintermänteln begegnet, aber nie in Badehose. Bei 36 Grad im Schatten findet man das sogar sehr lustig. Vor zwanzig Jahren war ich schon einmal hier in Kemer, an der so genannten türki-schen Riviera, in einem Feriendorf des Club Méditerranée. Damals gab es hier noch keine Russen in Badehose und meine Aufmerksamkeit galt weniger dem Studium von Badegewohnheiten als dem Problem, mit einer Rolle klarzukommen, die ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Mein Freund Dominik und ich hatten damals gehört, dass der Club Med für die Hochsaison zusätzliche GOs, Gentils Organisateurs, zur Verstärkung suche. Sechs Wochen Urlaub für nahezu umsonst, so stellten wir uns das vor. Es war Mitte der achtziger Jahre. Später, als sie vorbei waren, nannte man sie das Spaßjahrzehnt. Das GO-Leben schien uns dem von Popstars zumindest verwandt zu sein: alles hinter sich lassen, was mühsam und langweilig ist, das Leben ein einziges Fest. Unter schönen, gleich gesinnten Menschen sein, Sport treiben, von Tag zu Tag besser aussehen, essen, wenn man hungrig, trinken, wenn man durstig ist, die Nächte durchfeiern, schöne Frauen aus aller Welt kennen lernen und probieren, was so geht. In unserer Vorstellung war das nun greifbar und die Bedingungen hielten wir für fair: Flug, Kost und Logis frei gegen etwas Mitarbeit. Do-minik bewarb sich als Surflehrer, ich als DJ. Mich nahmen sie. Als Barmann. In Kemer, an der südlichen Küste der Türkei, erwarte man im August eine Menge deutscher Urlauber, hieß es, da brauche man einen an der Theke, der Deutsch spricht. Egal, dachte ich, als Barmann arbeitet man genauso nachts wie ein DJ. Einen Tag später stieg ich ins Flugzeug und fand mich ein paar Stunden später in einem winzigen Bungalow wieder, den ich mit einem schwedischen Aerobic-GO, zwei französischen Tennislehrern und einem belgischen Segelinstructor sowie fünf Matratzen teilte. Mein Arbeitstag begann morgens um halb elf, sobald die französischen Gäste kamen, um nach dem Frühstück einen richtigen Kaffee zu trinken, und endete nachts um zwei, sobald die Letzten in den Nightclub weiterzogen. Dazwischen eine Pause mittags und zwei freie Stunden am Nachmittag, die meist für das Waschen und Bügeln weißer Hemden und Hosen draufging. Das Ganze sieben Tage die Woche, sechs Wochen am Stück. Ich hatte den stressigsten Job erwischt, der unter GOs zu vergeben war. Statt auf Segelbooten oder Wasserski verbrachte ich den Sommer im Schatten einer Strandbar, schleppte eimerweise Eis und schnitt Zitronen und Orangen klein. Statt Tennis zu spielen lernte ich, Champagnerpyramiden zu errichten, statt die Welt der Aurélies zu erkunden, mixte ich Alexanders. Anstelle von bezahltem Urlaub machte ich unbezahlte Arbeit. Die zweite Chance ließ eine Weile auf sich warten, aber sie kam. Als Gast, als Gentil Membre, als GM, wie es in der Club-Med-Sprache heißt. Mein erster Eindruck: alles wie früher. Die Bungalows, die Essenszeiten, die Poolspiele vor dem Mittagsbuffet. Die nächste Regung: Staunen. Darüber, wie viel Platz ein Bungalow bietet, wenn nicht fünf Matratzen darin Platz finden müssen, sondern nur ein Doppelbett. Die Klimaanlage. Der Fernseher mit integriertem Internetzugang an der Wand. Früher wäre der in einem Club Med undenkbar gewesen. Ein Fernseher vertrug sich nicht mit der Idee, dass Ferien zur besten Zeit des Jahres werden, indem man so viele heimische Gewohnheiten wie möglich für eine Weile hinter sich lässt. Damals trugen die Bungalows Namen wie Paloma, Mirabelle oder Jolie und nicht Ziffern wie Zimmer im Hotel. Und die Drinks an der Bar zahlte man mit beigen, braunen und goldfarbenen Perlen, die man als Kette um Hals oder Handgelenk trug. Jetzt sind die Getränke »all inclusive« und an der Bar mahnt ein Schild: »Exzessiver Genuss von Alkohol schadet der Gesundheit.« An der Stelle der heiß dampfenden Espressomaschine befindet sich ein Gerät, in das einfach nur kleine Nespresso-Kapseln eingelegt werden. Das Bier kommt nun aus Dänemark, die Coke aus Brauseschläuchen statt aus Flaschen, man trinkt aus Plastikbechern und nicht mehr aus Gläsern. Und ich stehe auf der anderen Seite des Tresens. Als freundlicher, durstiger Gast, ohne Decknamen. Großartiges Gefühl. Damals bekam ich erst mal einen neuen Namen. Die Mehrzahl meiner Kollegen an der Bar waren Türken, und dass ich als Deutscher Philip hieß, irritierte sie. Franzosen hießen in ihrer Vorstellung so oder Engländer, aber doch nicht einer, der aus Deutschland kommt. Also gaben sie mir einen deutschen Namen. Für sie war ich von nun an: Helmut, ausgesprochen wie das englische Wort für »Hölle« und einem u wie in »kaputt«. Hellmutt. Hellmutt Schmidt. Immerhin dieser Bezug. Schließlich war Helmut Kohl damals schon drei Jahre lang Kanzler. Aber für die Türken an der Bar in Kemer regierte noch immer Helmut Schmidt. Mein Chef, Roger, war ein kleiner, drahtiger Franzose, ein Tyrann. Er war ziemlich ungehalten, dass man ihm einen Deutschen geschickt hatte, und nach ein paar Tagen war mir auch klar, weshalb: Es gab in Kemer so gut wie keine durstigen Deutschen und es wurden auch keine erwartet. Fehler in der Zentrale. Das Clubdorf war randvoll mit Franzosen und jungen, reichen Türken. Nichts war da überflüssiger als ein Deutsch sprechender Barmann, der sich mit seinem Schulfranzösisch mühte und eigentlich ein DJ sein wollte. Roger ließ mich das spüren. Er sah mir genau auf die Finger, ermahnte und belehrte mich, wann immer sich dazu eine Gelegenheit bot. Heute beobachte ich Kerim, den einzigen Türken an der Bar, wie er Eiswürfel in Gläser bugsiert, wie großzügig er mit Sodas und Alkohol umgeht. Neben mir Carla, eine Italienerin, sie arbeitet an der Rezeption, trägt einen Jeans-Minirock und einen um die Schultern gebundenen Pareo. »ça va bien ?«, fragt sie und lächelt. »Merci, ça va très bien. Et toi?«, antworte ich. Es folgt ein schönes Lächeln, Bargeplauder, très gentil. Natürlich, ich war auch sehr freundlich damals. Aber was mir zuwider war: dass es keine Alternative dazu gab. In einem Brief an meine Eltern schrieb ich: »Die ewige Freundlichkeit, zum Teufel damit! Unter siebenmal Grüßen, Händeschütteln und Schulterklopfen ist der Weg vom Bungalow zur Bar nicht zu machen. ›Salut, Hellmutt, ça va bien?‹ – ›Ça va bien, toi aussi?‹ – ›Merci, bonne journée!‹ Den ganzen Tag geht’s so. Manchem Arsch möchte man auch zeigen, dass er einer ist.« Danach hatte ich erst mal genug von lustigen Trinkspielen, Clubtänzen und der sonntäglichen Club-Olympiade, Blau gegen Rot. Als GO, aber auch als Gast. Ich unternahm Solotrips, machte Ferien zu zweit, zu dritt, zu sechst, mietete Ferienhäuser und fühlte mich mit meiner Abneigung gegen Club-urlaub wohl (und im Recht). Allein der Begriff Animation löste ein gewisses Schaudern aus und geriet zum Feindbild. Außerdem: Auf Ibiza wurde in den neunziger Jahren noch wilder gefeiert, in der Südsee und in Asien eröffneten Resorts, die Clubdörfer an Stil und Klasse bei weitem übertrafen, und Billigflüge brachten einen sowieso überallhin. Nahezu alles, was den Club Med noch in den achtziger Jahren einzigartig und zur erstbesten Alternative zu piefigem Hotelurlaub machte, ist längst in jedem besseren Ferienhotel Selbstverständlichkeit: ein großes Sportangebot, Kinderbetreuung, die üppigen Buffets. Und jetzt? Ich gehe schwimmen, Wasserski fahren und in den Hamam. Ich esse viel, schlafe in der Sonne und verpasse das Ausflugsschiff. Ich verabrede mich zum Cocktail, tanze im Openair-Nightclub, schwärme für eine Clique unfassbar schön anzusehen-der, eleganter israelischer Frauen, ich grüße die, mit denen ich beim Frühstück saß oder am Strand lag, und erfreue mich an den Sonderbaren und ihren Ritualen. So geht das Tag für Tag. Ich suche nach den alten Vorbehalten, frage mich, was von den alten Urteilen noch übrig ist. Nicht viel. Blass und überarbeitet kommt man an, gelassen und mit gesunder Gesichtsfarbe fährt man davon und dazwischen liegen ein paar Tage, die ausgefüllt sind von Nichtigkeiten und Dahintreiben. Perfekt, ein fairer Deal. Abends an der Bar treffe ich die Russen wieder. Wir trinken Raki und unterhalten uns auf Englisch. Sie sind ebenfalls sichtlich angetan von den eleganten israelischen Frauen, die aber immer in Begleitung ihrer Männer auftreten. Sie stehen ein paar Meter entfernt von uns. Die Russen versuchen es trotzdem, reden lauter. Wo man für einen Ausflug einen Helikopter chartern könne und wie viel es wohl kosten würde, das ganze Clubdorf zu kaufen. Russenhumor, vergeblich. Die einzige Israelin, die ansprechbar ist, heißt Yael. Sie arbeitet an der Bar, sie ist die Schnellste und die Schönste. Als sich der Andrang ein wenig legt, lehnt sie sich mit dem Rücken an eine Säule. Das habe ich damals auch getan, an meinem ersten Tag an der Bar. Nur dieses eine Mal. Roger, der Chef de Bar, faltete mich zusammen, weil ich eine Grundregel des Barmanns verletzt hatte. Nie wieder, fuhr er mich an, wolle er mich so sehen. »Ein Barmann steht, er lehnt sich nicht an, niemals.« Seither achte ich darauf, wie Barmänner stehen. Roger hat damals Recht gehabt. Ich bestelle einen Gimlet, das dauert ein wenig. Ich frage sie, ob sie die Gegend ringsum kennt. Es soll sehr schön sein, sagt sie, jedenfalls erzählen das alle, die das Hinterland auf Ausflügen erkundet haben, aber nein, sie hat dafür noch keine Zeit gehabt. So ging es mir damals auch und so ist es auch diesmal. Schließlich bin ich gekommen, um nachzusehen, wie es meiner Bar

Die Sender mit der Maus

Hinter RTL 2 beginnt im Fernsehen die Welt eines neuen Medienproletariats. Unzählige Moderatorinnen suchen dort ihr Glück

Geschichten wie diese kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen: Ein Mann hält an der Ampel, es ist Sommer, neben ihm eine hübsche Frau im Cabrio. Er sieht hinüber, sie lächelt zurück, sie wechseln ein paar Worte, und noch ehe es grün wird, hat sie ein Angebot, als Praktikantin beim Fernsehen anzufangen.

Bei Sandra Ahrabian trug es sich tatsächlich so zu, drei Jahre ist das jetzt her. Seit sieben Monaten ist sie nun nahezu täglich im Fernsehen zu sehen. Mal nachmittags, mal in der Nacht, mal am Vormittag. Auf 9Live oder Sat.1, wo sie Telefongewinnspiele moderiert, oder auf 123 TV, einem Auktionssender, einer Art moderiertem Ebay.

Dort erklärt sie die Vorzüge von Handkreissägen, den Nutzen von Saunagürteln oder Mikrofasern in der Bettwäsche. Und lächelt dazu. Ein hübsches Lächeln.

Sie genießt das alles sehr, dieses neue aufregende Leben, das Erkanntwerden auf der Straße, das schnelle Geld, selbst das viele Arbeiten und gelegentliche Überfordertsein, wenn sie es nicht schafft, sich vor lauter Sendeterminen wirklich jedes Detail einzuprägen, das die Handkreissäge auszeichnet. Auch dass ihre mehrjährige Beziehung in der Hetze zwischen den Studios vor kurzem in die Brüche ging, nimmt sie in Kauf, weil eben auch ein wenig Schmerz dazugehört, wenn man plötzlich so gefragt ist und Karriere macht.

Sie ist da in ein großes Abenteuer hineingeraten, damals an der Ampel, seither läuft es wie von selbst. Warum sollte sie sich da ausgerechnet jetzt für den Reporter Gedanken machen? Es wird schon alles richtig sein so. Besser als Industriekauffrau, den Job, den sie gelernt und auch eine Weile ausgeübt hat, ist es allemal. Im Gegensatz dazu ist es doch ein Gewinn, sagt sie, über die nützlichen Eigenschaften von Fritteusen oder Multifunktionsleitern Bescheid zu wissen: »Schließlich gehört das zur Allgemeinbildung.« Und lacht ausnahmsweise einmal nicht.

Möglich sind Geschichten wie diese, seitdem nicht mehr alles, was aus dem Fernseher kommt, auch Fernsehen ist. Es bedarf nur eines kleinen Ausflugs auf der Fernbedienung, vorbei an den Privaten und den Nachrichtensendern in die Gegend der blinkenden Telefonnummern, Monstertruckrennen und strippenden Athletinnen, um festzustellen, dass der Fernseher gelegentlich mutiert ist: zum Schaufenster, zum Spielautomaten, zur Ladentheke oder eben zum Auktionshaus. Die Sender tragen Namen wie HSE 24, Sonnenklar TV, TV Gusto, Traumpartner TV oder 9Live und versorgen mit ihren Angeboten nahezu jedes menschliche Bedürfnis. Hervorgebracht haben diese Programme einen Typus von Fernseharbeiterinnen, bei deren flüchtigem Anblick man nicht recht weiß: Sind hier besonders eilfertige Verkäuferinnen und Kundenberaterinnen am Werk, die zufällig vor eine Kamera geraten sind? Oder handelt es sich doch um eine neue Generation von Moderatorinnen, die ­ angetrieben von Erfolgsgeschichten wie der einer Schauspielerin Jessica Schwarz ­ einen Platz auf der letzten Programmtaste in Kauf nehmen, um ihrem Traum von Fernsehruhm ein bisschen näher zu kommen?

Es ist mittags um zwei, Anneke ist noch nicht lange wach. Bis eine Stunde nach Mitternacht stand sie in einem kleinen Fernsehstudio vor der Kamera und moderierte Telefongewinnspiele. Wie heißt der Song von Robbie Williams? Let me … you? Zur Wahl stehen a) love b) entertain c) kiss. Solche Sachen. Drei Stunden lang, live. Gegen halb vier war sie im Bett, nun bestellt sie in ihrem Lieblingscafé an der Münchner Universität eine Latte Macchiato, die zweite heute. »War gut gestern. Das Thema der Sendung hieß Strand, dazu fiel mir viel ein.«

Gut heißt auch: Es haben genug Menschen angerufen bei ihr. Genug, damit ihre Produktionsfirma zufrieden ist und Geld verdient, genug, damit der Sender, Viva Plus, Geld verdient, genug auch, dass sie sich keine Sorgen machen muss. Fiele die Anzahl der Anrufe im Vergleich zu ihren Kolleginnen dauerhaft ab, bekäme sie dagegen schnell ein Problem. Man würde sie austauschen. Gegen eine andere, die nur auf ihre Chance wartet. Damit muss Anneke im Moment nicht rechnen, im Gegenteil. Seit acht Monaten moderiert sie das Nachtquiz mittlerweile und macht ihren Job so gut, dass sie bereits die neuen Moderatorinnen coacht.

»Natürlich ist mir klar, dass Call-in-Fernsehen keinen guten Ruf hat«, sagt sie. Es ist ein Job, ein guter Job, er finanziert ihr das Psychologiestudium. Vergangenes Jahr machte sie noch Schichtdienst in einem Callcenter, jetzt verdient Sie so viel, dass sie in München gut leben und sogar ein bisschen was zur Seite legen kann. Vor allem ist es ein Anfang, ein erster Schritt. Sie versucht das Beste daraus zu machen »und ein bisschen Niveau hineinzubringen«, das heißt: »Fair zu sein zu den Zuschauern, schwere Rätsel nicht als leicht zu verkaufen, die Anrufer nicht zu verarschen.«

Anneke legt Wert auf die Unterschiede zu ihren Call-in-Kolleginnen. Anneke kann singen, sie kann tanzen, sie absolvierte eine Musical- und Schauspielausbildung. Mit einer Girlgroup nahm sie eine CD auf, mit einer Hip-Hop-Formation gab sie Konzerte.

Noch heißt ihre Bühne Viva Plus, ein Sender, der nur in einigen Bundesländern zu empfangen ist. Bei Viva begann auch die beeindruckende Karriere der Heike Makatsch. Über Musikmoderationen, Bravo-TV, eine eigene kleine Sendung im privaten Fernsehen und Fernsehrollen spielte sie sich ins internationale Kino hinein, in den richtig großen, erwachsenen Glamour. Eine Geschichte, die erzählt, dass alles möglich ist, wenn man beim Fernsehen beginnt. Anneke hat, wie vermutlich Zigtausend andere junge Frauen auch, diese Geschichte natürlich im Kopf, wenn sie vor der Kamera steht und ihrem Publikum idiotisch einfach Fragen stellen muss.

Noch aber steht sie am Anfang der medialen Verwertungskette und wartet auf Angebote: für eine Moderation bei einem Sender, den man überall empfangen kann, für eine Rolle in einer Soap. Es sieht so aus, als könnte ihr Plan aufgehen. Zweimal war sie schon ganz dicht dran, einmal bei Lotta in Love, einmal bei Verbotene Liebe. Drei Musikproduzenten haben sich bei ihr gemeldet, auch mit dem Regisseur des Kinofilms Die sieben Zwerge traf sie sich neulich. Alles Zeichen, dass es weitergeht. Sie geben ihr Mut, weiter an sich zu arbeiten: »Ich muss lernen, die Augen offen zu halten, ich blinzle noch zu viel.«

»Von Anneke wird man bald schon mehr hören«, sagt Sabine Appelhagen. Seit ein paar Wochen betreut sie Anneke als Agentin und sie hält viel von ihr. Vor allem, weil sie so vielseitig ist. »Das Geschäft hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Es ist vielleicht einfacher geworden, einen Einstieg zu finden, weil die Nachfrage nach neuen Gesichtern immer größer wird.« Aber es sei auch ein Spiel mit hohem Einsatz. Wer es hineinschafft, dem bieten sich alle Chancen: auf lukrative Nebenjobs bei Messen, Eröffnungen und Präsentationen, Sponsorenverträge, Modeljobs, das Interesse der Boulevard- und Klatschmagazine und gutes, schnelles Geld. Nach zwei, drei Jahren besitzt fast jede ihre Eigentumswohnung. Bleibt der zählbare Erfolg einer Sendung aus, ist die Moderatorin dagegen die Erste, die das zu spüren bekommt.

Sabine Appelhagen, die in den frühen neunziger Jahren selbst auf Pro7 Filme anmoderierte, sagt ihren Künstlern aus dieser Erfahrung heraus gern: »Moderator ist kein Beruf, sondern ein Zustand.«

Die Sender suchten Persönlichkeiten, Menschen, an die man sich erinnert, mit denen man etwas verbindet, wie Tim Mälzer etwa: »Muss man nicht mögen, aber ein Supertyp. Oder Barbara Schöneberger. Tolle Frau, ihr fehlt nur die richtige Sendung. Oder Else Buschheuer. Auch ein super Typ, sie ist jetzt wieder da, beim MDR. Oder eben Anna Heesch. Eine ganz Liebe, die müssen Sie kennen lernen!«

Um mit Anna ins Gespräch zu kommen, muss man sehr genau die Lücke abpassen, wenn sie doch einmal Luft holt zwischen zwei Sätzen. Sie hat aber auch eine Menge zu erzählen nach sieben Jahren beim Fernsehen. Allein zu beschreiben, wo sie derzeit überall zu sehen ist, dauert: Auf 9Live etwa, wo sie mal morgens, mal abends Gewinnspiele moderiert, auf Sat.1, wo sie ebenfalls eine Quiz-Show moderiert, oder im Hamburger Lokalsender Hamburg 1. Dort leitet sie abwechselnd eine Gesundheitssendung mit dem Titel AOK-TV und ein Reisequiz. Auf Astro-TV, einem Digitalsender, ist sie gemeinsam mit einem Astrologen zu sehen, die Sendung heißt Zukunftsblick, auf Kabel1 im Filmquiz und schließlich unterhält sie sich in Finanzplaner TV mit Wirtschaftsexperten. Früher, als sie noch nicht beim Fernsehen war, hat sie Betriebswirtschaft studiert.

Das ist eine ihrer Rollen: Anna, die Fernsehmoderatorin.

Es gibt Anna Heesch aber in noch mehr öffentlichen Rollen zu sehen. Anna, die Gala-Moderatorin, Anna, das Werbegesicht, Anna, das Model. Und, darauf ist sie besonders stolz: Anna, die Unternehmerin. Mit einem Partner entwickelte sie eine Kosmetikserie, so genannte Sternzeichen-Kosmetik. Für jedes Sternzeichen die passende Creme.

Mittlerweile ist Anna ein Profi, durch und durch. Okay, ihr Name verbindet sich vor allem mit Call-in-TV ­ die Diskussionen und Vorbehalte: tausendmal beschrieben, hinterfragt, diskutiert, dagegen gehalten. Egal, sie liebt all die Annehmlichkeiten, Privilegien und öffentlichen Aufmerksamkeiten, dieses Leben, in dem ein Ausrufezeichen das nächste jagt. Die Schlagzeile in der Hamburger Morgenpost etwa: »Anna holt die Männer vor die Glotze«, da hatte sie gerade ihre ersten Auftritte als Wetterfee hinter sich. »Irre, oder?« Das Foto in Gala, eine ganze Seite groß. Da war sie erst Lokalmoderatorin. Die eigene Homepage, die sie ständig aktualisieren lässt. Der Modesponsor, der sie laufend mit Kostümen, Jacken, Röcken und Accessoires für ihre Auftritte versorgt. Das rastlose Hin und Her zwischen den Studios in München, Hamburg, Berlin und Köln. Ihr Freund, ein Anwalt aus Hamburg, dem sie eine Gastrolle in der Sendung Richter Alexander Hold verschafft hat, als Anwalt. Ihr Auftritt im Playboy, der ihren Bekanntheitsgrad noch mal ein ganzes Stück erhöht hat. »Ich empfinde diese Bilder als große Ehre.« Sie hat sich da was aufgebaut.

Und sie kennt das Geschäft, die Tricks ebenso wie die Fallen. Als die Frage kommt, die man ihr immer wieder stellt, nämlich, wie es weitergeht, was als Nächstes kommt, wo ihre Ziele liegen, weicht zum ersten Mal das Tempo aus ihren Worten, sie weiß: Jetzt bloß nicht das Falsche sagen, etwas, was Ärger geben, dem Ruf schaden, als überheblich ausgelegt oder gar laufende Verhandlungen gefährden könnte. »Ich bin total glücklich mit dem, was ich mache«, meint sie. »Ich bin in meinem Traum schon angekommen, deshalb träume ich nicht weiter.«

Will man herausfinden, wie Geschichten wie die von Sandra, Anneke oder Anna weitergehen können, hilft ein Blick zurück. Auf eine, bei der alles ganz ähnlich anfing. Mit einem Sieg bei einem Modelcontest, der Neugier und der Unbeschwertheit einer 20-Jährigen. Wenn Sophie Rosentreter von damals erzählt, klingt es, als spreche sie von einer Vergangenheit, die ein ganzes Leben zurückliegt. Dabei ist sie vor ein paar Monaten erst dreißig geworden.

Ihr Preis für den ersten Platz war ein Gastauftritt bei MTV, in der Sendung von Christian Ulmen. Sie machte Eindruck, bekam einen Vertrag und war auf einmal ein Fernsehgesicht. Sophie flog durch die Welt, interviewte Popstars, hatte schnell Erfolg. »Eine tolle Zeit«, sagt sie heute. Nach drei Jahren, da war sie 23, bekam sie ein Angebot, eines, das aussah wie eine große Chance, mindestens aber wie der richtige nächste Schritt: Die Moderation von Big Brother, der ersten Staffel. Das große Thema damals. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Percy Hoven führte sie durch die Sendung.

»Es war die Zeit, in der ich lernte, wie das Fernsehen wirklich funktioniert und worauf es ankommt«, sagt sie heute. Wie es einen sehr schnell sehr bekannt macht ­ im Dezember 2000 landete sie auf einer Liste der meistabgefragten Frauennamen im Internet in den Top Ten, zwischen Jennifer Lopez und Verona Feldbusch. Und wie es sich anfühlt, wenn sich die Öffentlichkeit, die einen eben noch so leicht nach oben trug, gegen einen wendet. Sophie bekam böse Verrisse, Kritiken voller Häme, von der »hochgradig blonden Sophie Rosentreter, bei deren Kreisch-Organ jeder Wellensittich tot von der Stange fällt«, schrieb der Spiegel damals. Der Sender wechselte sie nach der ersten Staffel aus.

»Ich war damals einfach noch nicht so weit«, sagt sie heute. »Ich war überfordert.« Bei MTV moderierte sie noch zwei Jahre, dann verschwand sie ganz vom Bildschirm und wechselte die Seite, hinter die Kamera. »Ich wollte mich nicht länger wie eine Marionette fühlen und davon abhängig sein, was mir ein Redakteur aufschrieb.« Sie lernte, wie man recherchiert, wie man einen Beitrag aufbaut und schneidet, und arbeitet jetzt als Redakteurin für eine TV-Produktionsfirma, dreht Reportagen und Dokumentationen, etwa eine Serie über dicke Kinder.

Sie trägt die Haare länger als damals, nur noch selten erkennt sie jemand auf der Straße. »Ich genieße das sehr, dass nicht mehr alle Augen auf mich gerichtet sind.« Aber das Beste an ihrer Entscheidung sei etwas anderes: »Jetzt kann ich selbst bestimmen, was zu sehen ist und was nicht.«

Eine Geschichte, wie sie das Fernsehen eher selten erzählt.

Horrorskop

Lieber Himmel, danke, dass ich Jungfrau bin! Ein Plädoyer für ein verleumdetes Sternzeichen. 

Neulich, mit Susanne beim Bier. Irgendwann kamen wir auf die Geburt ihres Sohnes zu sprechen, wie er sich Zeit ließ, wie einige ihrer Freundinnen immer nervöser wurden: »Oh Gott, du Arme! Hoffentlich setzen die Wehen bald ein, sonst wird’s eine Jungfrau!« Und wie sie schließlich doch Glück hatte: Ihr Sohn wurde gerade noch als Löwe geboren. Susanne versichert glaubhaft, von Horoskopen nichts zu verstehen. Aber so viel hatte sie begriffen: »Jungfrau ist ein Horrorsternzeichen.« Sagt sie, ohne zu bedenken, welches Sternzeichen ihr Gegenüber besitzt.

Ich weiß: Jungfrauen gelten als nervtötende Besserwisser, hüftsteife Allesplaner, Bausparer, bar jeder Kreativität, pedantische Kleingeldzähler, die bei fremden Leuten mit dem Zeigefinger über Bilderrahmen fahren, um zu prüfen, ob er staubfrei ist.

Typisch Jungfrau? Mag sein, ich kann das schwer beurteilen. Ich mache mir nicht viel aus Horoskopen, besitze kein ausgeprägtes Faible dafür, Menschen nach ihrem Sternzeichen zu beurteilen, und meine Astrologiekenntnisse gehen über das im Umlauf befindliche Zeitschriftenwissen nicht hinaus. Keine der Verhaltensweisen ist mir gänzlich fremd, jede kann ich irgendwie nachvollziehen, was vermutlich daran liegt, dass ich ebenfalls im Sternzeichen der Jungfrau geboren bin, Anfang September, zweite Dekade.

Zu meinen besten Freunden zählen fast ausschließlich Jungfrauen, ich weiß, dass ich mit Jungfrauen besonders gut zusammenarbeite, und meine Freundin ist ebenfalls Jungfrau. Nicht, dass ich mir meine Freunde nach dem Sternzeichen aussuche. Es ist einfach nur so, dass ich meine Zeit gern mit angenehmen Menschen verbringe, die ein feines Gespür besitzen, Interesse daran haben, zum Kern der Dinge vorzudringen, und in der Lage sind zuzuhören und Geschichten erzählen können. Das sind dann eben oft Jungfrauen.

Ich habe mir sagen lassen, es sei der vage Spiritismus, der Astrologie gelegentlich umgibt, der dem klaren Verstand der Jungfrau suspekt sei. Andererseits: Die Menschheit anhand ihres Geburtsdatums und ihres Geburtsortes in zwölf Grundtypen einzuteilen, ihnen jeweils bestimmte Eigenschaften zuzuweisen und mit Hilfe des Aszendenten die Grundzüge eines Charakters zu skizzieren, diese Art der Systematik ­ das gefällt mir. Die Jungfrau unterscheidet eben gern und legt Wert auf Nuancen. Einfach Ja oder Nein zu sagen, so simpel ist das Leben nicht.

Ansonsten messe ich der Astrologie etwa so viel Bedeutung bei wie der Frage, welchen Fußballverein einer unterstützt. Das lässt ebenfalls tief blicken und gibt Aufschluss über Persönlichkeit und Charakter. Ein wenig fremd, aber tapfer muss einer sein, der Borussia Dortmund die Daumen hält, durchaus sympathisch sind Werder-Bremen-Fans, aber mag man sich vorstellen, mit einem Hertha-Fan befreundet zu sein? Eben. Das Glück, von klein auf Fan des FC Bayern zu sein, kann eben nicht jedem zuteil werden ­ so wenig, wie als Jungfrau geboren zu sein.

Natürlich, Jungfrau ist nicht gerade ein Stern-zeichen zum Angeben und Eindruckschinden, wie etwa der Löwe mit seinen Rockstarqualitäten oder der Skorpion mit seinem Giftstachel.

Gibt man sich als Jungfrau zu erkennen, trifft man auf drei Reaktionsmuster: augenzwinkernde Scherze (was bei der Jungfrau zum sofortigen Abbruch aller Beziehungen führt); die Unterstellung aller Langweilereigenschaften wie Unschuld, Harmlosigkeit, Sparsamkeit und ein übermäßiger Drang zu Sauberkeit und Ordnung (was wiederum Jungfrauen wahnsinnig langweilt); unmittelbare Feindseligkeit (was Jungfrauen gelassen als Herausforderung annehmen).

Am meisten vom Wesen der Jungfrau-Geborenen verstanden haben diejenigen, die von Sternbildern tatsächlich etwas verstehen. Meine Freundin Claudia etwa. Ihr verdanke ich die Überzeugung, dass die Jungfrau etwas Besonderes und Spezielles sei, eine Art Königin unter den Sternzeichen. Claudia ist keine Astrologin, aber ihr Wissen über Jupiterübergänge, Sonnen im vierten Haus und XY-Transite ist enorm, so dass sich auch eine rationale Natur gern ab und an davon beeindrucken lässt. Von ihr stammt auch der schöne Satz, dass man der Jungfrau erst einen Knopf öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu entdecken, wer und was da alles in ihr steckt. Ein schönes Bild, finde ich. Erstens wahr, zweitens durch und durch sympathisch und drittens lassen sich auf diese Weise falsche Freunde und aufrechte Interessenten ziemlich leicht unterscheiden. Sollen sich doch Widder und Löwen in Nachmittagstalkshows blamie-ren, Bürorunden bei Prosecco mit Klamauk unterhalten oder Gemüsehobel in der Fußgängerzone anpreisen. Unsere Sache ist solches Posen und Geplärre nicht. (Außen Jungfrau, innen Geschmack.)

Ein Bild, das aber auch erahnen lässt, weshalb Jungfrauen sich gelegentlich falsch verstanden und nicht richtig wahrgenommen fühlen. Hört man sich ein wenig um bei Menschen, die zwischen 24. August und 23. September geboren sind, gewinnt man den Eindruck, mit Menschen zu reden, die sich grundsätzlich im Einklang mit sich selbst befinden. Nur eines macht ihnen gelegentlich Bauchschmerzen: der Ruf, wonach sie gnadenlos pragmatisch seien und mit Sicherheit über ein ausgeglichenes Bankkonto und eine blitzblanke Küche verfügten. Die Klugen unter den Jungfrauen, und das sind die meisten, wissen ohnehin: Das sind Unterstellungen, wie sie früher in ähnlicher Weise auch die Klassenbesten erfahren haben. Zumindest aber Wahrnehmungen von Menschen, die den Knopf nicht öffnen. Weil sie ihn nicht finden. Oder erst gar nicht wissen, dass es ihn gibt.

Ich traf Menschen, die sich daran stören, dass man aus Jungfrauen nicht gleich schlau werde, sie schwer zu durchschauen seien und ihre Motive nicht gleich offen darlegen. Ja, sonst noch was? Natürlich bedarf es ein wenig Mühe, Interesse und auch Hingabe, um eine Jungfrau kennen und vielleicht sogar schätzen zu lernen. Wem das zu viel ist, der darf sich gern mit leicht zu durchschauenden Löwen oder Widdern zufrieden geben.

Zugegeben, es bereitet uns kein sonderliches Vergnügen, als Erste auf die Tanzfläche zu gehen, und ich gebe auch zu, dass es mir eine gewisse Genugtuung bereitet, Passwörter zu finden, die unknackbar sind. Nicht, weil sie aus kryptischen Zahlenkombinationen bestünden, sondern, weil sie auf Begriffe verweisen, die kein Mensch, der mich kennt, mit mir in Zusammenhang bringen würde. Ich weiß, es gibt Menschen, etwa solche, die im Winter oder im Frühjahr geboren sind, die kommen damit nicht klar und bemängeln dann, Jungfrauen hätten so etwas Geheimnisvolles. Man könnte vielleicht so sagen: Die Jungfrau weiß noch, was ein Geheimnis ausmacht ­ nämlich, dass es geheim ist. Und bleibt.

Ich rufe meine alte Freundin Claudia an, um mit ihr über die Vorzüge der Jungfrau zu sprechen. »Ich muss dir ja nicht sagen, dass Selbstlob etwas ist, was die Jungfrau als aufdringlich und ein wenig peinlich empfindet ­ und auch mir also gar nicht liegt«, sage ich. Das Wort Selbstlob kam mir offenbar so schwer über die Lippen, dass sie verstand: selbstlos. »Typisch Jungfrau!«

Zu unserem Treffen bringt sie eine große, rote Hutschachtel mit, voller Bücher, Unterlagen und Diagrammen. »Claudia, was macht die Jungfrau sympathisch?« Sie, ein Skorpion und von scharfem Verstand, antwortet: »Die große Stärke der Jungfrau ist ihre enorme Loyalität. Sie braucht zwar etwas, um in Gang zu kommen, aber wenn sie erst mal überzeugt ist von einer Idee, von einem Menschen, kann man sich kaum etwas Besseres wünschen. Sie ist unter allen Sternzeichen die große Realistin und immer auf der Suche nach Wahrheit. Deshalb gibt es auch unter Journalisten, Juristen und Psycho-analytikern so viele Jungfrauen. Sie verfolgt ihre Ziele und weiß, wie sie umzusetzen sind, sie versucht, Unnötiges zu vermeiden, sie ist sehr moralisch, ihr Verhalten ist immer an ethischen Maßstäben ausgerichtet. Sie hat ein ausgesprochen ausgeprägtes Bewusstsein für Werte und Qualität. Sie sucht immer nach Begründungen und ihre Lieblingsfrage ist: warum? Ihr Geist ist ständig in Bewegung…«

»Stopp«, sage ich, »eine Frage: Warum füh-len sich Jungfrauen manchmal so falsch verstanden?«

Sie kramt in der Hutschachtel und findet einige Augenblicke später dort auch eine Erklärung. In einem ihrer Bücher heißt es, Jungfrauen würden »auf traurige Art fehlgedeutet«. Das liege daran, dass im Mittelalter das Christentum einige Sternzeichen in seinem Sinne ein wenig umgedeutet und den christlichen Moralvorstellungen angepasst habe. Am meisten hätten dabei der Skorpion und die Jungfrau gelitten. Der Skorpion steht seither vor allem im Ruf des rach- und sexsüchtigen Bösewichts, der Jungfrau haften eine Reihe von Merkmalen an, die auch zur Charakterisierung der Jungfrau Maria taugen, aber eben nicht den Kern des Jungfrau-Wesens treffen: reinlich, adrett, ausgeglichen, eine durch und durch saubere Seele. Damit sollten die geläufigsten Miss-verständnisse ausgeräumt sein.

Eins noch: Böswillige unterstellen der Jungfrau gelegentlich, nein, immer, es fehle ihr an Kreativität, erst recht an Genie. Darauf nur eine kurze Antwort:

Goethe, 1. Dekade. Beckenbauer, 2. Dekade. Garbo, 3. Dekade.

Fassen wir also zusammen: Die Jungfrau, egal ob Mann oder Frau, ist in ihrem Innern ein feinnerviger, sensibler Romantiker, der sich im Leben zu behaupten weiß, nie seine Maßstäbe vergisst, Lösungen sucht und findet und gelegentlich mit seiner Gabe zur Beobachtung und der Fähigkeit, die Dinge richtig zu benennen und in einen Zusammenhang zu stellen, brilliert, ohne anderen davon sofort erzählen zu müssen.

Sollten Sie, liebe Widder, Löwen, Skorpi-one, Stiere, Wassermänner, Schützen, Steinböcke, Zwillinge, Waagen, Fische und Krebse derzeit auf der Suche nach einem neuen Freund, Kollegen, Chef oder Ehepartner sein: Nehmen Sie eine Jungfrau, es gibt keine Besseren. Sofern man nicht vergisst, den Knopf zu öffnen.