Ich denk noch mal drüber nach

Warum es oft so schwer fällt, Entscheidungen zu treffen

Auf meine innere Stimme ist Verlaß. Jedenfalls, wenn es um Essensfragen geht. Ich muss nur meinen Gelüsten folgen, dann mache ich alles richtig. Steht mir der Sinn nach Fisch, gibt’s Fisch, ist mir eher nach Pasta zumute, gibt’s eben Pasta. Auch wenn meine innere Stimme vertrauensvoll „Leberkässemmel!“ oder „Currywurst!“ flüstert, zögere ich nicht lange. Aus Erfahrung weiß ich: es wird Wochen dauern, bis dieser Wunsch mich wieder überkommt. Das funktioniert ziemlich gut. Ich bin nicht dick, ich habe Spaß am Essen, mein Körper bekommt auf diese Weise, alles was er braucht. Vielleicht sollte ich ein Buch darüber schreiben.

Ich kenne mich inzwischen recht gut, das ist das Schöne am Älterwerden. Ich weiß, was mir steht und dass mir meine Haare nicht viele Möglichkeiten lassen. Ich weiß, worauf ich achten muss, um nicht krank zu werden. Ja oder Nein zu sagen, fällt mir auch in anderen Fällen leicht. Ein Hotel buchen, weil man im Netz so schöne Bilder gesehen hat: empfiehlt sich nicht. Wein und Wodka durcheinander trinken: auch nicht zu empfehlen. Sonntags um halb elf auf die Salzburger Autobahn, Richtung Süden: auch keine gute Idee. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich habe diese Einsichten gewonnen, erkämpft und erlitten. Manche haben sich zu Überzeugungen ausgewachsen, andere zu Gewohnheiten. Erfahrung ist enorm hilfreich, um gute und richtige Entscheidungen zu treffen.
Alles in allem, denke ich, ist mir das Instrumentarium vertraut, das nötig ist, um richtige und gute Entscheidungen zu treffen. Das gilt für große wie für kleine Fragen. Im Beruf, beim Einkaufen, beim Zusammenleben mit Familie und Bekannten. Ich denke, ich habe ein gutes Gespür dafür, wann ich mich auf Erfahrung verlassen kann, und wann auf eine Empfehlung von Freunden, wann ich meinem Bauch gehorche,  wann die Vorschlägen von amazon und itunes etwas taugen, wann es sinnvoll ist, ganz pragmatisch zu entscheiden, wann spontan und wann es besser ist, über eine Entscheidung noch eine Weile nachzudenken.

Trotzdem gerate ich gelegentlich in eine Art Entscheidungsnotstand. Es gibt für diesen Zustand des Mit-Sich-Ringens, Selbstbefragens, Argumente-Abwägens, Neubewertens, fortwährenden Perspektivenwechselns, Hinausschiebens und Noch-Nicht-Entscheidens ein schönes Wort: Zaudern. Zaudern gilt als Schwäche. Ich finde, das ist ungerecht. Es macht einen Unterschied, ob einer seinen Kopf eine viertel Stunde lang in eine Speisekarte vergräbt, um dann noch immer unschlüssig zu sein, was er will. Oder ob man Zeit gewinnen möchte, um sich ein Bild zu machen, um Informationen zu beschaffen. Beim Pokern, ein Spiel, das ausschließlich davon lebt, schnell Entscheidungen zu treffen, gibt es einen Zug, in dem ein Spieler sagen kann: Ich schiebe. Das bedeutet, er wartet ab, wie sich die Lage entwickelt und verschiebt seine Entscheidung eine Runde.

Ich muss nicht pokern, um zu schieben. Drei Konstellationen habe ich ausgemacht, in denen das geschieht. Etwa, wenn ich eine Entscheidung treffen soll, die mein Leben in weiter Ferne betrifft. Es widerstrebt mir einfach, im März Pläne für Sylvester zu machen. Im Januar einen Tisch für das Oktoberfest zu reservieren. Oder kurz nach den Sommerferien einen Wintermantel zu kaufen, nur weil dann die Auswahl besonders groß ist. Selbst schuld, ich weiß.

Es fällt mir schwer, eine Entscheidung zu treffen, wenn Vorstellung und Wirklichkeit partout nicht in Einklang zu bringen sind. Wenn ich etwa einen Anzug oder ein Jackett kaufen will. Stoff, Schnitt, Farbe, in der Regel weiß ich genau, wonach ich suche. In Geschäften finde ich zwar unzählige Varianten von Anzügen, nur nicht den, den ich will. Das ist der Moment, an dem der Anzugkauf zu einer schwierigen Frage zuspitzt: Soll ich mich für einen passablen Anzug entscheiden, also einen, der meinen Vorstellungen am nächsten kommt, aber eben nicht entspricht? Oder den Kauf weiter aufschieben, in der Hoffnung, doch noch zu finden, was ich ursprünglich im Sinn hatte?

Beim dritten Dilemma verhält es sich genau umgekehrt. Es tritt auf, wenn man etwa versucht, einen Kinderautositz zu erwerben. Einen Urlaub mit Freunden in einem Ferienhaus plant. Oder den Ehrgeiz entwickelt, den idealen Mobilfunktarif zu finden. In  Fragen des Alltags also, bei denen es vor lauter Auswahl, Angeboten und Möglichkeiten, Extras, Preisvergleichen, Innovationen, Geheimtipps, Spezialtarifen, Sonderkonditionen, und persönlichen Empfehlungen, enormen Aufwand bedeutet, auch nur eine erste ungefähre Einschätzung zu gewinnen. Situationen, die den Wunsch nach einem persönlichen Assistenten aufkommen lassen und einen zweitägigen Workshop nahelegen, tatsächlich aber überwiegend in Wutanfällen oder Gleichgültigkeit münden. Und wer seine Entscheidung nicht allein danach ausrichten will, für möglichst wenig möglichst viel zu bekommen, sondern auch verantwortungsvoll und richtig handeln möchte, für den wird es richtig kompliziert. Es ist das Dilemma zeitgemäßen Handelns: um eine Entscheidung zu treffen können wir zwar auf so viele Ressourcen zurückgreifen wie noch nie, uns munitionieren mit Wissen und Argumenten. Aber das kostet Zeit. Und Nerven.

Psychologen haben für diese Art der Überforderung einen Begriff geprägt: Decision fatigue, Entscheidungsmüdigkeit. Roy Baumeister, Sozialpsychologe an der Florida State University of Tallahassee, hat dazu eine Reihe von Studien und Experimente ausgewertet. Entscheidungen zu treffen kostet Kraft, sagt er. Und Energie. Er vertritt die These, dass die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen nachlässt wie ein Muskel, der durch Beanspruchung ermüdet. „Wer den ganzen Tag lang Entscheidungen treffen muss, dem kann es passieren, das er abends nicht mal die Wahl zwischen Vanille-und Himbereis treffen kann.“ Das Gute dabei: man kann diese Fähigkeit wie einen Muskel trainieren.

Wie viel Energie eine Entscheidung kostet, hängt nach Baumeister auch davon ab, ob man eine Entscheidung gerne trifft oder ob man eine negative Grundeinstellung hat. Das erklärt, weshalb ich nach vergeblicher Anzugjagd mit leeren Händen und schlecht gelaunt zurückkehre, meine Frau aber mit prall gefüllten Tüten und einem Lächeln im Gesicht. Am meisten Energie kostet es, so Baumeister, sich einen Überblick, über die Möglichkeiten zu verschaffen, zumal, wenn wir die Optionen selbst recherchieren müssen und nicht nur gegeneinander abwägen müssen.

Dass Menschen eher bereit sind eine Entscheidung zu treffen, wenn die Zahl der Optionen geringer ist, haben die Sozial-Forscher Sheena Iyengar und Mark Lepper herausgefunden. Probanden, die zwischen 24 verschiedenen Marmeladensorten die Wahl hatten, kauften weniger als die, die nur zwischen sechs Sorten wählen konnten. Zudem waren die mit Ihrer Wahl auch zufriedener. Große Auswahl bedeutet also keineswegs große Befriedigung.

Ähnlich ergeht es Männern und Frauen, die online nach Partnern fürs Leben oder für eine Nacht suchen: Das große Angebot macht die Wahl nicht leichter. Im Gegenteil. Die Wissenschaftler Günter Hitsch und Ali Hortascu von der University of Chicago sowie Dan Ariely von der Duke University haben in Versuchen festgestellt, dass mit der Zahl der Kategorien und Möglichkeiten auch die Ansprüche an den Partner steigen. „Sie wollen sich mit niemandem einlassen, der nicht in Größe, Alter, Religion und 45 anderen Dimensionen ihrem Ideal entspricht.“ Mehr Glück hatten Partnersuchende beim Speed–Dating. Dort ist die Auswahl auf ein oder zwei Dutzend Teilnehmer beschränkt, aufgrund der kurzen Zeitspanne, in der die Teilnehmer Gelegenheit haben, sich kennenzulernen, ist auch die Zahl der Optionen geringer und damit übersichtlicher.

Baumeister stieß bei seinen Studien auf einen weiteren Punkt, der Einfluss darauf hat, ob und wie wir uns entscheiden: nämlich, wie erschöpft wir bereits sind, wenn wir eine Entscheidung treffen. Zwei Wissenschaftler  – Jonathan Levav von der Columbia University und Shai Danziger von der Ben–Gurion-Universität in Tel Aviv(?) –  haben mehr als tausend Urteile untersucht, die israelische Bewährungsrichter gefällt haben. Jeden dritten Häftling ließen die Richter vorzeitig frei. Dabei entdeckten sie ein interessantes Muster: 70 Prozent der Häftlinge wurden in den Verhandlungen am frühen Vormittag begnadigt, am späten Nachmittag nur zehn Prozent. Der Übergang vom Vormittag zum Nachmittag verläuft dabei nicht linear. Nach der Mittagspause der Richter kamen wieder 70 Prozent frei, kurz davor nur 15 Prozent. Levav und Danziger führen das darauf zurück, dass die Richter in der Pause Obst oder belegte Brote zu sich nahmen und damit dem Blut wieder frische Glukose zuführten.

Bei einem anderen Experiment beobachteten Jonathan Levav, Sheena Iyengar, Mark Heitmann und Andreas Herrmann deutsche Kunden beim Autokauf. Sie mussten wählen zwischen vier verschiedenen Gangschaltungen, dreizehn verschiedenen Reifen und Felgen, zwölf Kombinationen aus Motoren und Getrieben und 56 verschiedenen Sitzbezügen. Stellte man ihnen als erstes die Frage nach den Sitzbezügen ermüdeten sie besonders schnell – die Auswahl war besonders groß. Ob sie bereit waren für einzelne Extras Aufpreise zu zahlen, hing davon ab, wie viel Willenskraft sie zu diesem Zeitpunkt noch aufbringen konnten.

Wissenschaftliche Erklärungen für das eigene Empfinden zu bekommen hat etwas Tröstliches. Ich weiß jetzt: Meine gelegentlich auftretenden Unzulänglichkeiten beim Entscheiden sind keine Privatsache, sondern Ausdruck eines weit verbreiteten Phänomens. Und ich liege ganz gut im Rennen mit meinen Strategien, Entscheidungen zu treffen und den Entscheidungsmuskel nicht sinnlos zu überreizen.

Manches, weiß ich jetzt, mache ich instinktiv richtig. Bietet mir jemand einen Termin am Vormittag und einen am Nachmittag an, nehme ich immer den früheren. Aus Erfahrung, morgens unverbrauchter und aufnahmefähiger zu sein. An meinen Glukosepegel habe ich dabei nie gedacht.

Ich verstehe, was passiert, wenn ich am frühen Abend aus einem Kaufhaus vor fünf dunkelblauen Anzüge flüchte: decision fatigue infolge Unterzuckerung. Ich verstehe auch, weshalb meine Frau darüber lacht: Einkaufen zu gehen ist für sie ein Vergnügen, für mich eine lästige Pflicht.

Unbewusst richtig liege ich offensichtlich auch damit, die Auswahl an Entscheidungen so weit als möglich zu reduzieren. Nicht jeder Möglichkeit und jedem Link zu folgen, der sich bietet. Einmal zum richtigen Zeitpunkt Nein sagen, um sich nicht in einem Gewirr nachfolgender Detailfragen zu verlieren.

Entscheiden heißt, eine Wahl zu treffen. Zwischen mindestens zwei Alternativen, oft auch mehr. Dass sehr viel für die eine, aber nur sehr wenig für die andere Alternative spricht, kommt eher selten vor. Meistens ist so, dass zwei Alternativen miteinander konkurrieren, für die es jeweils gute Gründe gibt. Das macht es schwierig. Ohne Nuancen abzuwägen kommt man nicht weiter. Mit dem Zug nach Hamburg? Oder doch fliegen? Beides hat Vorteile. Entscheiden bedeutet oft, Abschied zu nehmen von einer nicht so schlechten Alternative.

Baumeister schreibt, der Mangel und der Schwund an Optionen wird häufig als Verlust empfunden. Ich kenne das. Zugleich beschleicht mich an diesem  Punkt ein ungutes Gefühl. Vor lauter guten Alternativen sich nicht entscheiden zu können, das ist auch Ausdruck einer Übersättigung. Ein Luxusproblem. Es ist, als würde man sich darüber beklagen, dass man nach Champagner immer so viel aufstoßen muss.

Ich finde, es ist schon in Ordnung, sich damit beschäftigen, warum Entscheidungen oft so schwer fallen. Es prägt das Lebensgefühl vieler Menschen und für viele ist das ein Problem. Ich meine etwas Grundsätzliches.

Für die meisten von uns (Deutschen?) ist es von kleinauf selbstverständlich, Alternativen zu haben. Das ist es aber nicht. Eine Wahl treffen zu können, ist ein Privileg. Anderswo kämpfen Menschen verbissen um diese Freiheit: sich entscheiden zu können. Freiheit heißt, eine Wahl zu haben. Doch nur wer eine Wahl trifft, nutzt sie auch. Das gerät leicht in Vergessenheit.

Es ist nicht nötig, solche Gedanken wie ein Monstranz unentwegt vor sich herzutragen, doch sich ab und an daran zu erinnern, hilft, die Bedeutung einzelner Entscheidungen besser einzuschätzen. Was passiert denn schon, wenn wir mal eine falsche Entscheidung treffen? Wir sitzen eine Stunde länger im Zug. Wir essen etwas, was uns nicht so schmeckt. Wir tragen ein T-Shirt, das nicht unser Liebstes ist. Wir verlieren nicht viel dabei. Das zu verstehen, hilft, besser mit seinen Entscheidungsressourcen zu haushalten und nicht zuviel Energie mit den falschen Fragen zu verschwenden.

Inzwischen besitze ich übrigens auch einen dunkelblauen Anzug. Ich habe ihn vor ein paar Tagen gekauft, vormittags, nach einem guten Frühstück, so richtig schön glucosesatt.