Es geht um nichts. Und doch um alles

Das Finale der Fussball-WM mag die Menschen in seinen Bann schlagen – doch einem Vergleich mit der Gefühlsachterbahn eines Junioren-Matches kann es nicht standhalten. Selbstbeobachtungen am Spielfeldrand

Trost
Schon nach den ersten Spielzügen ist klar: Das wird heute nichts. Nach wenigen Minuten steht es 2:0 für die andere Mannschaft, geht es so weiter, wird das ein unlustiger Vormittag. Zur Halbzeit steht es 6:0. Einer heult, ein anderer schimpft, der Torwart sei schuld. Artur, mein Sohn sieht fürchterlich beleidigt aus, weshalb ist in diesen aufgewühlten Momenten nicht aus ihm herauszubekommen. Später wird er erzählen, die anderen hätten ihn allein gelassen in der Abwehr. Der Trainer hat in der Pause gut zu tun, seine Spieler zur zweiten Halbzeit wieder als Mannschaft auf den Platz schicken. Er stellt einen Mann mehr in die Abwehr und schärft ihnen ein, die Position zu halten. Am Ende steht es 7:1, die höchste Niederlage der Saison. Immerhin, die zweite Hälfte ging unentschieden aus. Auf diese Lesart haben sich die Eltern kurz nach dem Spiel schnell verständigt. Erschöpft, enttäuscht, zum Teil apathisch schleichen die Jungs vom Platz. So richtig scheint dieser aufmunternde Gedanke nicht zu zünden. Eine Mutter versucht die Situation zu retten, indem sie für jeden ein Eis besorgt, zum Trost. Artur spricht noch immer kein Wort. Es ist nicht ganz leicht, seine Enttäuschung einerseits ernst zu nehmen, andererseits dieser Niederlage nicht zu viele Gewicht zu verleihen. Ein Spiel ist verloren. Niemand scheidet aus, niemand bekommt null Punkte, weil in der F-Jugend noch keine Meisterschaften ausgespielt und keine Tabellen erstellt werden. Es geht, wenn man so will, um nichts. Und doch um alles.

Ehrgeiz
Samstag ist Spieltag, Anpfiff ist um neun Uhr in der Früh. Eine halbe Stunde vor dem Spiel trifft sich die Mannschaft, bei Auswärtsspielen kommt eine halbe Stunde Fahrt dazu, das bedeutet: Wecker stellen. In manchen Familien sind es die Mütter, die das Füllen der Trinkflasche, die Suche nach den Schienbeinschonern und den Support an der Seitenlinie zuständig sind. Bei uns bin das ich. Ein vorbildlicher Spielervater weiß natürlich, dass die Vorbereitung auf ein Spiel nicht erst mit dem Aufwärmen beginnt, sondern lange vorher. Ausreichend Schlaf, ein gutes, aber nicht zu schweres Abendessen, rechtzeitiges frühstücken. Doch welcher Vater ist schon pausenlos Vorbild?
Es gibt Eltern, die an das Talent ihres Nachwuchses Hoffnungen knüpfen und entsprechend wenig Nachsicht zeigen, wenn er die gewohnte Form mal nicht erreicht. Das andere Extrem markieren die Unbedarften, die mit Fußball eigentlich nichts verbindet, die der Entwicklung ihrer Kinder aber keinesfalls im Wege stehen wollen und allein deshalb ausreichend motiviert sind, sich in die für sie so unvertraute Sphäre eines Fußballplatzes begeben. Und es gibt die vordergründig Entspannten, die im Samstagmorgenkick zwar vor allem eine Übung in Fairplay und Teamwork sehen, bei einem Rückstand aber vom gelassenen Smalltalk an der Seitenlinie unvermittelt zu heißblütigen Fanparolen wechseln. Ehrgeizig sind sie also alle.
Mich eingeschlossen. Als ich mit einem Kaffeebecher aus der Sportgaststätte dem gegnerischen Team beim Warmmachen zusehe und zwei sehr schnelle und körperlich schon recht kräftige Spieler entdecke, ertappe ich bei dem Gedanken, ob ich wirklich alles getan habe für den Erfolg des anstehenden Spiels. Hätte ich meinen Sohn nicht doch besser noch einen Energieriegel besorgt?

Glück
Anfangs fand ich es lästig, sich vom Spielplan die Dramaturgie des Wochenendes diktieren zu lassen. Inzwischen stehe ich ausgesprochen gerne samstags auf dem Fußballplatz. Auch, weil ich dort das Spiel, das ich von Kindesbeinen an liebe, nochmal neu entdeckt habe. In seiner puren, unvollkommenen Form, seiner herrlichen Einfachheit und Unvorhersehbarkeit. Anders als in den großen Stadien ist das Fußball, der von nichts anderem getrieben ist als von Leidenschaft und dem Ziel, ein Tor mehr als der Gegner zu schießen. Und alle Dramen aufführt, die der Fußball so zu bieten hat: Siegtore in der Nachspielzeit. Aufholjagden. Kantersiege. Krachende Niederlagen. Unentschieden, die sie wie Siege anfühlen. Elfmeter, die keine waren. Glückliche, unverdiente Siege. Und mittendrin: der eigene Sohn und seine Freunde. Eine Konstellation, die ungeahnte Gefühle freisetzt.

Überheblickkeit
Ich hätte Leon gleich von Anfang an gebracht. Im Spiel zuvor hat er drei Tore geschossen, er ist der begabteste Stürmer im Team. Ich verstehe auch nicht, weshalb Artur heute auf der linken Seite spielt, er ist doch Rechtsfuß. Und wäre es jetzt nicht mal an der Zeit, die Jungs zu coachen? Sie daran zu erinnern, zu kombinieren, anstatt mit dem Ball am Fuß nach vorne zu rennen?
Von der Seitenlinie aus betrachtet sieht immer alles ganz einfach aus. Ich jedenfalls weiß immer, was zu tun wäre. Warum sieht der Fünfer den freien Mann schon wieder nicht? Manchmal wünsche ich mir ein Touchpad, mit dem ich die Spieler über den Platz schieben, in Zweikämpfe schicken oder aufs Tor schießen lasse, wie die Taktikexperten im Fernsehen. Mein in Jahrzehnten gereifter Fußballsachverstand, käme endlich einmal zur Anwendung. Und wie erfolgreich wir wären!

Respekt
Auch Ludwig verliert nicht gerne, Ludwig ist der Trainer. Er weiß natürlich, dass er in Leon einen talentierten Stürmer hat. Aber auch, dass der seine Mitspieler gelegentlich übersieht und recht eigensinnig ist. Das gefällt ihm nicht, die Mannschaft steht für Ludwig an erster Stelle. Und so bleibt Leon manchmal länger draußen als nötig.
Auch, weil es bei den Neunjährigen eben nicht darum geht, dass immer die Besten spielen, sondern, dass alle spielen. Aus sechs Feldspielern besteht eine Mannschaft, dazu der Torwart. Zu jedem Spiel kommen zehn bis 12 Spieler, da müssen auch die Besten pausieren. Jeder soll Gelegenheit haben, zu spielen Erfahrungen zu sammeln und besser zu werden. Und als Trainer weiß er, dass eine Niederlage durchaus hilfreich sein kann, um zu erklären, warum es sinnvoll ist, nicht allzu große Lücken zwischen Angriff und Verteidigung entstehen zu lassen und nicht alle Spieler gleichzeitig versuchen, den Ball zu gewinnen.
Zweimal in der Woche trainiert Ludwig 25 Jungen, am Wochenende coacht er die Spiele der ersten und der zweiten Mannschaft. Zu Beginn der Sommerferien organisiert er ein Camp für sie. Auf der Weihnachtsfeier dichtet er über jeden Spieler einen Vierzeiler. Warum er das alles macht? Ehrenamtlich, ohne Geld damit zu verdienen, seit vielen Jahren? Weil er den Fußball liebt. Weil er dem Verein verbunden ist. Weil es eine schöne Aufgabe ist, Jungs das Einmaleins des Fußballs beizubringen und sie dabei zu begleiten, eine Mannschaft zu werden. Ludwig zu kritisieren habe ich mir abgewöhnt. In meinen Augen ist er Ludwig ein Held des Alltags, der nur eines verdient: Respekt.

Leidenschaft
Als Spielervater befindet man sich in einem emotionalen Dilemma. Natürlich möchte man den eigenen Sohn gut spielen sehen. Spielt er tatsächlich gut, freut es einen natürlich. Aber man sollte es nicht zu deutlich zeigen. Schließlich ist Fußball ein Mannschaftssport. Spielt er nicht so gut, gilt das gleiche: Auch seine Enttäuschung an der Seitenlinie loszuwerden gehört sich als Spielervater nicht. Soweit die Theorie.
Tatsächlich staune ich manchmal über mich selbst. Etwa, wenn ich mit einer Begeisterung, als hätte er eben das Tor des Monats geschossen laut „Super, Artur!“ rufe, nur, weil er den Ball sauber aus der Gefahrenzone gespielt hat oder erleichtert klatsche, wenn er auf durchaus robuste Weise den Ball behauptet hat. Andere Eltern mögen sich in so einem Moment ihren Teil denken. Allerdings kennt jeder Vater und jede Mutter diese Augenblicke selbst, in denen sich Erleichterung, Überraschung oder auch mütterlicher Stolz ihr Ventil suchen. Manchmal habe ich mich insgeheim über einen schmutzigen Sieg in letzter Minute gefreut. Oder, wie im vergangenen Winter, als es der zweiten Mannschaft, in der mein Sohn spielt, bei einem Hallenturnier gelang, die erste Mannschaft mit einer strikt defensiven Taktik und einem einzigen erfolgreichen Konter zu schlagen. Ach, war das schön.

Sehnsucht
Bei jedem Spielt rollt der Ball ein paar Mal ins Aus, ein Zuschauer spielt ihn dann wieder zurück ins Feld. Ich mag diesen Moment, wenn sich für einen Augenblick dieses ungemein beglückende Gefühl einstellt, den Ball am Fuß zu spüren und manchmal auch die Erinnerung an andere große Momente. Einen Ball volley zu treffen oder wenn das Tornetz sich nach einem sattem Schuss beult. Einen besseren Ort, sich an seine eigene Fußballzeit zu erinnern, als an der Seitenlinie eines Platzes, gibt es nicht. Und auch keine bessere Gelegenheit, um sich in seinem Sohn selbst zu erkennen.
Während meiner Schulzeit kickte ich jeden Nachmittag irgendwo. In Gärten, auf Bolzplätzen, auf Sportanlagen. Im Verein spielte ich nur kurz. Mit dem Spiel, das ich so liebte, hatte das Training dort wenig zu tun. Bei meinem Sohn ist es genau umgekehrt. Fußball findet fast ausschließlich im Verein statt. Zweimal in der Woche Training, Spiel am Wochenende. Einfach kicken bis es dunkel wird? Dafür sind die Nachmittage von Drittklässlern zu verplant.
Manchmal denke ich, wenn ich zusehe, wie die Neunjährigen auf gut präparierten Rasenplätzen um Plastikhütchen dribbeln, Ballannahme, Torschüsse und Zuspiele üben, frage ich mich insgeheim, wie weit ich es wohl hätte bringen können, wenn mir jemand in diesem Alter gezeigt hätte, wie man eine Ball sauber stoppt oder in einen Zweikampf geht. Wir haben uns das selbst beigebracht, haben es uns abgeschaut oder einfach immer wieder versucht. Ich spielte dort, wo ich wollte, das, was ich konnte: rennen, flanken, Pässe in die Spitze spielen. Kein Trainer erklärte mich zum Verteidiger und wies mich an, meine Position zu halten. Soll ich meinen Sohn beneiden oder bedauern? Dieses Match geht unentschieden aus.

Ungeduld
Einer der letzten Angriffe läuft. Artur bleibt als letzter Mann in der eigenen Hälfte, so will es der Trainer. Doch er wirkt arg unbeteiligt, als ginge ihn das alles nichts an. Er nestelt an seinem Trikot, er blickt zur Seite, aber er sieht mich nicht. Sonst würde ich natürlich gestikulieren und ihm zu verstehen geben, dass das Spiel noch nicht vorbei ist. Ist er in Gedanken schon im Schwimmbad? Was geht mir nicht alles durch den Kopf. Ist er nur erschöpft? Ist mein Ehrgeiz größer als der seine? Oder ist er einfach nur viel gelassener als ich selbst? Teilt er sich seine Kräfte und Konzentration einfach nur sein effizent ein. Ich habe keine Antwort und leider auch kein Touchpad, mit dem ich eingreifen könnte.
Schlusspfiff. Das Spiel ist gewonnen, der Jubel groß, alle Lethargie verflogen. Die Spieler klatschen sich ab, bilden einen Kreis, rufen den Vereinsnamen und schicken laut ein „Olé“ hinterher. Nicht für alles, was auf dem Platz geschieht gibt es eine Erklärung. Auch das ist Fußball. Das sollte ich eigentlich wissen.

 

 

La Bella Machina

Eine Fussball-WM ohne Italien? Ein Trauerspiel. Gut, dass es noch ein paar Diszipilinen gibt, in denen Italiener nach wie vor die Besten der Besten sind. Etwa, Autos voller Kühnheit und Raffinesse zu bauen

Es gab Zeiten, da standen italienische Autos im Ruf, zwar unschlagbar schön zu sein, aber nicht sonderlich zuverlässig. Wer sich damals, in den 70er, 80er Jahren, dennoch einen Alfa, einen Lancia oder einen Fiat zulegte, gab in zweierlei Hinsicht starkes Statement ab. Zum einen gab er zu erkennen, dass er selbst ein versierter Schrauber ist, der sich von einem rumpelnden Getriebe nicht so leicht aus der Fassung bringen lässt. Und Verständnis – sowie das nötige Gespür – besaß für das, was sich unter der Motorhaube abspielte und für die Kräfte, die da wirkten.

Vor allem aber gab er zu verstehen, dass ihm nicht in erster Linie an einem Fahrzeug gelegen war, das ihn zu jeder Jahreszeit bequem und sicher von einem Ort zum anderen brachte, sondern Stil und gutes Aussehen höher schätzte als technische Vollkommenheit.

Wer von seinem Auto verlässliche Ingenieurskunst erwartete, war mit einem deutschen Fabrikat bestens bedient, wer Exzentrik suchte, sah sich in Großbritannien um und wer er sich für große Mengen an Chrom begeisterte, der orientierte sich an amerikanischen Modellen.

Wer sich dagegen für einen Italiener entschied signalisierte, was er vom Leben und damit auch von seinem Auto erwartete: Schönheit, Abenteuer, Freiheit. Was anderes auch soll man auch erwarten von einem Gefährt, das einen so vielversprechenden Namen trägt wie Alfa Romeo Giulia?

Dass italienische Autos Herzen schneller schlagen lassen, daran hatten Designstudios und Karosseriefirmen wie Pininfarina, Ghia, Bertone, Zagato oder Fioravanti einen großen Anteil. Sie entwickelten Formen und Linien, die ihre Grenzen nicht in Notwendigkeiten sahen, sondern allein in der Vorstellungskraft. So entstand eine Vielzahl von Modellen, die heute noch als kühn und zeitlos elegant gelten und Maßstäbe im Automobildesign setzten. Schönere, verwegenere Autos wurden nie wieder gebaut.

Entscheidend dafür war, dass die Autoherstelle die Gestaltung bei Designstudios in Auftrag gaben – anstatt wie bei deutschen oder britischen Herstellern früher und heute sowieso üblich, sie in einer hauseigenen Abteilung zu entwickeln. Daraus resultierten enorme Freiheiten für die Designer, sie konnten ihre Entwürfe relativ unabhängig von Vorgaben der Ingenieure gestalten. Chris Bangle, von 1992 bis 2009 Designchef von BMW, und in den achtziger Jahren im Designteam von Fiat, nennt noch ein weiteren Grund für die Überlegenheit des italienischen Designs der 70er Jahre: „Die Designer waren zumeist Quereinsteiger, viele waren Architekten“, oder hatten erste Erfahrungen in anderen Designdisziplinen gesammelt. Das ließ sie bisweilen unbekümmert an ihre Entwürfe herangehen.

Heute denkt man dabei zuerst an Sportwagen wie den Ferrari 308 GTB, den Maserati Ghibli oder den Lamborghini Miura. Dass damals in wenigen Jahren so viele mobile Legenden entstanden sind, ist auch eine Folge der Rivalität von autoverrückten Ingenieuren, Unternehmern und Mäzenen, die der Ehrgeiz trieb, einen noch schnelleren, noch keilförmigeren oder einfach einen Sportwagen zu bauen, der ihren Namen trug. Der erste Lamborghini entstand, weil Ferrucio Lamborghini, eigentlich ein Hersteller von Traktoren, den neuesten Ferrari als nicht gelungen empfand. Er heuerte drei Leute von Ferrari an, nur ein halbes Jahr später stand der Entwurf für den Lamborghini 350 GT. Auch der De Tomaso Pantera entstand aus ähnlichen Motiven.

Diese Begeisterung der Italiener für Sportwagen geht zurück auf die 20er und 30er Jahre, als die Geschichte des Automobils noch am Anfang stand. Der Rennsport war der Treiber für Hersteller wie Ferrari, Alfa Romeo und Lancia, ihre Autos und Fahrer dominierten über Jahre den Motorsport. Rennfahrer wie Alberto Ascari und Tazio Nuvolari waren nationale Helden.

Doch die Faszination italienischer Autos beschränkt sich ja keineswegs auf Sportwagen, Roadster und Coupés. Es waren geniale Kleinwagen wie der Cinquencento in den 50ern und 60ern, der Fiat 127, Autobianchi und Innocenti in den 70ern sowie der Uno und der Panda in den 80er und 90er Jahren, die mit Ihrer Mixtur aus Pragmatismus und eleganter Bescheidenheit Millionen Menschen die Möglichkeit gaben, mobil zu sein, und dabei bella figura zu machen.

Dass Giorgio Giugaro als einflussreichster Automobildesigner des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet wurde, hat nicht nur mit seinen Entwürfen von Klassikern wie dem Maserati Ghibli oder des Ferrari 250 GT zu tun, sondern ganz wesentlich mit der Gestaltung des Unos, Pandas, und des Puntos, den Millionensellern von Fiat.

Die Idee, italienisches Autodesign mit Lebenskunst gleichzusetzen, haben jedoch die Modelle der Mittelklasse am stärksten geprägt, der Alfa Romeo Giulia Sprint etwa, der Fiat 128, der Alfa Romeo Spider, der Lancia Fulvia oder der Fiat Spider. Bis heute verkörpern sie mit der Kombination von Sportlichkeit und Eleganz den Inbegriff der Bella Machina, eine Melange mediterraner Leichtigkeit und Lebenslust.
All das, was man in italienische Sportwagen hineindeuten und aus ihnen herauslesen kann, dieses von der Sehnsucht nach Freiheit, Romantik, Risiko und Geschwindigkeit bestimmte Lebensgefühl, findet sich nirgendwo so auf den Punkt verdichtet wie in der Sequenz am Ende der Reifeprüfung. Und machte den Spider auch international zum Star.

Als Benjamin, gespielt vom jungen Dustin Hoffmann, endlich erkennt, dass er die schöne Elaine mehr liebt als alles andere, macht er sich auf, sie vor einer großen Dummheit zu retten: ein anderen zu heiraten. Und so rast er halsbrecherisch in einem offenen Alfa Romeo 1600 Duetto Spider durch Kalifornien auf der Suche nach der Kirche, in der die Trauung bereits begonnen hat. Das Auto ist danach ziemlich ramponiert, doch er kommt gerade noch rechtzeitig, um sie vor dem Ja zum Falschen abzubringen.

Auch im realen Leben ist häufig zu beobachten, dass der Spider, egal ob von Alfa oder Fiat, oder eine Giuletta häufig dann den Besitzer wechseln, wenn es ernst wird im Leben: Wenn auf einmal der Hausrat einer Familie transportiert werden   muss und ein Fahrzeug ratsam erscheint, dass auch mehrstündige Fahrten mit Hund und Kindern ohne Murren hinnimmt.

Die Szene offenbart ein weiteres Detail, das unerlässlich ist, um ein italienisches Auto zu lenken: die Sonnenbrille. Nur damit kommt das Fahren mit einem Italiener zu sich selbst, weil sie erlaubt, den Blick auf das Wesentliche zu fokussieren. Außerdem zeigt sie die Richtung an, in die es seinen Träger zieht: zur Sonne, zur Freiheit.

Nun mag man einwenden, all das sei lange her, der Glanz von gestern. Schon richtig, der angestammte Platz italienischer Autolegenden ist nicht mehr die Straße, sondern das Museum, das Auktionshaus, der Spielzeugladen oder der Bildband. Doch das heißt ja nicht, dass sie nicht mehr existieren. Dort leben sie weiter als eine Idee, und werden als Kunstwerke betrachtet und gehandelt. Und wenn sie im Sommer dann doch mal aus der Garage geholt werden, sind sie ein umso größeres Ereignis.

Und es ist ja keineswegs so, dass in Italien keine schönen Autos mehr gebaut werden. Im Gegenteil. Ferraris haben nichts von Ihrer Faszination eingebüßt, Maserati baut komfortable, geräumige Sportwagen. Und mit der Neuauflage des Cinquecento gelang es Fiat die Idee seines legendären Vorfahren aufs beste mit zeitgemäßer Technologie wiederaufleben zu lassen. Die großen Würfe sind nicht mehr so zahlreich. Aber das ist in der Popmusik oder der Mode auch nicht anders.

Das hat damit zu tun, dass die Voraussetzungen, unter denen Autos hergestellt werden, völlig andere sind als damals. Die gr0ßen Hersteller bilden Allianzen über die Kontinente hinweg, um Fahrzeuge zu produzieren, die in China genauso gefallen und Absatz finden wie im Tessin. Vielen neuen Modellen ist das anzusehen. Sie mögen uns mit ihren Heeren an digitalen Assistenten in die Zukunft lenken, mit moderaten Verbrauchswerten und schlauen Innovationen überzeugen, doch all die guten Argumente hinterlassen auch große Gleichgültigkeit.

Wenn wir zugleich ein ums andere Mal stehen bleiben, wenn wir einen roten Ferrari California am Straßenrand entdecken, uns umdrehen, wenn wir einen Lamborghini röhren hören oder einem gut erhaltenen Alfa Spider sehnsuchtsvolle Blicke hinterherschicken, dann hat das sehr viel mit der in Italien geborenen Idee zu tun, das ganz normale Leben mit Kühnheit, Raffinesse und Eleganz zu überlisten, kurz gesagt: dass ein Auto viel mehr sein kann als ein Fahrzeug.

„Kein Mensch braucht Lust und Orgasmen, um gesund zu bleiben“

Sexualität erfüllt nicht nur den Zweck der Erregung und Fortpflanzung, sie ist vor allem auch eine Form der Kommunikation. Der Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers über falsche und richtige Erwartungen an die Intimität in Paarbeziehungen.

NZZ am Sonntag: Herr Ahlers, Sex ist die intimste Form von Kommunikation – so lautet Ihre zentrale These. Was meinen Sie damit?

Christoph Joseph Ahlers: Sex ist in unserer Kultur auf zwei Funktionen reduziert: Fortpflanzung und Erregung. Fortpflanzung galt dabei lange Zeit als das Gute und Reine, die Erregung als das Lasterhafte, Problematische – etwas, das es eher zu vermeiden galt. Diese Zweiteilung ist keine Erfindung der katholischen Kirche, sie geht zurück bis in die vorchristliche Antike. Die Amtskirche hat das Prinzip als religionswirtschaftliches Kapitalunternehmen die letzten 2000 Jahre lediglich sehr erfolglich bewirtschaftet. Ein zentrales Kozept der Sexualwissenschaft ist, dass zwischen der Erregung und der Fortpflanzung eine dritte Funktion existiert, nämlich die Kommunikation. Damit ist gemeint, dass wir uns durch Sex Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Angenommenheit und Geborgenheit erfüllen können. Doch genau für diese Funktion von Sex haben wir kein kulturelles Bewusstsein und deshalb tappen wir im Dunkeln, wenn in Beziehungen die Fortpflanzung erledigt und die Erregung vergangen ist.

Wie wichtig ist Lust denn?

Kein Mensch braucht Lust, Leidenschaft, Erregung und Orgasmus, um gesund zu bleiben. Was wir brauchen ist Zugehörigkeit, Angenommenheit, Wertschätzung, Anerkennung, vor allem auch durch intimen Körperkontakt. Wenn wir das lange nicht bekommen, werden wir krank. Und das ist es, was wir in sexuellen Beziehungen eigentlich bei- und voneinander suchen. Annahme und Kontakt, und nicht bloss Geilheit und Lust. Und hierin besteht die Kommunikationsfunktion von Sexualität. Auch für Männer. Sich einen runterholen, in den Puff gehen, sich mit Tinder einen Fuckbody hin und weg wischen, das kann zu kurzfristiger sexueller Befriedigung führen. Der Kern dessen aber, was Sexualität in partnerschaftlichen Beziehungen für uns bedeutet, besteht nicht in kurzfristiger Befriedigung, sondern in langfristiger emotionaler Erfüllung. Diese Kommunikationsfunktion von Sexualität ist der Grund, weshalb Männer und Frauen noch Paare bilden. Nicht Erregung und Fortpflanzung. Die kann jeder, womöglich sogar einfacher, allein.

Fortpflanzung alleine ist schwierig.

Überhaupt nicht. Zur Fortpflanzung braucht es nicht mal eine Beziehung. Es braucht nur Sperma, eine Eizelle und eine Leihmutter als Austrägerin, aber keine Partnerschaft.

Ist das Schwinden sexueller Anziehung in langjährigen Partnerschaften ein Naturgesetz?

So könnte man das sagen. Lust auf Sex mit dem eigenen Partner, mit dem ich mich seit Jahren in einer partnerschaftlichen Beziehung befinde, ist eine Fiktion. Zumindest, wenn ich darauf warte, dass diese Lust auf den eigenen Partner quasi von selbst kommen oder in mir enstehen soll.

Ehe ist doch keine Fiktion.

Ehe ist die Abkürzung für «erare humanum est». Scherz beiseite: Das Konzept Ehe hat mit Sexualität nichts zu tun. Ehe ist eine juristische Konstruktion zur Versorgungsabsicherung von Frau und Kindern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Langjährige Partnerschaften?

Das gab es immer. Aber es gab nicht das Thema, dass Mann und Frau, die in einer langjährigen Beziehung leben, Lust auf Sex miteinander haben müssen oder sollten. Das hat mit Ehe und lebenslanger Partnerschaft nichts zu tun. Die Vorstellung, auch als älteres Paar Lust auf Sex miteinander haben zu müssen, existiert erst seit Ende des 20. Jahrhunderts.

Woher stammt diese Vorstellung?

Bei der sexuellen Revolution in den 70er Jahren ging es vor allem darum, endlich zu dürfen, was verboten war. Das Thema mangelnde Lust auf Sex mit dem eigenen Partner ist erst entstanden, als sich die Möglichkeit, Sex zu haben, in den kategorischen Imperativ verwandelte, Sex haben zu müssen. Diese Anforderung raubt die Lust auf Sex. Alle sexuellen Dinge funktionieren nach dem psychologischen Naturgesetz, dass nur sein kann, was nicht sein muss. Seit Ende des 20. Jahrhunderts wachsen die ersten Generationen heran, die in sexueller Hinischt mehr dürfen, als sie wollen.

Es gibt Paare, die lange zusammen sind und nach wir vor Sex haben. Was machen die richtig?

Ihr Geheimnis ist, dass sie sich nicht auf die Genitalien schauen, sondern ins Gesicht. Die Vorstellung, der andere möge qua Erscheinung mein sexuelles Begehren auslösen und befeuern, ist in perspektivisch angelegten Beziehungen absurd. Paare, die in langjährigen Partnerschaften noch miteinander Sex haben, sind die, die echt miteinander in Kontakt bleiben. Sie reden nicht bloss zusammen über aussen, Arbeit, Kinder, Urlaub, Sport, sondern sie sprechen miteinander übereinander. Was eint uns, was entzweit uns? Was bindet und was trennt uns? Was sind wir füreinander, miteinander und ohne einander? Gelingt das, sehen sie sich anders an. Sie fühlen sich gesehen, sie fühlen sich gemeint und berührt und dadurch eben auch gewollt und gehen miteinander ins Bett. Und zwar deswegen, weil es zwischen ihnen etwas bedeutet. Und nicht die Penislänge und nicht die Busengrösse oder irgendeine exotische Sexualpraktik. Die Lust ist also das Ergebnis partnerschaftlicher Interaktion und Kommunikation und nicht die Voraussetzung für Sex!

Können Paare verloren gegangene Anziehungskräfte wieder entdecken?

Wenn sich ein Paar zusammentut, dann ist es wie mit einem Auto. Wenn du nicht regelmässig den Ölstand misst und Inspektion machst, gammelt dir das Ding weg. Bei Autos, Dachrinnen und Ausweisen weiss das jeder. Dass man eine Beziehung aktiv führen muss und nicht haben kann, im Sinne einer Verwaltung, darauf wird niemand vorbereitet.

Lässt die Lust mit dem Alter nach?

Wenn Sie von sexuellem Verlangen sprechen, so nimmt das ab dem 20. Lebensjahr tendenziell kontinuierlich ab, ohne deswegen irgendwann ganz zu vergehen. Aber viele ältere Leute sagen: Wir haben zwar nicht mehr rauschende Liebsnächte wie in jungen Jahren. Aber wenn wir miteinander schlafen, dann ist das freier und entspannter als je zuvor. Keiner muss sich Gedanken machen über Figur und Performance. Sondern wir haben uns und ein gutes Gefühl, unabhängig davon, ob wie was klappt oder nicht, und damit geht’s uns gut.

Wie schwer fällt es Männern, sich Ihnen in Ihrer Praxis anzuvertrauen?

Wenn sie einmal da sind, fällt es ihnen nicht schwer, sich anzuvertrauen. Aber sich zu trauen, einen Termin zu machen, das ist die Hürde. Männer nehmen alles möglich auf sich, wenn sie dadurch nur einem Paarbeziehungsgespräch aus dem Weg gehen können. Oft leiden sie lange und stumm, ehe sie sich um Hilfe bemühen. Zwar reden manche Männer mit Kumpels, Freunden oder Bekannten mitunter über Sexualität allgemein. Aber nicht über ihre eigenen sexuellen Wünsche, Bedürfnisse, Befürchtungen und Ängste. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Genau das geschieht aber im Rahmen einer Paar- und Sexualberatung.

Worunter leiden Männer am stärksten?

Unter internailsiertem Leistungsdruck und daraus resultierenden Versagensängsten. In der Leistungsgesellschaft ist selbst Sexualität unweigerlich mit Leistung verknüpft. Sex ist gleich Erregung, ist gleich Penetration, ist gleich Orgasmusproduktion bzw. Reproduktion. Guter Sex ist nur, wenn etwas stattfindet, funktioniert, klappt und dabei heraus kommt. Das Wertesystem der Leistungsgesellschaft lautet: Der Wert einer Person bestimmt sich durch den Wert ihren Funktion. Erlischt der Wert der Funktion, so erlischt der Wert der Person. Das regiert unsere Berufstätigkeit, unsere soziale Gesellschaftsteilhabe und das infiltriert unser Privates. Wir haben das Gefühl, auch da genügen zu müssen, etwas können zu müssen. Einfach mal rumzuhängen, nur mal da sein zu dürfen, das geht nicht mehr. Multioptionalität und Selbstoptimierung sind die Schraube, die sich, wie eine Ringmutter um den Hals, immer weiter festzieht. Und nach ganz fest, kommt ganz ab, wie bei jeder Schraube! Das erleben viele Menschen. Alle Psychotherapeuten können davon bereichten. Daxvorstände, Politiker, Führungspersönlichkeiten, die im Job den Harten markieren, und im geschützten Rahmen weinen. Weil sie auf den Arm wollen. Weil sie sich selbst und anderen weh tun müssen, um mithalten zu können. Und wenn diese menschenverachtende Doktrin, die sagt: Du bist nur, was du kannst, gefühlt auch im Sexuellen gilt, dann kann erstens im Sexuellen nichts mehr ungestört funktionieren und zweitens hab ich natürlich keine Lust mehr auf sexuelle Begegnungen und ziehe mich zurück in die sexuelle Selbstbetätigung.

Wie stark hat unser digitaler Lifestyle unseren Sex verändert?

Es gibt vor allem zwei Aspekte: Zum einen Sexual bzw. Casual Dating-Portale, die sexuelle Übereinkünfte optimieren und rationalisieren. Sie ermöglichen take-away-Sex to go mit irgend jemandem zu praktizieren, andere als Sexual Meat Snack zu benutzen. Sex, der beziehungslos, begegnungslos, und bedeutungslos ist. Klinisch hat das keine grosse Relevanz. Erheblich relevanter ist aus klinischer Perspektive der zweite Aspekt, nämlich die unbeschränkte Verfügbarkeit multimedialer Internetpornografie. Proportional zur Verfügbarkeit und Verbreitung von Internetpornografie hat sich das Phänomen des nachlassenden sexuellen Begehrens bei Männern entwickelt.

Lässt sich das belegen?

Nein, empirisch bisher nicht. Es existieren keine Daten und keine Studien dazu. Aber beide Phänomene nehmen simultan zu. Ob es sich um eine Kausalbeziehung oder eine Korrelation handelt, müsste man sexualwissenschaftlich untersuchen.

Warum gibt es dazu keine Studien?

Weil die Problematisierung des Themas Pornografie out ist, uncool. Wer das tut, ist oldschool. In der gesellschaftlichen wie bedauerlicherweise auch in der wissenschaftlichen Debatte. Porno ist easy, sexual Lifestyle. Wer das problematisiert ist automatisch eine Moralapostel.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen nachlassendem Verlangen und Pornokonsum?

Männer, die sich in sexueller Hinsicht überfordert fühlen, ziehen sich oft in die sexuelle Selbstbetätigung zurück. In ihrem Rückzug sind sie heute meist nicht mehr allein mit sich und ihren Fantasien, sondern umgeben von Flatscreens, auf denen ein Spektrum expliziter, sexuellen Darstellungen zu finden ist, die es menschheitsgeschichtlich so noch nie gegeben hat. Die dadurch mögliche sexuelle Stimulation liegt weit oberhalb des realen Stimulationsvermögens, das ich in zwischenmenschlichen Begegnungen erleben kann.

Was macht Pornographie für Männer so attraktiv?

Die Stimulation kickt unmittelbar. Ich kann gestalten, wie lang, wie viel ich von welcher Art sehen will und wann ich einen Höhepunkt erlebe. Und danach kann ich den Off-Schalter drücken. Für viele Männer ist das eine Traumsituation. In einer Beziehung bin ich konfrontiert mit den Gedanken, den Gefühlen und Wünschen eines anderen Menschen. Davor, dabei und danach bin ich unweigerlich in Beziehung. Das empfinden viele als anstrengend, kompliziert.

Sehen Sie in Sex mit Virtual Reality-Brillen eine Erweiterung oder eine Verarmung der Sexualität?

Sowohl als auch: Bezogen auf die Erregungsfunktion eine ungekannte Steigerung. Wenn Sie den Faktor Kommunikation in Rechnung stellen, erleben wir eine radikale Verarmung. Wenn sie jemanden sprechen, der einen Virtual Reality-Helm aufhatte und Sexual Fiction erlebt hat – es handelt sich nicht um die Darstellung sexueller Realität – dann haben die Leute danach ein Missmutsempfinden. Sind unwirsch und frustriert. Es fühlt sich an, als würde jemand die Farbe aus dem Fernseher drehen und alles in Schwarz Weiss sehen. Und vorher hattest du 3-D Pornorama. Die Impression ist so stark, dass man sie real nicht erleben kann. Ich kann mit Augmented Reality Sexualität, mit Sex-Robots und interaktiven Masturbatoren Stimulation und womöglich sexuelle Befriedigung in einer Intensität erleben, die in einer realen Begegnung unmöglich ist. Was ich dabei nicht erlangen kann, ist nachhaltige, emotionale Erfüllung. Die können wir nur in echten, gelingenden Beziehungen erleben. Beziehungen, in denen die Dinge, die wir sexuell miteinander tun, etwas meinen. Wenn ich in dir sein möchte oder du in mir, bekomme ich etwas gesagt. Das ist die Bedeutung von Beziehungsexualität. Technik kann das nicht ersetzten.

Das entspricht in etwa der Erfahrung eines Drogentrips.

Genau. Supranormale Stimulation verursacht Sucht und Abhängigkeit. Wenn wir starken Reizen ausgesetzt sind, reagiert unser Organismus zuerst mit starker Erregung. Dann muss eine Reizsteigerung erfolgen, um das gleiche Erregungsniveau zu halten. Und dann eskaliert das wie bei einem Alkoholiker. Das nennen wir dann Sexsucht.

Gleichzeitig scheint es logisch, sich eher Sex im Netz oder per Datenbrille zu suchen, wenn zum Beispiel eine Familie kleine Kinder hat und die Intimität auf der Strecke bleibt.

Familiengründung ist nicht gleichbedeutend mit Intimitätsverlust. Gleichwohl schlägt ein Baby oft wie ein Meteorit in eine Partnerschaft ein. In dieser Phase vergeht vielen erst einmal die Lust auf alles Schöngeistige, Musevolle, Liebevolle. Wir sind froh, wenn wir irgendwie durchkommen und vor allem irgendwann wieder durchschlafen können. Deswegen ist die sexuelle Beziehung von Paare in dieser Phase für gewöhnlich herabgesetzt, bei der Frau kommen sogar noch Hormone hinzu, die sexuelles Verlangen verringern.

Spielt es dabei eine Rolle, dass ein Paar mit Kindern seinen evolutionsbedingten Auftrag erfüllt hat?

Nein, wenn das zuträfe, hätten wir statistisch gesehen zweikommaviermal Sex in unserem Leben. Dann wäre der Auftrag erfüllt. Diese biologistischen Reduktionen greifen zu kurz. Die Forderung aber, nach der Geburt eines Kindes sexuell aktiv, potent und performant sein zu müssen, das macht Männer wie Frauen krank. Das hat es früher nicht gegeben. Früher war in der Familiengründungsphase klar, die Männer gehen in die Kneipe und die Frauen sehen zu, das sie zuhause klar kommen.

Sie plädieren für gute, alte Zeiten?

Als Sexualwissenschaftler sehe ich meine Aufgabe darin, Veränderungen zu beschreiben, nicht moralisch zu bewerten. Wenn in den Köpfen junger Eltern sich der Gedanke festsetzt, ein paar Wochen nach der Geburt muss wieder Erotik und Leidenschaft einsetzen, dann verzagen sie. Besser ist es zu sagen: Wir verlieren uns nicht aus den Augen, wir bleiben in Kontakt. Und keine sexuelle Handlung muss beweisen, dass es uns gibt. Wir können uns auch als Paar fühlen, auch wenn keiner keinem irgendwo etwas reinsteckt. Das ist eine riesen Freiheitserklärung, die Paare miteinander vereinbaren können. Genau darin besteht die Untersützung, die Paare in einer paar- und sexualpsychologischen Begleitung erfahren können.

Ihr Buch heisst «Himmel auf Erden und Hölle im Kopf – Was Sexualität für uns bedeutet». Wofür steht diese Metapher?

Der Himmel ist der Ort totaler Aufgehobenheit, Angenommenheit, Versorgtheit. Da wollen wir alle hin. Dass wir dafür nicht Mitglied irgendeiner Kirche werden müssen, sondern das alleine miteinander erleben können, wenn wir in sexueller Hinsicht unter einer Decke stecken, dass ist meine zentrale Botschaft.

 

Christoph Joseph Ahlers ist Sexualwissenschaftler und klinischer Sexualpsychologe. An der Berliner Charité und in der eigenen Schwerpunktpraxis für Klinische Paar- und Sexualpsychologie hat er hunderte Einzelpersonen und Paare beraten und behandelt. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher und medialer Publikationen. Sein neustes Buch «Himmel auf Erden und Hölle im Kopf – Was Sexualität für uns bedeutet» ist bei Goldmann erschienen.

Die Philosophie des Trinkens

In seinem Lokal wird die Verabreichung von Alkohol zelebriert, als handle es sich um die sinnhafteste Beschäftigung der Welt. Wie Charles Schumann die Bar zum Ort der Lebenskunst erhob

Der Abspann läuft, und man hat noch den Satz am Ende des Films im Kopf, dass er mit Menschen immer weniger anfangen kann, da brandet Beifall auf. Der Applaus gilt zunächst der Regisseurin und ihrem Team, doch zunehmend wandelt er sich zu einer Sympathiebekundung für den Mann, der eben mit schnellen, großen Schritten die Bühne erklommen hat: Charles Schumann. Dass seine Worte am Ende des Films alles andere als eine Publikumsbeschimpfung darstellen, das versteht bei der Münchner Premiere von Schumanns Bargespräche jeder. Der Kinosaal ist voll mit Stammgästen. So kennen sie ihn und sie wissen: So ist er halt, der Charles.

Das Schumanns, die Bar, die seit 35 Jahren seinen Namen trägt, liegt nur ein paar Gehminuten vom Kino entfernt. Eine halbe Stunde nach dem Schlussapplaus ist alles wieder wie gewohnt. Das Schumanns brechend voll, an einen Sitzplatz ist nicht zu denken, in den Gängen Trauben von Menschen, die, ein Glas in der Hand, mit Blicken und Worten versuchen sich verständlich zu machen, dazwischen die Kellner in ihren wunderbaren weißen Barjacken, Silbertabletts mit Drinks durch das Gedränge balancierend. Und mittendrin der Charles: grüßend, lächelnd, umgänglich. Alles andere als ein Misanthrop.

Barlegende, Barguru oder Pate der gehobenen Trinkkultur wird er häufig etwas ungelenk genannt, weil es kein treffendes Wort gibt, das seiner Rolle und seiner Bedeutung gerecht wird. Dass es in den großen Städten Europas, Japans und der USA so viele ausgezeichnete Bars gibt wie nie zuvor, Bartending als Handwerk anerkannt ist und Bars mit Stil, Gewandtheit und Weltläufigkeit assoziiert werden, daran hat Schumann einen erheblichen Anteil. Er hat die Barkultur wiederbelebt und weltweit etabliert. Vor einigen Monaten erhielt er dafür in New Orleans den Helen David Lifetime Achievement Award, eine Auszeichnung, die bislang ausschließlich an Amerikaner verliehen wurde.

Schumanns Bargespräche zeigt ihn in der Rolle eines Forschungsreisenden: zu Bars, Bartendern und Barbetreibern in New York, Paris, Berlin, Tokyo und Havanna, zu Cocktail-Historikern, und zu Menschen, die Bars als Orte der Inspiration und Erkenntnis schätzen. Schumann hört zu, er stellt Fragen und will wissen: Was machen die anderen? Er lässt sich zeigen, worin die Vorzüge des Hardshake bestehen, einer von Kazuo Uyeda entwickelten Technik, den Mixbecher zu schütteln. Oder wie groß der Abstand zwischen Eiswürfel und Glas sein muss, damit der Drink nicht verwässert. Manchmal scheint er selbst überrascht zu sein, welche Wertschätzung er in Tokyo oder New York erfährt. Charles Schumann hat den Mythos Bar wieder belebt, auch das ist eine These des Films.

Begonnen hat er damit 1982, als er mit der finanziellen Unterstützung eines Biererben Schumanns American Bar in der Münchner Maximiliansstraße eröffnete. Zu dieser Zeit war Bar noch ein Synonym für halbseidenes Publikum und Rotlicht, für Saufexzesse und Absturz. In München existierte genau eine Bar, in anderen Städten sah es nicht anders aus. Cocktails bekam man in den Bars großer Hotels. „Mein Vater“, erzählt Schumann, „hätte das Wort ‚Bar’ nicht mal in den Mund genommen“.

So begann er nach der Schule erst mal beim Bundesgrenzschutz zu arbeiten, sechs Jahre lang. Er durchlief eine Ausbildung im Auswärtigen Amt zum Konsulatssekretär, besuchte eine Hotelfachschule, ehe er für eine Weile nach Südfrankreich zog. Dort arbeitete er in Diskotheken, eine Weile leitete er ein Erotik-Cabaret an der spanischen Grenze. Zurück in München schrieb er sich an der Hochschule für Politik ein und begann als Barkeeper in Harry New York Bar zu arbeiten.

Das Licht im Schumanns war warm und dunkel, die Stühle hart, die Zahl der Tische begrenzt. Vom ersten Tag an war das Schumanns ein Ort, „an dem man allem, wovon man sonst umgeben ist, für einige Zeit entrinnen“ konnte, schrieb der Musikkritiker Joachim Kaiser. Auf der Karte standen Drinks, die man heute Klassiker nennt, Whisky Sour, Gimlet, Margarita, Daiquiri. Wer hungrig war, hatte die Wahl zwischen Roastbeef und dem Fernsehteller, mit Käse, Schinken und Roastbeef belegten Broten. Mehr noch als die Cocktails begründete die Auswahl der Gäste den Ruf der Bar. Schumann hatte eine genaue Vorstellung davon, wer in seiner Bar willkommen war: „Kopfarbeiter“ nennt er sie, gemeint waren und sind Verleger, Journalisten, Galeristen, Regisseure, Schriftsteller. Manche kamen fünf- sechsmal die Woche und hatten ihre festen Tische und Privilegien. Wer wo sitzen darf, wer stehen und wer warten musste, das folgte Regeln, die für seine Gäste nicht leicht zu durchschauen waren. Klar war nur, dass weder Geld noch Einfluss und schon gar nicht Prominenz halfen, bevorzugt behandelt zu werden. Schumann avancierte zum heimlichen Regisseur eines allabendlichen Schauspiels der Begegnungen, Bartender und Kellner wachten in ihren makellosen Schürzen und Jacken darüber, dass die Dramaturgie und die ungeschriebenen Gesetze eingehalten wurden. Nicht vorlaut sein, den Barleuten mit Respekt begegnen, kein herablassendes Fingergeschnippse und, bloß nicht, an Tische setzen, auf denen ein Reserviert-Schildchen zum Fernbleiben mahnte. „Das Schumanns damals“, sagt der Schriftsteller Maxim Biller im Film, „war ein moderner Salon“.

Wer dazugehören wollte, musste sein Bier zunächst im Stehen trinken, und allmählich das Vertrauen von Stefan, Roman, Silvio oder einem der anderen Kellner oder Bartender gewinnen, ehe er damit rechnen konnte ein Sitzplatz angeboten zu bekommen. Als der Hype immer größer wurde und am Wochenende mehr Menschen draußen vor der Tür standen als innen Platz fanden und Schumann überwiegend damit beschäftigt war, den Einlass zu regeln, beschloss er kurzerhand, das Schumanns am Samstag, dem umsatzstärksten Tag, zu schließen.

Zwei Jahre später bereits, 1984, setzte Schumann erneut Maßstäbe, als es ihm gelang seine Idee einer Bar in Buchform zu bringen. Großen Anteil daran hatte der Illustrator Gunter Mattei, der Schumanns Barbuch gestaltete. Der Einband dunkelblau wie der Nachthimmel, der Schumanns-Schriftzug in dunklem Rot dezent schimmernd, innen drin: zeitlose Strenge, Drinks und Stories. Anstatt wie damals und auch heute noch üblich die Drinks in ihrer Farbenpracht abzubilden setzte Mattei auf Schwarz-Weiß-Illustrationen, die Atmosphäre und Anspruch auf den Punkt brachten: die Bar, ein Ort von Geist und Eleganz. Diesem Konzept folgte auch eine Reihe weiterer Bücher, die Schumann herausgab. Allen voran American Bar, das 1992 erschien und bis heute weltweit als Bibel der Barkultur gilt und Schumanns internationalen Ruhm begründete.

Zwei Wochen vor der Premiere. Der Himmel ist wolkenlos, doch die Luft an diesem Herbsttag ist noch kühl, die Sonne hat den Winkel des Münchner Hofgartens, in dem die Gartentische des Schumanns stehen, noch nicht ganz erreicht. Charles Schumann ist schon aus der Ferne auszumachen, er zählt zu den Menschen, deren Silhouette unverwechselbar ist. Die zurückgekämmten grauen Haare enden auf dem Kragen des dunklen Samtjacketts, dazu trägt er eine schwarze Cordhose und ein weißes Hemd. Seine nackten Füße stecken in einem Paar schon etwas mitgenommener Lederschuhe. Sechs Paar hat er davon vor vielen Jahren gekauft, bessere Schuhe, sagt er, habe er nie wieder gefunden. Er holt zwei Stühle, stellt sie an die Wand, dort, wo die Sonne schon für ein wenig Wärme sorgt. Ganz gleich, ob er von den Dreharbeiten erzählt, von Foodabteilungen japanischer Kaufhäuser schwärmt oder über seine Bratkartoffeln spricht, die als die besten der Stadt gelten, er macht einen ruhelosen Eindruck. Seine Sätze gelangen nicht immer bis zum letzten Wort, weil während des Redens in seinem Kopf schon längst der nächste Gedanke Form annimmt. Oder er aus dem Augenwinkel mitbekommen hat, dass ein Tisch für den Mittagsbetrieb nicht richtig eingedeckt ist. Nach wie vor ist er es, der alles im Blick hat und darauf achtet, dass jedes Detail sitzt. Eine Aufgabe, die Konzentration verlangt. Denn das Schumanns ist groß geworden.

Nach einem Streit um den Pachtvertrag zog das Schumanns 2003 um, ein paar Straßen weiter nur, an den Hofgarten. Seither hat sich vieles verändert. Mit der meterhohen Decke, dem langen Tresen und der riesigen blaugrünen Marmorplatte an der Wand gleicht das Schumanns einer Kathedrale der Barkultur, in der das Essen inzwischen ebenso wichtig ist wie die Drinks. Tische stehen aber auch draußen auf der Ludwigstraße und im Hofgarten, im Sommer einer der schönsten Plätze Münchens, sowie in der ersten Etage in einem separaten Raum. Ohne Reservierung ist es schwierig einen Platz zu bekommen. Samstags ist geöffnet, mittags ebenso. Jeden Tag gibt es eine kleine Lunchkarte und eine für den Abend. 40 Mitarbeiter sind nötig, um den Betrieb vom späten Vormittag an bis zum Morgengrauen am Laufen zu halten. Nicht zu vergessen die Tagesbar in der Stadtmitte, tagsüber Treffpunkt für Espresso und Lunch.

Zu gr0ß sei das alles, findet Schumann selbst. Dann sehnt er sich nach der kleinen überschaubaren Bar, die er einfach zusperrt, wenn ihm der Sinn danach steht. „Dann hänge ich ein Schild an die Tür, auf dem steht „Heute habe ich keine Kraft“. Er lächelt, weil er selbst am besten weiß, dass das nur eine stille Hoffnung ist. Um seine Wurzeln nicht ganz zu verlieren und die Idee der intimen Bar nicht ganz aufzugeben, eröffnete er vor vier Jahren in der ersten Etage das Fleurs Du Mal, eine Bar, in der die Gäste um einen neun Meter langen Tisch aus Walnußholz sitzen. Hier werden Cocktails zelebriert, die Karte mit ausgewählten Drinks wechselt wöchentlich. Zwanzig, dreißig Gäste, und es ist voll.

Ein bisschen so wie in „Irdische Vergnügen“, einem Text von Luis Bunuel. Er erschien bereits in Schumanns erstem Buch und er zitiert ihn noch heute gern. Im Film liest Pep Guardiola daraus, in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern häufiger Gast im Schumanns. Der Regisseur beschreibt darin die Bar als einen Ort der Meditation, als Schule der Einsamkeit. „Sie muss vor allem ruhig sein, möglichst düster und sehr bequem. Jede Musik ist verpönt, auch die entfernteste, höchstens ein Dutzend Tische, möglichst nur Stammgäste“. Und rauchen darf man natürlich auch.

Dass junge Bartender häufig ganz andere Präferenzen haben, sich Mixologen nennen, wie DJs um die Welt touren und Gastspiele in den angesagten Bars geben, ihre Unterarm-Tattoos wie ihr Ego zur Schau stellen, mit absurden Innovationen Originalität beweisen wollen, das hat mit seiner Haltung, eine Bar zu führen, nicht viel gemein. Vor kurzem machte eine Bar Schlagzeilen, die einen Drink in einem Gelatinekondom serviert. Dass der Bar-Boom, den er selbst mit ausgelöst hat, mitunter seltsame Formen annimmt, dass selbst in Hotelbars laute Musik gespielt wird und Barleute dort T-Shirts oder Hüte hinterm Tresen tragen, nimmt er mit Nonchalance. Im Film sagt er den schönen Satz: „Ich halte es wie mein Freund Yohji Yamamoto: Ich kenne alle Trends, aber sie interessieren mich nicht.“

In Schumanns Bargespräche ist einmal zu sehen, wie ein junger Kollege auf einem Symposium in Tokyo sichtbar begeistert davon, ihn zu treffen, auf ihn zukommt. Schumann erwidert die Begrüßung schroff mit dem Satz. „Was machst du hier? Reise nicht so viel in der Welt herum. Deine Bar braucht dich“. So hält er es nämlich, Charles ist immer da.
Aus diesem Grund zogen sich die Dreharbeiten für den Film über einen Zeitraum von vier Jahren hin. Schumann lässt das Schumanns nicht gern allein. „Ein Barmann muss ein guter Gastgeber für die angenehmen Gäste sein, ein Dompteur für die Schwierigen und ein Therapeut für die Traurigen“, heißt es einmal im Film. Seinen Tag beginnt er morgens in der Tagesbar, mittags wenn die Essensgäste kommen, geht er hinüber an den Hofgarten, abends verabschiedet er sich selten vor 23 Uhr. Er weiß, er ist das Gesicht der Bar. Viele Gäste gehen ins Schumanns, etwa wegen des Tartars und der Drinks, aber ebenso viele gehen zu Charles. Um ihn zu sehen, zu grüßen oder einfach nur zu beobachten, wie er die einen in die Seite boxt, Ihnen seine Hände auf die Schultern legt oder um eine seiner berüchtigten Bemerkungen aufzuschnappen.

Schumanns Bargespräche ist bereits Marieke Schröders zweiter Film über Schumann. Der erste lief anlässlich seines 75. Geburtstags. Sie begleitete ihn auf einer Reise in die Oberpfalz, auf den Hof, auf dem er aufwuchs und nach Frankreich, wo er seine ersten Erfahrungen im Nachtleben sammelte und wo aus Karl-Georg Charles wurde.
„Was mich an ihm am meisten beeindruckt, ist seine Neugier. Seine innere Haltung ist äußerlich sichtbar. Seine geraden großen Schritte und die Art, wie er die Beine gleichzeitig schlaksig von sich wirft, das ist genau die Kombination, die Charles ausmacht. Und was man nicht vergessen darf: Charles ist ein wahnsinnig schöner Mann.“

Dass Schumanns Ausstrahlung weit über den Tresen hinausreicht entdeckte als erster Werner Baldessarini. Der Designer machte Schumann zum Testimonial für sein Männermode Label. Es machte Schumann weltweit auch bei Menschen bekannt, die noch nie einen Fuß in eine Bar gesetzt hatten. Eine Reihe von Modeljobs folgten, wer immer ihn fotografierte, er verkörperte die Sehnsucht, nach einem erfüllten Männerleben, dem Typus Mann, der eins mit sich ist und nicht stehen bleibt.

Der Film zeigt ihn einmal, wie er einen alten Kollegen in Tokyo besucht. Als der ihn fragt, wie er das Mixen gelernt habe, antwortet Charles seelenruhig: „Mit Wasser“. Irritiert hakt der Andere nach: „Wenn man Wasser mit Wasser mischt, dann wird es am Ende nach Wasser schmecken. Wie soll man auf diese Weise herausfinden, ob das Verhältnis unterschiedlicher Spirituosen stimmig ist?“ Charles bleibt dabei. Und lächelt.

Sein Gegenüber mit einem Rätsel zurückzulassen, mit einem Satz, der nach Erwiderung verlangt, oder einem schlagfertigen Konter, diese Praxis des Bardialogs hat er über die Jahre kultiviert und zu einer eigenen Kunstform entwickelt, die auch davon lebt, dass sich in ihr manch charmante Bosheiten verbirgt.

Was auch dazu führte, das ihn in München zwar jeder kennt, aber durchaus nicht jeder gut auf ihn zu sprechen ist. Seine direkte und gelegentlich auch rigide Art Menschen, die er nicht mochte, hinaus zu komplementieren ist berüchtigt. Mancher trägt ihm eine Zurückweisung bis heute nach. Heute, im Rückblick und etwas milder geworden, sagt Schumann, er müsse sich bei vielen Menschen entschuldigen.

76 Jahre ist er mittlerweile. Sein Gesicht ist immer leicht gebräunt, zweimal in der Woche geht er zum Boxtraining, am Samstagnachmittag spielt er Fussball. An den Wochenenden lernt er japanisch, er ist gut in Form. Und dennoch: Er denkt darüber nach, wie es weitergehen könnte. Ist das Schumanns noch das Schumanns, ohne Charles? Wird sein Sohn Marvin, benannt nach dem ehemaligen Boxchampion Marvin Hagler, es einmal übernehmen? Noch hat er keine Antwort darauf. Seit 30 Jahren schimpft er auf München und droht seinen Stammgästen eine kleine Bar irgendwo am Atlantik zu eröffnen. Bislang blieb es bei der Drohung. Inzwischen hat er einen anderen Plan. Das Schumanns soll weitergeführt werden, wie auch immer. „Aber ich möchte mich gerne öfter ausklinken. Dann werde ich drei Monate mal hier leben und drei Monate dort. Drei Monate in einem spanisch sprechenden Land, dann ein halbes Jahr nach Kyoto. Und auch mal in einer Stadt leben, wo man nur englisch spricht. Und wenn ich dann noch einen Platz finden würde, an dem ich sage: „Da bleibe ich!“, das wäre großartig.“