Immer wieder sonntags

Früher war Sonntag der Tag, um den Rausch auszuschlafen. Jetzt ist er der wichtigste Tag für die Familie – und der, an dem am meisten gestritten wird. Warum eigentlich?

 

Aus der Ferne betrachtet, sagen wir von Mittwochabend aus, scheint der Sonntag ein großes Versprechen zu sein. Wie kein anderer Tag bietet er alle Möglichkeiten, weil er uns eine Ressource schenkt, die an Wochentagen immer knapp ist: Zeit. Zeit, über die wir selbst bestimmen. Zeit, Freunde zu treffen, Zeit, Ruhe zu finden, Zeit, sich gehen zu lassen, Zeit, Pläne zu machen. Doch je näher er rückt, umso deutlicher zeigt sich auch der tückische Charakter des Sonntags, insbesondere für Familien.

Der Sonntag weckt Erwartungen, und was es kompliziert macht: bei jedem andere. Das lässt sich zum Beispiel Woche für Woche in den einschlägigen Parks beobachten. Ein Blick in ermattete, kompromisssatte Gesichter, in Mienen von Vätern und Müttern, die angestrengt ihre Unzufriedenheit überspielen, genügt, um zu begreifen: Keiner macht, was er will. Welche Szenen zwischen Schlafanzughosen, Croissantkrümeln und zerknitterten Zeitungen bereits hinter ihnen liegen, wie sie gerungen haben, ehe sie aufbrachen zum finalen Spaziergang sonntagnachmittags im Park, es ist zu erahnen. Sonst wäre man ja nicht ebenfalls hier und reihte sich ein in die Kinderwagenkolonne.

Als ich Vater wurde, stellte ich mir den Sonntag als eine Art Familienfeiertag vor. Nicht wegen der Tradition oder der Religion, sondern weil alle Zeit haben. Inzwischen weiß ich, dass das nicht so einfach ist. Das fängt schon damit an, dass der Sonntag genauso früh beginnt wie der Rest der Woche. Und nur, weil man nun Vater ist, vergisst man ja nicht einfach, wofür der Tag früher einmal stand. Sportexzesse. Tage, an denen man ein ganzes Buch gelesen hat. Tage, an denen man einen ausführlichen Mittagsschlaf hielt. Jetzt hat auch meine Lebensgefährtin Vorstellungen von einem perfekten Sonntag. Und unser Sohn? Noch spricht er nicht darüber, aber vermutlich hat er auch schon Ideen.

Dazu kommt, dass der Sonntag auch noch als Zeitreserve für alles Aufgeschobene, Unerledigte, Lästige herhalten muss. Steuererklärungen. Möbelrücken. Anrufe bei Verwandten. Sonntag ist auch Tag des schlechten Gewissens.

Es gibt also reichlich Möglichkeiten, den Sonntag zu ruinieren – doch auch ein paar Strategien, ihn zu überstehen. Die erste: Den Sonntag planen. Keiner Verabredung aus dem Weg gehen, keine Einladung ausschlagen. Das spart langes Nachdenken, gibt dem Tag Struktur und kann natürlich ganz furchtbar enden. Die zweite: Den Sonntag auf sich zukommen lassen. Allein die Vorstellung, einmal nichts zu müssen, kann enorm entspannen. Auf seine Intuition zu setzen und spontanen Eingebungen zu folgen, kann dem Sonntag sehr überraschende Wendungen geben. Und ebenfalls furchtbar in die Hose gehen. Die dritte: Rituale pflegen. Sonntagszeitungen besorgen. Erst mittags anziehen. Gemeinsam kochen. Tatort schauen. Macht den Sonntag überschaubar, dimmt die Erwartungen und kann in seiner 134. Wiederholung furchtbar langweilig sein.

Mit allen drei Strategien habe ich gute wie schlechte Erfahrungen gemacht und die Erkenntnis gewonnen: Keine Antwort auf die Sonntagsfrage ist richtig, wenn man sie zur Regel erklärt. Wer sich den Sonntag zum Freund machen will, muss genau wissen, was er von ihm will. Woche für Woche.