Welches Geheimnis nimmt ein Vater mit ins Grab?

„Vielleicht stellen wir unseren Eltern zu Lebzeiten zu wenig Fragen“, sagt der Autor Philip Reichardt.  Kann man das posthum nachholen?

 

BRIGITTE: Zeigen Sie mir bitte Ihre Brieftasche?

Philip Reichardt: Hm. Bitte schön.

 

Sie sagen, ein Portemonnaie reiche aus, den Kosmos seines Besitzers aufzuspannen.Was für einen Menschen sehen Sie?

Erst mal jemanden, der eine neue Brieftasche bräuchte . . . Aber wenn ich da trotzdem mal reingreife: Betriebserlaubnis für eine Vespa, FC-Bayern-Jahreskarte, Fitness-Club, die Key-Card eines Hotels aus Vorarlberg, die ich versehentlich mitgenommen habe. Und dann noch ein ganzer Packen Quittungen.

Das sagt eine Menge über den Besitzer. Sie haben das mit dem Leben Ihres verstorbenen Vaters versucht und darüber ein Buch geschrieben*. Anstatt seiner Brieftasche hatten Sie eine ganze Wohnung.

 

Dort fing ich an. Es war meine letzte Chance, Antworten von ihm zu bekommen . . . .

 

. . als posthumer Fährtenleser. Was war das für ein Gefühl?

Anfangs kam ich mir vor wie ein Eindringling, der in Sachen stöberte, die ihn nichts angehen. Ständig dachte ich: Du hast hier nichts verloren. Das sind nicht deine Sachen.

Sie hätten ihn ja auch schon zu Lebzeiten fragen können.

Sein Tod kam völlig unerwartet, und da erst wurde mir bewusst, wie wenig ich über ihn weiß. Ich hatte das Gefühl, ich hätte etwas versäumt. Fragen nicht gestellt, Gesprächsangebote ignoriert. Diesen Fehler wollte ich nicht noch mal machen. Mit der Zeit merkte ich, dass diese Wohnung meines Vaters hoch spannend war. Wie ein Archäologe arbeitete ich mich durch, Schicht für Schicht, kartografierte gelebtes Leben. Ich habe sogar ein Faible für Leitz-Ordner entwickelt.

Was erzählen denn schnöde Unterlagen?

Selbst in Kontoauszügen und Amtsschreiben wird ein Mensch sichtbar. Am Zustand seiner Wohnung konnte ich ziemlich gut ablesen, wie dort gelebt wurde, vor allem aber, wie nicht. In der Küche hatte er die letzten 20 Jahre höchstens Wasser heiß gemacht, das Sofa war begraben unter Videokassetten. Es ist nicht so, dass da plötzlich ein komplett anderer Mensch auftaucht. Aber ich bekam einen anderen Zugang. Mir hat das geholfen, zu verstehen, warum er so war, wie er war.

Zum Beispiel?

Für mich war es eine ganz wichtige Einsicht zu sehen, dass auch mein Vater ein Sohn gewesen ist.

Klingt banal …

 … ist es aber nicht. Ich habe verstanden, wie sehr mein Großvater, den ich nie kennen gelernt habe, meinen Vater geprägt hat. Bei den Recherchen habe ich Briefe von ihm an meinen Vater gefunden. Und ich wäre fast vom Stuhl gefallen: Nahezu identische Briefe hat mein Vater an mich geschrieben. Der Ton: „Mein Junge, warum höre ich nichts von dir? Warum kümmerst du dich nicht um deinen alten Vater. . . “ Er hatte diese Art Vaterhaltung offenbar einfach übernommen.

 

An Ihrem Vaterbild mussten Sie einiges korrigieren. Kleine Dinge: Die vier Bände von Kempowskis „Echolot“, als groß­artiges Geburtstagsgeschenk gelobt, jetzt fanden Sie sie originalverpackt im Regal. Aber auch, dass seine Familie gar nicht aus Schlesien, sondern aus Sachsen stammte, dass seine Mutter starb, als er 14 Jahre alt war und nicht, wie er immer erzählt hatte, drei. Warum wussten Sie so wenig?

Er sprach nicht gern über Vergangenes, vielleicht habe ich ihm auch zu wenig Fragen gestellt. Da bin ich ja nicht allein. Wen ich auch frage, ganz egal, in was für einer Familienkonstellation jemand ist, ob er seinen Vater gar nicht kennt, ob er ein Scheidungskind ist oder mit einem Vater aufgewachsen ist, der jeden Tag am Frühstückstisch saß. Jeder, wirklich jeder, hat mir bestätigt: Wenn du mich so fragst – über meinen Vater, da gibt es so einiges, was ich nicht weiß.

Ist das ein Vater-Sohn-Problem? Sind Mütter einfach zugänglicher?

Ich denke schon. Meine Mutter hat aus ihrem Leben nie so ein Hehl gemacht. Ich kenne die Geschichte ihrer Familie, ihrer Großeltern und auch einer Generation davor. Die meines Vaters praktisch nicht.

Sicher auch ein Generationenproblem: Die einen wollen nicht richtig erwachsen werden, die anderen für immer jung bleiben.

Ja, das ganze Verhältnis ist ins Rutschen geraten. Das erleichtert die Verständigung nicht gerade. Man lernt seine Eltern kennen, wenn sie schon fast die Hälfte ihres Lebens hinter sich haben. Wie wurden sie aber zu denen, die sie sind? Was hat sie geprägt? Das sind die spannenden Fragen.

Glauben Sie, die Babys von heute werden später mal weniger Kommunikationsprobleme mit ihren Eltern haben?

Schwierig, da eine Prognose zu stellen. Jedenfalls bestehen zwischen den Männern, die jetzt Väter sind, und ihren Kindern viel mehr Gemeinsamkeiten. Da muss ich mir nur meine Freunde ansehen, die jetzt Väter sind. Die holen ihre alten Panini-Sammelbilder hervor und bereiten ihre Jugend noch einmal auf. Gemeinsame Grundlagen vereinfachen die Verständigung enorm.

Vergangenheit wird wiederbelebt. Wie viel müssen wir von unseren Eltern wissen?

Mag sein, dass manche mit Unwissen leben können. Ich denke aber, man sollte sich schon über zentrale Motive und Wendepunkte im Leben der Eltern im Klaren sein. Ich glaube, es befreit, sich diese Prägungen bewusst zu machen. Denn so selbstbestimmt unser eigenes Leben auch scheinen mag, viele Themen kommen einfach aus der eigenen Familie.

Ihr Vater war bei Kriegsende 16. Haben Sie mit ihm über den Krieg gesprochen?

Mein Vater senkte immer die Augen, wenn das Gespräch darauf kam – und ich bin verstummt vor seinem Leiden. Heute denke ich, ich habe zu viel Rücksicht genommen. Rücksicht hält Dinge unter dem Deckel. Mitunter ist es nötig, schmerzhafte Fragen zu stellen.

Welches Geheimnis nimmt ein Vater mit ins Grab?

Meiner mehr als eines. Daran ist auch nichts verkehrt, es geht ja nicht darum, die DNS der Eltern zu entschlüsseln. Das Undurchschaubare in der Figur des eigenen Vaters trägt maßgeblich zu der Ausstrahlung bei, die er für seine Kinder hat. Bei uns in der Familie gab es zum Beispiel die Sache mit Hildegard Knef. Da war was zwischen Vater und ihr. . .

Hat er Ihnen das erzählt?

Ich wusste, dass mein Vater sie irgendwie kannte. Aber nicht, woher und wieso. Wenn die Knef im Fernsehen war, dann kam nur so ein kleines Lächeln von meinem Vater, „Ach ja, die Hilde, Mensch, lange nicht mehr gesehen“. Und wenn ich nachfragte, hieß es nur: „Wir kannten uns. Von früher. Damals eine schöne Frau.“ Er wollte darüber nicht reden.

Sie haben es trotzdem herausbekommen.

Nicht alles. Ich habe Fotos von ihr gefunden, mit Widmungen für ihn. „Love Hilde“, stand darunter. Aber es blieb alles im Ungefähren. Er ist wohl als junger Reporter, kurz nachdem er meine Mutter kennen gelernt hatte, Anfang der fünfziger Jahre ein paar Tage mit Hildegard Knef umhergereist. Meine Mutter wollte dann mehrere Monate lang nichts von ihm wissen. Aber was da wirklich passiert ist, weiß ich nicht. Seitdem gehört die Geschichte mit Hildegard Knef zum Familienmythos . . .

. . . der fast die Ehe Ihrer Eltern verhindert hätte. Wozu sind Familienlegenden da?

Sie definieren das gemeinsame Familienwissen, sind eine Möglichkeit, sich nach außen abzugrenzen. Wer die Geschichte kennt, gehört dazu. Egal, ob sie nun stimmt oder nicht. Und zum anderen funktionieren solche Geschichten als Metaphern. So wie bei uns ein Erlebnis meines Vaters in den letzten Kriegsmonaten. Es bestand im Wesentlichen aus drei Stichworten: Dresden, Greta, Löschteich. Ohne dass er je im Detail darüber sprach, hatte ich die Geschichte so verstanden, dass er nie so viel Angst hatte wie damals. Und dass die Idee von Greta, an einem Löschteich Schutz zu suchen, ihm das Leben rettete.

Und was sagt Greta heute dazu?

Ihre Version geht so: Tatsächlich kam er Ende Januar 1945 nach Dresden ins Lazarett. Dort haben sie sich getroffen und ineinander verliebt. Zwei Tage vor dem ersten Angriff sahen sie sich das letzte Mal. Sie verbrachten die Bombennächte also gar nicht gemeinsam. Doch er hatte das Gefühl, dass es die Liebe zu Greta war, die ihm das Leben gerettet hat.

 

INTERVIEW: GEORG CADEGGIANINI

 *Philip Reichardt: Auf einmal war er nicht mehr da. Ein Sohn, ein Vater, eine Spurensuche. 251 S., 19,95 Euro, Luchterhand Literaturverlag