Auf einmal war er nicht mehr da

Was wissen wir über unsere Eltern? Nach dem Tod seines Vaters beschäftigte sich Philip Reichardt mit dieser Frage und schrieb ein Buch darüber

Bis zu dem Tag, an dem er starb, glaubte ich meinen Vater gut zu kennen. Ich kannte seine Vorlieben, seine Eigenheiten, seine Empfindlichkeiten. Ich wusste, welchen Humor er schätzte, welche Filme und welche Bücher. Es fiel mir nicht schwer, an der Art, wie er aus dem Auto stieg, auf seine Laune zu schließen.

Von kleinauf vertraut waren mir auch viele der Geschichten, die er immer wieder erzählte. Manche klangen abenteuerlich, manche mündeten in ziemlich komischen oder abstrusen Pointen. Als ich älter wurde, kamen natürlich Zweifel auf, ob sich wirklich alles genauso zugetragen hatte, wie er es erzählte und irgendwann durchschaute ich auch seine Technik des  Hinzufügens und Weglassens. Doch darauf kam es gar nicht an. Seine Erzählungen fügten sich mit den Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Jugend und später mit ihm machte zu einem Bild  seines Lebens, das mich alles in allem zufrieden stellte. So war er eben, der Vater.

Dass ich doch nicht so gut Bescheid wusste über meinen Vater, wurde mir wenige Stunden nach seinem Tod zum ersten Mal bewusst. Genaugenommen, als es um die Frage ging, wie er beerdigt werden sollte. Darüber hatten wir nie gesprochen, er hatte dazu nichts hinterlassen und ich hatte mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Einen Tag lang hatten meine Familie und ich Zeit, eine Entscheidung zu treffen. In diesen Stunden setzte sich ein Mechanismus in Gang, der mich die nächsten Jahren über beschäftigen sollte. Nun, da er nicht mehr da war, sah ich in seinem Leben überall nur Lücken, Fragen und Rätsel.

Sein Tod kam völlig unerwartet, nichts schien darauf hinzudeuten. Oder doch? Hatte ich möglicherweise Hinweise übersehen? Ahnte er insgeheim, dass er am Ende seines Lebens angekommen war? Telefonate in den Wochen zuvor erschienen auf einmal in einem anderen Licht. Hätte ich damals genauer hinhören und reagieren müssen? Jede Antwort brachte neue Fragen hervor.

Ich räumte seine Wohnung – zunächst mit Widerwillen, schließlich mit dem Eifer eines Archäologen – leerte Schränke und Regale und fragte mich, wie es dazu kam, dass ich so wenig über ihn wusste. Unser Verhältnis war so normal wie es zwischen Vater und Sohn nur sein kann, nicht unbedingt innig, doch es stand auch kein Zerwürfnis im Weg, das vertraute Gespräche von vornherein unmöglich gemacht hätte.

Wenn wir uns trafen, unterhielten wir uns darüber, was eben so anstand. Wir tauschten Neuigkeiten aus, nahmen durch, was wir in der Zeitung gelesen hatten, kommentierten Formel-1 und Fußballergebnisse, er erzählte von seinem Pferd oder seinem Hund, ich von meinen Plänen. Ich möchte diese Gespräche nicht missen, doch im Nachhinein erschienen mir unsere Unterhaltungen einer ausgeklügelten Choreografie zu folgen, die jede Anstrengung und Berührung vermied, die schmerzhaft hätte sein können.

Was mir nun so überaus wissenswert erschien, war gar nicht einmal neu. Es ging um Fragen, die ich mir schon gestellt hatte, manche auch ihm. Nun, da er nicht mehr darauf antworten konnte, erlangten sie allerdings eine Dringlichkeit wie nie zuvor.

Hatte er auf Menschen geschossen als 15-Jähriger Flakhelfer, gar einen getötet? Wann und kam hatte er begriffen, was für eine mörderische, abartige Idee hinter dem Nationalsozialismus steckte? Warum erzählte er so wenig von seinem Vater? Wie war das mit seiner Mutter, von der es immer nur hieß, sie sei früh gestorben? Was genau hatte ihn so fasziniert an Amerika, als er mit einem Stipendium ein Jahr in den USA verbrachte und gar nicht mehr zurückkehren wollte?

Mein Vater war 35 bei meiner Geburt, 73, als er starb. An die ersten sechs Jahre meines Lebens habe ich wie viele andere auch nur wenige und nur sehr schemenhafte Erinnerungen. Zu dem Zeitpunkt, als meine Erinnerung allmählich einsetzt und stärker wird, war also schon mehr als die Hälfte seines Lebens vorbei. Die folgenden 12 Jahre, also etwa bis zu meiner Volljährigkeit, nahm ich meinen Vater aus der Perspektive des Kindes und Jugendlichen wahr. Zunächst als Helden, bis ich mich irgendwann auf Augenhöhe fühlte, zunächst nur körperlich,  mit zunehmender Unabhängigkeit auch auf andere Weise. Bleiben 15, vielleicht knapp 20 Jahre, in denen ich ihn mit erwachsenem Bewusstsein wahrnahm, 20 Jahre, auf denen das Gros meiner Beobachtungen, Erfahrungen und Urteile über ihn beruhen. Seine letzten 20 Jahre.

Ich begann mein Wissen über ihn, das Geflecht aus Erinnerungsfetzen, Zitaten und Anekdoten, zu entwirren. Woher wusste ich, was ich wusste? Ich staunte, dass meine Vorstellung von der Ehe meiner Eltern allein auf ein paar Fotografien beruhte. Überrascht war ich auch, welche Rolle all die Legenden spielten, auf die innerhalb unserer Familie immer wieder angespielt und Bezug genommen wurde. Welche Rolle etwa spielte die Bekanntschaft mit Hildegard Knef für die Ehe meiner Eltern? Die meisten von ihnen stammen aus den 50er Jahren, der Zeit, als mein Vater begann zu arbeiten und eine Familie gründete. Ich entdeckte, wie vage diese Geschichten waren, dass sie ohne Anfang und Ende auskamen und ihre Existenz als Nebensätze fristeten. Und, wie sich in einigen Fällen herausstellte, hatte das meistens auch gute Gründe. Je weiter ich zurückging in der Biographie meines Vaters, umso verschwommener wurde das Bild.

Mit ihm über seine Zeit im Krieg zu sprechen, war nicht leicht. Wenn es ging, vermied er es. Doch im Laufe der Jahre kam immerhin so viel zusammen, dass ich begriffen hatte, dass dies die finstersten Jahre seines Lebens gewesen sein mussten. Irgendwann machte ich mich daran, jede Geschichte, jedes Detail zu notieren, das mir einfiel. Nach einigen Wochen und etlichen Anläufen standen ganze fünf Stichworte und Sätze in meinem Notizbuch.

Ich empfand Scham beim Anblick dieser dürftigen Ausbeute. Erst als ich mich unter Gleichaltrigen umhörte, wurde mir bewusst, dass mein Unwissen eher Regel-, denn Einzelfall war, und zwar unabhängig davon, in welcher Konstellation und unter welchen Bedingungen einer aufwuchs.

Ich stellte Nachforschungen an, stieß auf Briefe, die der Vaters meines Vaters an ihn geschrieben hatte und entdeckte ein Tagebuch aus dem Jahr 1946, da war er 17. Ich recherchierte in Archiven, sprach mit alten Bekannten, identifizierte alte Fotos und näherte mich einer grundsätzlichen Frage: Gibt es das überhaupt, eine Art Kanon, was ein Sohn über seinen Vater, eine Tochter über ihre Mutter wissen wollte? Liegt es nicht in der Natur der Dinge, dass Söhne ihre Väter nur in Umrissen kennen? Liegt nicht gerade im Unausgesprochenen und Undurchschaubarem ihre Macht und ihr Mysterium, die ihnen Deutungshoheit, Respekt und Bewunderung der Söhne sichert?

Ich fand eine Menge heraus, wenn auch längst nicht alles, was ich wissen wollte. Manches Rätsel lösten sich, Lücken schlossen sich, manche nebulöse Andeutungen entfalteten ihren Sinn, und so setzte ich mir das Bild vom Leben meines Vaters noch einmal neu zusammen.

Man mag sich fragen: muss das sein? Ist es wirklich notwendig über die Vergangenheit seiner Eltern Bescheid zu wissen? Nein, bestimmt nicht. Es ist nur ungemein erhellend. Die Geschichte seiner Eltern zu kennen, heißt nicht, sie zu idealisieren, sondern schafft erst die Voraussetzung dafür, sich von ihr lösen zu können und sie nicht wie ein unsichtbares Erbe ein Leben lang mit sich herumschleppen zu müssen. Zu begreifen, inwieweit und worin man sich von ihnen unterscheidet, wie sie Einstellungen prägten, und auf welche Weise Muster ihres Lebens sich im eigenen fortsetzen, heißt, die eigenen Spielräume zu vergrößern und die Chancen der eigenen Entwicklung zu erkennen. Es bedeutet, sich selbst aus der eigenen Geschichte heraus zu verstehen.