„Der Berg muss gefährlich bleiben. Wenn ein Berg nicht mehr tödlich ist, wird er zur Attrappe“

Kaum einer kennt die Gebirgslandschaften dieser Welt besser als der Südtiroler Reinhold Messner. Heute kämpft er wortgewaltig  gegen die Verhunzung der Alpen. Philip Reichardt sprach mit ihm auf Schloss Firmian bei Bozen, wo er eines seiner fünf Bergmusseen eingerichtet hat. 

ALPS: Über welches Erlebnis in den Alpen haben Sie sich zuletzt gefreut?

MESSNER: Vor zwei Wochen bin ich mit meinem Sohn Simon die Langkofel-Nordwand geklettert. Mit dem eigenen Sohn zu klettern, ist natürlich ein starkes Erlebnis. Aber wenn man älter, ungeschickter und langsamer wird, ist das extreme Unterwegssein in einer großen Felswand nicht mehr so einfach. (Messner ist 67, sein Sohn 19.)

A: Und worüber haben Sie sich in den Bergen zuletzt geärgert?

M: Ich ärgere mich generell nicht mehr. Es lohnt sich nicht. Ich bin ein solitärer Gestalter und versuche Dinge so zu machen, wie ich es für richtig halte.

A:  Sie haben sich den Alpen auf unterschiedliche Arten genähert: als Bergsteiger, als Autor und Filmemacher, als Museumsgründer, als Biobauer und auch als Politiker…

M: Ja, aber als Abgeordneter im Europaparlament hat man kaum Möglichkeiten, die Alpen in den Mittelpunkt zu stellen.

A: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie: „Die Wahrnehmung der Alpen verändert sich mit der Entfernung.“ Wie ist das zu verstehen?

M: Ein Mensch, der in den Alpen lebt, nimmt sie ganz anders wahr, als ein Mensch, der in der Stadt lebt. Die allermeisten Menschen nehmen die Alpen heute als Postkarten-Idylle wahr

A:  Das ist die Wahrnehmung der Städter. Wie empfindet ein Mensch, der in den Alpen lebt und arbeitet?

M:  Für den Bergbauern bedeuten die Alpen Mühe. Er muss steigen, um seine Tiere auf die Alm zu treiben oder Holz zu schlagen. Als Jäger holt er da oben eine Gämse. Dafür steigt er ausnahmsweise bis knapp über den Waldrand. Er weiß: Weiter oben ist nichts zu holen. Kein Teufel könnte ihn treiben, höher hinaufzusteigen. Höher hinaufzusteigen ist für ihn nutzlos. Die Landschaft oberhalb von 2400 Metern haben Bauern früher als wertlos angesehen. Die Idee, auf Gipfel zu steigen, kam erst mit der Aufklärung in der Romantik aus industrialisierten Stadtregionen; aus England, vor allem  Manchester, wo die ersten Industrien entstanden, von dort kamen die ersten Bergsteiger. Später haben Städter die Alpenvereine aufgebaut und versucht, sich die Hochgebirgsregion anzueignen. Aber denen gehören die Alpen nicht! Wenn schon, gehören sie den Leuten, die dort leben.

A: Stadtmenschen haben für Sie zuviel Einfluss auf die Alpen?

R: Ja. Sie sind politisch besser organisiert, in Gesinnungsvereinen, wie ich sie nenne. Bergbauern gibt es wenige und sie haben keine Lobby.

A: Aber unter den Städtern gibt es doch auch viele Naturschützer…

M: Selbsternannte Naturschützer haben oft wenig Ahnung von der Natur der Gebirge, das muss ich leider sagen. Was sie tun, damit eine Wiese grün bleibt, Bäche oder Wälder gesunden, ist kontraproduktiv. Naturschutz als Selbstzweck, um sich in den Medien wichtig zu machen. Es begann in den 70er Jahren. Umweltgruppen und Idealisten haben damit angefangen, die Alpen vor den Menschen zu schützen. So ist ein schräges Bild entstanden. Man hat den Blick der Romantiker übernommen und gefordert: überall Heideland! Aber die Alpen sind kein Heideland. Ohne die Bauern  als Landschaftspfleger geht die Kulturlandschaft kaputt.

A: Halten Sie Naturschutz für überflüssig?

M: Nein, aber die Bauern haben sich über Jahrtausende selber vor der Natur geschützt. Ein Bergbauer konnte nur überleben, wenn nicht Muren oder Lawinen auf seinen Hof herabgingen. Das war nur möglich, wenn er den Wald über sich pflegte. Die nachhaltige Waldbewirtschaftung ist viel älter als die Öko-Bewegung. Der Städter hat das alles verlernt. Nur dort, wo die Stadtkultur hinkommt, gilt es heute die Alpen vor den Menschen zu schützen.

A: In vielen Gegenden der Alpen verlassen die Menschen ihre Heimat, weil sie keine Zukunft haben.

M: Ja, der ländliche Raum verödet, Straßendörfer breite sich allerorten aus. Städte wie Innsbruck, Lausanne, Bozen wachsen mächtig.

A: Verödung und Verstädtertung – beide Entwicklungen entwerten die Alpen. Sehen Sie einen Ausweg?

M: Handeln, ein Stück Land kaufen und anpacken. Nicht reden, machen! Verantwortung für ein Stück Alpen übernehmen und versuchen, es besser zu machen.

A: Stadtmenschen, die Land in den Alpen kaufen, haben oft ganz andere Motive.

M: Da genau liegt der Fehler. Landschaftsverbrauch, Schlafburgen, im Grunde sollte unsere Landesregierung verbieten, dass jemand in Südtirol eine Zweitwohnung kauft. Cortina d‘ Ampezzo zum Beispiel besteht bald nur noch aus Zweitwohnungen. Wenn die Einheimischen abwandern, wird der Ort zu einer Ruine verkommen.

A: Viele Städter spüren eine enorme Sehnsucht nach Natur, nach Rausgehen, nach Landleben.

M: Alles schön und gut, aber die Alpen können nicht ersetzen, was in den Städten fehlt. Die allermeisten gehen ja nicht in die Natur, sondern dorthin, wo alle Infrastrukturen da sind und Wohnsiedlungen gebaut werden.

A: Werner Bätzing, der Wissenschaftler, Alpenforscher und Kulturgeograf spricht von drei Sichtweisen, die das Bild der Alpen prägen: die schrecklichen Berge, die romantischen Berge und die Berge als Sportgerät.

M: Dem stimme ich völlig zu. Ich bin nicht glücklich damit, dass die Berge ein Sportgerät sind. Die Leute bewegen sich heute zu 99 Prozent auf wenigen, präparierten Wegen und Pisten. Was in den 30er Jahren mit dem Skifahren passiert ist –Hänge wurden präpariert, Seilbahnen gebaut, Pisten angelegt – passiert jetzt beim Bergsteigen.

A: Soll etwa jeder seine eigenen Wege in den Bergen gehen?

M: Ich hätte nichts dagegen, wenn sich die potentielle Gästeschar gleichmäßig über die Alpen verteilen würde, dann hätten wir alle viel mehr Platz.  Aber die allermeisten finden „ihre“ Wege gar nicht. Wege sind entstanden, weil Menschen den Wildwechseln folgten. Auf den gleichen Wildwechseln wurden die Tiere hoch und runter getrieben, so sind Jäger-und Hirtensteige entstanden. Auf diesen Trassen haben die Bergsteiger dann ihre Wege angelegt und markiert. Dort sind die Massen unterwegs. Der Massentourismus ist nicht das Problem, die Verteilung ist es.

A: Liegt in der Natursehnsucht der Städter nicht auch eine Chance?

M: Ja, wenn sie nicht die Stadtkultur in den Bergen suchen. Ich habe nichts dagegen, dass die Leute in die Berge gehen, im Gegenteil. Wichtig ist das Verständnis der Berge: Bis etwa 2400 Meter gibt es eine kleinräumige alpine Kulturlandschaft. Bis dorthin gibt es Wege, man kann gehen und biken. Darüber ist der Bergwald, im Idealfall Naturlandschaft, beide Landschaften bilden eine Einheit. Dort beginnt die Eigenverantwortung. Diese Barriere muss es weiterhin geben, wie einen Zaun, an dem die Angst beginnt. Der Berg muss gefährlich bleiben, weil man auf ihm umkommen kann. Wenn ein Berg nicht mehr tödlich ist, wird er zur Attrappe.

A: Wenn man montags in die Zeitungen schaut, sind sie immer voll mit Bergunfällen.

M: Leider ja. Berge sind immer noch gefährlich. Wenn alle das wüssten,  würde viel weniger passieren. Und wenn es die Hubschrauberrettung nicht gäbe, müssten Sozialpolitiker das Bergsteigen verbieten.

A: Wie wird sich das Bergsteigen künftig verändern?

M: Das klassische Bergsteigen wird sich mehr und mehr verlieren. Die großen Routen in den Dolomiten wurden in den 60er Jahren zehnmal so oft geklettert wie heute. Es gibt auch weniger Kletterer in den großen Wänden. Die Kletterer sind inzwischen  neben der Straße, an den Randfelsen. Da sind die wirklich schwierigen Wege, wo alle zwei, drei Meter ein gebohrter Haken steckt. Man soll nicht wirklich abstürzen können. Mir soll’s recht sein.

A: Verliert das Bergsteigen für Sie durch verbesserte Sicherheitsmaßnahmen an Reiz?

M: Das Wertvollste, das ich von oben herunterholen kann, ist Erlebnis. Und dieses Erlebnis hängt nicht davon ab, wie schwierig, wie gut, und wie hoch ich klettere, sondern vom Verhältnis meines Know-how, meiner Erfahrung, meines Könnens zur Herausforderung, die ich annehme. Derjenige ist der erlebnisoffenste Alpinist, der auf fast alle Technologie verzichtet und zugleich in der Lage ist, aufzuhören, wenn er Angst bekommt.

Die Alpen Adria Passage

Wenn schon ein neuer Tunnel durch die Alpen gegraben werden muss, warum nicht einer für Schiffe? Diese Frage stellt sich Albert Mairhofer seit sieben Jahren. Längst hat er ein Konzept für einen gigantischen Kanal  zwischen Hall in Tirol und Meran entwicklt. Und er findet  für seine Idee viele überzeugende Argumente

 

Zu erkennen sei er an seiner Aktentasche, ließ er vorab wissen. In einer großen Stadt wäre das gewagt, doch am Bahnhof von Hall in Tirol ist Albert Mairhofer tatsächlich der Einzige, der mit einer schwarzen Ledertasche vormittags aus dem Zug steigt. Er hatte diesen Ort als Treffpunkt gewählt, er spielt eine wichtige Rolle in seinen Plänen. Ehe er beginnt, ihn in einem Cafe zu erläutern, holt er aus seiner Tasche zwei Mappen mit sauber abgehefteten Schautafeln, Karten und Kalkulationen hervor und breitet sie vor sich aus. Als wollte er sich vergewissern, dass seine Idee zumindest auf diese  Weise Gestalt angenommen hat und nicht nur in seinem Kopf existiert.

Es ist eine Idee von gewaltiger Dimension. Ein Jahrhundertprojekt. Es geht um die großen Themen, Energie Verkehr, Umwelt, es hätte Auswirkungen für ganz Europa. Donau- Tirol-Adria-Passage hat er sein Projekt getauft. Es würde einen anderen Plan, der bereits viel weiter gedeihen ist als der seine, überflüssig machen. So sieht Albert Mairhofer das. Er will mit dem Schiff durch die Berge.

Das klingt ziemlich verrückt, größenwahnsinnig. Und steht in einem sonderbaren Gegensatz zu Mairhofers bescheidenem wie überaus korrektem Auftreten. 67 Jahre ist er alt, er trägt ein graues Jackett zu grauen Schläfen und grauem Schnauzbart, dazu ein rosa Hemd mit rotgrau gestreifter Kravatte. Das Rätsel, wie das zusammenpasst, löst sich, sobald Mairhofer seinen Plan Schritt für Schritt erklärt. Natürlich hat er alles im Kopf, Zahlen, Daten, Argumente. Er spricht ohne Hast und Eile, so unaufgeregt wie einer, der ganz auf die Kraft seiner Idee und Argumente vertraut.

Kernstück seines Plans ist ein 78 Kilometer langer Kanal durch den Alpenhauptkamm, der Inn und Etsch verbindet. Zwei Röhren mit einem Durchmesser von 14 Metern, eine für jede Richtung, schnurgerade durch das Bergmassiv getrieben. Per Wasserstrahlantrieb sollen die Schiffe quasi lautlos durch den Kanal gleiten, ohne ihre Motoren nutzen zu müssen. In Hall in Tirol soll der Schiffstunnel beginnen, in Gargazon, einem kleinen Ort kurz vor Meran, enden. So entstünde eine durchgehende, 700 Kilometer lange Wasserstraße von Passau nach Venedig, über den Rhein-Main–Donau-Kanal wäre die Nordsee an das Mittelmeer angebunden. Zunächst gut 250 Kilometer auf dem Inn, durch den Kanal, dann 85 Kilometer auf der Etsch entlang bis sie bei Mori in den Gardasee mündet. Die weitere Route führt über Mincio und Po, beziehungsweise ab Mantua über ein bestehendes Kanalsystem bis an die Adria. „Überseeschiffe müssten nicht mehr 4000 Kilometer Umweg um ganz Europa herumfahren, um ihre Ladung loszuwerden“, sagt Mairhofer, die Mittelmeerhäfen bekämen eine neue Bedeutung.

Damit 110 Meter lange Frachtschiffe auf der Tirol-Adria-Passage vorankommen, ist es mit dem Bau des Kanals alleine nicht getan: die 19 Stauwerke des Inns müssten um Schleusenkammern erweitert werden. Bei Gargazon hat Mairhofer ein gigantisches Schiffshebewerk vorgesehen: Gargazon liegt 550 Meter über dem Meer, die Etsch fließt auf einer Höhe von 250 Meter. „Man kann sich das wie einen Küchenaufzug in alten Schlössern vorstellen, von der Küche hinauf in den Speisesaal.“ Bislang  befindet sich das größte Schiffshebewerk in China, am Vierschluchtendamm, es überwindet 130 Höhenmeter. Auf italienischer Seite wartet eine grundsätzliche Herausforderung: Etsch, Mincio und Po führen zu wenig Wasser. Um ihre Pegel zu erhöhen, müsste ihnen Wasser aus dem Inn zugeführt werden. Das soll ein ausgeklügeltes System von Wasserspeichern, Stauseen und Wasserkraftwerken regeln.

Sieben Jahre ist es jetzt her, als ein Zwischenruf auf einer Bürgerversammlung den Anstoß gab für Mairhofers Plan. Es ging mal wieder um Verkehrsprobleme in Südtirol, keiner wusste weiter, als ein Zuhörer erregt rief: „Macht doch die Etsch schiffbar!“ Er meinte es höhnisch. Mairhofer aber ließ dieser Satz nicht mehr los. „Erst habe ich mich über Karten hergemacht. Dort sieht man schön, wie sich Inn und Etsch in die Alpen hineinwühlen. Bis auf ein Stück von 78 Kilometer. Da habe ich mir gedacht: wenn man einen Tunnel für den Zugverkehr bohren kann, dann doch auch einen für Schiffsverkehr.“

Damals hatten Österreich und Italien gerade ein Abkommen unterzeichnet, das den Bau des Brennerbasistunnels besiegelte: einen Eisenbahntunnel von  Innsbruck nach Franzensfeste, 55 Kilometer lang, für Güter- und Personenzüge.

Mairhofer begann zu recherchieren. Er studierte EU-Recht, Bestimmungen des Schiffsgüterverkehrs und Niedrigwasserperioden. Er kalkulierte, wie sich Wasser aus Stauseen in den Kanal leiten ließe, suchte den Kontakt zu Ingenieuren und gründete in London eine Firma, die Tirol Adria Limited. Eins kam zum anderen, sein Plan wurde immer größer.

Im Januar 2007 war er mit seinen Entwürfen fertig. Er schickte seinen Schriftsatz an die Regierungen von Tirol, Bayern und Südtirol und wandte sich an die zuständigen Ministerien in Rom, Wien, Brüssel und Berlin. Er fand, er hatte gute Arbeit geleistet und setzte auf die Überzeugungskraft seiner Argumente.

Der Kanal wäre schneller zu realisieren als der Eisenbahntunnel, sieben bis zehn Jahre veranschlagt er für den Durchstich. Beim Gotthardtunnel wird es weitere acht Jahre dauern, ehe alle Einbauten gemacht sind. Das ist der Unterschied“, sagt er. Und er wäre billiger. Acht Milliarden soll der Eisenbahntunnel kosten, rund 40 Prozent davon werden für Gleise und Einbauten veranschlagt. Allein die Probebohrungen haben bislang schon mehr als eineinhalb Milliarden Euro verschlungen. Wirtschaftsprüfer rechnen damit, dass sich die Kosten verdoppeln und sogar verdreifachen könnten. Die Finanzierung ist aber nach wie vor ungeklärt, der Baubeginn ist daraufhin verschoben worden, auf 2015. Zudem zweifeln verschiedene Gutachten am Nutzen des Eisenbahntunnels. Insbesondere, weil er von Güter– und Personenzügen befahren werden soll. Das macht die Strecke langsamer und treibt die Kosten hoch. Es sei keineswegs erwiesen, ob der Eisenbahntunnel tatsächlich den Transitverkehr durch Tirol und Südtirol verringern würde.

Im Vergleich dazu habe der Kanal nur Vorzüge. „Das Projekt ist so gut, dass sich alles andere eigentlich von selbst ergeben müsste“, dachte er damals.  Investoren, die ihre Chance wittern, Politiker, die auf den europäischen Ansatz anspringen, Umweltverbände, die sich für den Abbau von Emissionen  begeistern, so hatte er sich das vorgestellt. Doch es kam anders.

Was seither geschah, hat seinen Glauben erschüttert, dass Politik dem Allgemeinwohl zu dienen habe. Da waren die Briefe, die „mit so schönen Sätzen beginnen und meine Überlegungen loben“. Und mit guten Wünschen und einer Absage enden. Da waren Begegnungen wie die mit einem Gremium von Professoren vor. Sie hatten Interesse signalisiert und luden Mairhofer zu einem Gespräch ein. „Sie waren ziemlich überrascht. Sie hatten eine ähnliche Idee, die aber umständlicher war als die meine.“ Der Abschied fiel kühl aus. Er traf auf Politiker, die sich nicht einmal die Mühe machten, seine Idee verstehen zu wollen. Auf Ingenieure, die um öffentliche Aufträge fürchteten, wenn sie sich für seine Idee engagierten. Auf Wissenschaftler, die ganz offen darauf verwiesen, dass sie in einen Interessenkonflikt gerieten, wenn sie sich für den Kanal verwendeten. Nirgends fand Mairhofer Unterstützung. „Sie sind alle mit dem Basistunnel beschäftigt und keiner will es sich mit der Regierung verscherzen. Alle profitieren davon. Da beziehen sie ihre Gehälter. Alles andere ist lästig. Wer einen Gegenvorschlag macht, ist ein Feind.“

Nicht einmal Grüne und Umweltschützer wollten sich mit der Donau-Tirol-Adria-Passage anfreunden. „Sie sahen nur, dass es bei meiner Idee auch einen Tunnel braucht, sogar einen längeren. Die waren nur daran interessiert, gegen etwas zu sein, nicht aber an einer Alternative.“

Dabei, hat Mairhofer errechnet, schone der Kanal auch die Umwelt. Mit dem Kanal ließen sich täglich 1 Million Liter Treibstoff und 2700 Tonnen CO2 sparen. Eine Schiffsladung entspricht dem, was 82 Lastwagen oder 42 Tankwaggons transportieren. Auch bei den sogenannten Zusatzkosten schneide der Schiffsverkehr im Vergleich zu Lastwagen und Güterzug am besten ab: also bei Kosten die als Folge von Luftverschmutzung, Unfällen, Lärm, Wasser- und Bodenbelastung entstehen.

Er sagt das einfach so, beiläufig, ohne es zu betonen, als würde er dem nicht viel Bedeutung beimessen, „das ein Nebeneffekt“. Vielleicht ist das die falsche Strategie. Und einer der Gründe, weshalb seine Idee bislang so wenig Widerhall gefunden hat. Vielleicht, meint er, war auch die Idee mit der Gesellschaft in London nicht so gut. Er dachte, das gebe dem Ganzen einen internationalen Anstrich. Es kam aber eher so an, dass er seine Ziele mit Hilfe einer Briefkastenfirma verfolgt.

Irritierend für seine Gesprächspartner ist wohl auch, dass die Tirol-Adria Ltd allein aus Albert Mairhofer besteht. Er hat keine Partner, keine Berater, er macht alles selbst. Mairhofer ist weder Ingenieur noch Architekt, noch Landschaftsplaner oder Unternehmer. Mairhofer war Beamter, er leitete ein Grundbuchamt. Mit 53 wurde er früh pensioniert. „Doch ich bin seit 40 Jahren mit der Materie befasst“. Genaugenommen seit seiner Kindheit. Sein Vater besaß eine Sägewerk, es lag wie die meisten produzierenden Betriebe an einem Fluss und „so bekam ich von kleinauf mit, wie sich aus fließendem Wasser Energie gewinnen lässt“. Seither gilt der Wasserkraft seine Leidenschaft.

Wenn er vom Wasser spricht, wird er lauter. Dass Länder wie Österreich und Italien sich noch immer gegen das Überleiten von Wasser sperren, weil sie es als Eigentum betrachten, bringt ihn in Fahrt. „Wasser ist ein allgemeines Gut. Es gehört niemand. Nicht dem Staat, nicht dem Land Tirol, nicht Privatleuten. Von unserem Wasser zu sprechen, das ist ein Gedanke von vorgestern. Man muss doch sehen, wie man für die Gemeinschaft den größten Nutzen stiftet.“ Nach seiner Pensionierung baute er selbst ein kleines Wasserkraftwerk. Es versorgt rund 300 Haushalte mit Strom.

Er nimmt nun doch einmal seine Mappe zu Hilfe und blättert darin. Seine Pläne gehen noch viel weiter. Sie sehen ein System von Wasserkraftwerken vor, das die Ressourcen der Ötztaler und Stubaier Alpen nutzt. Um neben dem Güter- auch den Personenverkehr über die Alpen zu verbessern, schlägt er eine Magnetschwebebahn von Verona nach München vor. 330 Kilometer wäre die Trasse lang, die Fahrzeit würde eine Stunde betragen. Sie soll durch das Karwendel und die Kanalröhre, entlang des Deckengewölbes, führen. „Platz“, sagt er, „ist da ja genug“. Außerdem möchte er die Trasse für eine Hochspannungs-Strom- und Datenleitungen nutzen, sie biete ideale Voraussetzungen. Und am Südportal bei Gargazon sollen am Hang auf eine Breite von drei Kilometern 20 000 Terrassenwohnungen entstehen. Allein damit, hat er berechnet, ließe sich der Bau des Tunnels finanzieren. „Mit der Magnetbahn wären sie in einer halben Stunde in München. Was glauben Sie, wie viel Münchner auf einmal in Südtirol würden leben wollen!“.

Und jetzt? Wie geht es weiter mit seinem Plan? Vielleicht kommt es zu einer Volksbefragung über den Eisenbahntunnel. So wie beim Bahnhof in Stuttgart. Auch dort begannen die Proteste erst, als es eigentlich schon zu spät war.  Aber es passierte. Richtig zufrieden macht ihn diese Aussicht nicht. Er will nichts verhindern, er möchte für die bessere Alternative streiten.

Er fährt jetzt mit dem Finger über eine Alpenkarte, in die er mit Filzstift  die Wasserstraße eingezeichnet hat. So betrachtet erscheint alles so einfach, so logisch. Könnte es sein, dass er von Beginn an einen aussichtlosen Kampf geführt hat? War er einfach ein paar Jahre zu spät dran mit seiner Idee? Oder kommt die Zeit erst noch, in der sein Plan auf Interesse stößt? Er hat darauf noch keine Antwort. Wie gesagt, es ist ein Jahrhundertprojekt. Das verlangt Geduld.

„Ich mag die Natur, ich liebe sie, aber ich gehe zu ihr hinaus, sie soll nicht zu mir reinkommen“

Sechs junge Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: So sehr sich ihre Stoffe, ihre Lebenswege und Ihre Art, Geschichten zu erzählen, auch unterschieden – die Sehnsucht nach den Bergen lässt sie nicht los.

 

„Ich möchte Sie warnen“, schreibt Dorothee Elmiger ein paar Tage vor unserem Treffen. Offenbar sind ihr Bedenken gekommen, als sie in der Betreffzeile der Mail „Alps“ gelesen hatte und sicherlich war sie sich der mahnenden Strenge ihrer Worte bewusst, „ich habe zu den Alpen nicht sehr viel zu sagen.“ Nun, natürlich sollte es auch ein wenig um die Berge gehen. Immerhin ist Elmiger Schweizerin und wuchs in Appenzell auf, da wäre es seltsam, keine einzige Frage nach ihrem Verhältnis zu den Bergen zu stellen.

Der Anlass sie zu treffen ist jedoch ein anderer. Vergangenen Sommer erschien ihr erster Roman, ein Debüt, das sich sehr unterscheidet von anderen Debüts. Es ist rätselhaft, manchmal sperrig, wirkt passagenweise mehr wie eine Sammlung von Fundsachen als eine Erzählung, und trägt den schönen Titel Einladung an die Waghalsigen.

In einem Kohlerevier ist ein Feuer ausgebrochen, das unter Tage noch immer glimmt. Zwei Schwestern spüren ihrer Vergangenheit nach, sie erkunden die Geschichte des Ortes, sie schlagen nach in Büchern, um zu verstehen was geschehen ist und suchen nach einem Fluss, um neu zu beginnen.

Als Elmiger in Klagenfurt beim Ingeborg Bachmann-Preis daraus las, sprachen viele Kritiker von einer Entdeckung. Die 24-Jährige bekam den zweiten Preis, und dann ging alles sehr schnell. Das Buch kam in die Läden, die Feuilletons stürzten sich darauf, sie wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert und erhielt kurz darauf auch noch den Aspekte-Literaturpreis, alles innerhalb von ein paar Wochen.

Schließlich stimmte sie einem Treffen doch zu. Sie schlug ein Kulturcafe in Kreuzberg vor, ein großer, schmuckloser Raum, in dem jedes gesprochene Wort lange nachhallt. Ein guter Ort, um sich mit Menschen zu verabreden, die man nicht kennt. Elmiger trägt einen blauen V-Pulli, Jeans, die Haare kurz im Nacken. Ihr Pony ist gerade soviel zu lang, dass sie ihn sich ab und an aus dem Gesicht streichen muss. Es ist ihr zweiter Winter in Berlin, sie kam her um zu studieren, Politik und Philosophie.

Seitdem sie hier lebt, sagt sie, falle ihr das Schreiben schwerer als zuvor. Berlin taucht nicht in ihren Texten auf, ihre Umgebung hat nichts zu tun mit dem Stoff, an dem sie gerade sitzt. Berlin ist ihr fremd. Ebenso wie die Rolle als bemerkenswerte junge Schriftstellerin. Wenn sie auf Lesereisen in ein Hotel eincheckt, trägt sie in der Rubrik Beruf nach wie vor Studentin ein.

Sie lässt offen, wo ihr Roman spielt, die Ortsnamen die darin auftauchen, lassen jedoch Schweizassoziationen entstehen. „Ich habe lange überlegt, ob  ich echte Ortsnamen verwenden soll“. Sie entschied sich dagegen, „aber der Ort in meinem Buch ist auch die Schweiz.“

Und wie ist es nun mit den Bergen? „Nun“, sagt sie vorsichtig, „je länger ich von Zuhause fort bin, um so deutlicher werden mir meine Prägungen bewusst“. Neulich erzählt sie, war sie das erste Mal an der Ostsee. Die Tatsache, dass dort alles so flach sei, habe sie schon sehr erstaunt.

 

Harriet Köhler hat ihr zweites Buch bereits veröffentlicht. Ähnlich wie Elmiger feierten die Rezensenten ihr Debut Ostersonntag unüberhörbar, „virtuos“, „großartig“, „fulminantes Sprachgefühl“. Sie erzählt darin von vier Menschen, die ihre Familie  am liebsten loswerden möchten. Das war 2007.

Zwei Jahre später erschien Köhlers zweiter Roman Und dann diese Stille, wieder eine Familiengeschichte. Ursprünglich hatte sie vor etwas ganz anderes zu schreiben. Sie dachte an Stoffe wie Aus dem Innenleben eines Investmentbankers oder eine Geschichte aus der Sicht eines Chefs, den alle hassen. Ostersonntag hatte Erwartungen geweckt, ein Bild entstehen lassen von der „jungen Wilden“. Sie fing an zu schreiben bis sie an den Punkt kam, an dem sie merkte: „Ich kann das erzählen, aber es berührte mich nicht. Ich musste erst begreifen, dass ich nur darüber schreiben kann, was mich wirklich bewegt.“ Und das war eben wiederum eine Familiengeschichte. Und dann diese Stille erzählt vom Schweigen in den Familien, vom Unvermögen miteinander zu reden und ins Gespräch zu kommen. „Die Sehnsucht nach dem großen Gefühl, das hat in Deutschland eine lange Tradition. Zugleich können die wenigsten Menschen damit offen umgehen. In Frankreich oder in Brasilien ist das anders, ganz anders“, sagt sie.

Köhler ist in München aufgewachsen, lebt inzwischen in Frankfurt und wird demnächst nach Berlin ziehen. Nicht aus Neigung, ihr Mann wird dort einen neuen Job antreten. Ginge es nach ihr, sie würde zurückkehren. „Erst“, sagt sie, „war ich froh aus München wegzukommen, aber in Frankfurt hat sich mein Blick auf die Stadt verändert. Zum ersten Mal habe ich mir dieses Jahr im Fernsehen den Einzug der Wiesnwirte angesehen. Auch der Dialekt gefällt mir immer besser.“

Im Sommer des vergangenen Jahres verbrachte Köhler vier Wochen in Gottlieben am Bodensee, ein Stipendium des Frankfurter Literaturhaus. Es war das erste Mal, dass sie längere Zeit in einem so kleinen Ort war. Es wurde eine beklemmende Erfahrung. „Ich wusste oft nicht, wohin mit mir. Die Menschen sahen mir nach, weil sie mich nicht kannten“. Manchmal fuhr sie mit dem Rad nach Konstanz, zum Telefonieren ging sie auf den Steg, dem einzigen Fleck, an dem ihr Telefon Empfang hatte. „Ich habe dort soviel geschrieben wie noch nie zuvor, einfach, weil es so unglaublich langweilig war.“ Es klingt wie ein Rahmen für eine Erzählung. Sie muss nur noch eine Autorin finden.

 

Auch Verena Rossbacher ist das Unbehagen vertraut, das von Orten ausgehen kann. Ein Cafe in einer Ecke von Prenzlauer Berg mit einer hohen Dichte von Schauspielern, Schriftstellern und Journalisten. Lila Stofftapete mit Blumenmuster, ein Klavier an der Wand, Kerzen brennen bereits am Nachmittag, Neuberliner Gastlichkeit gepaart mit Kaffeehauszitaten. Rossbacher sieht aus wie hineingemalt in diese Kulisse. Sie trägt ein lilafarbenes Oberteil mit Spitzen an den Ärmeln, Ohrringe mit Rubinen, das Haar hat sie zusammengebunden, es reicht ihr bis an die Hüfte. Ich versuche ihre Augenfarbe zu entschlüsseln. Grün? Braun? Grünbraun? Schwer zu sagen.

„Hier ist alles Folklore“, sagt sie. Die aufgehübschten Fassaden, die schnell sanierten Häuser, nichts Gewachsenes. Alles wird hier zelebriert, sagt sie, selbst das Kinderkriegen. Alles sei Haltung und Lifestyle. „Es ist sehr elitär, und das ist nicht gut für mich“, sagt sie. Wie zum Beweis, was sie sagt, kommt Axel Prahl, der Schauspieler, um die Ecke, ein Kind an der Hand.

Diesen Sommer  (Anm.: 2011) möchte sie weg von dort. Nicht zurück, bloß an einen Ort an dem es auch ein wenig Grün gibt. „In den Westen“, sagt sie, nach Charlottenburg, vielleicht in die Nähe des Botanischen Gartens oder gleich in den Grunewald. „Ich bin in Gegenden aufgewachsen, in denen es selbstverständlich schön ist. In Leipzig und Berlin muss man das Schöne suchen“. Was ihr abgeht wird deutlich, wenn sie davon erzählt, wie sie aufwuchs in Vorarlberg und St.Gallen, schwärmt von der Lage Zürichs oder dem Gefühl „irgendwo hinaufzusteigen und runterzusehen“, der Selbstverständlichkeit des Draußenseins. Vergangenen Sommer war sie mit dem Fahrrad viel in Berlin unterwegs, um ein wenig Natur zu finden. „Ich mag die Verausgabung und Ermüdung.“ Auch beim Schreiben.

Fünf Jahre saß sie an Verlangen nach Drachen, ihrem viel gepriesenem Debüt. Sie erzählt darin von sechs Männern, die alle von derselben Frau verlassen wurden, Klara.

Sechs Männer erzählen von Klara, der Frau, von der sie nacheinander verlassen wurden. Exzentrische und eigenwillige Charaktere allesamt, verliebt und verbissen in ihre Ideen und Empfindlichkeiten. Sie spielen Mozart für ihre Pflanzen, konservieren Haare ihrer Geliebten in Eiswürfeln, malträtieren Klaviere und kehren im Neugröschl ein, einem Wiener Beisl, das sich zur Autowerkstatt erklärt, wenn kein Koch zur Hand ist, ein Panoptikum voller Irrsinn und sehr komischen Dialogen.

Man muss sehr tief in der Melancholie verankert sein, um so lustig sein zu können, schrieb ein Kritiker anlässlich ihres  Romans. Sie mag dieses Zitat. „Literatur, die nicht humorvoll ist, finde ich sehr schwierig.“ Die lustigsten Sachen schreibe sie immer dann, wenn es ihr am wenigsten gut geht. Derzeit schreibt sie an Buch, das im kommenden Frühjahr erscheinen soll. Eine Novelle sollte es werden, aber es sieht so aus, als käme alles ganz anders, größer, vertrackter. „Im Moment“ sagt sie, „reiße ich einen schlechten Witz nach dem anderen. Das ist sehr erleichternd“.

 

Mit Xaver Bayer war ein Treffen in Wien vereinbart, er hatte  die Bar des Hotel Intercontinental vorgeschlagen. Doch daraus wurde nichts. In Berlin begann es zu schneien, dicke Flocken. Am Flughafen fehlte das Enteisungsmittel. Flüge wurden gestrichen, Züge standen still, Mietwagen waren ausgebucht. Nichts ging mehr, eineinhalb Tage Warten auf Anschluss.

Eine Lage, in die auch eine der Figuren aus Bayers Erzählband Die durchsichtigen Hände geraten sein könnte. In den 24 Erzählungen finden sich seine Charaktere immer wieder in Situationen, in denen, ausgelöst von ganz banalen Begebenheiten, von einem Moment auf den anderen ihre Existenz an einer einzigen Frage hängt. Ein Paar findet beim Abstieg von einem Berg den Weg zurück nicht mehr. Ein Künstler fühlt sich auf einer Gala von einer Fernsehkamera verfolgt und entwickelt wüste Gewaltphantasien. Ein Mann hört in seiner Wohnung Schreie eines Mädchens. Doch er kann sie nicht orten und je länger er versucht, sie ausfindig zu machen, umso unsicherer ist er sich seiner Wahrnehmung. Meistens entscheiden seine Figuren, nichts zu unternehmen. Ein Versagen, ein Scheitern? Bayer löst das nicht auf. „Das Schauerliche“, sagt er ein paar Tage später am Telefon, „zeigt sich deutlicher, wenn man nicht hinter den Vorhang blickt, sonder nur die Geräusche hört.“

Die Genauigkeit, mit der Bayer Gedankengänge und Irrwege seiner Charaktere zeichnet, erinnert viele Kritiker an Peter Handke. „Ich kann diese Tradition nicht verleugnen. Aber ganz so feierlich wie Handke bin ich wohl nicht.“

Drei Romane hat Bayer bislang veröffentlicht, den ersten, Heute könnte ein glücklicher Tag sein, mit 24. Weiter hieß der zweite, er erzählt von einem Gamer, dem alle Sehnsüchte abhanden kommen. Inzwischen ist Bayer 33, doch im Gegensatz zu vielen Autoren seiner Generation schottet er sich gegen die Versuchungen der Öffentlichkeit und des Internets ab. Er schreibt seine Texte bewusst mit der Hand auf Papier und überträgt sie erst ganz zum Schluss in den Computer. „Das hat nur Vorteile. Ich verliere so keine Daten. Der Computer verführt dazu, nicht selbst zu denken, etwa im Thesaurus ein Wort nachzuschauen. Das Handgeschriebene in den Computer zu übertragen ist außerdem ein wichtiger Moment und Gelegenheit, Änderungen am Text vorzunehmen. Ein Notizbuch stiehlt niemand. Durchgestrichenes auf Papier bleibt stehen, auf dem Computer gelöschtes ist weg.“ Er meidet Lesungen, obwohl das für viele Autoren oft die einträglichste Quelle für Einnahmen ist. Er komme sich  dabei vor „wie ein Handelsvertreter seiner selbst“. So nimmt er in Kauf, dass er vom Schreiben nach wie vor nicht leben kann. „Ich lebe von den Sparbüchern meiner Großmutter“, sagt er, „ich habe alles auf eine Karte gesetzt“. Das hält er auch bei seinem im Frühjahr erscheinendem Buch wieder so. Es besteht aus einem einzigen Satz und erzählt von einer Reise ins Ich. Es ist die Geschichte eines Mannes, der auf einem Flughafen auf den Abflug wartet.

 

Kartoffelsalat, sagt Lena Gorelik, das sei so eine Sache. Manchmal ertappe sie sich dabei, wie sie Kartoffeln in kleine Würfel schneidet, so wie man es in Russland macht, wenn man Kartoffelsalat zubereitet. Sobald ihr das bewusst werde, gehe sie aber dazu über, die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, so wie es in Bayern üblich ist. Es sind Momente wie diese, in dem ihre Biographie sich in einem Augenblick verdichtet.

In Meine weißen Nächte, ihrem ersten Roman, erzählt Gorelik von einem Mädchen aus St.Petersburg, das mit seinen Eltern als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland auswandert. Von der Ankunft in einem Flüchtlingslager, der fremden neuen Heimat, von den seltsamen Sitten ihrer neuen Landsleute, etwa zu viert im Auto zu sitzen und stundenlang kein Wort zu reden. Es ist, mehr oder weniger, ihre Geschichte. Gorelik lernte sehr schnell Deutsch, es fiel ihr nicht schwer, „ich war immer das Mädchen, das ein Buch vor dem Gesicht hatte“.

Ihre Stimme ist etwas belegt, sie trägt einen dicken Wollschal um den Hals und legt ihn auch nicht ab, als sie längst Platz genommen hat in einem kleinen Münchner Cafe, das auch Vinylplatten und Kinder T-Shirts verkauft und eine Tasse Tee sie wärmt.

24 war sie, als das Buch erschien. Das Russische und das Jüdische schrieb sie damals in einem Text für eine Zeitung, seien „nicht wichtig“ für sie. „Ich hatte damals vor allem den Drang dazuzugehören und mich möglichst wenig zu unterscheiden. Ich wollte so deutsch wie möglich sein“, sagt sie im Rückblick. Inzwischen ist sie 30 und sieht sie das etwas anders. „Ich habe jetzt ein größeres Selbstbewusstein, was meine Herkunft angeht, sagt sie. Ich gehöre nicht weniger dazu als jeder andere, aber mit meiner Vergangenheit und meiner Geschichte. Ich muss nicht mehr versuchen jemand zu sein, der ich nicht bin.“

Derzeit arbeitet Gorelik an drei Büchern. Einen Roman hat sie begonnen, die Themen der beiden anderen fielen ihr gewissermaßen vor die Füße. Für ein Sachbuch reiste sie quer durch Deutschland und traf Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sich aber hier zuhause fühlen. So wie sie. Gorelik lebte in Frankfurt und in Hamburg, in Toronto und in Jerusalem. „Aber in München fühle ich mich am wohlsten. Ich mag das, was man bayerische Gemütlichkeit nennt, ich sage Schmarrn und Christkindlmarkt und liebe es, sonntags in die Berge hinauszufahren. Berge sind für mich immer noch ein Naturwunder“.

Das Dritte Buch erscheint im März und trägt den Titel Lieber Mischa, du bist ein Jude. Vor einem Jahr wurde Gorelik Mutter eines Sohns, „auch das hat mich dazu gebracht mit vielen Fragen auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Es geht darum, sagt sie, „was ich meinem Kind mitgeben möchte“. Über das dazugehören, das Coolsein, über Großväter und, das ist ihr Gorelik ganz wichtig: jüdischen Humor.

 

Der Schneefall in Berlin vereitelte auch das Treffen mit Thomas Glavinic. Er antwortet auf Fragen aber ohnehin lieber schriftlich. Glavinic ist 38 und lebt in Wien. In Kürze erscheint sein achter Roman, Lisa.

Wann wissen Sie, dass ein Manuskript fertig ist? Sagen wir, irgendwann nach der 19. Überarbeitung reicht es mir einfach. Ist Ihnen der Gedanke vertraut, bereits erschienene Romane oder Texte noch mal umschreiben zu wollen? Naja, umschreiben… Ich würde sagen, in jedem meiner Bücher gibt es viele Dinge, die ich im Nachhinein gern besser gemacht hätte. Wie sozial sind Sie beim Schreiben? Benötigen Sie den Rückzug, Abgeschiedenheit? Ja, schon. Ich habe mir eigens eine Wohnung dafür angemietet, in der es kein Telefon gibt, aber dafür viel Musik und Kaffee, und da habe ich den ganzen Tag lang meine Ruhe. Unter welchen Umständen schreiben Sie am liebsten? Mit Ausblick auf das Meer, in einer luxuriösen Villa, mit einer schönen Frau, die hinter mir im Bett schläft. Aber da das nicht immer möglich ist, nehme ichs, wies kommt. Lieber morgens oder nachts? Oder egal? Nach dem Aufstehen. Ich darf nicht zuviel vom Tag gesehen haben, ich will quasi aus dem Schlaf in den Text hinein. Kann Alkohol beim Schreiben helfen? Beim Nachdenken über den Text im Vorhinein ja. Ich glaube, das mit dem Alkohol als Hilfsmotor beim Schreiben ist ein Mythos. Schreiben hat ja mitunter auch etwas mit Denken zu tun, und wie gut wir denken, wenn wir betrunken sind, wissen wir alle.

Lisa erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nach einem Einbruch in seine Wohnung in einer kleinen Hütte verschanzt, weil die Ermittler DNA-Spuren einer Serienmörderin fanden, Lisa. Von dort spricht er Abend für Abend befeuert von Whisky und Kokain er via Internetradio zu einem imaginären Publikum. Ein irrwitziger Text über die Absurdität virtueller Realität.

Können Sie an einem Computer schreiben, der Internetzugang hat? Schon, ja. Soviel Selbstdisziplin bringe ich schon noch auf. Welchen Nutzen hat Facebook für Sie? Nutzen? Spaß macht es halt ab und zu. Es ist Zeitvertreib. Ein virtueller Kaffeehausbesuch. Haben Sie bestimmte Zeiten oder Regeln, wann und wie sie Mails lesen beantworten, ins Netz gehen zu Facebook? Ich habe sowieso kaum Regeln, weil ich mich eh nicht dran halten kann. Ich habe ein I-Phone mit Facebookzugang, das sagt wahrscheinlich alles.

In Das bin doch ich erzählt Glavinic von einem Schriftsteller der Thomas Glavinic heißt, und endlich auf den Durchbruch hofft. Er hat einen Freund, der sehr erfolgreich ist, Daniel Kehlmann heißt er. Ein Meisterwerk der Selbstiroie, schrieb ein Kritiker.

Spielt es bei der Wahl Ihrer Stoffe eine Rolle, Erwartungen zu unterlaufen? Nein. Ich mache einfach etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ich will Texte schreiben, an denen ich scheitern kann, nicht solche, die ich schon dutzendfach geschrieben habe. Es gibt Autoren, die schreiben ihr Leben lang dasselbe Buch, wieder und wieder. Ich halte das für eine Mischung aus Feigheit und Mangel an Kreativität. In Das bin doch ich gibt es eine schöne Szene im Sessellift. In Das Leben der Wünsche spielt ein Seilbahnunglück eine Rolle. Sind Berge für Sie ein Ort der Bedrohung? Nein, ich liebe Berge! Ich bin nur zu faul, hinaufzugehen. Meiden Sie Berge eher oder können Sie mit der Idee Berge als Ort der Selbsterfahrung und des Rückzugs zu begreifen etwas anfangen? Ich kann mit der Idee mehr als nur etwas anfangen, deswegen dreht sich einer meiner nächsten Romane ums Bergsteigen. Hat sich an Ihrer Einstellung dazu in den vergangenen Jahren etwas verändert? Nein, ich lese schon seit meiner Kindheit Bergbücher, und über Höhenbergsteigen im besonderen habe ich so ziemlich alles gelesen, was mir je in die Finger gekommen ist, und das war viel. Welchen Gipfel haben Sie zuletzt bestiegen? Die Rax. Nicht lachen.