Der Weitermacher

 

Vor kurzem fragte ein Reporter ihn, wie er einem Zehnjährigen erklären würde, wer er sei. „Vielleicht“, antwortete Thomas Gottschalk, „würde ich dem Kind erzählen, dass ich mal der Gummibärchenmann war.“ Klar, Werbung für Süßes machte er auch, doch das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Wer heute über 50 ist, der wuchs mit Thomas Gottschalk auf und wurde von ihm durchs Leben begleitet wie von einem großem Bruder. Er war Sunnyboy und Supernase, ein Entertainer im besten Sinne. Wo immer er auftritt, sein Publikum hat ein Lächeln im Gesicht. „Mein Beruf“, schreibt er in Herbstbunt, seinem neuen Buch, „ist dem des Zauberers nicht ganz unähnlich. Wenn er so geschickt mogelt, dass es keiner bemerkt, bekommt er den Beifall, den er sich wünscht.“ Kaum ein Anderer erhielt so viel Applaus wie er. Aber, und auch das ist ein Teil der Geschichte, Gottschalk ist, ein „Superstar der alten Welt“, so hat es der Medienforscher Bernhard Pörksen formuliert.

Als er Mitte der 70er Jahre begann im Bayerischen Rundfunk Pop nach 8 zu moderieren, hatte er zunächst die Teenager auf seiner Seite. Er kreierte einen Sound aus Musik, Witz und Worten, der völlig neu war. Lässig, frech und vollkommen unbekümmert. Wie dankbar man damals vor dem Gerät saß und wie sehr man ihn dafür liebte, ist Millenials heute schwer vermitteln.

Im Fernsehen, ein paar Jahre später, konnte man ihn dann auch sehen. Mit blonder, schulterlanger Mähne, in Sendungen, die PopStop hießen oder Thommys Pop Show, in Klamotten, wie sie Popstars trugen, aber niemand sonst, der damals im Fernsehen zu sehen war. 1987 übernahm er von Frank Elstner die Samstagabendshow Wetten dass… , Ende dreißig war er damals. Im Rückblick beschreibt er die folgenden Jahre als seine Hochblüte. Die jungen Frauen liebten und bewunderten ihn, weil er dieselbe Musik hörte wie sie, die Älteren sahen in ihm den unkonventionellen Charmebolzen, der auch mit den Stars ihrer Jugend gut konnte, Kinder schätzten es, wenn er am Ende der Sendung mit einer klebrigen Massen übergossen wurde oder in einem Pool landete. Und die Männer? Für die gab es Wetten mit Baggern und die Gelegenheit, sich ein wenig von seiner Schlagfertigkeit abzuschauen.

Und traten Megastars wie Paul McCartney, Madonna oder Tina Turner auf, war man erleichtert, dass sie einer in Empfang nahm, der nicht peinlich war, fließend englisch sprach und es mit der Attitude der Popstars locker aufnehmen konnte. Ganz abgesehen davon, dass Gottschalks Show die einzige im deutschen Fernsehen war, in der Weltstars auftraten. Wegen der riesigen Quoten natürlich, aber auch wegen ihm.

In dieses Bild fügte sich, als er Mitte der 90er Jahre vom Ammersee nach Malibu zog. Gottschalk, so schien es, war seiner alten Heimat entwachsen, nun umgab ihn ein Hauch von Hollywood. Der Grund seines Umzugs aber war ein anderer. Gottschalk wollte seinen Söhnen ein halbwegs normales, von der Neugier der Öffentlichkeit unbehelligtes Aufwachsen ermöglichen und seine Familie vor Paparazzi und Klatschpresse schützen.

Auch damit war er ziemlich erfolgreich. Über seine Söhne weiß man kaum mehr als ihre Namen, Roman und Tristan, und dass beide ihn zum Großvater gemacht haben. Zusammen mit Thea, die er bei einem Medizinerball 1971 kennengelernt hatte, sah man ihn bei Veranstaltungen, wie er teilte sie die Leidenschaft für exzentrische Looks. Keine Homestorys, keine rührseligen Wir-sind-so-glücklich-Shootings, keine gemeinsamen Interviews.
Nach dem tragischen Unfall von Samuel Koch 2010, machte Gottschalk Schluss mit Wetten dass. Ein Schatten liege auf der Sendung, sagte er, er könne nicht weitermachen wie bisher. Wahr ist auch: Die Sendung war längst in die Jahre gekommen, die Quoten mehr als halbiert.

Seither sah man ihn mal mit einer täglichen Late Show am Vorabend (Gottschalk live), mal als Juror bei Heidi Klum, mal bei Dieter Bohlen, oder zusammen mit seinem alten Kumpel Günter Jauch und Barbara Schöneberger (Denn Sie wissen nicht, was passiert). Hier eine Gala, dort eine Preiseverleihung, mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Richtig gut ist Gottschalk, wenn er an Orten auftaucht, an denen man ihn nicht erwartet. Als Gast im Literarischen Quartett, bei Anne Will, bei den Opernfestspielen in München oder im Gespräch mit Kardinal Marx über Glaubensfragen. Schweres macht er leicht, Komplexes zugänglich. Und wird’s unübersichtlich weiß er sich mit Selbstironie aus der Affäre zu ziehen. Überraschend war es auch, als er im Bayerischen Fernsehen 2018 eine Büchersendung moderierte, Gottschalk liest? Auf das Fragezeichen im Titel bestand er – um die erwarteten Attacken der Kritiker von vornherein wegzulächeln.

Am besten ist Gottschalk ohnehin, wenn er sich von seinem Gegenüber intellektuell herausgefordert fühlt und mit seinem Scharfsinn punkten kann. Denn, das wird oft vergessen, Gottschalk kann nicht nur schnell reden, sondern auch schnell denken.

In ein paar Wochen wird er 70. In den ironischen Blick auf sein Leben hat sich Melancholie gemischt, auch Selbsterkenntnis. Er sagt, er sei sarkastischer als früher. Kein Wunder. Im November 2018, an seinem Hochzeitstag brannte seine umgebaute Mühle in Malibu komplett ab, mit ihr die Küche, die einst Coco Chanel gehörte, die Bücherregale von Daphne du Maurier, sowie eine Handschrift von Rainer Maria Rilke. Nur Thea konnte ihre Katzen retten. Ein Verlust, der umso schmerzhafter war, da Gottschalk schon eine Weile mit dem Gedanken spielte, Malibu zu verkaufen. Thea war dagegen. „Dass mein Herz für Thea brennt“, sagte Gottschalk ein paar Tage später so souverän wie ungerührt, „weiß jeder. Aber das zum Hochzeitstag auch noch unser Haus brennt, muss nicht sein“.
Ein paar Monate später war auch seine Ehe erloschen. Gottschalk hatte sich in eine andere Frau verliebt. 25 Jahre jünger, blonde Mähne wie er. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gegen die Vernunft entschieden und gegen alles, was der Rest der Welt von mir erwartet hätte. Ich bin einer inneren Stimme gefolgt, die ich bis dahin mit Erfolg überhört hatte“, sagte er dem Spiegel. Hing das eine mit dem anderen zusammen, der Verlust des Hauses, die Trennung? Sah er im Feuer ein Fanal, ein Zeichen für einen Neuanfang? Gottschalk hielt es wie immer, wenn es privat wurde. Er machte sich erstmal rar. In seinem Buch erzählt er, was auch in Illustrierten zu lesen war: Ja, er habe die Tischkarten vertauscht, um neben Karina zu sitzen. Er habe immer gedacht, es fehle ihm nichts im Leben, offenbar aber doch. „Ich habe mich entschlossen noch einmal zu träumen.“ Und wenn die Wirklichkeit wieder beginnt? „Dann werde ich schon wissen, was ich zu tun habe“, schreibt er.

Er sei „in einer Übergansphase“. Gottschalk begann zu twittern, so erfolgreich, dass ihm der Spiegel attestierte, dass er „das Medium virtuos bespiele“. Bis er bemerkte, dass Twitter ihn im Griff hatte, nicht umgekehrt. Ein paar Shitstorms später ließ er wieder sein. Er kehrte zu seinen Anfängen zurück, ins Radiostudio und spielte Musik aus den Siebziger und achtziger Jahren. Inzwischen hat er das wieder aufgegeben, genau wie seine Büchersendung.
Der Gummibärchenmann lebt jetzt mit Karina Mroß in Baden-Baden in einem Penthouse mit Blick über die Stadt, sie arbeitet für den SWR, er auch. Er hat Ja gesagt, als das ZDF ihn einlud, im Herbst noch einmal Wetten dass zu moderieren. Er macht einen Podcast (Podschalk), ein paar Sendungen im Radio und Werbung für Hörgeräte. Obwohl er seins nur nutzt, um Musik damit zu hören, wie er versichert. Als „cooler Alter“ wahrgenommen zu werden, das gefiele ihm.

„Sind Sie ein Suchender?“, fragte Gottschalk ein Journalist, als er Herbstbunt gelesen hatte.

„Ein Weitermacher!“, antwortete er.

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