Größer denken

„Tech-Queen“, „Börsenguru“, „Ms Code“ –  an Aya Jaff haften viele Etiketten, doch keines trifft so richtig zu. Genau das macht sie  zu einer der spannendsten jungen Unternehmerinnen Deutschlands

Sie ist 24, doch um aufzuzählen, was Aya Jaff bisher gemacht hat, ist bereits ein ganzer Absatz nötig. Als Programmiererin hat sie gearbeitet, ein Börsenspiel entwickelt und mit anderen ein Start-Up gegründet. Sie berät Unternehmen, sie ist auf Digital-Konferenzen eine gefragte Speakerin, sie studiert Sinologe und Wirtschaftsökonomie und hat im Frühjahr ihr erstes Buch veröffentlicht.

Jaff erhält viel Aufmerksamkeit. Das war schon vor ein Jahren so, als sie sich das Coden beigebracht und ein Magazin sie umgehend zur „Ms Code“ erklärt hatte. Dass weitere Attribute folgten wie „Tech Queen“ oder „Deutschlands jüngste Programmiererin“, zuletzt sogar „Börsenguru“ und ihr Name in der Forbes-Liste „30 under 30“ auftauchte, hat auch damit zu tun, dass Aya Jaff sich für Themen interessiert, die nach wie vor von Männern dominiert sind. Und natürlich ist auch viel Fantasie und Wohlwollen im Spiel. Vor allem aber erzählen die Etiketten, die an ihr haften von der Sehnsucht nach Köpfen und Gesichtern, die für Aufbruch, Kreativität und Zukunft stehen.

Ende Juli, ein Café in Nürnberg. Der einzige Platz, der ein wenig Schatten und Kühle verspricht, liegt drinnen an einem langen Holztisch. Jaff trägt ein ärmelloses, rosafarbenes Sommerkleid, dazu farblich passende Adiletten. Ein Blick auf ihr I-Phone, ein Schluck Rhabarberschorle, dann ist sie bereit. „Anfangs“, sagt sie, „fühlte ich mich unwohl mit diesen Attributen, weil es mich auf eine einzige Fähigkeit reduzierte. Ich bin ein vielseitiger Mensch. Aber sie haben mir auch viele Türen geöffnet.“

Dass sie mittlerweile auch Erwartungen schüren und die Maßstäbe verschieben, die andere an sie anlegen, das erfährt Jaff gerade zum ersten Mal. Ein Wirtschaftsmagazin schrieb über sie auf eine Weise, die sie irritiert. Was, wurde da gefragt, hat sie bisher geleistet? Ein Studium abgebrochen, ein Start-Up verlassen, und sonst? So kann man das natürlich sehen, wenn man Erfolg ausschließlich an Bilanzen und Erträgen bemisst. Nur, das verkennt, dass Aya Jaff ganz andere Maßstäbe an sich und ihre Arbeit anlegt.

Was sie antreibt, wie sie bewegt, versteht man, wenn man ihr Buch liest, Moneymakers heißt es. Über die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften arbeitet sich Jaff zur Faszination der Börse vor, spannt einen Bogen von den Strategen des Silicon Valley zu den Tech-Unternehmern aus China, von der Selfmade-Milliardärin Kylie Jenner zu Greta Thunberg, sie checkt die Potentiale von Blockchains und nachhaltigen Investitionen, und ein paar Zitate von HipHop-Größen gibt es auch. Kurzum, es ist der ebenso wissbegierige wie furchtlose Blick eines Millenials auf eine Welt voller Chancen und ein paar dicken Fragzeichen.

Sie habe lange gebraucht, schreibt sie, sich von der negativen Energie des Geldes zu lösen. Ausschlaggebend dafür war vor allem der Martin Scorsese-Film Wolf Of Wallstreet mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. Sie war 17, als sie die Geschichte des Spekulanten und Betrügers Jordan Belfort sah, und fassungslos, als sie aus dem Kino kam. „Geld ist böse!“, dachte ich, „Investoren sind böse! Und Börse geht gar nicht“, sagt sie im Rückblick. Ihr Zorn war so groß, dass sie sich wochenlang in Bibliotheken zurückzog, um herauszufinden, ob es in der Finanzwelt tatsächlich so finster zugeht wie im Kino. In vielen Punkten sah sie den Film bestätigt. Zugleich habe sie aber auch das System verstanden und seine Rechtfertigung. „Ich bin immer noch der Meinung, dass es keine Milliardäre geben sollte“, sagt sie. „Aber ich habe das starke Bedürfnis, Menschen dazu zu bringen, sich mit dem System der Börse auseinanderzusetzen.“

Jaff begann zu traden und von da an kam eines zum anderen. Zusammen mit einem Team entwickelte sie das Online-Börsenspiel Tradity. Ihre Kenntnisse im Coding waren damals recht überschaubar, also brachte sie es sich selbst bei und fand Gefallen daran. Sie gründete einen Programmierklub und begann Informatik zu studieren und wenig später nannte man sie „MsCode“. Als sie merkte, dass ihre Motivation nachließ, immer neue Programmiersprachen zu lernen, beschloss sie, sich anzusehen, wie es am Nabel der Programmierwelt läuft, im Silicon Valley. Und bekam dort zu hören, was sie insgeheim erhofft hatte. Dass nicht das Durchhalten in einem Studium und auch nicht der Abschluss zählen, sondern allein die Projekte, die einer vorweisen kann. „Sag, was du kannst und was nicht, sei ehrlich, dann ist hier alles möglich.“

Das war die eine Erkenntnis, die sie mit nach Hause nahm. Die andere: Groß zu denken. Sie hatte ein Stipendium an der Draper Universität erhalten, auch deshalb, weil Jaff weltweit die einzige Frau war, die sich beworben hatte. Ziel ihrer Studienreise war es, eine Geschäftsidee zu entwickeln, nur: Jaff kam mit leeren Händen. Tim Draper, der Gründer der Universität und Investor bei Tesla, Baidu, Twitter, oder SpaceX, nahm sich Zeit für sie.
„Aya, was hast du für ein Problem?“, fragte er. „Ich hasse die Deutsche Bahn, immer zu spät, nie zuverlässig“, antwortete sie. Draper fragte: „Okay, was könntest du dagegen tun?“ Jaff antwortete: „Ich würde gerne live sehen, wo genau die Züge sich befinden, auf die ich warte.“ „Denk größer“, sagte Draper. „Ich würde gerne wissen, ob ich in einen Bus umsteigen kann.“ „Denk größer“, sagte Draper erneut. „Okay“, sagte ich, „ich hätte gerne eine App, die ganz Europa abdeckt, die mir alle Verbindungen und Umsteigemöglichkeiten zeigt.“ Ein paar Mal ging das noch hin und her. „Am Ende war ich überzeugt, dass wir in Deutschland den Hyperloop brauchen.“ Zwei Monate arbeitete sie mit einem Team an einem Plan, den Hyperloop, – ein Verkehrskonzept, bei dem Kapseln auf Luftkissen durch Röhren rasen – in Deutschland zu realisieren. Ein paar Tage, nach der Präsentation bekam sie einen Arbeitsvertrag zugeschickt. Jaff unterschrieb und kehrte nach einem halben Jahr zurück. Sie wollte sich auf ihre eigenen Projekte konzentrieren.

Zurück in Deutschland begann Jaff ein neues Studium: Wirtschaftsökonomie und Sinologie. „China war für mich damals eine Black Box. Ich hatte weder Ahnung von der Kultur, von der Wirtschaft, noch davon, wie die Menschen drauf sind. Zugleich hat mich immer beeindruckt, wie viel Innovation aus China kommt.“ Inzwischen kann sie eine einstündige Konversation auf Mandarin führen.

Zeitgleich gründete sie ein Start-Up und verließ es nach einem Jahr wieder. Gemischte Teams aus Youtubern, Gründern und Beratern sollten Unternehmen dabei helfen, junge Zielgruppen zu erschliessen. Als sich zeigte, dass Idee nicht aufging, stieg Jaff aus. „Es war ein Experiment, aber kein Fehlschlag. Die meisten Startups verändern im Laufe der Zeit ihr Geschäftsmodell. Ich habe noch nie einen Gründer kennen gelernt, der mit seiner Idee, so wie sie am Anfang war, erfolgreich war. Es ist eine sehr deutsche Einstellung, zu kritisieren, dass etwas nicht zu Ende geführt ist.“ Aus dem Start-Up ging schließlich eine Agentur für Speaker und Berater hervor.

Und jetzt? „Ich bin in der Entwicklungsphase“, sagt sie. „Ich habe mich bislang in vielen Rollen ausprobiert, aber die eine, die voll und ganz zu mir passt, von der ich sagen kann ‚Das bin ich!’, habe ich noch nicht gefunden. Meine Lernkurve und der Spaß, den ich dabei habe, das sind die beiden Dinge, die mein Engagement bestimmen“, sagt sie.“ Derzeit, sagt sie, sei sie in erster Linie Autorin. Für ein digitales Businessmagazin schreibt sie eine Kolumne über Randbereiche der Technologie, Technologie und Biologie, Technologie und Medizin. „Ich lese sehr viel und kann Leute interviewen, das ist ziemlich cool.“ Vor allem aber versteht Jaff diese Arbeit als breit angelegte Recherche für ihre Start-Up-Idee. In welche Richtung es gehen könnte, zeigt ein Clip, den sie vor kurzem auf Ihre Homepage gestellt hat. Sie spricht darin über umweltgerechte Digitalisierung.

„Die Fridays For Future-Debatte hat mich ziemlich mitgenommen. Schon allein, was das Thema Essen betrifft. Vor einem Jahr noch habe ich Vegetarier gehasst. Inzwischen lebe ich beinahe schon vegan. Vor allem aber frage ich mich: Wie kann man vom Standpunkt der Tech-Branche aus, auf die Fragen, die Fridays For Future stellt antworten? Was kritisieren, was besser machen? Gerade bin ich dabei, eine Meinung zu entwickeln, wie nachhaltige Digitalisierung aussehen kann“.

Irgendwann wird man von Aya Jaff mehr dazu hören. Vielleicht schon in ein paar Monaten, vielleicht dauert es auch länger, egal. Sie ist 24.

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