„Michelle Obama trägt ihre Haare wieder lockig. Ein interessantes Signal.“

Ciani-Sophia Hoeder über RosaMag, ein Magazin für Schwarze Frauen in Deutschland

Frau Hoeder, 2019 haben Sie RosaMag als Lifestyleplatform für Schwarze Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gegründet. Wie entstand die Idee dazu?
Siebzehn Jahre lang hatte ich meine Haare mit dem Relaxer, einem chemischen Mittel, geglättet. In der schwarzen Community ist das eine weit verbreitete Methode. Als ich auf eine Studie aus den USA gestoßen bin, in der es um die hohe Brustkrebsrate von Afroamerikanerinnen ging, wurde der Relaxer als eine Ursache dafür aufgeführt. Damals begann ich über vieles nachzudenken. Mir wurde bewusst, dass ich Informationen über Haarpflege nur aus den USA und Großbritannien bekomme, aber auch, dass ich die natürliche Form meiner Haare in den Medien nie abgebildet gesehen habe. Ich recherchierte, ob es Magazin gibt, das diese Perspektive vertritt. Und fand heraus: Es gibt drei Magazine über Weihnachtsbäume, zwei über Ufos, eines für Fleischesser. Aber keines für schwarze Frauen in Deutschland. So entstand RosaMag

Wann haben Sie zum ersten Mal erkannt, dass die Art seine Haare zu tragen, politisch sein kann?
Als ich begriffen habe, dass das Glätten der Haare eine Art von internalisiertem Rassismus war. Ich habe mich selbst modifiziert und meine Gesundheit riskiert, um es leichter zu haben und weniger Ausgrenzung zu erleben.

Frauen wie Michelle Obama, Beyonce oder Meghan Markle tragen ihre Haare glatt. Wofür steht das in Ihren Augen?
Ich würde mir nie anmaßen, das zu verurteilen. Für mich als helle schwarze Frau, ist es leichter meine Haare natürlich zu tragen, weil ich nicht so stark diskriminiert werde, wie eine Frau, die dunkler ist. Deshalb verstehe ich, wenn andere Frauen zu anderen Schlüssen kommen als ich. Seitdem Michelle Obama nicht mehr First Lady ist, trägt sie ihre Haare wieder lockig. Ein interessantes Signal, finde ich.

Wie hat sich seit den weltweiten Black Lives Matter-Protesten Ihre Arbeit verändert?
Unsere Arbeit hat sich dadurch nicht verändert, aber das Drumherum. Wir bekommen seither sehr viele Anfragen für Workshops von Unternehmen und Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und lernen wollen, wie man auf Social Media, in Blogs oder in Pressmitteilungen antirassistisch kommunizieren kann.

Seit dem Tod von George Floyd wird auch in Deutschland viel über Rassismus debattiert. In einem Artikel haben Sie sich vor kurzem gegen Racism Porn gewandt? Was ist damit gemeint?
Ich bin eine Weile sehr häufig nach meinen persönlichen Rassismus Erfahrungen gefragt worden. Als Journalistin weiß ich, dass solche Geschichten helfen, Rassismus zu erklären. Das Problem dabei aber ist, dass es dabei nie um die Leute geht, die nicht von Rassismus betroffen sind, aber Teil des Problems sind. Deswegen mag ich das Konzept das Betroffenheitsjournalismus nicht, denn es erschwert, das strukturelle Problem zu sehen.

Nervt es Sie als Afrodeutsche automatisch als Expertin für Rassismusfragen zu gelten?
Als Gründerin von RosaMag habe ich vor allem das Bedürfnis, andere dafür zu sensibilisieren, die Geschichten und Perspektiven anderer Menschen mitzudenken. Darüber rede ich immer gerne. Rassismusexperten gibt es bessere als mich.

Vielen weißen Menschen wird derzeit bewusst, dass in Ihnen mehr Vorurteile stecken als sie vermutet haben. Wie kommt das bei Ihnen an?
In den USA wissen Schwarze genauso wie Weiße, was es bedeutet, schwarz oder weiß zu sein. Hier dagegen feiert man immer die Leistungsgesellschaft. Dabei zeigen Studien immer wieder, dass nirgendwo in Europa Aufstieg so schwierig ist wie in Deutschland. Es gibt sehr viele Strukturen, die sehr ungerecht sind. Aber ich habe den Eindruck, das immer mehr Menschen sich bewusst machen, dass eine Gruppe einen Vorteil hat, wenn eine andere ausgegrenzt wird.

Wird es RosaMag auch mal gedruckt geben?
Ich wünsche es mir sehr.