Fast ein Roman

Sie ist die Königin der Klatschpresse, er Literaturnobelpreisträger. Über Isabel Preysler und Mario Vargs Llosa spricht ganz Spanien

Leben und Werk von Mario Vargas Llosa sind eng miteinander verwoben, seitdem derliteraturnoelpristräger mit der Königin er spanischen Klatschpresse liiert ist.

Ein Mann, der alles zu haben zu scheint, Ansehen, Ruhm und Geld, verlässt die Frau, mit der er den Großteil seines Lebens verbracht hat, fünfzig Jahre, mit der er geradezu verwachsen schien, für eine Liaison mit einer Jüngeren. Neben Mitgefühl für die Verlassene löst eine solche Nachricht Reflexe wie Hohn und Häme aus, Entrüstung vielleicht, bestenfalls verständnisvolles Lächeln.

Nur, darin allein das Aufbegehren eines Mannes zu sehen, der das Ende nahen sieht, ist allenfalls ein Motiv unter vielen. Zum einen, weil seine Neue sooo jung nun auch wieder nicht ist, 67, vor allem aber, weil sich in der Liaison von Mario Vargas Llosa und Isabel Preysler Sphären, die gegensätzlicher kaum sein könnten, zu einem glanzvollen Sittengemälde aus den besseren Kreisen verbinden, wie es ein begabter Romancier nicht besser erfinden könnte.

Er, gebürtiger Peruaner, Schriftsteller, der letzte aus der Generation der großen lateinamerikanischen Erzähler, Nobelpreisträger, Weltbürger, Beinahe-Präsident seines Heimatlandes, Intellektueller mit dem Habitus eines klassischen Gentleman.
Sie, gebürtige Philippinin, Schönheitskönigin, Werbegesicht zahlreicher Marken, Journalistin mit eigener Kosmetiklinie, Mutter eines Popstars und in Spanien verehrt als Reigna del Glamour, Königin des Glamours und in Spanien kaum weniger bekannt als Leticia, die echte Königin.
Zu Ruhm gelangt ist Isabel Preysler aber auch als Ehefrau dreier berühmter und einflussreicher Männer. In ihrer ersten Ehe war sie mit Julio Iglesias verheiratet, der für seine zahllosen Affären fast noch berühmter ist als für seine Latin Pop-Hits. Drei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor, das jüngste ist Enrique Iglesias, als Sänger inzwischen erfolgreicher als sein Vater. In Miami lebt er zusammen mit der ehemaligen Tennisspielerin Anna Kournikowa. Sein Bruder macht ebenfalls Musik, seine Schwester arbeitet als Journalistin. Preyslers zweiter Ehemann war der Großgrundbesitzer, Carlos de Grinin, aus dieser Ehe ging Tochter Tamara Falco hervor. 1988 heiratete Preysler ein drittes Mal, den Ökonomen und Politiker Miquel Boyer, drei Jahre lang Wirtschaftsminister im Kabinett von Felipe Gonzales. Ana Boyer ist ihre gemeinsame Tochter, eine der bekanntesten Influencerinnen Spaniens. 2014 starb Miguel Boyer, 2015 tauchten die ersten Fotos auf, die Isabel Preysler und Mario Vargas Llosa gemeinsam zeigen.
1986 waren sie sich zum ersten Mal begegnet, Preysler interviewte den Schriftsteller damals für das spanische Gesellschaftsmagazin Hola. Preysler ist dem Blatt bis heute eng verbunden. Als Kolumnistin, aber immer wieder auch als Protagonistin großer Fotostories. Viermal wählten sie die Hola-Leser zur bestangezogenen Frau Spaniens.

Auch die Ehebiografie von Mario Vargas Llosa hat es in sich. Er war 19, hatte kein Geld und noch nicht einmal ein Studium begonnen, als er seine zehn Jahre ältere Tante Julia heiratete, genauer wohl: sie ihn. Neun Jahre hielt die Ehe, die literarischen Qualitäten dieser Verbindung hatte Llosa natürlich erkannt. 1977 erschien sein Roman Tante Julia und der Kunstschreiber, eines seiner besten Bücher. Es folgte der Idee des Magischen Realismus, wirkliche Welt in Literatur zu verwandeln, einer Form, die Maria Vargas Llosa, Gabriel Garcia Marquez, Carlos Fuentes und Julio Cortazar vor allem in Europa sehr populär machten. Die Handlung weitgehend erfunden, die Figuren nicht. Es erzählt von einem angehenden Schriftsteller, Varguitas, der seine Tante heiratet. Julia Qurquid antwortete sechs Jahre später mit einem eigenen Buch, Was der kleine Varguitas nicht gesagt hat.
Ein Jahr nach der Trennung heiratete Llosa wieder – seine Cousine Patricia. In Paris hatten sie sich kennengelernt, gemeinsam lebten sie in London, in Barcelona, in Lima und in Madrid. Sie haben drei Kinder großgezogen, Alvaro, ihr ältester Sohn ist ebenfalls Schriftsteller. Patricia kümmerte sich um alles Lästige, das Geld, die Termine, die Verhandlungen mit Verlagen. Sie war immer an seiner Seite. Als er sich zu einem weltweit erfolgreichem Schriftsteller entwickelte, als er sich von einem Linken, der ein Jahr auch der kommunistischen Partei angehörte, zu einem Liberalen wandelte, und als er zurück nach Peru ging. 1990 kandidierte Vargas Llosa dort für das Amt des Präsidenten, er verlor in der Stichwahl. Der damalige Sieger, Alberto Fujimori, übrigens sitzt im Gefängnis, gegen alle seine Nachfolger laufen Verfahren. Patricia begleitete ihn auch, als er von der Politik wieder zur Literatur zurückkehrte und 2010 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Immer war sie an seiner Seite, 2015 feierten sie goldene Hochzeit. Da war er 79. Fünf Tage später, so heißt es, habe er sich von ihr getrennt.

Was genau dazu führte, dass er Patricia verließ und sein zurückgezogenes Leben eintauschte gegen eines unter den neugierigen Blicken der spanischen Öffentlichkeit an der Seite von Senora Isabel, darüber gibt Llosa keine Auskunft. Warum auch? Er ist Schriftsteller, was er zu sagen hat, steht in seinen Büchern.
Redet er mit Journalisten, dann geht es um die Krise der Demokratie, die Lage in Venezuela oder um ein neues Werk von ihm. Spricht ihn doch mal jemand auf seine neue Freundin an, antwortet er ausweichend mit Ausführungen über die Liebe. Damit kennt er sich aus, über die Irrwege des Herzens hat er viel geschrieben. „Liebe“, sagt er dann etwa, „bereichert das Leben. Lässt einen das Leben optimistischer angehen, kreativer. Das Ausbleiben von Liebe macht das Leben traurig.“ Über die Liebe im Alter sagt er in einem Stern-Interview: „Mit 80 gilt man als erfahren, aber wenn die Liebe zuschlägt, nutzt die ganze Erfahrung nichts. Die Erfahrung wird ausgelöscht. Die Liebe mit 80 ist nicht so wie mit 18. Es ist eine Liebe, die weniger stürmisch ist. Aber wenn es sie gibt, lebt sich das Leben so viel besser.“ Llosa, so sieht es aus, hat es mit Preysler gut getroffen.

Kaum waren die ersten Paparazzibilder der beiden veröffentlicht, tauchten in Spanien Gerüchte auf, Llosas Verhältnis mit Preysler sei eine späte Rache für eine Affäre von Patricia Llosa mit seinem ehemaligen Freund Gabriel Garcia Marquez. Llosa hatte ihn vor Jahren öffentlich geohrfeigt, seither sprachen sie, soweit bekannt, kein Wort mehr miteinander. Als eine Reporterin ihn vorsichtig auf dieses Gerücht ansprach, fiel seine Antwort sehr kurz aus. „Darüber spreche ich nicht“, sagte er. Und als sie nachhakte, ob er sein Zerwürfnis mit Marquez vor dessen Tod 2014 ausräumen konnte, blieb er ebenfalls knapp: „Auch das ist ein Geheimnis.“

Mario Vargas Llosa lebt nun in einer mondänen Villa, in der Nachbarschaft leben Diplomaten und Botschafter, in einem der noblen Viertel von Madrid. Gästen öffnet ein Butler in weißen Handschuhen und führt sie in eine Bibliothek. Bücher bis unter die Decke, Bücherstapel auf dem Schreibtisch, ein Perserteppich auf dem Parkett, ein Eames Chair, ein Sofa, ein Kamin. Darüber ein riesiges Gemälde. Es zeigt eine Frau im roten Kleid, Isabell Preysler. Es ist ihr Haus. Als er einzog, hat er nur seine Bücher mitgebracht.
Er steht um fünf auf, macht eine Stunde Gymnastik, liest Zeitungen, dann setzt er sich an den Schreibtisch, und arbeitet bis drei. So viel gibt Llosa dann doch preis.
Vor kurzem waren Bilder zu sehen, wie Preysler und Llosa ein Konzert von Enrique Iglesias besuchen, Llosa umarmte ihn.

Hat er, der kluge Kopf und Geistesmensch, das kommen sehen, Objekt der spanischen Klatschpresse zu werden, Gegenstand von Gerüchten und Gerede, von Paparazzi verfolgt zu sein? Hat Mario Vargas Llosa seine Vorstellungskraft genutzt um zu handeln wie eine seiner Romanfiguren? Das Leben zum Roman erklärt? Jedenfalls haben sich Llosas Leben und sein Werk in den vergangenen Jahren auf undurchschaubare Weise eng miteinander verwoben.

2013 veröffentlichte Llosa einen Essay mit dem Titel Alles Boulevard, eine kluge Analyse medialer Öffentlichkeit. „Der Zwang zur Unterhaltung ist dabei, alle Bereiche des Lebens zu entwürdigen“, schreibt er darin.

Zwei Jahre später, da war er mit Preysler schon ein Paar, griff er das Thema Boulevardjournalismus erneut auf, diesmal in seinem Roman Die Enthüllung. Er erzählt von den krimnellen Methoden einer Boulevardzeitung, im Mittelpunkt steht eine Societyreporterin, die ihren Sinn für Gerechtigkeit entdeckt und mit ihren Recherchen ein korruptes Regime zur Strecke bringt.

Hat Preysler Llosa zu einem Roman über die Klatschpresse inspiriert? Oder war es eher umgekehrt, dass die beiden Bücher eine Vorbereitung waren auf sein neues Leben mit einer der berühmtesten Frauen Spaniens, der Reigna del Glamour? Ironie des Schicksals? In einem gemeinsamen Video mit Preysler antwortete Llosa: „Ein Schriftsteller zu sein, heißt ein Abenteurer zu sein. Man erfindet Abenteuer und bereichert sein Leben mit Imagination.“ Preysler sitzt neben ihm, als er das sagt und lächelt.

Vielleicht muss man Mario Vargas Llosas nächstes oder übernächstes Buch abwarten. „Ein Roman ist eine Lüge, die nicht verbirgt, dass sie Lüge ist, und damit zur Wahrheit wird“, sagte er in einem Interview. „Ich bin überzeugt, dass Literatur die Menschen in die Lage versetzt, die Welt besser zu verstehen.“ Ihn, den großen Schriftsteller, auch.