Macht süchtig

Lisa Blumenberg hat die TV-Serie Bad Banks produziert. Ihr Erfolgsgeheimnis: Insiderwissen

Erst ganz am Schluss dieses Premierenabends in der Frankfurter Paulskirche, als die Schauspieler, der Regisseur, der Autor, der Kameramann, die verantwortliche Redakteurin und viele andere mehr aus dem Team ausgiebig beklatscht sind, von ihren Figuren und den Dreharbeiten erzählt und geduldig Fragen aus dem Publikum beantwortet haben, kommt sie dann doch auf die Bühne, die Frau, ohne die sie hier alle nicht stünden. Sie hatte die Idee, sie trieb das Geld auf und stellte das exzellente Team von Bad Banks zusammen.

Sie hat nichts gegen Beifall einzuwenden, natürlich nicht, es gab viel davon in den vergangenen zwei Jahren. Aber sie ist die Produzentin, sie hat das große Ganze im Blick. Sie versteht sich als Dirigentin, die andere zu Höchstleistungen treibt, als diejenige, bei der alles zusammen läuft. Öffentliche Auftritte überlässt sie gerne Anderen. Und so macht Lisa Blumenberg erst mal, was getan werden muss: sie dankt denen, denen bislang noch nicht gedankt wurde. Und gibt so auch zu verstehen, dass sie ihren ganz eigenen Weg zum Erfolg gefunden hat, von der Fernsehproduzentin klassischer Vorabendserien wie Großstadtrevier und Hafenkante Hamburg zur Produzentin einer internationalen High-End-Serie.

Begonnen hat die Geschichte von Blumenberg und Bad Banks am 5. Oktober 2008. „Ein Sonntag“, erinnert sie sich ein paar Tage zuvor bei einem Gespräch im Hamburger Literaturhaus. Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück traten auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gemeinsam vor die Fernsehkameras, um zu versichern, dass das Geld auf der Bank sicher sei, und so einen Ansturm auf die Banken am nächsten Tag zu verhindern.

„Ich habe das als großes Schauspiel empfunden“, erinnert sich Blumenberg ein paar Tage vor der Premiere. „Und zum ersten Mal wurde mir klar, wie sehr das Bankwesen auf Vertrauen beruht. Das war für mich ein Schlüsselmoment.“ Blumenberg begann, sich für die schwer durchschaubaren Geschäfte der Banken zu interessieren. Warum kann man mit Schulden Geld verdienen? Was sind strukturierte Finanzprodukte? Was genau machen Investmentbanker eigentlich?

Sie fing an, zu recherchieren bis sie das Gefühl hatte, die Geldwelt in ihrem Kern verstehen. Blumenberg traf Banker, und entgegen allen Klischees und Vorurteilen lernte sie „sehr unterschiedliche Charaktere kennen, viele stammten aus fachfremden Branchen. Alle hochgebildet, sehr intelligent und sehr wach“, sagt sie. Einige engagierte sie als Berater. „Ich habe gelernt, dass Banker einen sehr komplizierten Beruf machen, in dem es vor allem um Mentalität und Schnelligkeit geht.“ Vier Jahre vergingen, ehe Unmengen an Stoff zu einer Geschichte und Dramaturgie verdichtet waren und die Dreharbeiten begannen. 2018 startete die erste Staffel, ein Kritiker schrieb treffend: „Eine Serie über Süchtige, die in einer Welt, in der alles einen Wert hat, auf der Suche nach ihrem eigenen sind.“

Im Mittelpunkt stehen zwei Getriebene. Jana Liekam, gespielt von Paula Beer, ist eine junge Investmentbankerin, die inmitten der Bankenkrise ihre Chance sieht – und nutzt. Auf die Frage ihrer Vorgesetzten Christelle Leblanc (Desiree Nosbusch), warum sie Karriere machen möchte antwortet sie einmal: „Ich weiß es nicht. Aber ich brauche es.“ Auch Leblanc profitiert von der Krise, über einen bestimmten Punkt ihrer Karriere kommt sie aber nicht hinaus. Sie ist Mitte 50, sie hat Angst abserviert zu werden, ihr läuft die Zeit davon.

Leblanc und Liekam verbinden mal gemeinsame Interessen, mal die gleichen Gegner. Ihre Loyalität reicht immer nur so weit, wie sie von Nutzen ist. Sie tricksen, drohen, intrigieren und manipulieren, dass selbst ihren Chefs schwindlig wird.

So kaltblütig und erfolgreich die beiden agieren, Blumenberg will ihre Figuren keineswegs als Rollenmodell oder gar Plädoyer verstanden wissen. „Das Bestreben, Herausragendes abliefern zu wollen, ist weder männlich noch weiblich“, sagt Blumenberg. „Abgesehen davon, halte ich die Unterschiede innerhalb der Geschlechter für größer als die zwischen den Geschlechtern.“

Die große Resonanz nach der ersten Staffel stellte Blumenberg und ihr Team vor die spezielle Herausforderung der zweiten Staffel: einerseits die Erwartung des Publikums zu erfüllen Gimme more oft the same, ohne inhaltlich stehen zu bleiben. Die sechs neuen Folgen spielen überwiegend in Berlin, die große Zeit des Investmentbankings ist vorbei, im Mittelpunkt stehen Start-Ups und FinTechs, es geht um den Konflikt zwischen der alten und neuen Bankenwelt, zwischen   Investmentbanking und Digitalisierung, zwischen Alten und Jungen Und um eine grundsätzliche Frage, so Blumenberg: „Kann ein Banker gut sein?“

Der Erfolg der ersten Staffel von Bad Banks war enorm, wobei: Den Erfolg einer Serie zu messen ist kompliziert geworden. Früher genügte ein Blick auf die Quote am Tag nach der Ausstrahlung, das ist lange vorbei. Seitdem lineares Fernsehen immer unbedeutender wird, dauert es Jahre, ehe wirtschaftlicher Erfolg in Zahlen abzulesen ist. Bad Banks stand zunächst in den Mediatheken von arte und ZDF, schließlich liefen die Folgen nacheinander in beiden Sendern. Im Anschluss sicherte sich Netflix die Rechte für ein sogenanntes Second Window, zeitgleich wurden die Senderechte in mehr als 40 Länder verkauft – für eine deutsche Produktion eine beeindruckende Größenordnung.

In Deutschland räumten Schauspieler und Team so ziemlich alle greifbaren Preise ab, in den USA war Bad Banks für den Emmy nominiert, den wichtigsten Preis der amerikanischen TV-Branche. Derzeit verhandelt Blumenberg über eine amerikanische Adaption des Stoffes, ungeachtet dessen, dass das Original auch in den USA zu sehen ist. Das ist kein Misstrauensvotum für eine Produktion aus Europa, im Gegenteil, sagt Blumenberg: „Das ist ein Ritterschlag, das ist ein Beleg für die globale Relevanz der Geschichte: Bad Banks lässt sich eben so gut an der Wall Street erzählen“.

Mit einer weltweit beachteten Serie auf dem Markt zu sein zu einem Zeitpunkt, da Netflix, Amazon Prime und immer neue Streamingplatformen unentwegt nach neuen Stoffen verlangen, versetzt Blumenberg in eine ausgesprochen komfortable Lage. „Wir sind mit allen im Gespräch“, sagt sie, es klingt so unaufgeregt wie selbstbewusst. Sie weiß, sie hat mit Bad Banks alles richtig gemacht. Acht Millionen hat die erste Staffel gekostet, zehn Millionen die zweite. Für deutsche Verhältnisse sind das riesige Budgets. Letterbox, die Produktionsfirma, hat alle Rechte daran behalten. Ein Umstand, der sich jetzt auszahlt. Ein Deal mit Netflix dagegen sorgt zwar mit einem Schlag für internationale Ausstrahlung, Reputation und entsprechend große Budgets, ist in der Regel aber auch mit dem Buyout aller Rechte verbunden.

Auch mit ihren kreativen Entscheidungen und ihrem „lustvollen Ehrgeiz nach Qualität“ lagen Blumenberg und ihr Team ziemlich richtig. Etwa, „dass wir nicht nach falscher Internationalität geschielt haben, sondern die Geschichte authentisch und lokal erzählt haben“. Also, dass sie darauf verzichteten, internationale Stars einzufliegen, auf Englisch zu drehen und sie dann wieder zu synchronisieren. „Das gab uns bei der Besetzung ganz andere Möglichkeiten.“ Desiree Nosbusch feierte in der Rolle von Christelle Leblanc ein fulminantes Comeback, Paula Beer machte die Rolle der Jana Liekam über die Filmbranche hinaus bekannt und hierzulande noch nicht so bekannte Schauspielern wie Barry Atsma, Marc Limpach oder Albert Schuch weckten Neugier.

Im Abspann findet sich auch der Credit Writers Room, doch die Bad Banks-Crew hat das ganz anders gehandhabt, wie in amerikanischen Produktionen üblich, wo unter den Drehbuchautoren ein strenge Hierarchie herrscht. Bei Bad Banks standen eine Reihe von Fachberatern zur Seite, Autoren lieferten Szenen und Dialoge zu. Doch im Wesentlichen trägt das Drehbuch die Handschrift des Chefautors, Oliver Kienle, der, auch das eine Besonderheit, auch selbst als Regisseur arbeitet.

Und Blumenberg hat sich von der Komplexität des Themas nicht beirrren lassen. „Komplexität“, sagt sie, „war im Fernsehen früher ein Tabu. Aber das stimmt nicht mehr. Die Menschen lieben Figuren, die                               nicht einfach zu verstehen sind und unergründbar bleiben genauso wie                   Geschichten, die man erst nach und nach entdecken muss, deren Geheimnis nicht aufgeklärt wird. Man muss Platz lassen für die Fantasie“.

Wo sie neue Ansätze sieht im seriellen Erzählen? Blumenberg überlegt kurz, ob sie sagen soll, woran sie gerade denkt. Sie entscheidet sich dagegen und erzählt stattdessen davon, dass sie sich einmal im Jahr mit Ihrem Mann für zwei Wochen zurückzieht und sie den ganzen Tag nichts anders machen als neue Serien zu schauen. Eine Staffel pro Tag, das ist das Maß, „Serien-Bootcamp“ nennt sie das. „Das ist sehr asozial und sehr intensiv“. Sie schwärmt von einer Serie, The Morning Show heißt sie, Jennifer Aniston spielt mit und Renee Zellweger, es geht um die Redaktion einer Morgenshow im Fernsehen, um übergriffige Männer, um subjektive Wahrheiten. Das Tempo, die Ästhetik, die Erzählweise, Blumenberg ist hörbar begeistert.

Sie selbst bereitet derzeit eine Serie vor, die auf einer Reportage von Alexander Osang, dem Spiegel-Reporter, beruht und die tragische Geschichte einer Amerikanerin erzählt, die im Berghain an einer Überdosis Drogen stirbt. „Das ist aber nur ein Aspekt, es geht um“, sagt sie und macht eine Pause, weil ihr in diesem Moment bewusst wird, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, schon mehr zu verraten. „Sagen wir“, sagt sie also, „es geht um Berlin.“ Und folgt damit der wichtigsten Regel, die für Serien gilt: Das Publikum in die Lage zu versetzen, unbedingt wissen zu wollen, was als Nächstes geschieht.