„Was digitale BIldung betrifft, sind wir in Deutschland weit hinterher“

Isabelle Sonnenfeld leitet das Google News Lab. Ein Gespräch über digitalen Journalismus, Fake News und Teamkultur

Vor neun Monaten zog das Berliner Büro von Google in die ehemalige Frauenklinik der Charitè, doch jetzt ist schon wieder kein Raum zu finden, an dem man in Ruhe sprechen kann. Bleibt also nur die Baustelle in der obersten Etage. Aber was für eine! Eine Raum so groß wie ein ganze Etage, rundum verglast. Blick auf das Bode-Museum, unten fließt die Spree, der Grill Royal ist nicht weit, gleich um die Ecke wohnt die Kanzlerin. In den Stockwerken darunter befinden sich die Teams für politische Arbeit, Marketing, YouTube sowie das Google News Lab, das Isabelle Sonnenfeld, 34, seit vier Jahren leitet.

Frau Sonnenfeld, seit vier Jahren leiten Sie das Google News Lab im deutschsprachigen Raum. Woran genau wird dort gearbeitet?

Das News Lab startete 2015 mit dem Ziel, digitalen Journalismus zu fördern. Vier Dinge stehen dabei im Fokus. Erstens die Frage: Wie umgehen mit Desinformation? Wie können wir Initiativen aufbauen, die Journalisten helfen, Desinformation schneller zu finden? Zweitens geht es um die Frage, wie wir Journalisten unsere Tools und Werkzeuge noch näher bringen können. Wir haben ein Online-Trainings-Centeraufgebaut mit 55 Online-Sessions und führen Trainings auch in Redaktionen durch. Da geht es vor allem darum zu zeigen, wie ich in meiner Recherche schnell an die relevanten Ergebnisse komme. Oder wie kann ich Google Earth in einer Breaking-News-Situation am besten nutzen? Drittens befassen wir uns mit neuen Technologien. Mit Virtual Reality, mit Künstlicher Intelligenz oder neuen Möglichkeiten, Daten zu analysieren und zu visualisieren. Und viertens beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie können wir Diversität in der Medienbranche fördern? Wie können wir Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund oder mit Fluchtgeschichte den Weg in Redaktion und Verlage ebnen? Und natürlich: Wie können wir Frauen in der Medienbranche fördern? Das ist der Kern unserer Arbeit.

Was missfällt Ihnen derzeit am Journalismus?

Ich finde toll, wie politisch aktiv die junge Generation gerade ist. Auf die Straße geht, in sozialen Netzwerken unterwegs ist, und sich um unsere Welt wirklich Sorgen macht. Mir missfällt aber, wie sie von den traditionellen Medien kleingeschrieben werden. Ich würde mir wünschen, dass diese junge Generation noch stärker gehört wird. Redaktionen müssen dafür ihre Perspektiven etwa weiter drehen und verschieben.

Wie informieren Sie sich selbst?

Ich beginne den Tag mit einem Nachrichten-Podcast. Ich habe eine kleine Tochter, da kann ich nebenbei aufräumen, das Kind anziehen oder etwas zu Essen machen und bin über das Wichtigste informiert. Dann lese sich sehr viele Newsletter unterschiedlicher Medien, ich nutze Google News als App, und mittags sehe ich mir die klassischen Nachrichtenseiten an. Und wenn ich abends mit dem Fahrrad nach Hause fahre, höre ich nochmal einen Podcast, meistens New York Times Daily. Da bekommt man den internationalen Blickwinkel.

Keine Zeitungen, keine Magazine?

Aktuell lese ich keine Print-Tageszeitung mehr, aber ich habe eine Wochenzeitung abonniert. Und ich kaufe sehr viele Magazine, auch, um meine Perspektiven zu variieren. Modemagazine, Wirtschaftsmagazine, auch Elternmagazine.

Welche Rolle spielen Twitter, Facebook und Instagram für Sie?

Ich habe früher bei Twitter gearbeitet, daher ist das mein natürlichstes Nachrichten-Medium. Ich folge sehr vielen Journalisten direkt. Instagram nutze ich mehr und mehr. Bislang sah ich das eher als Entertainment mit Familie und Freunden. Aber ich finde es spannend, welche Formate sich dort gerade entwickeln. Bestes Beispiel ist Eva Schulz, eine begnadete junge Journalistin, die ihrer Generation Politik näherbringen will. Ihr Format „Deutschland 3000“. Sehr direkt, sehr klar erklärt sie darin komplexe Themen.

Wie abhängig sind Sie von Ihrem Smartphone?

Ich gebe mir Mühe, die Zeit zu begrenzen, die ich damit verbringe. Im Urlaub schalte ich alles aus. Und ich habe eine App die mir sagt, wie häufig ich das Smartphone in die Hand genommen habe und womit ich meine Zeit verbringe. Das sehe ich mir nicht jeden Tag an, ein paar Mal im Monat aber schon.

Wie wird künstliche Intelligenz Journalismus beeinflussen und verändern?

In einem gemeinsamen Projekt mit der London School of Economics versuchen wir das gerade herauszufinden. Ein paar Beispiele. In der New York Times gab es vor kurzem eine sehr spannende Geschichte, die Satellitenbilder von Google Earth auswertete, um Routen und Bewegungen von Schiffen auf dem Atlantik zu analysieren. Die Muster verraten einiges über Handelsbeziehungen, ihre Mechanismen, auch über Piraterie.Oder die Financial Times wollte herausfinden, wie divers ihre eigene Berichterstattung ist. Wie häufig sind Interviewpartner weiblich? Wie häufig männlich? Als sie diese Daten analysierten, kamen sie zu dem Schluss: „Wir müssen besser werden, denn 70 Prozent unserer Interviewpartner sind männlich. Und das Gleiche kann man natürlich auch mit Fotos machen: Wie häufig tauchen Männer und Frauen auf Fotos in den Artikeln auf? Und der „Guardian“hat, basiert auf der Analyse ihrer Texte, eine neue Richtlinie eingeführt, wie sie über Klimathemen schreiben, welche Begriffe sie verwenden und welche nicht. Statt Klimawandel heißt es jetzt Klimakrise. Das heißt, auf der einen Seite tragen solche Anwendungen künstlicher Intelligenz dazu bei, die Berichterstattung einfacher und schneller zu machen, aber auch dazu, eigene Texte zu analysieren. Auch spannend ist ein Produkt von Jigsaws, einem Tochterunternehmen von Alphabet, das den toxischen Wert von Kommentaren analysiert. Mit solchen Projekten zeigen wir, wie man unsere Technologien anwenden kann.

Was weiß Google noch über Journalismus, was Journalisten selbst nicht wissen?

Wir wissen nicht mehr, als Journalismus über sich weiß. Die Mission von Google ist, Information verfügbar und zugänglich zu machen. Diese Mission lässt sich auch übertragen auf den Journalismus, denn das ist auch das Ziel von Journalismus. Derzeit erleben wir, dass dieser Zugang zu Information gefährdet werden kann, wenn sich Desinformation verbreitet, wenn Leser und Leserinnen nicht mehr unterscheiden können, was wahr ist oder nicht. Deshalb haben wir da eine sehr große Verantwortung.

Abgesehen von Innovationen, die beim Recherchieren helfen: Worin liegt die Motivation von Google Journalismus zu unterstützen?

Qualitätsjournalismus ist die Grundlage unserer funktionierenden Gesellschaft, unserer funktionierenden Demokratie. Und das heißt, das wir dem Vertrauen, das die Nutzer uns schenken, relevante und richtige Informationen zu finden, gerecht werden. Denn häufig sind diese Informationen journalistische Inhalte.

Phänomene wie Fake News, Hate Speech, haben die Unternehmen des Silicon Valley erst hervorgebracht. Ist Googles Engagement als Wiedergutmachung anzusehen für eine Entwicklung, die Google mit ausgelöst hat?

Es gab schon immer falsche Informationen, auch vor dem Internet. Und in erster Linie hängt Falschinformation an den Menschen und nicht an den Plattformen. Die Wut auf Politik hat sich verstärkt und kommt insbesondere auf den Plattformen zum Ausdruck. Dennoch gibt es eine riesengroße Verantwortung, mit dem Thema Verbreitung von Desinformation umzugehen. Vor allem Jugendliche können kaum unterscheiden, was ist Qualitätsjournalismus und was ist Information aus unsicherer Quelle. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die ein Technologieunternehmen wie Google nicht alleine lösen kann, sondern nur in Zusammenarbeit mit der Medienbranche, mit der Politik und mit der Zivilgesellschaft. Was digitale Bildung betrifft sind wir in Deutschland sehr weit hinterher.

Was sind die gängigsten Fehler bei der Google-Suche?

Ein Trick, den wir immer zeigen, ist die umgekehrte Bildersuche. Mit einem Mausklick rechts kann ich sehen: Ist dieses Foto schon mal erschienen? Ist es vielleicht fünf Jahre alt und zeigt gar nicht die aktuelle Situation? Das ist vielen nicht bekannt. Ein anderer Trick: Unterschiedliche Suchoperatoren miteinander zu kombinieren. In unseren Trainings sehen wir häufig überraschte Gesichter, wie schnell man etwa zu einem Dokument einer Regierungsorganisation kommt, wenn man die unterschiedlichen Filter kennt und nutzt.

Google ist in den Rankings der besten Arbeitgeber immer ganz vorne dabei. Was macht Google so attraktiv als Arbeitgeber?

Man kann sehr kreativ arbeiten, sehr crossfunktional und es ist sehr international. Ich habe ein Team mit Kollegen in Singapur, Mexico oder Argentinien. Für viele andere Unternehmen ist Google Vorbild, vor allem was Teamkultur und Transparenz angeht. Wir haben jede Woche ein Treffen, auf dem unser Leadership-Team Fragen beantwortet. Objective Key Results sorgen dafür, dass jeder im Team sieht, woran man arbeitet und wie erfolgreich man war. Es gibt Manager-Feedback, es gibt Kollegen-Feedback. Diese Transparenz und die Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern, macht die Kultur aus. Und das ist einzigartig,

2015 haben sie das Projekt Role Models zusammen mit David Noel gegründet, eine Veranstaltungsreihe, mit der Sie Frauen aus der Techszene miteinander ins Gespräch bringen. Wie kam es dazu?

David hat damals bei Soundcloud gearbeitet, ich noch bei Twitter. Die Idee entstand, weil ich als Frau in der Tech-Branche immer nach weiblichen Vorbildern gesucht hatte und wir uns damals oft gefragt haben: Wie können wir Frauen fördern? Woran liegt das, dass es zu wenig Frauen in Leadership-Positionen gibt? Und David hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie man eine Kultur schaffen kann, die divers und inklusiv ist. Irgendwann sagte ich: „Diese inspirierenden, spannenden, erfolgreichen Frauen muss es ja geben. Lass uns versuchen, sie zu finden.“ Wir haben drei Events gemacht, alle waren komplett ausverkauft. Jetzt spricht jeder über Female Empowerment und über Female Leadership, aber damals gab es das nicht.

Das ist erst vier Jahre her.

Ja, seither hat sich einiges getan, was sehr gut und positiv ist. Wir haben inzwischen über 100 Frauen interviewt.

Welche Begegnungen haben Sie besonders beeindruckt?

An die mit Anne Will denke ich oft. 600 Leute im Saal, ich war sehr nervös. Das Gespräch war sehr offen, sehr persönlich, sehr nah.

Haben Sie inzwischen Vorbilder gefunden?

Ich treffe und lese immer häufiger von Frauen, bei denen ich denke: Da würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden. Und Greta Thunberg beeindruckt mich sehr. Ich hätte mir gewünscht, so ein Vorbild zu haben, als ich so jung war wie sie. Vielleicht hätte mich das motiviert, politisch aktiver zu sein.