Es geht um nichts. Und doch um alles

Das Finale der Fussball-WM mag die Menschen in seinen Bann schlagen – doch einem Vergleich mit der Gefühlsachterbahn eines Junioren-Matches kann es nicht standhalten. Selbstbeobachtungen am Spielfeldrand

Trost
Schon nach den ersten Spielzügen ist klar: Das wird heute nichts. Nach wenigen Minuten steht es 2:0 für die andere Mannschaft, geht es so weiter, wird das ein unlustiger Vormittag. Zur Halbzeit steht es 6:0. Einer heult, ein anderer schimpft, der Torwart sei schuld. Artur, mein Sohn sieht fürchterlich beleidigt aus, weshalb ist in diesen aufgewühlten Momenten nicht aus ihm herauszubekommen. Später wird er erzählen, die anderen hätten ihn allein gelassen in der Abwehr. Der Trainer hat in der Pause gut zu tun, seine Spieler zur zweiten Halbzeit wieder als Mannschaft auf den Platz schicken. Er stellt einen Mann mehr in die Abwehr und schärft ihnen ein, die Position zu halten. Am Ende steht es 7:1, die höchste Niederlage der Saison. Immerhin, die zweite Hälfte ging unentschieden aus. Auf diese Lesart haben sich die Eltern kurz nach dem Spiel schnell verständigt. Erschöpft, enttäuscht, zum Teil apathisch schleichen die Jungs vom Platz. So richtig scheint dieser aufmunternde Gedanke nicht zu zünden. Eine Mutter versucht die Situation zu retten, indem sie für jeden ein Eis besorgt, zum Trost. Artur spricht noch immer kein Wort. Es ist nicht ganz leicht, seine Enttäuschung einerseits ernst zu nehmen, andererseits dieser Niederlage nicht zu viele Gewicht zu verleihen. Ein Spiel ist verloren. Niemand scheidet aus, niemand bekommt null Punkte, weil in der F-Jugend noch keine Meisterschaften ausgespielt und keine Tabellen erstellt werden. Es geht, wenn man so will, um nichts. Und doch um alles.

Ehrgeiz
Samstag ist Spieltag, Anpfiff ist um neun Uhr in der Früh. Eine halbe Stunde vor dem Spiel trifft sich die Mannschaft, bei Auswärtsspielen kommt eine halbe Stunde Fahrt dazu, das bedeutet: Wecker stellen. In manchen Familien sind es die Mütter, die das Füllen der Trinkflasche, die Suche nach den Schienbeinschonern und den Support an der Seitenlinie zuständig sind. Bei uns bin das ich. Ein vorbildlicher Spielervater weiß natürlich, dass die Vorbereitung auf ein Spiel nicht erst mit dem Aufwärmen beginnt, sondern lange vorher. Ausreichend Schlaf, ein gutes, aber nicht zu schweres Abendessen, rechtzeitiges frühstücken. Doch welcher Vater ist schon pausenlos Vorbild?
Es gibt Eltern, die an das Talent ihres Nachwuchses Hoffnungen knüpfen und entsprechend wenig Nachsicht zeigen, wenn er die gewohnte Form mal nicht erreicht. Das andere Extrem markieren die Unbedarften, die mit Fußball eigentlich nichts verbindet, die der Entwicklung ihrer Kinder aber keinesfalls im Wege stehen wollen und allein deshalb ausreichend motiviert sind, sich in die für sie so unvertraute Sphäre eines Fußballplatzes begeben. Und es gibt die vordergründig Entspannten, die im Samstagmorgenkick zwar vor allem eine Übung in Fairplay und Teamwork sehen, bei einem Rückstand aber vom gelassenen Smalltalk an der Seitenlinie unvermittelt zu heißblütigen Fanparolen wechseln. Ehrgeizig sind sie also alle.
Mich eingeschlossen. Als ich mit einem Kaffeebecher aus der Sportgaststätte dem gegnerischen Team beim Warmmachen zusehe und zwei sehr schnelle und körperlich schon recht kräftige Spieler entdecke, ertappe ich bei dem Gedanken, ob ich wirklich alles getan habe für den Erfolg des anstehenden Spiels. Hätte ich meinen Sohn nicht doch besser noch einen Energieriegel besorgt?

Glück
Anfangs fand ich es lästig, sich vom Spielplan die Dramaturgie des Wochenendes diktieren zu lassen. Inzwischen stehe ich ausgesprochen gerne samstags auf dem Fußballplatz. Auch, weil ich dort das Spiel, das ich von Kindesbeinen an liebe, nochmal neu entdeckt habe. In seiner puren, unvollkommenen Form, seiner herrlichen Einfachheit und Unvorhersehbarkeit. Anders als in den großen Stadien ist das Fußball, der von nichts anderem getrieben ist als von Leidenschaft und dem Ziel, ein Tor mehr als der Gegner zu schießen. Und alle Dramen aufführt, die der Fußball so zu bieten hat: Siegtore in der Nachspielzeit. Aufholjagden. Kantersiege. Krachende Niederlagen. Unentschieden, die sie wie Siege anfühlen. Elfmeter, die keine waren. Glückliche, unverdiente Siege. Und mittendrin: der eigene Sohn und seine Freunde. Eine Konstellation, die ungeahnte Gefühle freisetzt.

Überheblickkeit
Ich hätte Leon gleich von Anfang an gebracht. Im Spiel zuvor hat er drei Tore geschossen, er ist der begabteste Stürmer im Team. Ich verstehe auch nicht, weshalb Artur heute auf der linken Seite spielt, er ist doch Rechtsfuß. Und wäre es jetzt nicht mal an der Zeit, die Jungs zu coachen? Sie daran zu erinnern, zu kombinieren, anstatt mit dem Ball am Fuß nach vorne zu rennen?
Von der Seitenlinie aus betrachtet sieht immer alles ganz einfach aus. Ich jedenfalls weiß immer, was zu tun wäre. Warum sieht der Fünfer den freien Mann schon wieder nicht? Manchmal wünsche ich mir ein Touchpad, mit dem ich die Spieler über den Platz schieben, in Zweikämpfe schicken oder aufs Tor schießen lasse, wie die Taktikexperten im Fernsehen. Mein in Jahrzehnten gereifter Fußballsachverstand, käme endlich einmal zur Anwendung. Und wie erfolgreich wir wären!

Respekt
Auch Ludwig verliert nicht gerne, Ludwig ist der Trainer. Er weiß natürlich, dass er in Leon einen talentierten Stürmer hat. Aber auch, dass der seine Mitspieler gelegentlich übersieht und recht eigensinnig ist. Das gefällt ihm nicht, die Mannschaft steht für Ludwig an erster Stelle. Und so bleibt Leon manchmal länger draußen als nötig.
Auch, weil es bei den Neunjährigen eben nicht darum geht, dass immer die Besten spielen, sondern, dass alle spielen. Aus sechs Feldspielern besteht eine Mannschaft, dazu der Torwart. Zu jedem Spiel kommen zehn bis 12 Spieler, da müssen auch die Besten pausieren. Jeder soll Gelegenheit haben, zu spielen Erfahrungen zu sammeln und besser zu werden. Und als Trainer weiß er, dass eine Niederlage durchaus hilfreich sein kann, um zu erklären, warum es sinnvoll ist, nicht allzu große Lücken zwischen Angriff und Verteidigung entstehen zu lassen und nicht alle Spieler gleichzeitig versuchen, den Ball zu gewinnen.
Zweimal in der Woche trainiert Ludwig 25 Jungen, am Wochenende coacht er die Spiele der ersten und der zweiten Mannschaft. Zu Beginn der Sommerferien organisiert er ein Camp für sie. Auf der Weihnachtsfeier dichtet er über jeden Spieler einen Vierzeiler. Warum er das alles macht? Ehrenamtlich, ohne Geld damit zu verdienen, seit vielen Jahren? Weil er den Fußball liebt. Weil er dem Verein verbunden ist. Weil es eine schöne Aufgabe ist, Jungs das Einmaleins des Fußballs beizubringen und sie dabei zu begleiten, eine Mannschaft zu werden. Ludwig zu kritisieren habe ich mir abgewöhnt. In meinen Augen ist er Ludwig ein Held des Alltags, der nur eines verdient: Respekt.

Leidenschaft
Als Spielervater befindet man sich in einem emotionalen Dilemma. Natürlich möchte man den eigenen Sohn gut spielen sehen. Spielt er tatsächlich gut, freut es einen natürlich. Aber man sollte es nicht zu deutlich zeigen. Schließlich ist Fußball ein Mannschaftssport. Spielt er nicht so gut, gilt das gleiche: Auch seine Enttäuschung an der Seitenlinie loszuwerden gehört sich als Spielervater nicht. Soweit die Theorie.
Tatsächlich staune ich manchmal über mich selbst. Etwa, wenn ich mit einer Begeisterung, als hätte er eben das Tor des Monats geschossen laut „Super, Artur!“ rufe, nur, weil er den Ball sauber aus der Gefahrenzone gespielt hat oder erleichtert klatsche, wenn er auf durchaus robuste Weise den Ball behauptet hat. Andere Eltern mögen sich in so einem Moment ihren Teil denken. Allerdings kennt jeder Vater und jede Mutter diese Augenblicke selbst, in denen sich Erleichterung, Überraschung oder auch mütterlicher Stolz ihr Ventil suchen. Manchmal habe ich mich insgeheim über einen schmutzigen Sieg in letzter Minute gefreut. Oder, wie im vergangenen Winter, als es der zweiten Mannschaft, in der mein Sohn spielt, bei einem Hallenturnier gelang, die erste Mannschaft mit einer strikt defensiven Taktik und einem einzigen erfolgreichen Konter zu schlagen. Ach, war das schön.

Sehnsucht
Bei jedem Spielt rollt der Ball ein paar Mal ins Aus, ein Zuschauer spielt ihn dann wieder zurück ins Feld. Ich mag diesen Moment, wenn sich für einen Augenblick dieses ungemein beglückende Gefühl einstellt, den Ball am Fuß zu spüren und manchmal auch die Erinnerung an andere große Momente. Einen Ball volley zu treffen oder wenn das Tornetz sich nach einem sattem Schuss beult. Einen besseren Ort, sich an seine eigene Fußballzeit zu erinnern, als an der Seitenlinie eines Platzes, gibt es nicht. Und auch keine bessere Gelegenheit, um sich in seinem Sohn selbst zu erkennen.
Während meiner Schulzeit kickte ich jeden Nachmittag irgendwo. In Gärten, auf Bolzplätzen, auf Sportanlagen. Im Verein spielte ich nur kurz. Mit dem Spiel, das ich so liebte, hatte das Training dort wenig zu tun. Bei meinem Sohn ist es genau umgekehrt. Fußball findet fast ausschließlich im Verein statt. Zweimal in der Woche Training, Spiel am Wochenende. Einfach kicken bis es dunkel wird? Dafür sind die Nachmittage von Drittklässlern zu verplant.
Manchmal denke ich, wenn ich zusehe, wie die Neunjährigen auf gut präparierten Rasenplätzen um Plastikhütchen dribbeln, Ballannahme, Torschüsse und Zuspiele üben, frage ich mich insgeheim, wie weit ich es wohl hätte bringen können, wenn mir jemand in diesem Alter gezeigt hätte, wie man eine Ball sauber stoppt oder in einen Zweikampf geht. Wir haben uns das selbst beigebracht, haben es uns abgeschaut oder einfach immer wieder versucht. Ich spielte dort, wo ich wollte, das, was ich konnte: rennen, flanken, Pässe in die Spitze spielen. Kein Trainer erklärte mich zum Verteidiger und wies mich an, meine Position zu halten. Soll ich meinen Sohn beneiden oder bedauern? Dieses Match geht unentschieden aus.

Ungeduld
Einer der letzten Angriffe läuft. Artur bleibt als letzter Mann in der eigenen Hälfte, so will es der Trainer. Doch er wirkt arg unbeteiligt, als ginge ihn das alles nichts an. Er nestelt an seinem Trikot, er blickt zur Seite, aber er sieht mich nicht. Sonst würde ich natürlich gestikulieren und ihm zu verstehen geben, dass das Spiel noch nicht vorbei ist. Ist er in Gedanken schon im Schwimmbad? Was geht mir nicht alles durch den Kopf. Ist er nur erschöpft? Ist mein Ehrgeiz größer als der seine? Oder ist er einfach nur viel gelassener als ich selbst? Teilt er sich seine Kräfte und Konzentration einfach nur sein effizent ein. Ich habe keine Antwort und leider auch kein Touchpad, mit dem ich eingreifen könnte.
Schlusspfiff. Das Spiel ist gewonnen, der Jubel groß, alle Lethargie verflogen. Die Spieler klatschen sich ab, bilden einen Kreis, rufen den Vereinsnamen und schicken laut ein „Olé“ hinterher. Nicht für alles, was auf dem Platz geschieht gibt es eine Erklärung. Auch das ist Fußball. Das sollte ich eigentlich wissen.