Zurück zur Wurzel

Anne-Christin Bansleben entwickelte ein umweltverträgliches Verfahren, um Leder zu gerben – mit einem Extrakt der Rhabarberwurzel

Sie kennt diesen Moment, wenn sich in den Gesichtszügen ihres Gegenübers Erstaunen und Neugier zu einem Fragezeichen formen, sobald sie von Ihrer Entdeckung erzählt. Also kommt sie einem zuvor und stellt die Frage selbst: „Wie man darauf kommt?“ Anne-Christin Bansleben hat vollkommen recht, genau das ging einem eben durch den Kopf.

Gemeinsam mit Ihrem Mann David und Ingo Schellenberg, ihrem ehemaligen Professor hat Anne Christin Bansleben herausgefunden, dass sich mit einem Extrakt aus der Wurzel des Rhabarbers Leder gerben lässt. Mit pflanzlichen Stoffen Tierhäute vor dem Verderben zu bewahren, ist keine neue Idee. Über Jahrtausende war das der einzige Weg Leder haltbar zu machen. Auch heute werden in Asien und Südamerika Tierhäute noch mit den Extrakten von Schalen, Rinden und getrockneten Früchten gegerbt. Aber eben nicht mit Rhabarber. Bansleben hat daraus ein Verfahren und ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickelt, das für Aufsehen sorgt, weil es einen Ausweg aus der industriellen Ledergerbung weisen könnte.
Aber wie kommt man nun auf die Idee, in einer Pflanze, die in vielen heimischen Gärten vor allem deswegen gedeiht, weil sie kaum Zuwendung verlangt und in den Sommermonaten eine gewisse Aufmerksamkeit in Form von Kuchen Kompotten und Schorlen erfährt, nach einem alternativen Gerbstoff zu fahnden?

Begonnen hat es mit dem Studium. Bansleben hatte sich an der Hochschule Anhalt wie ihr Mann David für Ökotrophologie eingeschrieben. Beide spezialisierten sich auf Pflanzenanalytik und wurden Teil der Forschungsgruppe um ihren Professor, Ingo Schellenberg. „Unser Ansatz lautete: Welche Inhaltsstoffe aus Pflanzen kann man sich für Neuentwicklungen zunutze machen? Zum Rhabarber hatten wir schon einige Untersuchungen angestellt und Zugriff auf mehr als 40 Spezies. Als sich zeigte, dass bei einigen Arten in der Wurzel Inhaltstoffe enthalten sind, die sich zum Gerben eignen, haben wir uns mit den bekannten Verfahren und weiter an unserer Entdeckung gearbeitet: Wie bekommt man den Extrakt aus der Pflanze? In welcher Kombination wirken die Inhaltstoffe am besten? Wie optimieren wir den Anbau?“

Wie die Geschichte weiter geht muss Bansleben derzeit oft erzählen. Jedem ihrer Sätze ist die Freude anzumerken darüber, was ihr und ihrem Team in den vergangenen Jahren gelungen ist. Keine Spur von Routine oder zurechtgelegten Wortbausteinen. Irgendwann, erzählt sie, kam der Punkt, an dem ihnen ihre Entdeckung so sehr ans Herz gewachsen war, dass sie ihren ursprünglichen Plan, als Forscher zu arbeiten, fallen ließen und beschlossen, selbst ein Unternehmen zu gründen. „Wir waren sicher, wir haben ein Superprodukt“, Fördermittel waren dennoch nicht aufzutreiben und so gingen sie selbst ins Risiko. Anfang 30 war sie damals. „Wir haben alles, was wir damals besessen haben, einschließlich unseres Autos, verkauft und in unser Unternehmen gesteckt“. Deepmello nannten sie es nach der herausragenden Eigenschaft ihres Leders: tiefzart.

Sie knüpften Kontakt zu Gerbern, verfeinerten ihr Verfahren, Schritt für Schritt kamen sie voran. Ehe sie den ersten Prototypen des Rhabarberleders in Händen hielten, vergingen vier Jahre.

Seit 2010 bringt deepmello jährlich zwei kleine Kollektionen Eco-Couture auf den Markt, Taschen, Börsen, Gürtel, High Heels, aber auch Jacken, Tops und Kleider aus Materialen wie Bioseide und Canvas, die sich gut mit Rhabarberleder kombinieren lassen. „Mit dem Label zeigen wir, wie man Rhabarbarleder verarbeiten kann. Wir haben sehr genaue Vorstellungen, wie wir unser Material verarbeitet sehen wollen“. Schwarz dominiert, „das liegt an meiner persönlichen Vorliebe, aber auch daran, das schwarzes Leder einfach toll aussieht und zeitlos ist. „Außerdem ist es uns wichtig, dass die Langlebigkeit von Leder wieder geschätzt wird“.
Den Großteil des Umsatzes macht deepmello allerdings mit dem Vertrieb des rhabarbergegerbten Leders. Schuhe werden daraus gefertigt, Couchgarnituren, neuerdings auch das Interieur von Yachten. Kleinere Fashionlabels verwenden das Leder, „mit einigen großen Brands sind wir im Gespräch, auch mit Autoherstellern“, sagt Bansleben. Sieben Mitarbeiter beschäftigt deepmello mittlerweile, der Kundenkreis wird größer und größer, der Umsatz verdoppelt sich von Jahr zu Jahr. Vor x Jahren kam noch die Kosmetiklinie dazu, red rhubarb. „Von Anfang an war es uns wichtig, die ganze Pflanze zu verwenden und keinen Abfall zu produzieren. Aus unserer Forschung wussten wir, dass in den Stengeln pflegende und schützende Wirkstoffe für die Haut enthalten sind“, sagt sie.
Ende Januar eröffnete deepmello einen Laden in Leipzig, deepmello and friends heißt er. Neben den eigenen Kollektionen finden sich dort unter dem Motto „Slow fashion & fine living“ auch Produkte anderer nachhaltig arbeitender Labels, Männerkleidung, Schmuck, Dessous, Kosmetik, Gourmetöle.

Bansleben ist viel unterwegs zur Zeit. Das liegt auch am Sitz von deepmello in Bernburg, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt zwischen Halle und Magdeburg. „Viele Menschen wundern sich, das wir aus einer kleinen Stadt kommen. Diesen Überraschungseffekt nutze ich gerne“, sagt sie. Zumal die Lage in der Mitte Deutschlands einen unschätzbaren Vorteil ist mit sich bringt: Die Wege sind kurz. Vom Anbau der Pflanzen, der Herstellung des Extraktes, den Häuten, der Gerberei, die Verarbeitung: alles made in Germany.
Und besitzt in Hinblick auf die herkömmliche Lederproduktion damit ein ziemlich schlagkräftiges Argument. Der Großteil der international verarbeiteten Häute stammt aus Südamerika, wird konserviert nach Asien transportiert und nach der Gerbung zur Verarbeitung nach Europa geschickt. „Wenn wir auf diese Weise auch noch eine strukturschwache Gegend wie Sachsen Anhalt stärken können, ist das natürlich toll.“

Die Rhabarberpflanzen wachsen auf einem fünf Hektar großem Gelände der Hochschule. Anders als der Stengel ist die Wurzel nicht saisonabhängig. Nach vier Jahren ist die Wurzel reif für die Ernte, dann sind die Wirkstoffe ausgebildet. „Teil unserer Forschung war es auch, den Anbau und die Ernte zu optimieren, deshalb können wir komplett auf Pflanzenschutzmittel verzichten.“ Die Häute stammen allesamt von Höfen aus Süddeutschland, die keine Massentierhaltung betreiben. Deepmello verwendet ausschließlich Rindsleder, „weil es das am vielseitigsten einsetzbare Leder ist“, so Bansleben.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Chromleder wird das Rhabarberleder nicht mit Kunststoff beschichtet. Zu erkennen ist das daran, dass manche Stellen mehr Struktur und Maserung aufweisen, manche weniger. Das Leder bekommt auf diese Weise mit der Zeit eine Art Patina. „Das ist ein Effekt, der uns sehr gefällt. Man sieht, das Produkt lebt weiter und entwickelt sich. Vor allem bei helleren Farben ist das sehr schön.“
Rhabarberleder riecht auch anders. „Was wir als typischen Ledergeruch wahrnehmen ist ja eigentlich der Geruch der Chemikalie. Wenn unsere Leder frisch hergestellt sind, haben sie einen leicht süßlichen, fruchtigen Geruch.

Als Indiz, wie vielversprechend und zukunftsträchtig Rhabarberleder ist, wertet Bansleben die Versuche, ihr Verfahren zu diskreditieren. Bereits kurz nachdem deepmeello auf dem Markt war, erzählt sie, sahen sie sich Kampagnen und Attacken ausgesetzt. Pflanzliche Gerbung würde mehr Wasser verbrauchen, die Qualität ihrer Leder sei ohne Chrom nicht denkbar, um den Bedarf zu decken, seien Anbauflächen für Rhabarber so groß sein wie Deutschland, Österreich, und die Schweiz zusammen notwendig. „Als derjenige, der versucht etwas besser zu machen, muss man sich ständig rechtfertigen und falsche Behauptungen widerlegen“, sagt sie. Für ihre Widersacher zeigt sie Verständnis. „Sobald man sich unser Verfahren versteht, taucht natürlich die Frage auf: Wie wird eigentlich all das andere Leder hergestellt?“ Und auch darauf gibt sie gleich die Antwort. „Leder“, sagt sie, „gilt als sehr hochwertiges Produkt. Aber es ist nur wenig darüber bekannt, wie es produziert wird“.

Der Großteil der Häute stammt aus Südamerika, wird konserviert nach Asien transportiert und nach der Gerbung zur Verarbeitung nach Europa geschickt. 80 Prozent des weltweit hergestellten Leders wird mit Chrom gegerbt. Für Bansleben, ihren Mann und Professor Schellenberg war diese Erkenntnis zusätzliche Motivation, neue Wege einzuschlagen. „Die Idee unseres Materials ist es, Ersatz zu schaffen für ein Produkt, das unter umweltbelastenden Bedingungen hergestellt wird. An einer Chromgerbung hängt ja nicht nur Wirkstoff dran. Chrom wird durch Tagebau abgebaut, vor allem in Asien und in Afrika. So wie Chrom im Boden vorliegt, kann es zur Gerbung nicht eingesetzt werden. Um es in das gerbende Chrom 3 umzuwandeln, erfordert einen hohen Energieaufwand. Der Großteil der Leder wird in Asien produziert, die Herstellungsbedingungen sind häufig sehr schlimm. Auf Arbeitsschutz oder ob es ein Abwassersystem gibt, wir dort in der Regel nicht geachtet. Kinder baden in den chromversuchten Flüssen, die Arbeiter stehen barfuß in den Fabriken. Das sind die Leder, die vorrangig am Markt gehandelt werden“.
Bansleben klingt nicht anklagend, wenn sie so spricht. Was sie antreibt, ist die Überzeugung , die eine gute Idee entwickelt zu haben. Wir wollen niemanden bekehren. Aber wir erklären viel. Viele unserer Kunden freuen sich darüber. Zudem sehe ich es als meine Verpflichtung an, aus meinen Fähigkeiten das Beste zu machen. Ich habe die Chance, gemeinsam mit Kollegen nachhaltige Produkte herzustellen, also machen wir das. Es ist mir wichtig, etwas voranzutreiben und etwas zu bewegen.“

Ideen für neue Produkte gibt es einige, mehr will sie nicht verraten. Nur soviel, dass die Pflanze im Mittelpunkt steht, über die sie so gut bescheid, wie nur wenige. „Rhabarber kann so viel, Rhabarber ist so unterschätzt“, sagt sie.