„Wir tun das Richtige“

Es ist wieder passiert. Diesmal dauerte es fünf Tage, ehe die Aquarius Mitte August mit 141 aus Seenot geretteten Flüchtlingen an Bord die Erlaubnis erhielt, in einen Hafen auf Malta einzulaufen. Vergangenen Juni kam es zur ersten Irrfahrt des von SOS Mediterranée und Ärzte ohne Grenzen betriebenen Rettungsschiffes, als sich die italienische Regierung erstmals weigerte, die Flüchtlinge aufzunehmen. In Valencia gingen sie schließlich an Land und wurden auf mehrere europäische Länder verteilt. Seither ist die Lage für die Seennotretter ziemlich kompliziert. Die italienische Regierung hat alle Häfen für Boote mit Flüchtlingen geschlossen, die EU ist sich nicht einig, welches Land wie viele Flüchtlinge aufnimmt. Und Verena Papke, seit einem Jahr Geschäftsführerin von SOS Mediterranée, ist im Dauereinsatz.

Frau Papke, andere Rettungsschiffe dürfen inzwischen nicht mehr auslaufen. Kann das der Aquarius auch passieren?
Rettungsschiffe aus dem Verkehr zu ziehen, kann keine Lösung sein. Im Juni war kein ziviles Rettungsschiff im Einsatz. Das hatte zur Folge, dass so viele Menschen im Mittelmeer gestorben sind wie lange nicht, etwa 700 waren es.

Was war Ihr Impuls, sich zu engagieren?
Ein Schlüsselerlebnis war eines der größten Unglücke vor Lampedusa im April 2015. Diese Bilder machten mir bewusst, dass zwischen dem reichen Europa und den Menschen, die aus menschenverachtenden Umständen fliehen, nur ein Meer liegt. Und dass die Tatsache, wo wir geboren sind und wie wir aufwachsen, nur Zufall ist. Diese Ungerechtigkeit hat mich sehr wütend gemacht. Über einen Freund lernte ich 2015 den Kapitän Klaus Vogel kennen, den Gründer von SOS Mediterranée. Von Beginn an sagte er: „Wir brauchen ein großes, europäisches Schiff. Was auf dem Mittelmeer geschieht, ist ein Versagen der Europäischen Union, also müssen wir eine europäische Organisation sein.“ Inzwischen ist SOS Mediterranée eine große und wichtige europäische Organisation.   

Was sind Ihre Aufgaben bei SOS Mediterranée?
Wir haben vier Vereine, in Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Jede Woche besprechen die Geschäftsführer die wichtigsten Dinge: Wann fährt die Aquarius wieder raus? Was muss bis dahin getan werden? Machen wir eine Kampagne? Arbeiten wir mit Prominenten? Wenn ja, mit welchen? Wir haben in Deutschland sechs Vollzeitstellen, das ist für so eine große Organisation nicht viel. Wir stehen in Kontakt mit Unterstützern.

 Inklusive Ärzten und Sanitätern besteht die Crew der Aquarius aus 22 Männern und Frauen. Alle haben einen professionellen Hintergrund, kommen aus der Seefahrt und Medizin. Was braucht ein Helfer sonst noch?
Große Empathie, vor allem mit den Geretteten. Aber auch eine gewisse Resilienz, um durchzustehen, was einem an Bord widerfährt. Man muss Blut sehen können und auch Tote. Man muss über Selbstkontrolle verfügen. An Ostern etwa war die libysche Küstenwache zeitgleich mit uns bei einem Einsatz. Es kam zu einer Verhandlung darüber, Gerettete an Bord der Aquarius nehmen zu dürfen. Am Ende hatten wir 100 Menschen an Bord, die Libyer ebenfalls. Dabei zuzusehen, dass Menschen zurückgebracht werden an Orte, vor denen sie geflohen sind, das ist hart. Dabei darf keiner durchdrehen.  

Waren Sie selbst bei Einsätzen dabei?
Ich war zweimal für mehrere Wochen an Bord. In dieser Zeit gab es drei Einsätze. Gehen wir einen Einsatz durch. Die Aquarius läuft aus einem Hafen am Mittelmer aus, das Schiff patroulliert in den Gewässern vor der libyschen Küste, in der sogenannten Search and Rescue Zone, dabei halten wir von der Brücke aus 24 Stunden am Tag Ausschau nach Schlauchbooten. Entdecken wir eines, melden wir das der zuständigen Seenotleitstelle. Sofern wir das nächstgelegene Schiff sind, sollte sie uns die Order zum Einsatz erteilen. 

Führt die Entdeckung eines Schlauchboots automatisch zu einem Rettungseinsatz?
Die Menschen auf den Schlauchbooten sind in Seenot von dem Punkt an, an dem man sie entdeckt. Entweder entweicht die Luft aus den Kammern oder die Boote brechen in der Mitte, weil die Menschen dicht zusammen gepfercht auf den Holzpaneelen stehen. Die Außenhülle dieser Schlauchboote ist zwei, drei Millimeter dick. Ich würde nicht mal auf der Spree mit so einem Boot fahren. Hinzu kommt: Seitdem die europäische Militäroperation „Sophia“ Schlepper bekämpft, verschlechtert sich der Zustand der Schlauchboote. Die Schlepper gehen seither nicht mit auf die Boote. Die setzen die Leute in Libyen ins Boot, drücken ihnen einen Benzinkanister in die Hand und sagen: „ Das, was leuchtet, ist Italien.“ Das ist dann eine Ölbohrinsel. Früher sind sie noch mit auf die Boote, um diese zurückzubringen und wieder zu verwenden. Mittlerweile müssen die Schlauchboote von den Rettern aber zerstört werden. Und das führt dazu, dass die Schlepper nur noch die billigsten Fabrikate verwenden. Alle, die auf einem solchen Schlauchboot landen, haben nur zwei Möglichkeiten: Sie werden gerettet oder sie ertrinken.  

Wie holt die Crew die Flüchtlinge aus den Booten?
Wir haben zwei Schnellboote. Damit fahren wir zu den Schlauchbooten und verteilen als erstes immer Rettungswesten. Dann beginnt die Bergung, Verletzte, Frauen und Kinder zuerst. Das kann zwei, aber auch 48 Stunden dauern. Dann folgt das Boat Landing. An Bord sieht man ihnen einmal ins Gesicht, sie bekommen die Rettungsweste ausgezogen und müssen an einem sogenannten Schnupperer vorbei. Riechen Sie nach Benzin, saßen sie meistens nah am Motor oder mussten das Benzin nachfüllen. Dann müssen sie sofort ihre Kleider ausziehen und kriegen eine Dusche, weil Benzin in Verbindung mit Salzwasser zu Verbrennungen führt. Häufig sehen wir krasse Hautverletzungen, wir bergen auch viele Dehydrierte, Menschen mit Schussverletzungen, mit Verbrennungen auch Knochenbrüchen. Die werden sofort operiert. Wir hatten auch schon Geburten an Bord. Das ist schon ein logistisches Meisterwerk, auf 77 Metern eine kleine Klinik zu betreiben, die unter Leitung unseres Partners Ärzte ohne Grenzen funktioniert. Hunderte von Menschen zwei, drei Tage mit Essen zu versorgen, und sanitär alles so zu managen, dass es menschenwürdig ist. Meistens dauert es dann ein paar Stunden, bis einem ein sicherer Hafen zugewiesen wird. Und dann nochmal zwei Tage, bis das Schiff einen sicheren Hafen erreicht! In den letzten Wochen haben wir leider oft erfahren müssen, dass die Seenotleistellen ihre Zuständigkeit verweigern und wir tagelang auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten mussten, so wie im Juni, als wir nach einer Woche auf See dann 1000 Kilometer bis nach Spanien/Valencia fahren mussten, obwohl Malta oder Italien näher gewesen wären. 

Bereitet die Crew die Flüchtlinge darauf vor, was sie an Land erwartet?
Wir klären sie über ihre Rechte auf. Interessanterweise kennen die meisten das Wort „Asyl“ gar nicht. Sie wollen oder müssen weg von dort, woher sie kommen. Etliche sind absolut traumatisiert durch ihren Aufenthalt in Libyen. Jemand hat mal gesagt. “Ich wäre gern da geblieben, wo ich herkomme, aber es gab noch nicht mal die Mittel, um zu bleiben.“ Ich denke, genau darum geht es.

Inzwischen werden private Seenotretter stark kritisiert.
Ein Argument lautet, Seenotrettung sei eine staatliche Aufgabe. Seitdem wir da draußen sind, fordern wir ein europäisches Seenot-Rettungsprogramm, aber davon sind wir weiter entfernt denn je. Sobald sich keine Menschen mehr auf diese gefährliche Überfahrt begeben, werden wir auch nicht mehr da sein. Ein anderer Vorwurf ist, dass Seenotretter das Geschäft der Schleuser begünstigen. Dass Menschenhändler oder Schleuser wissen, dass Rettungsschiffe existieren, ist nicht auszuschließen. Aber das hat keine Konsequenz. Die Menschen flüchten unabhängig davon, ob Rettungsschiffe da sind oder nicht. Sind keine da, sterben mehr Menschen. Den Schleppern ist es egal, ob sie gerettet werden. 

Was wissen Sie über Schleuser und Schlepper?
Wir haben niemals Kontakt mit irgendwelchen Schleppern gehabt. Ärzte ohne Grenzen, unser Partner, ist eine der wenigen humanitären Organisationen, die in den Lagern in Libyen noch vor Ort sind. Und da hört man immer wieder, es gäbe Kommandeure, die um das Geld aus Europa konkurrieren. Interessant ist auch die Frage, inwiefern die libysche Küstenwache in Verbindung mit Schleppern steht.  

Wieviel kostet der Unterhalt der Aquarius?
Pro Tag 11.000 Euro inklusive Sprit, Crew, und Verpflegung, also gut 300 000 Euro im Monat. Eine Hälfte davon übernimmt Ärzte ohne Grenzen, die andere wir. Alles ist aus Spenden finanziert.

Welches Gefühl überwiegt nach drei Jahren Engagement für SOS Mediterranée: die Erleichterung, Menschen zu retten? Die Wut darüber, dass dies überhaupt nötig ist? Der Ärger darüber, kritisiert zu werden?
Letzteres auf jeden Fall nicht. Doch in den letzten Wochen und Monaten ist auch eine Ohnmacht zu spüren. Wir arbeiten nach geltendem Recht, wir sind unabhängig, und wir sind zivil. Wie kann es dann sein, dass wir nur noch eine rückwärtsgewandte, rechtsgerichtete Debatte führen? Was aber überwiegt, ist die Tatsache, dass wir das Richtige tun: Menschen zu retten. Lange war es so, dass wir unsere Arbeit gemacht haben, und niemanden hat es interessiert. In den letzten Wochen aber haben wir große Unterstützung erfahren von der Zivilgesellschaft, auch von vielen Prominenten. Sie sind auf die Straße gegangen, haben demonstriert und gespendet. Manche schreiben in den Spenden-Betreff: „Jetzt erst recht! Weiter so! “. Was in den Sommerwochen von einigen Politikern gesagt worden ist, geht vielen Menschen zu weit. Das spüren wir und das gibt einem Team Kraft.