Die Philosophie des Trinkens

In seinem Lokal wird die Verabreichung von Alkohol zelebriert, als handle es sich um die sinnhafteste Beschäftigung der Welt. Wie Charles Schumann die Bar zum Ort der Lebenskunst erhob

Der Abspann läuft, und man hat noch den Satz am Ende des Films im Kopf, dass er mit Menschen immer weniger anfangen kann, da brandet Beifall auf. Der Applaus gilt zunächst der Regisseurin und ihrem Team, doch zunehmend wandelt er sich zu einer Sympathiebekundung für den Mann, der eben mit schnellen, großen Schritten die Bühne erklommen hat: Charles Schumann. Dass seine Worte am Ende des Films alles andere als eine Publikumsbeschimpfung darstellen, das versteht bei der Münchner Premiere von Schumanns Bargespräche jeder. Der Kinosaal ist voll mit Stammgästen. So kennen sie ihn und sie wissen: So ist er halt, der Charles.

Das Schumanns, die Bar, die seit 35 Jahren seinen Namen trägt, liegt nur ein paar Gehminuten vom Kino entfernt. Eine halbe Stunde nach dem Schlussapplaus ist alles wieder wie gewohnt. Das Schumanns brechend voll, an einen Sitzplatz ist nicht zu denken, in den Gängen Trauben von Menschen, die, ein Glas in der Hand, mit Blicken und Worten versuchen sich verständlich zu machen, dazwischen die Kellner in ihren wunderbaren weißen Barjacken, Silbertabletts mit Drinks durch das Gedränge balancierend. Und mittendrin der Charles: grüßend, lächelnd, umgänglich. Alles andere als ein Misanthrop.

Barlegende, Barguru oder Pate der gehobenen Trinkkultur wird er häufig etwas ungelenk genannt, weil es kein treffendes Wort gibt, das seiner Rolle und seiner Bedeutung gerecht wird. Dass es in den großen Städten Europas, Japans und der USA so viele ausgezeichnete Bars gibt wie nie zuvor, Bartending als Handwerk anerkannt ist und Bars mit Stil, Gewandtheit und Weltläufigkeit assoziiert werden, daran hat Schumann einen erheblichen Anteil. Er hat die Barkultur wiederbelebt und weltweit etabliert. Vor einigen Monaten erhielt er dafür in New Orleans den Helen David Lifetime Achievement Award, eine Auszeichnung, die bislang ausschließlich an Amerikaner verliehen wurde.

Schumanns Bargespräche zeigt ihn in der Rolle eines Forschungsreisenden: zu Bars, Bartendern und Barbetreibern in New York, Paris, Berlin, Tokyo und Havanna, zu Cocktail-Historikern, und zu Menschen, die Bars als Orte der Inspiration und Erkenntnis schätzen. Schumann hört zu, er stellt Fragen und will wissen: Was machen die anderen? Er lässt sich zeigen, worin die Vorzüge des Hardshake bestehen, einer von Kazuo Uyeda entwickelten Technik, den Mixbecher zu schütteln. Oder wie groß der Abstand zwischen Eiswürfel und Glas sein muss, damit der Drink nicht verwässert. Manchmal scheint er selbst überrascht zu sein, welche Wertschätzung er in Tokyo oder New York erfährt. Charles Schumann hat den Mythos Bar wieder belebt, auch das ist eine These des Films.

Begonnen hat er damit 1982, als er mit der finanziellen Unterstützung eines Biererben Schumanns American Bar in der Münchner Maximiliansstraße eröffnete. Zu dieser Zeit war Bar noch ein Synonym für halbseidenes Publikum und Rotlicht, für Saufexzesse und Absturz. In München existierte genau eine Bar, in anderen Städten sah es nicht anders aus. Cocktails bekam man in den Bars großer Hotels. „Mein Vater“, erzählt Schumann, „hätte das Wort ‚Bar’ nicht mal in den Mund genommen“.

So begann er nach der Schule erst mal beim Bundesgrenzschutz zu arbeiten, sechs Jahre lang. Er durchlief eine Ausbildung im Auswärtigen Amt zum Konsulatssekretär, besuchte eine Hotelfachschule, ehe er für eine Weile nach Südfrankreich zog. Dort arbeitete er in Diskotheken, eine Weile leitete er ein Erotik-Cabaret an der spanischen Grenze. Zurück in München schrieb er sich an der Hochschule für Politik ein und begann als Barkeeper in Harry New York Bar zu arbeiten.

Das Licht im Schumanns war warm und dunkel, die Stühle hart, die Zahl der Tische begrenzt. Vom ersten Tag an war das Schumanns ein Ort, „an dem man allem, wovon man sonst umgeben ist, für einige Zeit entrinnen“ konnte, schrieb der Musikkritiker Joachim Kaiser. Auf der Karte standen Drinks, die man heute Klassiker nennt, Whisky Sour, Gimlet, Margarita, Daiquiri. Wer hungrig war, hatte die Wahl zwischen Roastbeef und dem Fernsehteller, mit Käse, Schinken und Roastbeef belegten Broten. Mehr noch als die Cocktails begründete die Auswahl der Gäste den Ruf der Bar. Schumann hatte eine genaue Vorstellung davon, wer in seiner Bar willkommen war: „Kopfarbeiter“ nennt er sie, gemeint waren und sind Verleger, Journalisten, Galeristen, Regisseure, Schriftsteller. Manche kamen fünf- sechsmal die Woche und hatten ihre festen Tische und Privilegien. Wer wo sitzen darf, wer stehen und wer warten musste, das folgte Regeln, die für seine Gäste nicht leicht zu durchschauen waren. Klar war nur, dass weder Geld noch Einfluss und schon gar nicht Prominenz halfen, bevorzugt behandelt zu werden. Schumann avancierte zum heimlichen Regisseur eines allabendlichen Schauspiels der Begegnungen, Bartender und Kellner wachten in ihren makellosen Schürzen und Jacken darüber, dass die Dramaturgie und die ungeschriebenen Gesetze eingehalten wurden. Nicht vorlaut sein, den Barleuten mit Respekt begegnen, kein herablassendes Fingergeschnippse und, bloß nicht, an Tische setzen, auf denen ein Reserviert-Schildchen zum Fernbleiben mahnte. „Das Schumanns damals“, sagt der Schriftsteller Maxim Biller im Film, „war ein moderner Salon“.

Wer dazugehören wollte, musste sein Bier zunächst im Stehen trinken, und allmählich das Vertrauen von Stefan, Roman, Silvio oder einem der anderen Kellner oder Bartender gewinnen, ehe er damit rechnen konnte ein Sitzplatz angeboten zu bekommen. Als der Hype immer größer wurde und am Wochenende mehr Menschen draußen vor der Tür standen als innen Platz fanden und Schumann überwiegend damit beschäftigt war, den Einlass zu regeln, beschloss er kurzerhand, das Schumanns am Samstag, dem umsatzstärksten Tag, zu schließen.

Zwei Jahre später bereits, 1984, setzte Schumann erneut Maßstäbe, als es ihm gelang seine Idee einer Bar in Buchform zu bringen. Großen Anteil daran hatte der Illustrator Gunter Mattei, der Schumanns Barbuch gestaltete. Der Einband dunkelblau wie der Nachthimmel, der Schumanns-Schriftzug in dunklem Rot dezent schimmernd, innen drin: zeitlose Strenge, Drinks und Stories. Anstatt wie damals und auch heute noch üblich die Drinks in ihrer Farbenpracht abzubilden setzte Mattei auf Schwarz-Weiß-Illustrationen, die Atmosphäre und Anspruch auf den Punkt brachten: die Bar, ein Ort von Geist und Eleganz. Diesem Konzept folgte auch eine Reihe weiterer Bücher, die Schumann herausgab. Allen voran American Bar, das 1992 erschien und bis heute weltweit als Bibel der Barkultur gilt und Schumanns internationalen Ruhm begründete.

Zwei Wochen vor der Premiere. Der Himmel ist wolkenlos, doch die Luft an diesem Herbsttag ist noch kühl, die Sonne hat den Winkel des Münchner Hofgartens, in dem die Gartentische des Schumanns stehen, noch nicht ganz erreicht. Charles Schumann ist schon aus der Ferne auszumachen, er zählt zu den Menschen, deren Silhouette unverwechselbar ist. Die zurückgekämmten grauen Haare enden auf dem Kragen des dunklen Samtjacketts, dazu trägt er eine schwarze Cordhose und ein weißes Hemd. Seine nackten Füße stecken in einem Paar schon etwas mitgenommener Lederschuhe. Sechs Paar hat er davon vor vielen Jahren gekauft, bessere Schuhe, sagt er, habe er nie wieder gefunden. Er holt zwei Stühle, stellt sie an die Wand, dort, wo die Sonne schon für ein wenig Wärme sorgt. Ganz gleich, ob er von den Dreharbeiten erzählt, von Foodabteilungen japanischer Kaufhäuser schwärmt oder über seine Bratkartoffeln spricht, die als die besten der Stadt gelten, er macht einen ruhelosen Eindruck. Seine Sätze gelangen nicht immer bis zum letzten Wort, weil während des Redens in seinem Kopf schon längst der nächste Gedanke Form annimmt. Oder er aus dem Augenwinkel mitbekommen hat, dass ein Tisch für den Mittagsbetrieb nicht richtig eingedeckt ist. Nach wie vor ist er es, der alles im Blick hat und darauf achtet, dass jedes Detail sitzt. Eine Aufgabe, die Konzentration verlangt. Denn das Schumanns ist groß geworden.

Nach einem Streit um den Pachtvertrag zog das Schumanns 2003 um, ein paar Straßen weiter nur, an den Hofgarten. Seither hat sich vieles verändert. Mit der meterhohen Decke, dem langen Tresen und der riesigen blaugrünen Marmorplatte an der Wand gleicht das Schumanns einer Kathedrale der Barkultur, in der das Essen inzwischen ebenso wichtig ist wie die Drinks. Tische stehen aber auch draußen auf der Ludwigstraße und im Hofgarten, im Sommer einer der schönsten Plätze Münchens, sowie in der ersten Etage in einem separaten Raum. Ohne Reservierung ist es schwierig einen Platz zu bekommen. Samstags ist geöffnet, mittags ebenso. Jeden Tag gibt es eine kleine Lunchkarte und eine für den Abend. 40 Mitarbeiter sind nötig, um den Betrieb vom späten Vormittag an bis zum Morgengrauen am Laufen zu halten. Nicht zu vergessen die Tagesbar in der Stadtmitte, tagsüber Treffpunkt für Espresso und Lunch.

Zu gr0ß sei das alles, findet Schumann selbst. Dann sehnt er sich nach der kleinen überschaubaren Bar, die er einfach zusperrt, wenn ihm der Sinn danach steht. „Dann hänge ich ein Schild an die Tür, auf dem steht „Heute habe ich keine Kraft“. Er lächelt, weil er selbst am besten weiß, dass das nur eine stille Hoffnung ist. Um seine Wurzeln nicht ganz zu verlieren und die Idee der intimen Bar nicht ganz aufzugeben, eröffnete er vor vier Jahren in der ersten Etage das Fleurs Du Mal, eine Bar, in der die Gäste um einen neun Meter langen Tisch aus Walnußholz sitzen. Hier werden Cocktails zelebriert, die Karte mit ausgewählten Drinks wechselt wöchentlich. Zwanzig, dreißig Gäste, und es ist voll.

Ein bisschen so wie in „Irdische Vergnügen“, einem Text von Luis Bunuel. Er erschien bereits in Schumanns erstem Buch und er zitiert ihn noch heute gern. Im Film liest Pep Guardiola daraus, in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern häufiger Gast im Schumanns. Der Regisseur beschreibt darin die Bar als einen Ort der Meditation, als Schule der Einsamkeit. „Sie muss vor allem ruhig sein, möglichst düster und sehr bequem. Jede Musik ist verpönt, auch die entfernteste, höchstens ein Dutzend Tische, möglichst nur Stammgäste“. Und rauchen darf man natürlich auch.

Dass junge Bartender häufig ganz andere Präferenzen haben, sich Mixologen nennen, wie DJs um die Welt touren und Gastspiele in den angesagten Bars geben, ihre Unterarm-Tattoos wie ihr Ego zur Schau stellen, mit absurden Innovationen Originalität beweisen wollen, das hat mit seiner Haltung, eine Bar zu führen, nicht viel gemein. Vor kurzem machte eine Bar Schlagzeilen, die einen Drink in einem Gelatinekondom serviert. Dass der Bar-Boom, den er selbst mit ausgelöst hat, mitunter seltsame Formen annimmt, dass selbst in Hotelbars laute Musik gespielt wird und Barleute dort T-Shirts oder Hüte hinterm Tresen tragen, nimmt er mit Nonchalance. Im Film sagt er den schönen Satz: „Ich halte es wie mein Freund Yohji Yamamoto: Ich kenne alle Trends, aber sie interessieren mich nicht.“

In Schumanns Bargespräche ist einmal zu sehen, wie ein junger Kollege auf einem Symposium in Tokyo sichtbar begeistert davon, ihn zu treffen, auf ihn zukommt. Schumann erwidert die Begrüßung schroff mit dem Satz. „Was machst du hier? Reise nicht so viel in der Welt herum. Deine Bar braucht dich“. So hält er es nämlich, Charles ist immer da.
Aus diesem Grund zogen sich die Dreharbeiten für den Film über einen Zeitraum von vier Jahren hin. Schumann lässt das Schumanns nicht gern allein. „Ein Barmann muss ein guter Gastgeber für die angenehmen Gäste sein, ein Dompteur für die Schwierigen und ein Therapeut für die Traurigen“, heißt es einmal im Film. Seinen Tag beginnt er morgens in der Tagesbar, mittags wenn die Essensgäste kommen, geht er hinüber an den Hofgarten, abends verabschiedet er sich selten vor 23 Uhr. Er weiß, er ist das Gesicht der Bar. Viele Gäste gehen ins Schumanns, etwa wegen des Tartars und der Drinks, aber ebenso viele gehen zu Charles. Um ihn zu sehen, zu grüßen oder einfach nur zu beobachten, wie er die einen in die Seite boxt, Ihnen seine Hände auf die Schultern legt oder um eine seiner berüchtigten Bemerkungen aufzuschnappen.

Schumanns Bargespräche ist bereits Marieke Schröders zweiter Film über Schumann. Der erste lief anlässlich seines 75. Geburtstags. Sie begleitete ihn auf einer Reise in die Oberpfalz, auf den Hof, auf dem er aufwuchs und nach Frankreich, wo er seine ersten Erfahrungen im Nachtleben sammelte und wo aus Karl-Georg Charles wurde.
„Was mich an ihm am meisten beeindruckt, ist seine Neugier. Seine innere Haltung ist äußerlich sichtbar. Seine geraden großen Schritte und die Art, wie er die Beine gleichzeitig schlaksig von sich wirft, das ist genau die Kombination, die Charles ausmacht. Und was man nicht vergessen darf: Charles ist ein wahnsinnig schöner Mann.“

Dass Schumanns Ausstrahlung weit über den Tresen hinausreicht entdeckte als erster Werner Baldessarini. Der Designer machte Schumann zum Testimonial für sein Männermode Label. Es machte Schumann weltweit auch bei Menschen bekannt, die noch nie einen Fuß in eine Bar gesetzt hatten. Eine Reihe von Modeljobs folgten, wer immer ihn fotografierte, er verkörperte die Sehnsucht, nach einem erfüllten Männerleben, dem Typus Mann, der eins mit sich ist und nicht stehen bleibt.

Der Film zeigt ihn einmal, wie er einen alten Kollegen in Tokyo besucht. Als der ihn fragt, wie er das Mixen gelernt habe, antwortet Charles seelenruhig: „Mit Wasser“. Irritiert hakt der Andere nach: „Wenn man Wasser mit Wasser mischt, dann wird es am Ende nach Wasser schmecken. Wie soll man auf diese Weise herausfinden, ob das Verhältnis unterschiedlicher Spirituosen stimmig ist?“ Charles bleibt dabei. Und lächelt.

Sein Gegenüber mit einem Rätsel zurückzulassen, mit einem Satz, der nach Erwiderung verlangt, oder einem schlagfertigen Konter, diese Praxis des Bardialogs hat er über die Jahre kultiviert und zu einer eigenen Kunstform entwickelt, die auch davon lebt, dass sich in ihr manch charmante Bosheiten verbirgt.

Was auch dazu führte, das ihn in München zwar jeder kennt, aber durchaus nicht jeder gut auf ihn zu sprechen ist. Seine direkte und gelegentlich auch rigide Art Menschen, die er nicht mochte, hinaus zu komplementieren ist berüchtigt. Mancher trägt ihm eine Zurückweisung bis heute nach. Heute, im Rückblick und etwas milder geworden, sagt Schumann, er müsse sich bei vielen Menschen entschuldigen.

76 Jahre ist er mittlerweile. Sein Gesicht ist immer leicht gebräunt, zweimal in der Woche geht er zum Boxtraining, am Samstagnachmittag spielt er Fussball. An den Wochenenden lernt er japanisch, er ist gut in Form. Und dennoch: Er denkt darüber nach, wie es weitergehen könnte. Ist das Schumanns noch das Schumanns, ohne Charles? Wird sein Sohn Marvin, benannt nach dem ehemaligen Boxchampion Marvin Hagler, es einmal übernehmen? Noch hat er keine Antwort darauf. Seit 30 Jahren schimpft er auf München und droht seinen Stammgästen eine kleine Bar irgendwo am Atlantik zu eröffnen. Bislang blieb es bei der Drohung. Inzwischen hat er einen anderen Plan. Das Schumanns soll weitergeführt werden, wie auch immer. „Aber ich möchte mich gerne öfter ausklinken. Dann werde ich drei Monate mal hier leben und drei Monate dort. Drei Monate in einem spanisch sprechenden Land, dann ein halbes Jahr nach Kyoto. Und auch mal in einer Stadt leben, wo man nur englisch spricht. Und wenn ich dann noch einen Platz finden würde, an dem ich sage: „Da bleibe ich!“, das wäre großartig.“