La Bella Machina

Eine Fussball-WM ohne Italien? Ein Trauerspiel. Gut, dass es noch ein paar Diszipilinen gibt, in denen Italiener nach wie vor die Besten der Besten sind. Etwa, Autos voller Kühnheit und Raffinesse zu bauen

Es gab Zeiten, da standen italienische Autos im Ruf, zwar unschlagbar schön zu sein, aber nicht sonderlich zuverlässig. Wer sich damals, in den 70er, 80er Jahren, dennoch einen Alfa, einen Lancia oder einen Fiat zulegte, gab in zweierlei Hinsicht starkes Statement ab. Zum einen gab er zu erkennen, dass er selbst ein versierter Schrauber ist, der sich von einem rumpelnden Getriebe nicht so leicht aus der Fassung bringen lässt. Und Verständnis – sowie das nötige Gespür – besaß für das, was sich unter der Motorhaube abspielte und für die Kräfte, die da wirkten.

Vor allem aber gab er zu verstehen, dass ihm nicht in erster Linie an einem Fahrzeug gelegen war, das ihn zu jeder Jahreszeit bequem und sicher von einem Ort zum anderen brachte, sondern Stil und gutes Aussehen höher schätzte als technische Vollkommenheit.

Wer von seinem Auto verlässliche Ingenieurskunst erwartete, war mit einem deutschen Fabrikat bestens bedient, wer Exzentrik suchte, sah sich in Großbritannien um und wer er sich für große Mengen an Chrom begeisterte, der orientierte sich an amerikanischen Modellen.

Wer sich dagegen für einen Italiener entschied signalisierte, was er vom Leben und damit auch von seinem Auto erwartete: Schönheit, Abenteuer, Freiheit. Was anderes auch soll man auch erwarten von einem Gefährt, das einen so vielversprechenden Namen trägt wie Alfa Romeo Giulia?

Dass italienische Autos Herzen schneller schlagen lassen, daran hatten Designstudios und Karosseriefirmen wie Pininfarina, Ghia, Bertone, Zagato oder Fioravanti einen großen Anteil. Sie entwickelten Formen und Linien, die ihre Grenzen nicht in Notwendigkeiten sahen, sondern allein in der Vorstellungskraft. So entstand eine Vielzahl von Modellen, die heute noch als kühn und zeitlos elegant gelten und Maßstäbe im Automobildesign setzten. Schönere, verwegenere Autos wurden nie wieder gebaut.

Entscheidend dafür war, dass die Autoherstelle die Gestaltung bei Designstudios in Auftrag gaben – anstatt wie bei deutschen oder britischen Herstellern früher und heute sowieso üblich, sie in einer hauseigenen Abteilung zu entwickeln. Daraus resultierten enorme Freiheiten für die Designer, sie konnten ihre Entwürfe relativ unabhängig von Vorgaben der Ingenieure gestalten. Chris Bangle, von 1992 bis 2009 Designchef von BMW, und in den achtziger Jahren im Designteam von Fiat, nennt noch ein weiteren Grund für die Überlegenheit des italienischen Designs der 70er Jahre: „Die Designer waren zumeist Quereinsteiger, viele waren Architekten“, oder hatten erste Erfahrungen in anderen Designdisziplinen gesammelt. Das ließ sie bisweilen unbekümmert an ihre Entwürfe herangehen.

Heute denkt man dabei zuerst an Sportwagen wie den Ferrari 308 GTB, den Maserati Ghibli oder den Lamborghini Miura. Dass damals in wenigen Jahren so viele mobile Legenden entstanden sind, ist auch eine Folge der Rivalität von autoverrückten Ingenieuren, Unternehmern und Mäzenen, die der Ehrgeiz trieb, einen noch schnelleren, noch keilförmigeren oder einfach einen Sportwagen zu bauen, der ihren Namen trug. Der erste Lamborghini entstand, weil Ferrucio Lamborghini, eigentlich ein Hersteller von Traktoren, den neuesten Ferrari als nicht gelungen empfand. Er heuerte drei Leute von Ferrari an, nur ein halbes Jahr später stand der Entwurf für den Lamborghini 350 GT. Auch der De Tomaso Pantera entstand aus ähnlichen Motiven.

Diese Begeisterung der Italiener für Sportwagen geht zurück auf die 20er und 30er Jahre, als die Geschichte des Automobils noch am Anfang stand. Der Rennsport war der Treiber für Hersteller wie Ferrari, Alfa Romeo und Lancia, ihre Autos und Fahrer dominierten über Jahre den Motorsport. Rennfahrer wie Alberto Ascari und Tazio Nuvolari waren nationale Helden.

Doch die Faszination italienischer Autos beschränkt sich ja keineswegs auf Sportwagen, Roadster und Coupés. Es waren geniale Kleinwagen wie der Cinquencento in den 50ern und 60ern, der Fiat 127, Autobianchi und Innocenti in den 70ern sowie der Uno und der Panda in den 80er und 90er Jahren, die mit Ihrer Mixtur aus Pragmatismus und eleganter Bescheidenheit Millionen Menschen die Möglichkeit gaben, mobil zu sein, und dabei bella figura zu machen.

Dass Giorgio Giugaro als einflussreichster Automobildesigner des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet wurde, hat nicht nur mit seinen Entwürfen von Klassikern wie dem Maserati Ghibli oder des Ferrari 250 GT zu tun, sondern ganz wesentlich mit der Gestaltung des Unos, Pandas, und des Puntos, den Millionensellern von Fiat.

Die Idee, italienisches Autodesign mit Lebenskunst gleichzusetzen, haben jedoch die Modelle der Mittelklasse am stärksten geprägt, der Alfa Romeo Giulia Sprint etwa, der Fiat 128, der Alfa Romeo Spider, der Lancia Fulvia oder der Fiat Spider. Bis heute verkörpern sie mit der Kombination von Sportlichkeit und Eleganz den Inbegriff der Bella Machina, eine Melange mediterraner Leichtigkeit und Lebenslust.
All das, was man in italienische Sportwagen hineindeuten und aus ihnen herauslesen kann, dieses von der Sehnsucht nach Freiheit, Romantik, Risiko und Geschwindigkeit bestimmte Lebensgefühl, findet sich nirgendwo so auf den Punkt verdichtet wie in der Sequenz am Ende der Reifeprüfung. Und machte den Spider auch international zum Star.

Als Benjamin, gespielt vom jungen Dustin Hoffmann, endlich erkennt, dass er die schöne Elaine mehr liebt als alles andere, macht er sich auf, sie vor einer großen Dummheit zu retten: ein anderen zu heiraten. Und so rast er halsbrecherisch in einem offenen Alfa Romeo 1600 Duetto Spider durch Kalifornien auf der Suche nach der Kirche, in der die Trauung bereits begonnen hat. Das Auto ist danach ziemlich ramponiert, doch er kommt gerade noch rechtzeitig, um sie vor dem Ja zum Falschen abzubringen.

Auch im realen Leben ist häufig zu beobachten, dass der Spider, egal ob von Alfa oder Fiat, oder eine Giuletta häufig dann den Besitzer wechseln, wenn es ernst wird im Leben: Wenn auf einmal der Hausrat einer Familie transportiert werden   muss und ein Fahrzeug ratsam erscheint, dass auch mehrstündige Fahrten mit Hund und Kindern ohne Murren hinnimmt.

Die Szene offenbart ein weiteres Detail, das unerlässlich ist, um ein italienisches Auto zu lenken: die Sonnenbrille. Nur damit kommt das Fahren mit einem Italiener zu sich selbst, weil sie erlaubt, den Blick auf das Wesentliche zu fokussieren. Außerdem zeigt sie die Richtung an, in die es seinen Träger zieht: zur Sonne, zur Freiheit.

Nun mag man einwenden, all das sei lange her, der Glanz von gestern. Schon richtig, der angestammte Platz italienischer Autolegenden ist nicht mehr die Straße, sondern das Museum, das Auktionshaus, der Spielzeugladen oder der Bildband. Doch das heißt ja nicht, dass sie nicht mehr existieren. Dort leben sie weiter als eine Idee, und werden als Kunstwerke betrachtet und gehandelt. Und wenn sie im Sommer dann doch mal aus der Garage geholt werden, sind sie ein umso größeres Ereignis.

Und es ist ja keineswegs so, dass in Italien keine schönen Autos mehr gebaut werden. Im Gegenteil. Ferraris haben nichts von Ihrer Faszination eingebüßt, Maserati baut komfortable, geräumige Sportwagen. Und mit der Neuauflage des Cinquecento gelang es Fiat die Idee seines legendären Vorfahren aufs beste mit zeitgemäßer Technologie wiederaufleben zu lassen. Die großen Würfe sind nicht mehr so zahlreich. Aber das ist in der Popmusik oder der Mode auch nicht anders.

Das hat damit zu tun, dass die Voraussetzungen, unter denen Autos hergestellt werden, völlig andere sind als damals. Die gr0ßen Hersteller bilden Allianzen über die Kontinente hinweg, um Fahrzeuge zu produzieren, die in China genauso gefallen und Absatz finden wie im Tessin. Vielen neuen Modellen ist das anzusehen. Sie mögen uns mit ihren Heeren an digitalen Assistenten in die Zukunft lenken, mit moderaten Verbrauchswerten und schlauen Innovationen überzeugen, doch all die guten Argumente hinterlassen auch große Gleichgültigkeit.

Wenn wir zugleich ein ums andere Mal stehen bleiben, wenn wir einen roten Ferrari California am Straßenrand entdecken, uns umdrehen, wenn wir einen Lamborghini röhren hören oder einem gut erhaltenen Alfa Spider sehnsuchtsvolle Blicke hinterherschicken, dann hat das sehr viel mit der in Italien geborenen Idee zu tun, das ganz normale Leben mit Kühnheit, Raffinesse und Eleganz zu überlisten, kurz gesagt: dass ein Auto viel mehr sein kann als ein Fahrzeug.