Nicht, dass vorher alles verkehrt war. Nur: Nie zuvor fühlte sich etwas so zweifellos richtig an.

Ein Mann kommt viele Jahre seines Lebens ohne Kind aus. Dann wird er Vater. Und sein Leben anders. Ganz anders. Philip Reichardt über Verluste und Gewinne

 Klar, ich bin Anfänger. Alles, was ich beitragen kann über das Leben als Vater, beruht auf den Erfahrungen eines Jahres. Das ist nicht viel, schon gar nicht, wenn ich mich mit all den Experten in meinem Freundeskreis messe, die zwei und mehr Kinder haben, manche schon so lange, dass sie sich bereits aufs Abitur vorbereiten.

Mit dem Leben ohne Kinder dagegen kenne ich mich aus, ziemlich gut sogar. Ich habe es bis in alle Einzelheiten studiert, und ich habe es geliebt. Eine großartige Zeit, die ich nicht missen möchte. Jetzt bin ich Mitte vierzig und endlich Vater. Ich weiß also, wovon ich spreche, wenn ich mein jetziges Leben mit dem von früher vergleiche.

Natürlich, es hat sich einiges verändert. Ich gehe so früh zu Bett wie nie zuvor. Mein Fahrrad hat Rost angesetzt. In den Bergen war ich seit der Geburt meines Sohnes kein einziges Mal, weder zu Fuß noch mit dem Mountainbike. Ins Kino schaffte ich es seither genau einmal. Dafür kenne ich mich inzwischen in Drogeriemärkten aus und wohne im ersten Stock.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich ist nämlich kaum etwas abhanden gekommen. Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich um Viertel nach elf das Licht ausmache. Anstatt ins Kino zu gehen, habe ich eine ganze Reihe großartiger amerikanischer Serien auf DVD gesehen. Freunde zu treffen erfordert nun Absprachen und mehr Aufwand, doch umso mehr schätze ich es nun, einen Abend mit ihnen zu verbringen. Ich habe mich bei Facebook registriert, so lässt sich Kontakt halten mit vielen Bekannten und Kollegen, die ich nicht mehr so oft treffe.

Ich sehe nach wie vor samstags die Sportschau, manchmal allerdings verstehe ich kein Wort, weil Artur nebenan singt, schreit oder beides zugleich. Mein Koordinatensystem hat sich ein wenig verschoben, die Grenzen, in denen ich mich nun bewege, sind enger. Doch das Leben steht nicht auf dem Kopf. Es ist keinesfalls so, dass all das, was mein Leben früher ausmachte, nun mit einem Schlag keine Rolle mehr spielen würde. Nur frage ich mich verstärkt, was wirklich wichtig ist.

Laufen gehen etwa: nach wie vor sehr wichtig, auch wenn es mehr Aufwand erfordert, die Zeit dafür zu finden. Selber gut kochen: wichtiger als vorher, macht jetzt auch mehr Spaß. Der Kontakt zu meiner Mutter, meiner Schwester, ihren Kindern: wichtiger, häufiger und stärker als früher. Tolle Anzüge, Hemden und Schuhe tragen: nicht mehr so wichtig. Drogeriemärkte: leider wichtig, früher kam ich auch gut ohne sie aus. Die Wohnung unterm Dach: existiert nicht mehr. Sie aufzugeben bedeutete den stärksten Einschnitt seit Arturs Geburt. Diese Wohnung war Ausdruck eines Lebensgefühls, an dem mir viel lag und liegt. Ein einziger riesiger Raum, offene Küche, eine Galerie, auf der mein Schreibtisch stand, sechs Meter hohe Decken. Fast sieben Jahre wohnte ich dort, ich liebte sie. Wenn man will, das perfekte Symbol meines Lebens ohne Kind. Doch sie hatte ihre Macken. Kein Lift, kein Stauraum, keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Für einen allein war sie perfekt, für zwei eine Herausforderung, für drei eine Zumutung. Wahr ist aber auch, dass ich manchmal mit Wehmut an sie zurückdenke, etwa wenn ich morgens in unserer Altbauküche das Licht anknipse, weil die Sonne es nicht bis zur Küchentür schafft, schon gar nicht in den ersten Stock.

Begriffen, dass mein Leben mittlerweile einer anderen Spur folgt als früher, hatte ich an einem Samstagvormittag vergangenen Sommer. Ich war mit Artur in der Münchner Innenstadt unterwegs, als die Christopher-Street- Day-Parade an uns vorbeizog. Von einem Wagen wummerte ein besonders treibender Beat, unmöglich, sich ihm zu entziehen, die Bässe durchdrangen den Körper, und meine Reflexe – sie funktionierten. Ich blieb stehen, ließ die Einkaufstüten sinken, trommelte mit der Hand den Rhythmus auf meinem Schenkel, sah den enthemmt Tanzenden nach und bekam große Lust, mich wieder einmal von House-Beats durch die Nacht tragen zu lassen. So wie früher. Zugleich verstand ich in diesem Moment, dass dieses Gefühl, das ich mir einige Augenblicke lang herbeisehnte, von meinem jetzigen Leben schon ein ganzes Stück entfernt lag.

Nicht, dass vorher alles verkehrt war, keineswegs. Nur: Nie zuvor fühlte sich etwas so zweifellos richtig an. Es ist, als hätte sich das Leben als Vater um eine bislang nicht zugängliche Dimension erweitert. An Erfahrungen, Perspektiven, Glücksmomenten. Seinen Sohn ins Mittelmeer zu tauchen und zu sehen, wie er vergnügt mit den Beinen strampelt und seinem Papa zulächelt, mit der Kraxe auf dem Rücken wandern zu gehen und zu spüren, wie er hörbar gut gelaunt mit seiner kleinen Hand auf meine Schulter klopft: Das sind, auch wenn es sich immer ein wenig nach Heile-Welt-Kitsch anhört, tatsächlich große Momente. Früher nickte ich angestrengt und simulierte Verständnis, wenn Freunde glückstrunken von ähnlichen Erfahrungen berichteten.

Nun verstehe ich, was sie damals meinten. Jetzt, mit der Erfahrung von 14 Monaten, halte ich es für eine schöne Vorstellung, zu wissen, dass ich ihn prägen werde. Ich werde sein Maßstab sein, eine ganze Weile lang. Er wird glauben, was ich sage, er wird mir vertrauen, dass die Entscheidungen, die ich treffe, richtig sind. Er wird imitieren, was ich vormache, erst nur Gesten, dann Worte, später wohl wird er auch Ansichten und Einstellungen von mir übernehmen. Bis er dann irgendwann seine eigenen Maßstäbe entwickeln wird.

Ich werde mir also Gedanken machen müssen, was ich einem Menschen beibringen möchte, der noch nichts weiß von dieser Welt, welche Erfahrungen ich weitergebe und welche lieber nicht, wofür ich ihn begeistern und mit welchen Augen ich ihn auf dieses Leben blicken lassen möchte. Keine leichte Aufgabe, doch vielleicht werde ich daran wachsen und er auch. Schon jetzt freue ich mich darauf, mit ihm Musik zu hören, ins Stadion zu gehen oder selbst zu kicken, ihm Geschichten zu erzählen, ihm zu vermitteln, was schön, lustig und gerecht ist.

Mittlerweile weiß ich auch, dass nicht alles genauso kommen wird, wie ich es mir ausmale. Von Beginn an haben meine Lebensgefährtin und ich uns etwa vorgenommen, dass nicht das Kind unser Leben bestimmt, sondern wir das seine. Diesen Ansatz finde ich auch nach 14 Monaten noch richtig. Doch er lässt sich nicht immer durchhalten. Prinzipien sind das eine, Alltag das andere. Irgendwann wird Artur Fahrrad fahren, mich in die Berge begleiten und ich wieder ins Kino und ins Theater gehen.

Ein wenig überrascht hat mich, dass Menschen, die ich schon lange kenne, mir nun gelegentlich allzu gönnerhaft und altklug begegnen, insbesondere, wenn sie selbst schon lange Eltern sind. So überschwänglich ihre Glückwünsche, Ratschläge und ihr Interesse auch ausfallen, ihre eigentliche, häufig subtil verpackte Botschaft lautet, dass der größte Makel meines Lebens nun endlich behoben sei. „Na bitte! Doch noch gescheit geworden! Willkommen im Club der allzeit Sorgenvollen und Breibeschmierten.“ Es ärgert mich jedes Mal. Was dachten sie früher eigentlich über mich? Ich hatte ein schönes Leben, eine schöne Wohnung und obendrein genug Schlaf. Recht haben sie dennoch: Ich fühle mich ja tatsächlich bereichert und auf eine Weise kompletter. Auf keinen Fall missen möchte ich eine Erfahrung aus dem vergangenen Sommer. Zum ersten Mal machten wir zu dritt zwei Wochen Urlaub in Italien, und egal, ob wir an den Strand gingen, einkaufen oder in eine Pizzeria, es dauerte immer nur ein paar Augenblicke, ehe Artur alle Aufmerksamkeit auf sich zog. „Arturo“, herzten sie ihn, küssten ihm die Füße, machten ihm kleine Geschenke und sangen Lieder für „Arturo Bambolotto“. Ich hatte das Gefühl, Vater eines Popstars zu sein. Irgendwann wandten sie sich immer Arturs schöner Mutter zu, sie nahm die Zuneigung und Freundlichkeiten strahlend entgegen.

Doch einmal kam es anders. Wir waren gerade in einem Hotel angekommen und waren auf dem Weg in unser Zimmer. Ein Page trug unsere Koffer und flirtete währenddessen mit Artur. Er konnte sich gar nicht trennen vom Anblick des kleinen, blonden Jungen. Schließlich verabschiedete er sich, drehte sich nicht, wie sonst immer üblich, zur Mutter hin, sondern zu mir. Anerkennend sagte er: „Complimente al papá“ – Kompliment an den Vater.