Und weg ist er

Von einer Party, aus einer öden Beziehung, nach belanglosem Sex.Warum bloß findet ein Mann das so faszinierend?

Leo Kaplan trifft seine Entscheidung innerhalb weniger Sekunden. Bestürzt und gekränkt dreht er sich um, läuft wortlos die Treppen hinunter und verschwindet. Zurück lässt er seine Geliebte, die ihm eben mitgeteilt hatte, dass sie das gemeinsame Kind abgetrieben hat, und einen Haufen unbeantworteter Fragen. Es ist die entscheidende Wende im Leben des Leo Kaplan, Held in Leon de Winters gleichnamigem Roman.

Wer ohne Ankündigung geht, einfach verschwindet, hinterlässt eine Lücke, Verstörung, oft auch Zorn und Verzweiflung. Er bricht mit der Konvention, dem Abschied eine Form zu geben. Seinem Gegenüber in die Augen zu blicken und seine Absichten zu offenbaren, zeugt von Verlässlichkeit und Charakter. Wer dieses Ritual der gegenseitigen Vergewisserung unterläuft, gibt Rätsel auf und enttäuscht Erwartungen. Im Verschwinden steckt der Schwindel — die harmlosere, weil nicht so bösartige Variante der Lüge. Im alltäglichen Umgang geht solches Verhalten, je nach Anlass und Lage, mal als Fauxpas durch, mal als Affront. In Fällen besonderer Heimtücke wird es als Vergehen geahndet.

Sich im Getümmel einer Party unauffällig davon zu machen, ohne dem Gastgeber zu danken, verrät nicht eben Klasse, wird aber in aller Regel als mindere Unhöflichkeit nachgesehen, die schnell in Vergessenheit gerät. Zumal bei Gästen, die zuvor zu glänzen verstanden. Wer sich einen Abend lang kaum bemerkbar macht und erst mit einem heimlichen Abgang für Aufmerksamkeit sorgt, dessen Verschwinden wird kaum Bedauern auslösen.
Am ehesten mit Nachsicht rechnen kann, wer nach einer unverhofften Liebesnacht morgens aus einem fremden Bett verschwindet. Nicht nur weil das lautlose Davonschleichen sich nahezu von selbst erklärt, sondern gelegentlich auch auf erleichtertes Einverständnis trifft.

Nicht selten geht dem Verschwinden ein Verstummen und Verschweigen voraus. Das macht sich vor allem zu nutze, wer Übles im Sinn hat, der Zusammenhang wird allerdings meist erst im Nachhinein bemerkt. Der Fondsmanager etwa, der das Geld seiner Anleger verzockt, von einem Tag auf den anderen nicht mehrauffindbar ist, seine Spuren verwischt und vor seiner Verantwortung und der Wut seiner Geldgeber flieht. Mit empörtem Kopfschütteln kommt er nicht davon. Er sieht sich von Ermittlern und Staatsanwälten verfolgt. Zu Recht.

Ein ganz anderes Motiv treibt dagegen Jay, die Hauptfigur aus Hanif Kureishis Erzählung »Rastlose Nähe«: Mit seinem Verschwinden gibt er eine Antwort auf das Verschwinden der Liebe und jeder Lebendigkeit aus seinem Leben. Als er morgens fortgeht, trägt er nichts weiter bei sich als eine kleine Tasche. Alles andere lässt er zurück: seine beiden Söhne, seine Frau, das gemeinsame Haus, sein bisheriges Leben. Bevor er geht, spielt er alles nochmal durch, nimmt ein letztes Mal vertraute Geräusche wahr, lässt die vergangenen Jahre an sich vorbeiziehen und versichert sich seiner Motive — akribisch wie einen Ausbruch aus dem Gefängnis hat er alles geplant. Sobald er aufwacht, rasiert er sich, schreibt seiner Frau einen Zettel und verschwindet. Ohne Geschrei, kaltblütig und voller Hoffnung.

Kureishis Held folgt seiner Sehnsucht nach mehr Leben und mehr Sex. Einermännlichen Fantasie, die umso mehr Anziehungskraft entfaltet, je berechenbarer das Idealbild des Mannes sich darstellt. Jays Entschluss artikuliert das Wunschdenken desjenigen, der sich schon mit einem Bier in der Hand als ganzer Kerl fühlt und den iPod-Stöpsel im Ohr, den Flachbildschirm an der Wand und die Hautpflegeserie im Bad als Ausweis zeitgemäßer Männlichkeit ansieht.

Ein Gedankenspiel, in dem Männer Mut zeigen — auch darin, nicht von allen gemocht zu werden —, nicht alles zerreden und laue Kompromisse schließen, Entschlüsse fassen und Zwänge abschutteln, endlich einmal ihrer inneren Stimme und ihrem Verlangen folgen und tun, was getan werden muss, so schmerzhaft es auch sein mag. Alles auf null, zurück auf los und dann immer weiter. Sempre avanti. Wer plant zu verschwinden, muss also kein schlechter Kerl sein, nur weil er Rätsel aufgibt. Im Gegenteil, er taugt durchaus zum einsamen Helden, sofern sein Abgang nicht in erster Linie eine Flucht darstellt, sondern Überdruss am Gleichmaß ihn leitet, Abenteuerlust, Lebenshunger. Er widersetzt sich dem Erwartbaren und Geläufigen, macht sich frei, kennt nur seinen Willen und nimmt in Kauf, verdächtigt, verurteilt, und wenn es ganz blöd kommt, verteufelt zu werden. Sein Verdienst besteht darin, dass die Lücke, die er hinterlässt, im besten Fall mehr bewegt als seine Präsenz und jede noch so große Zahl kluger Gedanken und Worte.

Ein Motiv, das häufig in Thrillern und Agentengeschichten Verwendung findet, schließlich lassen sich auf diese Weise falsche Fährten legen und Gegenspielerin die Irre schicken. In Vollendung beherrscht diese Gabe des Entkommens und gleichzeitigen Täuschens Patricia Highsmiths Romanheld Tom Ripley, ein ebenso charmanter wie eiskalter Hochstapler und Mörder, der an seinen Aufgaben wächst. Zunehmende Bedrängnis seiner Verfolger beantwortet er mit zunehmender Souveränität, je näher sie kommen, umso gerissener seine Tricks und Wege, abermals zu verschwinden. Erfolgreich ist jemand wie Ripley allerdings nur, weil er seinen Verstand benutzt, sich von Stimmungen nicht einfangen lässt, die Launen seines Gegenübers erfasst wie ein Seismograf und seine wahren Absichten zu verbergen versteht. Sowie über ein Gespür für exaktes Timing verfügt.
Wer zu früh geht, weil er etwa einer Laune folgt oder einer Verstimmung nachgibt, wird es daran merken, dass ihn Zweifel plagen: Hätte ich vielleicht doch bleiben sollen? Leo Kaplan ließ sich von einem Impuls leiten. Ruhe fand er erst, als er herausfand, dass der Satz seiner Geliebten, der den Ausschlag für sein Verschwinden gab, nicht der Wahrheit entsprach —17 Jahre später.

Wer zu lange zögert und den richtigen Zeitpunkt verpasst, stellt das in der Regel in genau jenem Moment fest, da die Gelegenheit vorüber ist. Er wird fluchen, sich weiter in Geduld üben, bis er versteht, dass genau darin das Problem liegt: dass er zu viel davon besitzt. Den perfekten Augenblick zu erkennen, verlangt Scharfblick sowie Gewissheit, seinen Impulsen zu trauen. Nur dann wird man lautlos entkommen. Ob er auf diese Weise das Gluck findet, ist eine andere Frage. Selbst wenn er nichts Besseres findet als das, was er verlässt, und der Kick des Abenteuers mit der Zeit nachlässt, eines bleibt ihm immer: aufzutauchen, wenn keiner damit rechnet.