Die Sender mit der Maus

Hinter RTL 2 beginnt im Fernsehen die Welt eines neuen Medienproletariats. Unzählige Moderatorinnen suchen dort ihr Glück

Geschichten wie diese kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen: Ein Mann hält an der Ampel, es ist Sommer, neben ihm eine hübsche Frau im Cabrio. Er sieht hinüber, sie lächelt zurück, sie wechseln ein paar Worte, und noch ehe es grün wird, hat sie ein Angebot, als Praktikantin beim Fernsehen anzufangen.

Bei Sandra Ahrabian trug es sich tatsächlich so zu, drei Jahre ist das jetzt her. Seit sieben Monaten ist sie nun nahezu täglich im Fernsehen zu sehen. Mal nachmittags, mal in der Nacht, mal am Vormittag. Auf 9Live oder Sat.1, wo sie Telefongewinnspiele moderiert, oder auf 123 TV, einem Auktionssender, einer Art moderiertem Ebay.

Dort erklärt sie die Vorzüge von Handkreissägen, den Nutzen von Saunagürteln oder Mikrofasern in der Bettwäsche. Und lächelt dazu. Ein hübsches Lächeln.

Sie genießt das alles sehr, dieses neue aufregende Leben, das Erkanntwerden auf der Straße, das schnelle Geld, selbst das viele Arbeiten und gelegentliche Überfordertsein, wenn sie es nicht schafft, sich vor lauter Sendeterminen wirklich jedes Detail einzuprägen, das die Handkreissäge auszeichnet. Auch dass ihre mehrjährige Beziehung in der Hetze zwischen den Studios vor kurzem in die Brüche ging, nimmt sie in Kauf, weil eben auch ein wenig Schmerz dazugehört, wenn man plötzlich so gefragt ist und Karriere macht.

Sie ist da in ein großes Abenteuer hineingeraten, damals an der Ampel, seither läuft es wie von selbst. Warum sollte sie sich da ausgerechnet jetzt für den Reporter Gedanken machen? Es wird schon alles richtig sein so. Besser als Industriekauffrau, den Job, den sie gelernt und auch eine Weile ausgeübt hat, ist es allemal. Im Gegensatz dazu ist es doch ein Gewinn, sagt sie, über die nützlichen Eigenschaften von Fritteusen oder Multifunktionsleitern Bescheid zu wissen: »Schließlich gehört das zur Allgemeinbildung.« Und lacht ausnahmsweise einmal nicht.

Möglich sind Geschichten wie diese, seitdem nicht mehr alles, was aus dem Fernseher kommt, auch Fernsehen ist. Es bedarf nur eines kleinen Ausflugs auf der Fernbedienung, vorbei an den Privaten und den Nachrichtensendern in die Gegend der blinkenden Telefonnummern, Monstertruckrennen und strippenden Athletinnen, um festzustellen, dass der Fernseher gelegentlich mutiert ist: zum Schaufenster, zum Spielautomaten, zur Ladentheke oder eben zum Auktionshaus. Die Sender tragen Namen wie HSE 24, Sonnenklar TV, TV Gusto, Traumpartner TV oder 9Live und versorgen mit ihren Angeboten nahezu jedes menschliche Bedürfnis. Hervorgebracht haben diese Programme einen Typus von Fernseharbeiterinnen, bei deren flüchtigem Anblick man nicht recht weiß: Sind hier besonders eilfertige Verkäuferinnen und Kundenberaterinnen am Werk, die zufällig vor eine Kamera geraten sind? Oder handelt es sich doch um eine neue Generation von Moderatorinnen, die ­ angetrieben von Erfolgsgeschichten wie der einer Schauspielerin Jessica Schwarz ­ einen Platz auf der letzten Programmtaste in Kauf nehmen, um ihrem Traum von Fernsehruhm ein bisschen näher zu kommen?

Es ist mittags um zwei, Anneke ist noch nicht lange wach. Bis eine Stunde nach Mitternacht stand sie in einem kleinen Fernsehstudio vor der Kamera und moderierte Telefongewinnspiele. Wie heißt der Song von Robbie Williams? Let me … you? Zur Wahl stehen a) love b) entertain c) kiss. Solche Sachen. Drei Stunden lang, live. Gegen halb vier war sie im Bett, nun bestellt sie in ihrem Lieblingscafé an der Münchner Universität eine Latte Macchiato, die zweite heute. »War gut gestern. Das Thema der Sendung hieß Strand, dazu fiel mir viel ein.«

Gut heißt auch: Es haben genug Menschen angerufen bei ihr. Genug, damit ihre Produktionsfirma zufrieden ist und Geld verdient, genug, damit der Sender, Viva Plus, Geld verdient, genug auch, dass sie sich keine Sorgen machen muss. Fiele die Anzahl der Anrufe im Vergleich zu ihren Kolleginnen dauerhaft ab, bekäme sie dagegen schnell ein Problem. Man würde sie austauschen. Gegen eine andere, die nur auf ihre Chance wartet. Damit muss Anneke im Moment nicht rechnen, im Gegenteil. Seit acht Monaten moderiert sie das Nachtquiz mittlerweile und macht ihren Job so gut, dass sie bereits die neuen Moderatorinnen coacht.

»Natürlich ist mir klar, dass Call-in-Fernsehen keinen guten Ruf hat«, sagt sie. Es ist ein Job, ein guter Job, er finanziert ihr das Psychologiestudium. Vergangenes Jahr machte sie noch Schichtdienst in einem Callcenter, jetzt verdient Sie so viel, dass sie in München gut leben und sogar ein bisschen was zur Seite legen kann. Vor allem ist es ein Anfang, ein erster Schritt. Sie versucht das Beste daraus zu machen »und ein bisschen Niveau hineinzubringen«, das heißt: »Fair zu sein zu den Zuschauern, schwere Rätsel nicht als leicht zu verkaufen, die Anrufer nicht zu verarschen.«

Anneke legt Wert auf die Unterschiede zu ihren Call-in-Kolleginnen. Anneke kann singen, sie kann tanzen, sie absolvierte eine Musical- und Schauspielausbildung. Mit einer Girlgroup nahm sie eine CD auf, mit einer Hip-Hop-Formation gab sie Konzerte.

Noch heißt ihre Bühne Viva Plus, ein Sender, der nur in einigen Bundesländern zu empfangen ist. Bei Viva begann auch die beeindruckende Karriere der Heike Makatsch. Über Musikmoderationen, Bravo-TV, eine eigene kleine Sendung im privaten Fernsehen und Fernsehrollen spielte sie sich ins internationale Kino hinein, in den richtig großen, erwachsenen Glamour. Eine Geschichte, die erzählt, dass alles möglich ist, wenn man beim Fernsehen beginnt. Anneke hat, wie vermutlich Zigtausend andere junge Frauen auch, diese Geschichte natürlich im Kopf, wenn sie vor der Kamera steht und ihrem Publikum idiotisch einfach Fragen stellen muss.

Noch aber steht sie am Anfang der medialen Verwertungskette und wartet auf Angebote: für eine Moderation bei einem Sender, den man überall empfangen kann, für eine Rolle in einer Soap. Es sieht so aus, als könnte ihr Plan aufgehen. Zweimal war sie schon ganz dicht dran, einmal bei Lotta in Love, einmal bei Verbotene Liebe. Drei Musikproduzenten haben sich bei ihr gemeldet, auch mit dem Regisseur des Kinofilms Die sieben Zwerge traf sie sich neulich. Alles Zeichen, dass es weitergeht. Sie geben ihr Mut, weiter an sich zu arbeiten: »Ich muss lernen, die Augen offen zu halten, ich blinzle noch zu viel.«

»Von Anneke wird man bald schon mehr hören«, sagt Sabine Appelhagen. Seit ein paar Wochen betreut sie Anneke als Agentin und sie hält viel von ihr. Vor allem, weil sie so vielseitig ist. »Das Geschäft hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Es ist vielleicht einfacher geworden, einen Einstieg zu finden, weil die Nachfrage nach neuen Gesichtern immer größer wird.« Aber es sei auch ein Spiel mit hohem Einsatz. Wer es hineinschafft, dem bieten sich alle Chancen: auf lukrative Nebenjobs bei Messen, Eröffnungen und Präsentationen, Sponsorenverträge, Modeljobs, das Interesse der Boulevard- und Klatschmagazine und gutes, schnelles Geld. Nach zwei, drei Jahren besitzt fast jede ihre Eigentumswohnung. Bleibt der zählbare Erfolg einer Sendung aus, ist die Moderatorin dagegen die Erste, die das zu spüren bekommt.

Sabine Appelhagen, die in den frühen neunziger Jahren selbst auf Pro7 Filme anmoderierte, sagt ihren Künstlern aus dieser Erfahrung heraus gern: »Moderator ist kein Beruf, sondern ein Zustand.«

Die Sender suchten Persönlichkeiten, Menschen, an die man sich erinnert, mit denen man etwas verbindet, wie Tim Mälzer etwa: »Muss man nicht mögen, aber ein Supertyp. Oder Barbara Schöneberger. Tolle Frau, ihr fehlt nur die richtige Sendung. Oder Else Buschheuer. Auch ein super Typ, sie ist jetzt wieder da, beim MDR. Oder eben Anna Heesch. Eine ganz Liebe, die müssen Sie kennen lernen!«

Um mit Anna ins Gespräch zu kommen, muss man sehr genau die Lücke abpassen, wenn sie doch einmal Luft holt zwischen zwei Sätzen. Sie hat aber auch eine Menge zu erzählen nach sieben Jahren beim Fernsehen. Allein zu beschreiben, wo sie derzeit überall zu sehen ist, dauert: Auf 9Live etwa, wo sie mal morgens, mal abends Gewinnspiele moderiert, auf Sat.1, wo sie ebenfalls eine Quiz-Show moderiert, oder im Hamburger Lokalsender Hamburg 1. Dort leitet sie abwechselnd eine Gesundheitssendung mit dem Titel AOK-TV und ein Reisequiz. Auf Astro-TV, einem Digitalsender, ist sie gemeinsam mit einem Astrologen zu sehen, die Sendung heißt Zukunftsblick, auf Kabel1 im Filmquiz und schließlich unterhält sie sich in Finanzplaner TV mit Wirtschaftsexperten. Früher, als sie noch nicht beim Fernsehen war, hat sie Betriebswirtschaft studiert.

Das ist eine ihrer Rollen: Anna, die Fernsehmoderatorin.

Es gibt Anna Heesch aber in noch mehr öffentlichen Rollen zu sehen. Anna, die Gala-Moderatorin, Anna, das Werbegesicht, Anna, das Model. Und, darauf ist sie besonders stolz: Anna, die Unternehmerin. Mit einem Partner entwickelte sie eine Kosmetikserie, so genannte Sternzeichen-Kosmetik. Für jedes Sternzeichen die passende Creme.

Mittlerweile ist Anna ein Profi, durch und durch. Okay, ihr Name verbindet sich vor allem mit Call-in-TV ­ die Diskussionen und Vorbehalte: tausendmal beschrieben, hinterfragt, diskutiert, dagegen gehalten. Egal, sie liebt all die Annehmlichkeiten, Privilegien und öffentlichen Aufmerksamkeiten, dieses Leben, in dem ein Ausrufezeichen das nächste jagt. Die Schlagzeile in der Hamburger Morgenpost etwa: »Anna holt die Männer vor die Glotze«, da hatte sie gerade ihre ersten Auftritte als Wetterfee hinter sich. »Irre, oder?« Das Foto in Gala, eine ganze Seite groß. Da war sie erst Lokalmoderatorin. Die eigene Homepage, die sie ständig aktualisieren lässt. Der Modesponsor, der sie laufend mit Kostümen, Jacken, Röcken und Accessoires für ihre Auftritte versorgt. Das rastlose Hin und Her zwischen den Studios in München, Hamburg, Berlin und Köln. Ihr Freund, ein Anwalt aus Hamburg, dem sie eine Gastrolle in der Sendung Richter Alexander Hold verschafft hat, als Anwalt. Ihr Auftritt im Playboy, der ihren Bekanntheitsgrad noch mal ein ganzes Stück erhöht hat. »Ich empfinde diese Bilder als große Ehre.« Sie hat sich da was aufgebaut.

Und sie kennt das Geschäft, die Tricks ebenso wie die Fallen. Als die Frage kommt, die man ihr immer wieder stellt, nämlich, wie es weitergeht, was als Nächstes kommt, wo ihre Ziele liegen, weicht zum ersten Mal das Tempo aus ihren Worten, sie weiß: Jetzt bloß nicht das Falsche sagen, etwas, was Ärger geben, dem Ruf schaden, als überheblich ausgelegt oder gar laufende Verhandlungen gefährden könnte. »Ich bin total glücklich mit dem, was ich mache«, meint sie. »Ich bin in meinem Traum schon angekommen, deshalb träume ich nicht weiter.«

Will man herausfinden, wie Geschichten wie die von Sandra, Anneke oder Anna weitergehen können, hilft ein Blick zurück. Auf eine, bei der alles ganz ähnlich anfing. Mit einem Sieg bei einem Modelcontest, der Neugier und der Unbeschwertheit einer 20-Jährigen. Wenn Sophie Rosentreter von damals erzählt, klingt es, als spreche sie von einer Vergangenheit, die ein ganzes Leben zurückliegt. Dabei ist sie vor ein paar Monaten erst dreißig geworden.

Ihr Preis für den ersten Platz war ein Gastauftritt bei MTV, in der Sendung von Christian Ulmen. Sie machte Eindruck, bekam einen Vertrag und war auf einmal ein Fernsehgesicht. Sophie flog durch die Welt, interviewte Popstars, hatte schnell Erfolg. »Eine tolle Zeit«, sagt sie heute. Nach drei Jahren, da war sie 23, bekam sie ein Angebot, eines, das aussah wie eine große Chance, mindestens aber wie der richtige nächste Schritt: Die Moderation von Big Brother, der ersten Staffel. Das große Thema damals. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Percy Hoven führte sie durch die Sendung.

»Es war die Zeit, in der ich lernte, wie das Fernsehen wirklich funktioniert und worauf es ankommt«, sagt sie heute. Wie es einen sehr schnell sehr bekannt macht ­ im Dezember 2000 landete sie auf einer Liste der meistabgefragten Frauennamen im Internet in den Top Ten, zwischen Jennifer Lopez und Verona Feldbusch. Und wie es sich anfühlt, wenn sich die Öffentlichkeit, die einen eben noch so leicht nach oben trug, gegen einen wendet. Sophie bekam böse Verrisse, Kritiken voller Häme, von der »hochgradig blonden Sophie Rosentreter, bei deren Kreisch-Organ jeder Wellensittich tot von der Stange fällt«, schrieb der Spiegel damals. Der Sender wechselte sie nach der ersten Staffel aus.

»Ich war damals einfach noch nicht so weit«, sagt sie heute. »Ich war überfordert.« Bei MTV moderierte sie noch zwei Jahre, dann verschwand sie ganz vom Bildschirm und wechselte die Seite, hinter die Kamera. »Ich wollte mich nicht länger wie eine Marionette fühlen und davon abhängig sein, was mir ein Redakteur aufschrieb.« Sie lernte, wie man recherchiert, wie man einen Beitrag aufbaut und schneidet, und arbeitet jetzt als Redakteurin für eine TV-Produktionsfirma, dreht Reportagen und Dokumentationen, etwa eine Serie über dicke Kinder.

Sie trägt die Haare länger als damals, nur noch selten erkennt sie jemand auf der Straße. »Ich genieße das sehr, dass nicht mehr alle Augen auf mich gerichtet sind.« Aber das Beste an ihrer Entscheidung sei etwas anderes: »Jetzt kann ich selbst bestimmen, was zu sehen ist und was nicht.«

Eine Geschichte, wie sie das Fernsehen eher selten erzählt.