Horrorskop

Lieber Himmel, danke, dass ich Jungfrau bin! Ein Plädoyer für ein verleumdetes Sternzeichen. 

Neulich, mit Susanne beim Bier. Irgendwann kamen wir auf die Geburt ihres Sohnes zu sprechen, wie er sich Zeit ließ, wie einige ihrer Freundinnen immer nervöser wurden: »Oh Gott, du Arme! Hoffentlich setzen die Wehen bald ein, sonst wird’s eine Jungfrau!« Und wie sie schließlich doch Glück hatte: Ihr Sohn wurde gerade noch als Löwe geboren. Susanne versichert glaubhaft, von Horoskopen nichts zu verstehen. Aber so viel hatte sie begriffen: »Jungfrau ist ein Horrorsternzeichen.« Sagt sie, ohne zu bedenken, welches Sternzeichen ihr Gegenüber besitzt.

Ich weiß: Jungfrauen gelten als nervtötende Besserwisser, hüftsteife Allesplaner, Bausparer, bar jeder Kreativität, pedantische Kleingeldzähler, die bei fremden Leuten mit dem Zeigefinger über Bilderrahmen fahren, um zu prüfen, ob er staubfrei ist.

Typisch Jungfrau? Mag sein, ich kann das schwer beurteilen. Ich mache mir nicht viel aus Horoskopen, besitze kein ausgeprägtes Faible dafür, Menschen nach ihrem Sternzeichen zu beurteilen, und meine Astrologiekenntnisse gehen über das im Umlauf befindliche Zeitschriftenwissen nicht hinaus. Keine der Verhaltensweisen ist mir gänzlich fremd, jede kann ich irgendwie nachvollziehen, was vermutlich daran liegt, dass ich ebenfalls im Sternzeichen der Jungfrau geboren bin, Anfang September, zweite Dekade.

Zu meinen besten Freunden zählen fast ausschließlich Jungfrauen, ich weiß, dass ich mit Jungfrauen besonders gut zusammenarbeite, und meine Freundin ist ebenfalls Jungfrau. Nicht, dass ich mir meine Freunde nach dem Sternzeichen aussuche. Es ist einfach nur so, dass ich meine Zeit gern mit angenehmen Menschen verbringe, die ein feines Gespür besitzen, Interesse daran haben, zum Kern der Dinge vorzudringen, und in der Lage sind zuzuhören und Geschichten erzählen können. Das sind dann eben oft Jungfrauen.

Ich habe mir sagen lassen, es sei der vage Spiritismus, der Astrologie gelegentlich umgibt, der dem klaren Verstand der Jungfrau suspekt sei. Andererseits: Die Menschheit anhand ihres Geburtsdatums und ihres Geburtsortes in zwölf Grundtypen einzuteilen, ihnen jeweils bestimmte Eigenschaften zuzuweisen und mit Hilfe des Aszendenten die Grundzüge eines Charakters zu skizzieren, diese Art der Systematik ­ das gefällt mir. Die Jungfrau unterscheidet eben gern und legt Wert auf Nuancen. Einfach Ja oder Nein zu sagen, so simpel ist das Leben nicht.

Ansonsten messe ich der Astrologie etwa so viel Bedeutung bei wie der Frage, welchen Fußballverein einer unterstützt. Das lässt ebenfalls tief blicken und gibt Aufschluss über Persönlichkeit und Charakter. Ein wenig fremd, aber tapfer muss einer sein, der Borussia Dortmund die Daumen hält, durchaus sympathisch sind Werder-Bremen-Fans, aber mag man sich vorstellen, mit einem Hertha-Fan befreundet zu sein? Eben. Das Glück, von klein auf Fan des FC Bayern zu sein, kann eben nicht jedem zuteil werden ­ so wenig, wie als Jungfrau geboren zu sein.

Natürlich, Jungfrau ist nicht gerade ein Stern-zeichen zum Angeben und Eindruckschinden, wie etwa der Löwe mit seinen Rockstarqualitäten oder der Skorpion mit seinem Giftstachel.

Gibt man sich als Jungfrau zu erkennen, trifft man auf drei Reaktionsmuster: augenzwinkernde Scherze (was bei der Jungfrau zum sofortigen Abbruch aller Beziehungen führt); die Unterstellung aller Langweilereigenschaften wie Unschuld, Harmlosigkeit, Sparsamkeit und ein übermäßiger Drang zu Sauberkeit und Ordnung (was wiederum Jungfrauen wahnsinnig langweilt); unmittelbare Feindseligkeit (was Jungfrauen gelassen als Herausforderung annehmen).

Am meisten vom Wesen der Jungfrau-Geborenen verstanden haben diejenigen, die von Sternbildern tatsächlich etwas verstehen. Meine Freundin Claudia etwa. Ihr verdanke ich die Überzeugung, dass die Jungfrau etwas Besonderes und Spezielles sei, eine Art Königin unter den Sternzeichen. Claudia ist keine Astrologin, aber ihr Wissen über Jupiterübergänge, Sonnen im vierten Haus und XY-Transite ist enorm, so dass sich auch eine rationale Natur gern ab und an davon beeindrucken lässt. Von ihr stammt auch der schöne Satz, dass man der Jungfrau erst einen Knopf öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu entdecken, wer und was da alles in ihr steckt. Ein schönes Bild, finde ich. Erstens wahr, zweitens durch und durch sympathisch und drittens lassen sich auf diese Weise falsche Freunde und aufrechte Interessenten ziemlich leicht unterscheiden. Sollen sich doch Widder und Löwen in Nachmittagstalkshows blamie-ren, Bürorunden bei Prosecco mit Klamauk unterhalten oder Gemüsehobel in der Fußgängerzone anpreisen. Unsere Sache ist solches Posen und Geplärre nicht. (Außen Jungfrau, innen Geschmack.)

Ein Bild, das aber auch erahnen lässt, weshalb Jungfrauen sich gelegentlich falsch verstanden und nicht richtig wahrgenommen fühlen. Hört man sich ein wenig um bei Menschen, die zwischen 24. August und 23. September geboren sind, gewinnt man den Eindruck, mit Menschen zu reden, die sich grundsätzlich im Einklang mit sich selbst befinden. Nur eines macht ihnen gelegentlich Bauchschmerzen: der Ruf, wonach sie gnadenlos pragmatisch seien und mit Sicherheit über ein ausgeglichenes Bankkonto und eine blitzblanke Küche verfügten. Die Klugen unter den Jungfrauen, und das sind die meisten, wissen ohnehin: Das sind Unterstellungen, wie sie früher in ähnlicher Weise auch die Klassenbesten erfahren haben. Zumindest aber Wahrnehmungen von Menschen, die den Knopf nicht öffnen. Weil sie ihn nicht finden. Oder erst gar nicht wissen, dass es ihn gibt.

Ich traf Menschen, die sich daran stören, dass man aus Jungfrauen nicht gleich schlau werde, sie schwer zu durchschauen seien und ihre Motive nicht gleich offen darlegen. Ja, sonst noch was? Natürlich bedarf es ein wenig Mühe, Interesse und auch Hingabe, um eine Jungfrau kennen und vielleicht sogar schätzen zu lernen. Wem das zu viel ist, der darf sich gern mit leicht zu durchschauenden Löwen oder Widdern zufrieden geben.

Zugegeben, es bereitet uns kein sonderliches Vergnügen, als Erste auf die Tanzfläche zu gehen, und ich gebe auch zu, dass es mir eine gewisse Genugtuung bereitet, Passwörter zu finden, die unknackbar sind. Nicht, weil sie aus kryptischen Zahlenkombinationen bestünden, sondern, weil sie auf Begriffe verweisen, die kein Mensch, der mich kennt, mit mir in Zusammenhang bringen würde. Ich weiß, es gibt Menschen, etwa solche, die im Winter oder im Frühjahr geboren sind, die kommen damit nicht klar und bemängeln dann, Jungfrauen hätten so etwas Geheimnisvolles. Man könnte vielleicht so sagen: Die Jungfrau weiß noch, was ein Geheimnis ausmacht ­ nämlich, dass es geheim ist. Und bleibt.

Ich rufe meine alte Freundin Claudia an, um mit ihr über die Vorzüge der Jungfrau zu sprechen. »Ich muss dir ja nicht sagen, dass Selbstlob etwas ist, was die Jungfrau als aufdringlich und ein wenig peinlich empfindet ­ und auch mir also gar nicht liegt«, sage ich. Das Wort Selbstlob kam mir offenbar so schwer über die Lippen, dass sie verstand: selbstlos. »Typisch Jungfrau!«

Zu unserem Treffen bringt sie eine große, rote Hutschachtel mit, voller Bücher, Unterlagen und Diagrammen. »Claudia, was macht die Jungfrau sympathisch?« Sie, ein Skorpion und von scharfem Verstand, antwortet: »Die große Stärke der Jungfrau ist ihre enorme Loyalität. Sie braucht zwar etwas, um in Gang zu kommen, aber wenn sie erst mal überzeugt ist von einer Idee, von einem Menschen, kann man sich kaum etwas Besseres wünschen. Sie ist unter allen Sternzeichen die große Realistin und immer auf der Suche nach Wahrheit. Deshalb gibt es auch unter Journalisten, Juristen und Psycho-analytikern so viele Jungfrauen. Sie verfolgt ihre Ziele und weiß, wie sie umzusetzen sind, sie versucht, Unnötiges zu vermeiden, sie ist sehr moralisch, ihr Verhalten ist immer an ethischen Maßstäben ausgerichtet. Sie hat ein ausgesprochen ausgeprägtes Bewusstsein für Werte und Qualität. Sie sucht immer nach Begründungen und ihre Lieblingsfrage ist: warum? Ihr Geist ist ständig in Bewegung…«

»Stopp«, sage ich, »eine Frage: Warum füh-len sich Jungfrauen manchmal so falsch verstanden?«

Sie kramt in der Hutschachtel und findet einige Augenblicke später dort auch eine Erklärung. In einem ihrer Bücher heißt es, Jungfrauen würden »auf traurige Art fehlgedeutet«. Das liege daran, dass im Mittelalter das Christentum einige Sternzeichen in seinem Sinne ein wenig umgedeutet und den christlichen Moralvorstellungen angepasst habe. Am meisten hätten dabei der Skorpion und die Jungfrau gelitten. Der Skorpion steht seither vor allem im Ruf des rach- und sexsüchtigen Bösewichts, der Jungfrau haften eine Reihe von Merkmalen an, die auch zur Charakterisierung der Jungfrau Maria taugen, aber eben nicht den Kern des Jungfrau-Wesens treffen: reinlich, adrett, ausgeglichen, eine durch und durch saubere Seele. Damit sollten die geläufigsten Miss-verständnisse ausgeräumt sein.

Eins noch: Böswillige unterstellen der Jungfrau gelegentlich, nein, immer, es fehle ihr an Kreativität, erst recht an Genie. Darauf nur eine kurze Antwort:

Goethe, 1. Dekade. Beckenbauer, 2. Dekade. Garbo, 3. Dekade.

Fassen wir also zusammen: Die Jungfrau, egal ob Mann oder Frau, ist in ihrem Innern ein feinnerviger, sensibler Romantiker, der sich im Leben zu behaupten weiß, nie seine Maßstäbe vergisst, Lösungen sucht und findet und gelegentlich mit seiner Gabe zur Beobachtung und der Fähigkeit, die Dinge richtig zu benennen und in einen Zusammenhang zu stellen, brilliert, ohne anderen davon sofort erzählen zu müssen.

Sollten Sie, liebe Widder, Löwen, Skorpi-one, Stiere, Wassermänner, Schützen, Steinböcke, Zwillinge, Waagen, Fische und Krebse derzeit auf der Suche nach einem neuen Freund, Kollegen, Chef oder Ehepartner sein: Nehmen Sie eine Jungfrau, es gibt keine Besseren. Sofern man nicht vergisst, den Knopf zu öffnen.