„Hellmutt, ca va?“

Beim ersten Mal stand Philip Reichardt sechs Wochen lang hinter der Theke. Beim zweiten Mal wechselte er die Seiten – und gab der hübschen Barfrau Nachhilfe

Nachmittags am Meer. Für ein Tennismatch ist es zu heiß, die Warteliste am Wasserskisteg zu lang, also unternehme ich, was Urlauber eben so tun. Nichts. Ich lasse mich auf einer Liege nieder, von einem ablegen-den Ausflugsschiff wehen klickende Housebeats an den Strand herüber, unterlegt vom tiefen Röhren beschleunigender Motorboote, gerade eben so laut, dass man abwechselnd dösen und gelegentlich einen Blick auf die Silhouetten der Tanzenden auf dem Schiff werfen kann. In diese vertraute Soundkulisse mischt sich ein Geräusch, dessen Herkunft ich zunächst nicht identifizieren kann. Es stammt von zwei Männern, einem Dicken mit Schnauzbart und einem Dünnen mit sehr weißer Haut, die bis zu den Knien im Wasser stehen und sich unterhalten. Auf Russisch, wie mir nach ein paar Sätzen klar wird. Russen in der Badehose. Ich muss lachen. Bislang waren mir Russen in Lederjacken, in Trainingsanzügen, auch in Wintermänteln begegnet, aber nie in Badehose. Bei 36 Grad im Schatten findet man das sogar sehr lustig. Vor zwanzig Jahren war ich schon einmal hier in Kemer, an der so genannten türki-schen Riviera, in einem Feriendorf des Club Méditerranée. Damals gab es hier noch keine Russen in Badehose und meine Aufmerksamkeit galt weniger dem Studium von Badegewohnheiten als dem Problem, mit einer Rolle klarzukommen, die ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Mein Freund Dominik und ich hatten damals gehört, dass der Club Med für die Hochsaison zusätzliche GOs, Gentils Organisateurs, zur Verstärkung suche. Sechs Wochen Urlaub für nahezu umsonst, so stellten wir uns das vor. Es war Mitte der achtziger Jahre. Später, als sie vorbei waren, nannte man sie das Spaßjahrzehnt. Das GO-Leben schien uns dem von Popstars zumindest verwandt zu sein: alles hinter sich lassen, was mühsam und langweilig ist, das Leben ein einziges Fest. Unter schönen, gleich gesinnten Menschen sein, Sport treiben, von Tag zu Tag besser aussehen, essen, wenn man hungrig, trinken, wenn man durstig ist, die Nächte durchfeiern, schöne Frauen aus aller Welt kennen lernen und probieren, was so geht. In unserer Vorstellung war das nun greifbar und die Bedingungen hielten wir für fair: Flug, Kost und Logis frei gegen etwas Mitarbeit. Do-minik bewarb sich als Surflehrer, ich als DJ. Mich nahmen sie. Als Barmann. In Kemer, an der südlichen Küste der Türkei, erwarte man im August eine Menge deutscher Urlauber, hieß es, da brauche man einen an der Theke, der Deutsch spricht. Egal, dachte ich, als Barmann arbeitet man genauso nachts wie ein DJ. Einen Tag später stieg ich ins Flugzeug und fand mich ein paar Stunden später in einem winzigen Bungalow wieder, den ich mit einem schwedischen Aerobic-GO, zwei französischen Tennislehrern und einem belgischen Segelinstructor sowie fünf Matratzen teilte. Mein Arbeitstag begann morgens um halb elf, sobald die französischen Gäste kamen, um nach dem Frühstück einen richtigen Kaffee zu trinken, und endete nachts um zwei, sobald die Letzten in den Nightclub weiterzogen. Dazwischen eine Pause mittags und zwei freie Stunden am Nachmittag, die meist für das Waschen und Bügeln weißer Hemden und Hosen draufging. Das Ganze sieben Tage die Woche, sechs Wochen am Stück. Ich hatte den stressigsten Job erwischt, der unter GOs zu vergeben war. Statt auf Segelbooten oder Wasserski verbrachte ich den Sommer im Schatten einer Strandbar, schleppte eimerweise Eis und schnitt Zitronen und Orangen klein. Statt Tennis zu spielen lernte ich, Champagnerpyramiden zu errichten, statt die Welt der Aurélies zu erkunden, mixte ich Alexanders. Anstelle von bezahltem Urlaub machte ich unbezahlte Arbeit. Die zweite Chance ließ eine Weile auf sich warten, aber sie kam. Als Gast, als Gentil Membre, als GM, wie es in der Club-Med-Sprache heißt. Mein erster Eindruck: alles wie früher. Die Bungalows, die Essenszeiten, die Poolspiele vor dem Mittagsbuffet. Die nächste Regung: Staunen. Darüber, wie viel Platz ein Bungalow bietet, wenn nicht fünf Matratzen darin Platz finden müssen, sondern nur ein Doppelbett. Die Klimaanlage. Der Fernseher mit integriertem Internetzugang an der Wand. Früher wäre der in einem Club Med undenkbar gewesen. Ein Fernseher vertrug sich nicht mit der Idee, dass Ferien zur besten Zeit des Jahres werden, indem man so viele heimische Gewohnheiten wie möglich für eine Weile hinter sich lässt. Damals trugen die Bungalows Namen wie Paloma, Mirabelle oder Jolie und nicht Ziffern wie Zimmer im Hotel. Und die Drinks an der Bar zahlte man mit beigen, braunen und goldfarbenen Perlen, die man als Kette um Hals oder Handgelenk trug. Jetzt sind die Getränke »all inclusive« und an der Bar mahnt ein Schild: »Exzessiver Genuss von Alkohol schadet der Gesundheit.« An der Stelle der heiß dampfenden Espressomaschine befindet sich ein Gerät, in das einfach nur kleine Nespresso-Kapseln eingelegt werden. Das Bier kommt nun aus Dänemark, die Coke aus Brauseschläuchen statt aus Flaschen, man trinkt aus Plastikbechern und nicht mehr aus Gläsern. Und ich stehe auf der anderen Seite des Tresens. Als freundlicher, durstiger Gast, ohne Decknamen. Großartiges Gefühl. Damals bekam ich erst mal einen neuen Namen. Die Mehrzahl meiner Kollegen an der Bar waren Türken, und dass ich als Deutscher Philip hieß, irritierte sie. Franzosen hießen in ihrer Vorstellung so oder Engländer, aber doch nicht einer, der aus Deutschland kommt. Also gaben sie mir einen deutschen Namen. Für sie war ich von nun an: Helmut, ausgesprochen wie das englische Wort für »Hölle« und einem u wie in »kaputt«. Hellmutt. Hellmutt Schmidt. Immerhin dieser Bezug. Schließlich war Helmut Kohl damals schon drei Jahre lang Kanzler. Aber für die Türken an der Bar in Kemer regierte noch immer Helmut Schmidt. Mein Chef, Roger, war ein kleiner, drahtiger Franzose, ein Tyrann. Er war ziemlich ungehalten, dass man ihm einen Deutschen geschickt hatte, und nach ein paar Tagen war mir auch klar, weshalb: Es gab in Kemer so gut wie keine durstigen Deutschen und es wurden auch keine erwartet. Fehler in der Zentrale. Das Clubdorf war randvoll mit Franzosen und jungen, reichen Türken. Nichts war da überflüssiger als ein Deutsch sprechender Barmann, der sich mit seinem Schulfranzösisch mühte und eigentlich ein DJ sein wollte. Roger ließ mich das spüren. Er sah mir genau auf die Finger, ermahnte und belehrte mich, wann immer sich dazu eine Gelegenheit bot. Heute beobachte ich Kerim, den einzigen Türken an der Bar, wie er Eiswürfel in Gläser bugsiert, wie großzügig er mit Sodas und Alkohol umgeht. Neben mir Carla, eine Italienerin, sie arbeitet an der Rezeption, trägt einen Jeans-Minirock und einen um die Schultern gebundenen Pareo. »ça va bien ?«, fragt sie und lächelt. »Merci, ça va très bien. Et toi?«, antworte ich. Es folgt ein schönes Lächeln, Bargeplauder, très gentil. Natürlich, ich war auch sehr freundlich damals. Aber was mir zuwider war: dass es keine Alternative dazu gab. In einem Brief an meine Eltern schrieb ich: »Die ewige Freundlichkeit, zum Teufel damit! Unter siebenmal Grüßen, Händeschütteln und Schulterklopfen ist der Weg vom Bungalow zur Bar nicht zu machen. ›Salut, Hellmutt, ça va bien?‹ – ›Ça va bien, toi aussi?‹ – ›Merci, bonne journée!‹ Den ganzen Tag geht’s so. Manchem Arsch möchte man auch zeigen, dass er einer ist.« Danach hatte ich erst mal genug von lustigen Trinkspielen, Clubtänzen und der sonntäglichen Club-Olympiade, Blau gegen Rot. Als GO, aber auch als Gast. Ich unternahm Solotrips, machte Ferien zu zweit, zu dritt, zu sechst, mietete Ferienhäuser und fühlte mich mit meiner Abneigung gegen Club-urlaub wohl (und im Recht). Allein der Begriff Animation löste ein gewisses Schaudern aus und geriet zum Feindbild. Außerdem: Auf Ibiza wurde in den neunziger Jahren noch wilder gefeiert, in der Südsee und in Asien eröffneten Resorts, die Clubdörfer an Stil und Klasse bei weitem übertrafen, und Billigflüge brachten einen sowieso überallhin. Nahezu alles, was den Club Med noch in den achtziger Jahren einzigartig und zur erstbesten Alternative zu piefigem Hotelurlaub machte, ist längst in jedem besseren Ferienhotel Selbstverständlichkeit: ein großes Sportangebot, Kinderbetreuung, die üppigen Buffets. Und jetzt? Ich gehe schwimmen, Wasserski fahren und in den Hamam. Ich esse viel, schlafe in der Sonne und verpasse das Ausflugsschiff. Ich verabrede mich zum Cocktail, tanze im Openair-Nightclub, schwärme für eine Clique unfassbar schön anzusehen-der, eleganter israelischer Frauen, ich grüße die, mit denen ich beim Frühstück saß oder am Strand lag, und erfreue mich an den Sonderbaren und ihren Ritualen. So geht das Tag für Tag. Ich suche nach den alten Vorbehalten, frage mich, was von den alten Urteilen noch übrig ist. Nicht viel. Blass und überarbeitet kommt man an, gelassen und mit gesunder Gesichtsfarbe fährt man davon und dazwischen liegen ein paar Tage, die ausgefüllt sind von Nichtigkeiten und Dahintreiben. Perfekt, ein fairer Deal. Abends an der Bar treffe ich die Russen wieder. Wir trinken Raki und unterhalten uns auf Englisch. Sie sind ebenfalls sichtlich angetan von den eleganten israelischen Frauen, die aber immer in Begleitung ihrer Männer auftreten. Sie stehen ein paar Meter entfernt von uns. Die Russen versuchen es trotzdem, reden lauter. Wo man für einen Ausflug einen Helikopter chartern könne und wie viel es wohl kosten würde, das ganze Clubdorf zu kaufen. Russenhumor, vergeblich. Die einzige Israelin, die ansprechbar ist, heißt Yael. Sie arbeitet an der Bar, sie ist die Schnellste und die Schönste. Als sich der Andrang ein wenig legt, lehnt sie sich mit dem Rücken an eine Säule. Das habe ich damals auch getan, an meinem ersten Tag an der Bar. Nur dieses eine Mal. Roger, der Chef de Bar, faltete mich zusammen, weil ich eine Grundregel des Barmanns verletzt hatte. Nie wieder, fuhr er mich an, wolle er mich so sehen. »Ein Barmann steht, er lehnt sich nicht an, niemals.« Seither achte ich darauf, wie Barmänner stehen. Roger hat damals Recht gehabt. Ich bestelle einen Gimlet, das dauert ein wenig. Ich frage sie, ob sie die Gegend ringsum kennt. Es soll sehr schön sein, sagt sie, jedenfalls erzählen das alle, die das Hinterland auf Ausflügen erkundet haben, aber nein, sie hat dafür noch keine Zeit gehabt. So ging es mir damals auch und so ist es auch diesmal. Schließlich bin ich gekommen, um nachzusehen, wie es meiner Bar