Ein See will mehr

Der Maestro also auch. Gestern erst war er angekommen, doch die seltsame Sorge der Einheimischen hatte er sich seitdem bereits zu eigen gemacht. Wir trafen uns auf der Terrasse des »San Rocco«, des schönsten Hotels am See. Die Spätnachmittagssonne hatte noch viel Kraft, ein weißer Leinenschirm gab Schatten, vor uns zwei Gläser kühlen Piemonteser Weißweins, vor allem aber: der See, dieses unvergleichliche Idyll. Eingefädelt hatte das Gespräch die Dottoressa. Unter diesem Namen kennt sie jeder im Hotel, sie ist dort für das Marketing zuständig. »Der Maestro«, sagte sie, »würde Sie gerne kennenlernen.« Nun gut, warum nicht. »Achten Sie aber darauf«, empfahl sie mir, »ihn mit Maestro anzusprechen, darauf legt er Wert.« Ich erkundigte mich nach seiner Arbeit, er zeigte mir einen Bildband seiner Werke, sprach davon, dass er sich im Augenblick ein wenig treiben lasse, und so sei er hier im Norden gelandet. Mit einer Gruppe Rad fahrender Rotarier. Wir waren uns einig, dass es einem Wunder gleichkommt, dass ein so schöner Fleck bislang nahezu unentdeckt geblieben ist, und versicherten uns gegenseitig, wie sehr wir die hiesige Unaufgeregtheit schätzten. Wir nahmen einen Schluck und sahen raus auf den See, hinüber zu der kleinen Insel mit dem Franziskanerkloster. Luigi, der Kellner, kam vorbei und sagte: »Im Winter, bei günstigem Wind, hört man den Gesang der Messe.« Wir schwiegen ein paar Augenblicke lang, dann sagte er unvermittelt: »Haben Sie vielleicht eine Idee?« Ich verstand erst nicht, worauf sich seine Frage bezog. Tatsächlich meinte er: Was man tun könne, um diesem schönen Fleck zu helfen. Ihn bekannt zu machen, ihm ein Image zu verpassen. Verkaufsargumente finden. Er also auch. Die Dottoressa sprach davon, Luigi, Jenni, die im Tourismusbüro arbeitet, nahezu jeder, der am und vom See lebt, kam irgendwann mehr oder weniger deutlich darauf zu sprechen: Hier muss etwas geschehen, am Lago di Orta. So kann es nicht weitergehen. Mit der Stille, der Ruhe, dem Idyll. Mag sein, dass einem der Blick für das Schöne abhanden kommt, wenn man pausenlos davon umgeben ist, und die Stille unerträglich wird, wenn sie kein Ende nimmt. Und doch überrascht es, dass niemand auf die Idee kommt, dass es alles andere als ein Versäumnis war, sich in der Vergangenheit nicht ganz und gar dem Tourismus hinzugeben, sondern das größte Glück, das dem See widerfahren konnte, und erst Untätigkeit dazu führte, dass der Lago di Orta ein Juwel ist, wie es selbst in Italien nicht so oft zu finden ist. Der See liegt ein gute Stunde nördlich von Mailand. Er ist umgeben von sanft ansteigenden Hügeln, die in der Ferne von Bergketten überragt werden. Mit einer kleinen, hübschen Insel mittendrin, über die, am Kloster vorbei, der Weg der Stille führt. Kleine Holzboote fahren zwischen der Insel und Orta San Giulio hin und her, wer will, den bringen sie auch hinüber ans andere Ufer nach Pella; abgelegt wird, wenn das Boot voll und der Capitano fertig ist mit der Zigarette auf der Piazza Motta. Dort liegen zwei Cafés, eine Gelateria, eine Enoteca und ein Designhotel. Den Berg hinauf gelangt man zum Sacro Monte, auf dem in 21 Kapellen Fresken und Figuren aus dem Leben von Franz von Assisi erzählen. Offenbar hatte der Abend zuvor Eindruck hinterlassen beim Maestro. Da saß er in der Mitte einer langen Tafel, um ihn eine Reihe aufmerksamer und zurechtgemachter Männer und Frauen, die schwiegen, wenn er sprach, und auf ihn einredeten, sobald sich eine Gelegenheit bot. Nur so war seine Sorge zu verstehen. Zu erklären ist diese Haltung, das Idyll mithilfe vom Imagekampagnen und Neubauten verbessern und an die vermeintlichen Bedürfnisse zahlungskräftiger Gäste anpassen zu wollen, nur aus der Lage des Lago di Orta und aus der psychischen Verfassung, die sich daraus für seine Bewohner ergibt. Um mal eben zu beschreiben, wo der See sich befindet, lässt sich kaum vermeiden, einen anderen, viel, viel größeren, viel, viel berühmteren See zu erwähnen, den Lago Maggiore im Osten. So ergeht es dem kleinen Lago di Orta wie dem Sohn eines berühmten Vaters, der auch als Erwachsener nur als der Sohn wahrgenommen wird und sich schwertut, aus dessen gewaltigem Schatten hervorzutreten. Und beim Versuch, sich von dessen Übermacht zu lösen, auf die eigenartigsten Mittel verfällt, ohne darauf zu achten, wo seine eigenen Stärken liegen. Wie es vielleicht gehen könnte, demonstriert Domenico. An der Südspitze des Sees gehört ihm ein Haus, in dem er mit seiner Frau Lydia lebt, dazu ein herrliches, großes Seegrundstück, das ohne Zaun zum Nachbarn auskommt, sodass der Garten wie ein Park wirkt. Sie haben ein paar Zimmer übrig und vermieten sie. Er hat das Haus geerbt und die Zimmer so belassen, wie sie waren, mitsamt den alten Möbeln, antiken Betten, den Ankleidetischchen und den Waschschüsseln. Lydia kocht und zum Frühstück trifft man sich in der Küche, in der der Espresso auf einem alten Holzofen heiß wird. »Am schönsten«, sagt Domenico, sei es im Januar oder Februar. »Dann kann man stundenlang am See stehen, ohne ein menschliches Geräusch zu hören.« Dann sei der See das Paradies schlechthin. Als ich dem Maestro davon erzählte, nickte er langsam. Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass er von unserem Zusammentreffen genauso überrascht war wie ich, die Idee stammte keineswegs von ihm, sondern von der Dottoressa. Vermutlich dachte sie, es könne nicht schaden, wenn in einer Geschichte über den See, an dem das Hotel liegt, für das sie arbeitet, auch ein Maestro aus Rom vorkommt, der aussieht wie ein Maestro, Ausstellungen in Zürich und München hatte und zuletzt das Plakat für den Giro d’Italia entwarf.