„Ich mag die Natur, ich liebe sie, aber ich gehe zu ihr hinaus, sie soll nicht zu mir reinkommen“

Sechs junge Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: So sehr sich ihre Stoffe, ihre Lebenswege und Ihre Art, Geschichten zu erzählen, auch unterschieden – die Sehnsucht nach den Bergen lässt sie nicht los.

 

„Ich möchte Sie warnen“, schreibt Dorothee Elmiger ein paar Tage vor unserem Treffen. Offenbar sind ihr Bedenken gekommen, als sie in der Betreffzeile der Mail „Alps“ gelesen hatte und sicherlich war sie sich der mahnenden Strenge ihrer Worte bewusst, „ich habe zu den Alpen nicht sehr viel zu sagen.“ Nun, natürlich sollte es auch ein wenig um die Berge gehen. Immerhin ist Elmiger Schweizerin und wuchs in Appenzell auf, da wäre es seltsam, keine einzige Frage nach ihrem Verhältnis zu den Bergen zu stellen.

Der Anlass sie zu treffen ist jedoch ein anderer. Vergangenen Sommer erschien ihr erster Roman, ein Debüt, das sich sehr unterscheidet von anderen Debüts. Es ist rätselhaft, manchmal sperrig, wirkt passagenweise mehr wie eine Sammlung von Fundsachen als eine Erzählung, und trägt den schönen Titel Einladung an die Waghalsigen.

In einem Kohlerevier ist ein Feuer ausgebrochen, das unter Tage noch immer glimmt. Zwei Schwestern spüren ihrer Vergangenheit nach, sie erkunden die Geschichte des Ortes, sie schlagen nach in Büchern, um zu verstehen was geschehen ist und suchen nach einem Fluss, um neu zu beginnen.

Als Elmiger in Klagenfurt beim Ingeborg Bachmann-Preis daraus las, sprachen viele Kritiker von einer Entdeckung. Die 24-Jährige bekam den zweiten Preis, und dann ging alles sehr schnell. Das Buch kam in die Läden, die Feuilletons stürzten sich darauf, sie wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert und erhielt kurz darauf auch noch den Aspekte-Literaturpreis, alles innerhalb von ein paar Wochen.

Schließlich stimmte sie einem Treffen doch zu. Sie schlug ein Kulturcafe in Kreuzberg vor, ein großer, schmuckloser Raum, in dem jedes gesprochene Wort lange nachhallt. Ein guter Ort, um sich mit Menschen zu verabreden, die man nicht kennt. Elmiger trägt einen blauen V-Pulli, Jeans, die Haare kurz im Nacken. Ihr Pony ist gerade soviel zu lang, dass sie ihn sich ab und an aus dem Gesicht streichen muss. Es ist ihr zweiter Winter in Berlin, sie kam her um zu studieren, Politik und Philosophie.

Seitdem sie hier lebt, sagt sie, falle ihr das Schreiben schwerer als zuvor. Berlin taucht nicht in ihren Texten auf, ihre Umgebung hat nichts zu tun mit dem Stoff, an dem sie gerade sitzt. Berlin ist ihr fremd. Ebenso wie die Rolle als bemerkenswerte junge Schriftstellerin. Wenn sie auf Lesereisen in ein Hotel eincheckt, trägt sie in der Rubrik Beruf nach wie vor Studentin ein.

Sie lässt offen, wo ihr Roman spielt, die Ortsnamen die darin auftauchen, lassen jedoch Schweizassoziationen entstehen. „Ich habe lange überlegt, ob  ich echte Ortsnamen verwenden soll“. Sie entschied sich dagegen, „aber der Ort in meinem Buch ist auch die Schweiz.“

Und wie ist es nun mit den Bergen? „Nun“, sagt sie vorsichtig, „je länger ich von Zuhause fort bin, um so deutlicher werden mir meine Prägungen bewusst“. Neulich erzählt sie, war sie das erste Mal an der Ostsee. Die Tatsache, dass dort alles so flach sei, habe sie schon sehr erstaunt.

 

Harriet Köhler hat ihr zweites Buch bereits veröffentlicht. Ähnlich wie Elmiger feierten die Rezensenten ihr Debut Ostersonntag unüberhörbar, „virtuos“, „großartig“, „fulminantes Sprachgefühl“. Sie erzählt darin von vier Menschen, die ihre Familie  am liebsten loswerden möchten. Das war 2007.

Zwei Jahre später erschien Köhlers zweiter Roman Und dann diese Stille, wieder eine Familiengeschichte. Ursprünglich hatte sie vor etwas ganz anderes zu schreiben. Sie dachte an Stoffe wie Aus dem Innenleben eines Investmentbankers oder eine Geschichte aus der Sicht eines Chefs, den alle hassen. Ostersonntag hatte Erwartungen geweckt, ein Bild entstehen lassen von der „jungen Wilden“. Sie fing an zu schreiben bis sie an den Punkt kam, an dem sie merkte: „Ich kann das erzählen, aber es berührte mich nicht. Ich musste erst begreifen, dass ich nur darüber schreiben kann, was mich wirklich bewegt.“ Und das war eben wiederum eine Familiengeschichte. Und dann diese Stille erzählt vom Schweigen in den Familien, vom Unvermögen miteinander zu reden und ins Gespräch zu kommen. „Die Sehnsucht nach dem großen Gefühl, das hat in Deutschland eine lange Tradition. Zugleich können die wenigsten Menschen damit offen umgehen. In Frankreich oder in Brasilien ist das anders, ganz anders“, sagt sie.

Köhler ist in München aufgewachsen, lebt inzwischen in Frankfurt und wird demnächst nach Berlin ziehen. Nicht aus Neigung, ihr Mann wird dort einen neuen Job antreten. Ginge es nach ihr, sie würde zurückkehren. „Erst“, sagt sie, „war ich froh aus München wegzukommen, aber in Frankfurt hat sich mein Blick auf die Stadt verändert. Zum ersten Mal habe ich mir dieses Jahr im Fernsehen den Einzug der Wiesnwirte angesehen. Auch der Dialekt gefällt mir immer besser.“

Im Sommer des vergangenen Jahres verbrachte Köhler vier Wochen in Gottlieben am Bodensee, ein Stipendium des Frankfurter Literaturhaus. Es war das erste Mal, dass sie längere Zeit in einem so kleinen Ort war. Es wurde eine beklemmende Erfahrung. „Ich wusste oft nicht, wohin mit mir. Die Menschen sahen mir nach, weil sie mich nicht kannten“. Manchmal fuhr sie mit dem Rad nach Konstanz, zum Telefonieren ging sie auf den Steg, dem einzigen Fleck, an dem ihr Telefon Empfang hatte. „Ich habe dort soviel geschrieben wie noch nie zuvor, einfach, weil es so unglaublich langweilig war.“ Es klingt wie ein Rahmen für eine Erzählung. Sie muss nur noch eine Autorin finden.

 

Auch Verena Rossbacher ist das Unbehagen vertraut, das von Orten ausgehen kann. Ein Cafe in einer Ecke von Prenzlauer Berg mit einer hohen Dichte von Schauspielern, Schriftstellern und Journalisten. Lila Stofftapete mit Blumenmuster, ein Klavier an der Wand, Kerzen brennen bereits am Nachmittag, Neuberliner Gastlichkeit gepaart mit Kaffeehauszitaten. Rossbacher sieht aus wie hineingemalt in diese Kulisse. Sie trägt ein lilafarbenes Oberteil mit Spitzen an den Ärmeln, Ohrringe mit Rubinen, das Haar hat sie zusammengebunden, es reicht ihr bis an die Hüfte. Ich versuche ihre Augenfarbe zu entschlüsseln. Grün? Braun? Grünbraun? Schwer zu sagen.

„Hier ist alles Folklore“, sagt sie. Die aufgehübschten Fassaden, die schnell sanierten Häuser, nichts Gewachsenes. Alles wird hier zelebriert, sagt sie, selbst das Kinderkriegen. Alles sei Haltung und Lifestyle. „Es ist sehr elitär, und das ist nicht gut für mich“, sagt sie. Wie zum Beweis, was sie sagt, kommt Axel Prahl, der Schauspieler, um die Ecke, ein Kind an der Hand.

Diesen Sommer  (Anm.: 2011) möchte sie weg von dort. Nicht zurück, bloß an einen Ort an dem es auch ein wenig Grün gibt. „In den Westen“, sagt sie, nach Charlottenburg, vielleicht in die Nähe des Botanischen Gartens oder gleich in den Grunewald. „Ich bin in Gegenden aufgewachsen, in denen es selbstverständlich schön ist. In Leipzig und Berlin muss man das Schöne suchen“. Was ihr abgeht wird deutlich, wenn sie davon erzählt, wie sie aufwuchs in Vorarlberg und St.Gallen, schwärmt von der Lage Zürichs oder dem Gefühl „irgendwo hinaufzusteigen und runterzusehen“, der Selbstverständlichkeit des Draußenseins. Vergangenen Sommer war sie mit dem Fahrrad viel in Berlin unterwegs, um ein wenig Natur zu finden. „Ich mag die Verausgabung und Ermüdung.“ Auch beim Schreiben.

Fünf Jahre saß sie an Verlangen nach Drachen, ihrem viel gepriesenem Debüt. Sie erzählt darin von sechs Männern, die alle von derselben Frau verlassen wurden, Klara.

Sechs Männer erzählen von Klara, der Frau, von der sie nacheinander verlassen wurden. Exzentrische und eigenwillige Charaktere allesamt, verliebt und verbissen in ihre Ideen und Empfindlichkeiten. Sie spielen Mozart für ihre Pflanzen, konservieren Haare ihrer Geliebten in Eiswürfeln, malträtieren Klaviere und kehren im Neugröschl ein, einem Wiener Beisl, das sich zur Autowerkstatt erklärt, wenn kein Koch zur Hand ist, ein Panoptikum voller Irrsinn und sehr komischen Dialogen.

Man muss sehr tief in der Melancholie verankert sein, um so lustig sein zu können, schrieb ein Kritiker anlässlich ihres  Romans. Sie mag dieses Zitat. „Literatur, die nicht humorvoll ist, finde ich sehr schwierig.“ Die lustigsten Sachen schreibe sie immer dann, wenn es ihr am wenigsten gut geht. Derzeit schreibt sie an Buch, das im kommenden Frühjahr erscheinen soll. Eine Novelle sollte es werden, aber es sieht so aus, als käme alles ganz anders, größer, vertrackter. „Im Moment“ sagt sie, „reiße ich einen schlechten Witz nach dem anderen. Das ist sehr erleichternd“.

 

Mit Xaver Bayer war ein Treffen in Wien vereinbart, er hatte  die Bar des Hotel Intercontinental vorgeschlagen. Doch daraus wurde nichts. In Berlin begann es zu schneien, dicke Flocken. Am Flughafen fehlte das Enteisungsmittel. Flüge wurden gestrichen, Züge standen still, Mietwagen waren ausgebucht. Nichts ging mehr, eineinhalb Tage Warten auf Anschluss.

Eine Lage, in die auch eine der Figuren aus Bayers Erzählband Die durchsichtigen Hände geraten sein könnte. In den 24 Erzählungen finden sich seine Charaktere immer wieder in Situationen, in denen, ausgelöst von ganz banalen Begebenheiten, von einem Moment auf den anderen ihre Existenz an einer einzigen Frage hängt. Ein Paar findet beim Abstieg von einem Berg den Weg zurück nicht mehr. Ein Künstler fühlt sich auf einer Gala von einer Fernsehkamera verfolgt und entwickelt wüste Gewaltphantasien. Ein Mann hört in seiner Wohnung Schreie eines Mädchens. Doch er kann sie nicht orten und je länger er versucht, sie ausfindig zu machen, umso unsicherer ist er sich seiner Wahrnehmung. Meistens entscheiden seine Figuren, nichts zu unternehmen. Ein Versagen, ein Scheitern? Bayer löst das nicht auf. „Das Schauerliche“, sagt er ein paar Tage später am Telefon, „zeigt sich deutlicher, wenn man nicht hinter den Vorhang blickt, sonder nur die Geräusche hört.“

Die Genauigkeit, mit der Bayer Gedankengänge und Irrwege seiner Charaktere zeichnet, erinnert viele Kritiker an Peter Handke. „Ich kann diese Tradition nicht verleugnen. Aber ganz so feierlich wie Handke bin ich wohl nicht.“

Drei Romane hat Bayer bislang veröffentlicht, den ersten, Heute könnte ein glücklicher Tag sein, mit 24. Weiter hieß der zweite, er erzählt von einem Gamer, dem alle Sehnsüchte abhanden kommen. Inzwischen ist Bayer 33, doch im Gegensatz zu vielen Autoren seiner Generation schottet er sich gegen die Versuchungen der Öffentlichkeit und des Internets ab. Er schreibt seine Texte bewusst mit der Hand auf Papier und überträgt sie erst ganz zum Schluss in den Computer. „Das hat nur Vorteile. Ich verliere so keine Daten. Der Computer verführt dazu, nicht selbst zu denken, etwa im Thesaurus ein Wort nachzuschauen. Das Handgeschriebene in den Computer zu übertragen ist außerdem ein wichtiger Moment und Gelegenheit, Änderungen am Text vorzunehmen. Ein Notizbuch stiehlt niemand. Durchgestrichenes auf Papier bleibt stehen, auf dem Computer gelöschtes ist weg.“ Er meidet Lesungen, obwohl das für viele Autoren oft die einträglichste Quelle für Einnahmen ist. Er komme sich  dabei vor „wie ein Handelsvertreter seiner selbst“. So nimmt er in Kauf, dass er vom Schreiben nach wie vor nicht leben kann. „Ich lebe von den Sparbüchern meiner Großmutter“, sagt er, „ich habe alles auf eine Karte gesetzt“. Das hält er auch bei seinem im Frühjahr erscheinendem Buch wieder so. Es besteht aus einem einzigen Satz und erzählt von einer Reise ins Ich. Es ist die Geschichte eines Mannes, der auf einem Flughafen auf den Abflug wartet.

 

Kartoffelsalat, sagt Lena Gorelik, das sei so eine Sache. Manchmal ertappe sie sich dabei, wie sie Kartoffeln in kleine Würfel schneidet, so wie man es in Russland macht, wenn man Kartoffelsalat zubereitet. Sobald ihr das bewusst werde, gehe sie aber dazu über, die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, so wie es in Bayern üblich ist. Es sind Momente wie diese, in dem ihre Biographie sich in einem Augenblick verdichtet.

In Meine weißen Nächte, ihrem ersten Roman, erzählt Gorelik von einem Mädchen aus St.Petersburg, das mit seinen Eltern als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland auswandert. Von der Ankunft in einem Flüchtlingslager, der fremden neuen Heimat, von den seltsamen Sitten ihrer neuen Landsleute, etwa zu viert im Auto zu sitzen und stundenlang kein Wort zu reden. Es ist, mehr oder weniger, ihre Geschichte. Gorelik lernte sehr schnell Deutsch, es fiel ihr nicht schwer, „ich war immer das Mädchen, das ein Buch vor dem Gesicht hatte“.

Ihre Stimme ist etwas belegt, sie trägt einen dicken Wollschal um den Hals und legt ihn auch nicht ab, als sie längst Platz genommen hat in einem kleinen Münchner Cafe, das auch Vinylplatten und Kinder T-Shirts verkauft und eine Tasse Tee sie wärmt.

24 war sie, als das Buch erschien. Das Russische und das Jüdische schrieb sie damals in einem Text für eine Zeitung, seien „nicht wichtig“ für sie. „Ich hatte damals vor allem den Drang dazuzugehören und mich möglichst wenig zu unterscheiden. Ich wollte so deutsch wie möglich sein“, sagt sie im Rückblick. Inzwischen ist sie 30 und sieht sie das etwas anders. „Ich habe jetzt ein größeres Selbstbewusstein, was meine Herkunft angeht, sagt sie. Ich gehöre nicht weniger dazu als jeder andere, aber mit meiner Vergangenheit und meiner Geschichte. Ich muss nicht mehr versuchen jemand zu sein, der ich nicht bin.“

Derzeit arbeitet Gorelik an drei Büchern. Einen Roman hat sie begonnen, die Themen der beiden anderen fielen ihr gewissermaßen vor die Füße. Für ein Sachbuch reiste sie quer durch Deutschland und traf Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sich aber hier zuhause fühlen. So wie sie. Gorelik lebte in Frankfurt und in Hamburg, in Toronto und in Jerusalem. „Aber in München fühle ich mich am wohlsten. Ich mag das, was man bayerische Gemütlichkeit nennt, ich sage Schmarrn und Christkindlmarkt und liebe es, sonntags in die Berge hinauszufahren. Berge sind für mich immer noch ein Naturwunder“.

Das Dritte Buch erscheint im März und trägt den Titel Lieber Mischa, du bist ein Jude. Vor einem Jahr wurde Gorelik Mutter eines Sohns, „auch das hat mich dazu gebracht mit vielen Fragen auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Es geht darum, sagt sie, „was ich meinem Kind mitgeben möchte“. Über das dazugehören, das Coolsein, über Großväter und, das ist ihr Gorelik ganz wichtig: jüdischen Humor.

 

Der Schneefall in Berlin vereitelte auch das Treffen mit Thomas Glavinic. Er antwortet auf Fragen aber ohnehin lieber schriftlich. Glavinic ist 38 und lebt in Wien. In Kürze erscheint sein achter Roman, Lisa.

Wann wissen Sie, dass ein Manuskript fertig ist? Sagen wir, irgendwann nach der 19. Überarbeitung reicht es mir einfach. Ist Ihnen der Gedanke vertraut, bereits erschienene Romane oder Texte noch mal umschreiben zu wollen? Naja, umschreiben… Ich würde sagen, in jedem meiner Bücher gibt es viele Dinge, die ich im Nachhinein gern besser gemacht hätte. Wie sozial sind Sie beim Schreiben? Benötigen Sie den Rückzug, Abgeschiedenheit? Ja, schon. Ich habe mir eigens eine Wohnung dafür angemietet, in der es kein Telefon gibt, aber dafür viel Musik und Kaffee, und da habe ich den ganzen Tag lang meine Ruhe. Unter welchen Umständen schreiben Sie am liebsten? Mit Ausblick auf das Meer, in einer luxuriösen Villa, mit einer schönen Frau, die hinter mir im Bett schläft. Aber da das nicht immer möglich ist, nehme ichs, wies kommt. Lieber morgens oder nachts? Oder egal? Nach dem Aufstehen. Ich darf nicht zuviel vom Tag gesehen haben, ich will quasi aus dem Schlaf in den Text hinein. Kann Alkohol beim Schreiben helfen? Beim Nachdenken über den Text im Vorhinein ja. Ich glaube, das mit dem Alkohol als Hilfsmotor beim Schreiben ist ein Mythos. Schreiben hat ja mitunter auch etwas mit Denken zu tun, und wie gut wir denken, wenn wir betrunken sind, wissen wir alle.

Lisa erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nach einem Einbruch in seine Wohnung in einer kleinen Hütte verschanzt, weil die Ermittler DNA-Spuren einer Serienmörderin fanden, Lisa. Von dort spricht er Abend für Abend befeuert von Whisky und Kokain er via Internetradio zu einem imaginären Publikum. Ein irrwitziger Text über die Absurdität virtueller Realität.

Können Sie an einem Computer schreiben, der Internetzugang hat? Schon, ja. Soviel Selbstdisziplin bringe ich schon noch auf. Welchen Nutzen hat Facebook für Sie? Nutzen? Spaß macht es halt ab und zu. Es ist Zeitvertreib. Ein virtueller Kaffeehausbesuch. Haben Sie bestimmte Zeiten oder Regeln, wann und wie sie Mails lesen beantworten, ins Netz gehen zu Facebook? Ich habe sowieso kaum Regeln, weil ich mich eh nicht dran halten kann. Ich habe ein I-Phone mit Facebookzugang, das sagt wahrscheinlich alles.

In Das bin doch ich erzählt Glavinic von einem Schriftsteller der Thomas Glavinic heißt, und endlich auf den Durchbruch hofft. Er hat einen Freund, der sehr erfolgreich ist, Daniel Kehlmann heißt er. Ein Meisterwerk der Selbstiroie, schrieb ein Kritiker.

Spielt es bei der Wahl Ihrer Stoffe eine Rolle, Erwartungen zu unterlaufen? Nein. Ich mache einfach etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ich will Texte schreiben, an denen ich scheitern kann, nicht solche, die ich schon dutzendfach geschrieben habe. Es gibt Autoren, die schreiben ihr Leben lang dasselbe Buch, wieder und wieder. Ich halte das für eine Mischung aus Feigheit und Mangel an Kreativität. In Das bin doch ich gibt es eine schöne Szene im Sessellift. In Das Leben der Wünsche spielt ein Seilbahnunglück eine Rolle. Sind Berge für Sie ein Ort der Bedrohung? Nein, ich liebe Berge! Ich bin nur zu faul, hinaufzugehen. Meiden Sie Berge eher oder können Sie mit der Idee Berge als Ort der Selbsterfahrung und des Rückzugs zu begreifen etwas anfangen? Ich kann mit der Idee mehr als nur etwas anfangen, deswegen dreht sich einer meiner nächsten Romane ums Bergsteigen. Hat sich an Ihrer Einstellung dazu in den vergangenen Jahren etwas verändert? Nein, ich lese schon seit meiner Kindheit Bergbücher, und über Höhenbergsteigen im besonderen habe ich so ziemlich alles gelesen, was mir je in die Finger gekommen ist, und das war viel. Welchen Gipfel haben Sie zuletzt bestiegen? Die Rax. Nicht lachen.