„Was digitale BIldung betrifft, sind wir in Deutschland weit hinterher“

Isabelle Sonnenfeld leitet das Google News Lab. Ein Gespräch über digitalen Journalismus, Fake News und Teamkultur

Vor neun Monaten zog das Berliner Büro von Google in die ehemalige Frauenklinik der Charitè, doch jetzt ist schon wieder kein Raum zu finden, an dem man in Ruhe sprechen kann. Bleibt also nur die Baustelle in der obersten Etage. Aber was für eine! Eine Raum so groß wie ein ganze Etage, rundum verglast. Blick auf das Bode-Museum, unten fließt die Spree, der Grill Royal ist nicht weit, gleich um die Ecke wohnt die Kanzlerin. In den Stockwerken darunter befinden sich die Teams für politische Arbeit, Marketing, YouTube sowie das Google News Lab, das Isabelle Sonnenfeld, 34, seit vier Jahren leitet.

Frau Sonnenfeld, seit vier Jahren leiten Sie das Google News Lab im deutschsprachigen Raum. Woran genau wird dort gearbeitet?

Das News Lab startete 2015 mit dem Ziel, digitalen Journalismus zu fördern. Vier Dinge stehen dabei im Fokus. Erstens die Frage: Wie umgehen mit Desinformation? Wie können wir Initiativen aufbauen, die Journalisten helfen, Desinformation schneller zu finden? Zweitens geht es um die Frage, wie wir Journalisten unsere Tools und Werkzeuge noch näher bringen können. Wir haben ein Online-Trainings-Centeraufgebaut mit 55 Online-Sessions und führen Trainings auch in Redaktionen durch. Da geht es vor allem darum zu zeigen, wie ich in meiner Recherche schnell an die relevanten Ergebnisse komme. Oder wie kann ich Google Earth in einer Breaking-News-Situation am besten nutzen? Drittens befassen wir uns mit neuen Technologien. Mit Virtual Reality, mit Künstlicher Intelligenz oder neuen Möglichkeiten, Daten zu analysieren und zu visualisieren. Und viertens beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie können wir Diversität in der Medienbranche fördern? Wie können wir Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund oder mit Fluchtgeschichte den Weg in Redaktion und Verlage ebnen? Und natürlich: Wie können wir Frauen in der Medienbranche fördern? Das ist der Kern unserer Arbeit.

Was missfällt Ihnen derzeit am Journalismus?

Ich finde toll, wie politisch aktiv die junge Generation gerade ist. Auf die Straße geht, in sozialen Netzwerken unterwegs ist, und sich um unsere Welt wirklich Sorgen macht. Mir missfällt aber, wie sie von den traditionellen Medien kleingeschrieben werden. Ich würde mir wünschen, dass diese junge Generation noch stärker gehört wird. Redaktionen müssen dafür ihre Perspektiven etwa weiter drehen und verschieben.

Wie informieren Sie sich selbst?

Ich beginne den Tag mit einem Nachrichten-Podcast. Ich habe eine kleine Tochter, da kann ich nebenbei aufräumen, das Kind anziehen oder etwas zu Essen machen und bin über das Wichtigste informiert. Dann lese sich sehr viele Newsletter unterschiedlicher Medien, ich nutze Google News als App, und mittags sehe ich mir die klassischen Nachrichtenseiten an. Und wenn ich abends mit dem Fahrrad nach Hause fahre, höre ich nochmal einen Podcast, meistens New York Times Daily. Da bekommt man den internationalen Blickwinkel.

Keine Zeitungen, keine Magazine?

Aktuell lese ich keine Print-Tageszeitung mehr, aber ich habe eine Wochenzeitung abonniert. Und ich kaufe sehr viele Magazine, auch, um meine Perspektiven zu variieren. Modemagazine, Wirtschaftsmagazine, auch Elternmagazine.

Welche Rolle spielen Twitter, Facebook und Instagram für Sie?

Ich habe früher bei Twitter gearbeitet, daher ist das mein natürlichstes Nachrichten-Medium. Ich folge sehr vielen Journalisten direkt. Instagram nutze ich mehr und mehr. Bislang sah ich das eher als Entertainment mit Familie und Freunden. Aber ich finde es spannend, welche Formate sich dort gerade entwickeln. Bestes Beispiel ist Eva Schulz, eine begnadete junge Journalistin, die ihrer Generation Politik näherbringen will. Ihr Format „Deutschland 3000“. Sehr direkt, sehr klar erklärt sie darin komplexe Themen.

Wie abhängig sind Sie von Ihrem Smartphone?

Ich gebe mir Mühe, die Zeit zu begrenzen, die ich damit verbringe. Im Urlaub schalte ich alles aus. Und ich habe eine App die mir sagt, wie häufig ich das Smartphone in die Hand genommen habe und womit ich meine Zeit verbringe. Das sehe ich mir nicht jeden Tag an, ein paar Mal im Monat aber schon.

Wie wird künstliche Intelligenz Journalismus beeinflussen und verändern?

In einem gemeinsamen Projekt mit der London School of Economics versuchen wir das gerade herauszufinden. Ein paar Beispiele. In der New York Times gab es vor kurzem eine sehr spannende Geschichte, die Satellitenbilder von Google Earth auswertete, um Routen und Bewegungen von Schiffen auf dem Atlantik zu analysieren. Die Muster verraten einiges über Handelsbeziehungen, ihre Mechanismen, auch über Piraterie.Oder die Financial Times wollte herausfinden, wie divers ihre eigene Berichterstattung ist. Wie häufig sind Interviewpartner weiblich? Wie häufig männlich? Als sie diese Daten analysierten, kamen sie zu dem Schluss: „Wir müssen besser werden, denn 70 Prozent unserer Interviewpartner sind männlich. Und das Gleiche kann man natürlich auch mit Fotos machen: Wie häufig tauchen Männer und Frauen auf Fotos in den Artikeln auf? Und der „Guardian“hat, basiert auf der Analyse ihrer Texte, eine neue Richtlinie eingeführt, wie sie über Klimathemen schreiben, welche Begriffe sie verwenden und welche nicht. Statt Klimawandel heißt es jetzt Klimakrise. Das heißt, auf der einen Seite tragen solche Anwendungen künstlicher Intelligenz dazu bei, die Berichterstattung einfacher und schneller zu machen, aber auch dazu, eigene Texte zu analysieren. Auch spannend ist ein Produkt von Jigsaws, einem Tochterunternehmen von Alphabet, das den toxischen Wert von Kommentaren analysiert. Mit solchen Projekten zeigen wir, wie man unsere Technologien anwenden kann.

Was weiß Google noch über Journalismus, was Journalisten selbst nicht wissen?

Wir wissen nicht mehr, als Journalismus über sich weiß. Die Mission von Google ist, Information verfügbar und zugänglich zu machen. Diese Mission lässt sich auch übertragen auf den Journalismus, denn das ist auch das Ziel von Journalismus. Derzeit erleben wir, dass dieser Zugang zu Information gefährdet werden kann, wenn sich Desinformation verbreitet, wenn Leser und Leserinnen nicht mehr unterscheiden können, was wahr ist oder nicht. Deshalb haben wir da eine sehr große Verantwortung.

Abgesehen von Innovationen, die beim Recherchieren helfen: Worin liegt die Motivation von Google Journalismus zu unterstützen?

Qualitätsjournalismus ist die Grundlage unserer funktionierenden Gesellschaft, unserer funktionierenden Demokratie. Und das heißt, das wir dem Vertrauen, das die Nutzer uns schenken, relevante und richtige Informationen zu finden, gerecht werden. Denn häufig sind diese Informationen journalistische Inhalte.

Phänomene wie Fake News, Hate Speech, haben die Unternehmen des Silicon Valley erst hervorgebracht. Ist Googles Engagement als Wiedergutmachung anzusehen für eine Entwicklung, die Google mit ausgelöst hat?

Es gab schon immer falsche Informationen, auch vor dem Internet. Und in erster Linie hängt Falschinformation an den Menschen und nicht an den Plattformen. Die Wut auf Politik hat sich verstärkt und kommt insbesondere auf den Plattformen zum Ausdruck. Dennoch gibt es eine riesengroße Verantwortung, mit dem Thema Verbreitung von Desinformation umzugehen. Vor allem Jugendliche können kaum unterscheiden, was ist Qualitätsjournalismus und was ist Information aus unsicherer Quelle. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die ein Technologieunternehmen wie Google nicht alleine lösen kann, sondern nur in Zusammenarbeit mit der Medienbranche, mit der Politik und mit der Zivilgesellschaft. Was digitale Bildung betrifft sind wir in Deutschland sehr weit hinterher.

Was sind die gängigsten Fehler bei der Google-Suche?

Ein Trick, den wir immer zeigen, ist die umgekehrte Bildersuche. Mit einem Mausklick rechts kann ich sehen: Ist dieses Foto schon mal erschienen? Ist es vielleicht fünf Jahre alt und zeigt gar nicht die aktuelle Situation? Das ist vielen nicht bekannt. Ein anderer Trick: Unterschiedliche Suchoperatoren miteinander zu kombinieren. In unseren Trainings sehen wir häufig überraschte Gesichter, wie schnell man etwa zu einem Dokument einer Regierungsorganisation kommt, wenn man die unterschiedlichen Filter kennt und nutzt.

Google ist in den Rankings der besten Arbeitgeber immer ganz vorne dabei. Was macht Google so attraktiv als Arbeitgeber?

Man kann sehr kreativ arbeiten, sehr crossfunktional und es ist sehr international. Ich habe ein Team mit Kollegen in Singapur, Mexico oder Argentinien. Für viele andere Unternehmen ist Google Vorbild, vor allem was Teamkultur und Transparenz angeht. Wir haben jede Woche ein Treffen, auf dem unser Leadership-Team Fragen beantwortet. Objective Key Results sorgen dafür, dass jeder im Team sieht, woran man arbeitet und wie erfolgreich man war. Es gibt Manager-Feedback, es gibt Kollegen-Feedback. Diese Transparenz und die Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern, macht die Kultur aus. Und das ist einzigartig,

2015 haben sie das Projekt Role Models zusammen mit David Noel gegründet, eine Veranstaltungsreihe, mit der Sie Frauen aus der Techszene miteinander ins Gespräch bringen. Wie kam es dazu?

David hat damals bei Soundcloud gearbeitet, ich noch bei Twitter. Die Idee entstand, weil ich als Frau in der Tech-Branche immer nach weiblichen Vorbildern gesucht hatte und wir uns damals oft gefragt haben: Wie können wir Frauen fördern? Woran liegt das, dass es zu wenig Frauen in Leadership-Positionen gibt? Und David hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie man eine Kultur schaffen kann, die divers und inklusiv ist. Irgendwann sagte ich: „Diese inspirierenden, spannenden, erfolgreichen Frauen muss es ja geben. Lass uns versuchen, sie zu finden.“ Wir haben drei Events gemacht, alle waren komplett ausverkauft. Jetzt spricht jeder über Female Empowerment und über Female Leadership, aber damals gab es das nicht.

Das ist erst vier Jahre her.

Ja, seither hat sich einiges getan, was sehr gut und positiv ist. Wir haben inzwischen über 100 Frauen interviewt.

Welche Begegnungen haben Sie besonders beeindruckt?

An die mit Anne Will denke ich oft. 600 Leute im Saal, ich war sehr nervös. Das Gespräch war sehr offen, sehr persönlich, sehr nah.

Haben Sie inzwischen Vorbilder gefunden?

Ich treffe und lese immer häufiger von Frauen, bei denen ich denke: Da würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden. Und Greta Thunberg beeindruckt mich sehr. Ich hätte mir gewünscht, so ein Vorbild zu haben, als ich so jung war wie sie. Vielleicht hätte mich das motiviert, politisch aktiver zu sein.

„Kunst ist für alle da“

Diandra Donecker ist Chefin der Villa Grisebach. Die Fotografie-Expertin führt das Auktionshaus in die Zukunft

Herzblut. Vertrauen. Leidenschaft. Liebe. Wenn Diandra Donecker von ihrer Blitzkarriere erzählt, davon, was sie antreibt, und was man eigentlich so macht als Geschäftsführerin eines Auktionshauses, fallen diese Worte immer wieder.
Grisebach, sagt sie, das war von Beginn an eine Liebesbeziehung. Ihr Verhältnis zu Papier und Fotografie? Liebe. Zur Handzeichnung? Große Liebe. Das Wichtigste im Gespräch mit Kunden? Vertrauen. Hat sie sich das zurecht gelegt? Ist das eine clevere Strategie in einem Geschäft, in dem vor allem die großen Zahlen Schlagzeilen machen und Erfolg in Euro, Dollar und Rekorden gemessen wird?
Hört man Diandra Donecker eine Weile zu, verflüchtigt sich dieser Gedanke schnell. Und weicht mit etwas Abstand der Einsicht, dass sie das genauso meint und genauso lebt. Und Begeisterung, Empathie und Leidenschaft genau das ist, was sie mit der Kunst, ihren Kunden und ihrem Beruf verbindet.

Egal, ob sie von ihrem bislang größten Coup erzählt, der Versteigerung eines Fotogramms für 490 000 Euro, von dem ergreifenden Augenblick, in dem ein Bietergefecht endet oder von Begegnungen mit Georg Stefan Troller, dem legendären, mittlerweile 97 Jahre alten Fernsehjournalisten, Dokumentarfilmer und Schriftsteller. Unter seinem Bett in seiner Wohnung in Paris fand Troller eine Schachtel mit Fotos aus dem Paris der 50er Jahre. Er vertraute sie Donecker an, Grisebach ließ sie rahmen und nahm sie auf in den Katalog für die Sommerauktion. Ein Wagnis, natürlich, Fotos von einem Mann, der berühmt für seine Interviews wurde und für das, was er schrieb. Aber nicht für seine Fotos. Auf der Auktion fand sich dann auch kein Käufer. Inzwischen aber, im Nachverkauf, haben sich zwei Bieter gefunden und den Preis auf 15 000 Euro für die ganze Serie hochgetrieben.

„Hier zu sitzen ist ein Geschenk“, sagt Donecker und meint damit die Lage der Villa Grisebach in der Berliner Fasanenstraße in Nachbarschaft des Literaturhauses, des Käthe-Kollwitzmuseums, von Galerien, Kunsthändlern und Antiquariaten. Aber auch ihr Büro in der vierten Etage der einst als Wohnhaus konzipierten Stadtvilla mit dem Kirschholzschreibtisch und unzähligen Regalmetern mit Kunstbänden entlang der Wände – das Büro der Geschäftsführerin. Vergangenen Januar hat sie es bezogen.

Sie mit 30 Jahren zur Chefin zu machen, war eine mutige Entscheidung. Sie weiß das. Grisebach ist zusammen mit Ketterer, gemessen am Umsatz, das größte Auktionshaus in Deutschland. Mal liegt der ein vorne, mal der andere. Bernd Schultz gründete Villa Grisebach 1986 zusammen mit vier anderen Kunsthändlern. Seine Vision war es, an die große Zeit Berlins als Kunsthandelszentrum in den 20er Jahren anzuknüpfen. Sein Interesse galt der Klassischen Moderne, den deutschen Impressionisten und Expressionisten. Bis 2017 führte Schultz die Geschäfte. Florian Illies folgte ihm nach, kümmerte sich vor allem um Kunst des 19. Jahrhunderts und begann Grisebach zu modernisieren, verließ das Haus aber Ende 2018, um Chef des Rowohlt-Verlags zu werden. Diandra Donecker war gerade zwei Jahre bei Grisebach und leitete die Abteilung Fotografie. Zuvor arbeitete sie bei Christies in München.

Im Gegensatz zu Florian Illies Abschied ging mit Ihrer Berufung kein Raunen durchs Feuilleton. „Ich bin ein No Name, ein unbeschriebenes Blatt. Das ist gut so“, sagt sie und lacht. Weil sie genau weiß, was sie kann, was sie vorhat und was man von ihr erwartet.

Bernd Schultz, der im fünften Etage der Villa eine Art Salon unterhält, versteht Doneckers Berufung zum Gesicht des Hauses und zur Sprecherin der vierköpfigen Geschäftsführung, als Wegmarke in die Zukunft. „Ich war sehr überrascht, als ich das Angebot bekam Aber ich habe nicht länger als acht Sekunden gezögert, es anzunehmen“, sagt Donecker.

Für das Gespräch hat sie sich an die Stirnseite ihres Schreibtischs gesetzt. Über Eck sprechen, nicht frontal, Distanz abbauen, gute Atmosphäre schaffen. Sie weiß, dass sie gelegentlich auf Vorbehalte stößt „Natürlich gerate ich in Situationen, in denen ich aufgrund meines Alters unterschätzt werde. Ich nehme das sportlich.“ Jung zu sein habe aber vor allem Vorzüge. „Ich verfüge über viel Optimismus und auch Naivität. Mein Vorteil ist, dass ich nicht immer alles mit allen Konsequenzen durchdenke, sondern mich traue, einfach zu machen. Ich habe nicht viel Angst. Ich bin eher ein kraftvoller Tusch.“

Auch für solche Worte wird sie geschätzt Denn das Auktionsgeschäft verändert sich. Das Interesse an der klassischen Moderne, einst die Königsklasse im Kunsthandel, hat nachgelassen. Werke von Karl Schmidt-Rottluff oder Max Pechstein, die vor einigen Jahren noch Millionen erlösten, sind heute vergleichsweise günstig. Im Foyer der Villa hängt Schmidt-Rottluffs „Fischräucherei am Bahngleis“, der Schätzwert: 400 000 bis 600 000 Euro.

Das liegt einerseits am neuen Kulturgutschutzgesetz, das den Verkauf von Kunstwerken ins Ausland wesentlich schwieriger macht als früher. Stärker ins Gewicht fällt aber, dass jüngere Sammler einen anderen Zugang zu Kunst haben. „Da spielt der Moment der Betrachtung, was man dabei fühlt und Intuition eine viel größere Rolle als die Relevanz eines Werkes oder ein großer Name“. Junge Käufer, sagt Donecker wollen Kunst stärker fühlen als sich einem Werk mit Wissen zu nähern. Auch mit flachen Absätzen ist Donecker so groß, dass man unweigerlich den Rücken durchdrückt, um auf Augenhöhe zu bleiben.

Sich auf veränderte Seh-und Sammelgewohnheiten einzustellen, damit hat Grisebach schon früh begonnen, Seit 1987 existiert die Abteilung Third Floor. Die Idee: Menschen für Kunst zu begeistern, die noch nicht auf ein Vermögen zurückgreifen können. Zwischen 500 und 3000 Euro liegen die Preise im Third Floor. „Young Collectors“ oder „Next Generation“ wird die Klientel der 20 bis 50-Jährigen im Jargon des Kunsthandels genannt. Weniger bekannte Werke großer Namen finden sich dort, viele Druckgrafiken, Radierungen und Arbeiten zeitgenössischer Künstler. Eine Farbserigrafie von Alex Katz etwa ging in der Sommerauktion für 2350 Euro weg. „Viel zu verdienen ist da nicht“, sagt Donecker. Aber darum geht es auch nicht. Third Floor ist ein Einstieg in die Kunstwelt und in den Kosmos der Kunstauktionen. „Kunst“, sagt Donecker, „ist für alle da.“

Dass sie als studierte Kunsthistorikerin nun an Ergebnissen und Bilanzen gemessen wird, ficht sie nicht an. „Ich habe keine Zahlenkennerschaft qua Ausbildung, aber ich habe Interesse daran. Kreativität ist auch in Zahlen zuhause.“ Was sie damit meint, wird deutlich wenn sie von den ergreifendsten Momenten einer Auktion erzählt. Wenn die Gebote schon ein Vielfaches des Schätzpreises erreicht und den Boden des Rationalen längst verlassen haben. Wenn nicht abzusehen ist, wer den Zuschlag erhält. Welche Kräfte wirken da, welche Impulse, welche Interessen? Was genau geschieht in so einem Moment? „Niemand weiß das genau“, sagt Diandra Donecker. Der Auktionator nicht, die Zuschauer nicht, der Käufer oft am allerwenigsten. Gewiss ist nur: In diesem Moment verdichten sich große Gefühle, große Zahlen, Leidenschaft und Geld zu einem furiosen Finale. „Man kauft sich ein Stück Zugehörigkeit zu einer Geisteswelt, in der man sich verortet. Das finde ich sehr schön.“ Manchmal setzt der Hammer auch den Schlusspunkt unter die Arbeit von Monaten, manchmal auch von Jahren.

So war es, als ein Fotogramm des Bauhaus-Künstlers Laszlo Moholy-Nagy im vergangenen Jahr für 490 000€uro den Besitzer wechselte. Mehr wurde in Deutschland noch nie für eine Fotografie bezahlt. Grisebach konkurrierte mit den großen Häusern in New York und London, um dieses Werk anbieten zu können. Dass die Berliner den Zuschlag bekamen, hatte mit der Geschichte des Werkes zu tun, mehr noch aber mit Doneckers Bemühen und Überzeugungskraft. Viele, viele Gespräche habe sie mit dem deutschen Sammler geführt. Die alte Regel, wonach es drei Ursachen gebe, weshalb Kunstwerke in einem Auktionshaus landen – death, debt und divorce, also Tod, Schulden und Scheidung – im Fall des Moholy-Nagy-Werks spielte sie keine Rolle. Das Fotogramm war für den Sammler eine Art Lebensbild. Als junger Mann erwarb er es für vergleichsweise wenig Geld, nun, im Alter, entschloss er sich, seine Sammlung zu reduzieren.

Wenn Donecker davon erzählt, verweben sich Zeitgeschichte und Expertise mit der Begeisterung für die Leucht- und Strahlkraft des Werks. Und es fällt nicht schwer, zu verstehen, weshalb der Sammler sein liebstes Werk bei Grisebach in besten Händen sah. Ein amerikanischer Sammler kaufte das Fotogramm von Laszlo Moholy-Nagy. Nun ist es wieder öffentlich zugänglich, im Milwaukee Museum of Art.

Noch ist der Markt für Fotografie klein, drei Prozent des Umsatzes macht er aus. Aber er wächst. Zur Fotografie fand Donecker erst bei Grisebach. Schwerpunkt ihres Kunstgeschichte-Studiums in München waren Altmeisterzeichnungen und Druckgraphik, vor allem niederländische Renaissance. Und auch alle Praktika und Volontariate, die sie in Auktionshäusern, bei Kunsthändlern, im British Museum in London und im Metropolitan Museum in New York absolvierte, machte sie in diesem Umfeld. „Ich komme aus einer Papierwelt“ , sagt sie. Zeitungen, Bücher, Zeichnungen, damit ist sie aufgewachsen. In der Familie ihrer Mutter, sagt sie, „waren gefühlt alle Kunsthistoriker.“ So kam auch ihr nie anderes in den Sinn. Etwa, selbst Künstlerin werden zu wollen. „Mich interessierte Kunst immer nur als historische Quelle.“

Mit einer Ausnahme. Donecker war vierzehn und schrieb einen Brief an die damalige Chefredakteurin der Vogue, Angelika Blechschmidt. Es ging um eine einzige Frage. Wie werde ich wie Sie? Wochen später bekam Donecker eine Antwort. Von Christiane Arp, sie war Blechschmidt inzwischen nachgefolgt. „Sie rief mich an und hat mir auf rührende Weise und sehr geduldig erklärt, dass man sich nicht zum Ziel setzen kann, Chefredakteurin der Vogue zu werden.“ Sie gab mir den Rat, etwas zu studieren, in dem ich mich sehr gut auskenne.“

Auch bei Grisebach begann sie in der Kunst des 19. Jahrhunderts, der Abteilung, die Florian Illies leitete. Bis sie auf eine Kollegin traf, Susanne Schmid, sie leitete die Abteilung für Fotografie, „Von ihr habe ich alles gelernt, sie übte mit mir, brachte mir alles bei“. Als Schmid das Haus verließ, empfahl sie Donecker, damals 28, als ihre Nachfolgerin. „Diandra hat das Auge, um zu sehen, was auf Papier passiert“, sagte sie. Inzwischen, sagt Donecker, schätzt sie alles an Fotografie.“

Klar, dass sie damit nur eines meint: Fotokunst. Und nicht die Allgegenwart des Klicks, die Gewohnheit, alles und jeden unentwegt in einem Bild festzuhalten. „Ich finde das verdummend. Der Umstand, dass es egal ist, wie oft man auf den Auslöser drückt, bedeutet einen „Niedergang des Im-Moment-Sein sowie des Sich-Spürens. Es zerstört Gespräche, es macht unkonzentriert, es führt weg von sich. In diesem Punkt bin ich fundamentalistisch. Auch,“ ergänzt sie, wo sie sich schon einmal in Fahrt ist, „dass jeder, der ein Foto macht, denkt, er sei ein Fotograf. Fotografie ist ein Prozess der Komposition, in dem es darum geht, Augenblicke erkennen, die mehr sagen als das Abbildende.“

Instagram dagegen schätzt sie. „Instagram ist ein Wundertool, je nachdem wie man es nutzt. Ich habe schon eine Reihe toller Leute dort entdeckt. Für Grisebach ist Instagram wichtig, weil es unser Haus viel erlebbarer macht als eine Homepage und Jüngere auf diesem Weg leichter zu uns finden.“ Sie folgt knapp 2000 Accounts vornehmlich Galeristen, Kuratoren, Sammlern, Kreativen und Museen. Selbst postet sie nahezu jeden Tag, Momentaufnahmen, Assoziationen, auch ein Werk, das sich besonders gut verkauft hat, ist mal darunter. „Ich nutze das wie ein Bildermosaik“, sagt sie. Vor kurzem sah sie etwa einen Film mit der jungen Liz Tylor. „Daraufhin habe ich sie gegoogelt und bin auf ein sehr tolles Bild von ihr gestoßen, auf dem sie raucht.“

Chefin eines Auktionshauses zu sein, bedeutet nicht automatisch, selbst zu auktionieren. Einige Kollegen tun das, sie nicht. Auch, weil sie weiß, dass sie gut daran tut, das Wohlwollen, das ihr entgegengebracht wird, nicht über zu strapazieren. Hinzu kommt großer Respekt vor der Arbeit des Auktionators. „Der Auktionator ist zugleich Schauspieler, Sachverständiger und Dompteur. Wie gut er seine Arbeit macht, hängt vor allem an seiner Präsenz. Im Stehen, in der Stimme, und an der Sprache seiner Hände. Wenn der Auktionator mit dem Publikum nicht flirten kann, ist viel verloren.“ Was sie Neulingen rät, die das erste Mal eine Auktion besuchen? „Man braucht nur seine Augen. Und im Idealfall träumt man von einem Werk.“

München? Logisch.

Schon wahr, das Neue, das Improvisierte hat es oft schwer in München. Wenn man hier lebt und auch gelegentlich in anderen schönen Städten zu Gast ist, fällt einem vieles ein, dass die Stadt, weltoffener, lässiger, moderner, noch lebenswerter machen könnte. Aber dann schaut man an einem Sonntag morgen aus dem Fenster, sieht den blauen Himmel, steigt ins Auto, in die Bahn oder auf‘s Rad, und sitzt eine dreiviertel Stunde später auf dem Land. An einem See (dem Staffelsee bei Murnau etwa). An einem Moorweiher (beinahe kitschig schön der Kirchsee bei Sachenkamm). Auf einer Waldlichtung. Man sieht die Berge. Sitzt in einem Wirtsgarten (beim Jägerwirt in Kirchbichl etwa). Lässt alle Einwände hinter sich und es fällt einem wieder ein, warum München in den Rankings der lebenswertesten Städte regelmäßig vorne mit dabei ist. Die Lage, logisch. Die Nähe zum Süden. Zwei Stunden bis zum Brenner, nochmal zwei und man sitzt unter Palmen (am Gardasee etwa). Zuletzt landete München auf der Liste der New York Times auf Platz 5 der weltweit attraktivsten Reiseziele 2019, vor allem wegen der Oper, der Theater und der Museen. Dass München ein Sehnsuchtsort ist, begriff ich das erste Mal, als ich in Berlin lebte. Von Berlin aus ist man in gut zwei Stunden an der Ostsee. Auch nicht schlecht. Aber eben nicht dasselbe.

München selbst ist klein und überschaubar, verglichen mit Hamburg und Berlin. Die Stadt mit dem Fahrrad von Süden nach Norden zu durchqueren dauert kaum länger als eine Stunde, das hat Charme. Zugleich ist die überschaubare Größe aber auch Ursache von fast allem, was München anstrengend macht, wenn man hier lebt. Die Staus, die exorbitanten Mieten, die überfüllten U-Bahnen. Zu wenig Platz zu haben, ist elementarer Teil des Münchner Lebensgefühls. Ein freier Tisch im Restaurant ist ebenso Glückssache wie ein Glas Wein für weniger als acht Euro für 0,1 Liter. Die Enge ist aber auch ein Grund, weshalb man alles stehen und liegen lässt, sobald das Wetter schön genug ist, um irgendwo draußen zu sitzen. Meist ist die kleine Flucht aus dem Gedränge gleich um die Ecke. Beim Griechen, beim Italiener, im Hofgarten. An der Isar in die Sonne blinzeln, im Englischen Garten eine Decke ausbreiten oder auf einem sonnigen Balkon ein Bier trinken. Irgendein Anlass anzustoßen, findet sich schon und sei es zur Feier des Tages. Dann radeln Menschen in Neoprenanzügen, ein Surfbrett unter dem Arm, mitten durch die Stadt, in der Tramlinie 18 steigen Gymnasiasten in Badehose aus dem Eisbach an der Haltestelle Tivoli zu. In München, sagte mal ein Freund aus dem Norden, sehen alle immer so gesund aus. Tja.

„Wir tun das Richtige“

Es ist wieder passiert. Diesmal dauerte es fünf Tage, ehe die Aquarius Mitte August mit 141 aus Seenot geretteten Flüchtlingen an Bord die Erlaubnis erhielt, in einen Hafen auf Malta einzulaufen. Vergangenen Juni kam es zur ersten Irrfahrt des von SOS Mediterranée und Ärzte ohne Grenzen betriebenen Rettungsschiffes, als sich die italienische Regierung erstmals weigerte, die Flüchtlinge aufzunehmen. In Valencia gingen sie schließlich an Land und wurden auf mehrere europäische Länder verteilt. Seither ist die Lage für die Seennotretter ziemlich kompliziert. Die italienische Regierung hat alle Häfen für Boote mit Flüchtlingen geschlossen, die EU ist sich nicht einig, welches Land wie viele Flüchtlinge aufnimmt. Und Verena Papke, seit einem Jahr Geschäftsführerin von SOS Mediterranée, ist im Dauereinsatz.

Frau Papke, andere Rettungsschiffe dürfen inzwischen nicht mehr auslaufen. Kann das der Aquarius auch passieren?
Rettungsschiffe aus dem Verkehr zu ziehen, kann keine Lösung sein. Im Juni war kein ziviles Rettungsschiff im Einsatz. Das hatte zur Folge, dass so viele Menschen im Mittelmeer gestorben sind wie lange nicht, etwa 700 waren es.

Was war Ihr Impuls, sich zu engagieren?
Ein Schlüsselerlebnis war eines der größten Unglücke vor Lampedusa im April 2015. Diese Bilder machten mir bewusst, dass zwischen dem reichen Europa und den Menschen, die aus menschenverachtenden Umständen fliehen, nur ein Meer liegt. Und dass die Tatsache, wo wir geboren sind und wie wir aufwachsen, nur Zufall ist. Diese Ungerechtigkeit hat mich sehr wütend gemacht. Über einen Freund lernte ich 2015 den Kapitän Klaus Vogel kennen, den Gründer von SOS Mediterranée. Von Beginn an sagte er: „Wir brauchen ein großes, europäisches Schiff. Was auf dem Mittelmeer geschieht, ist ein Versagen der Europäischen Union, also müssen wir eine europäische Organisation sein.“ Inzwischen ist SOS Mediterranée eine große und wichtige europäische Organisation.   

Was sind Ihre Aufgaben bei SOS Mediterranée?
Wir haben vier Vereine, in Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Jede Woche besprechen die Geschäftsführer die wichtigsten Dinge: Wann fährt die Aquarius wieder raus? Was muss bis dahin getan werden? Machen wir eine Kampagne? Arbeiten wir mit Prominenten? Wenn ja, mit welchen? Wir haben in Deutschland sechs Vollzeitstellen, das ist für so eine große Organisation nicht viel. Wir stehen in Kontakt mit Unterstützern.

 Inklusive Ärzten und Sanitätern besteht die Crew der Aquarius aus 22 Männern und Frauen. Alle haben einen professionellen Hintergrund, kommen aus der Seefahrt und Medizin. Was braucht ein Helfer sonst noch?
Große Empathie, vor allem mit den Geretteten. Aber auch eine gewisse Resilienz, um durchzustehen, was einem an Bord widerfährt. Man muss Blut sehen können und auch Tote. Man muss über Selbstkontrolle verfügen. An Ostern etwa war die libysche Küstenwache zeitgleich mit uns bei einem Einsatz. Es kam zu einer Verhandlung darüber, Gerettete an Bord der Aquarius nehmen zu dürfen. Am Ende hatten wir 100 Menschen an Bord, die Libyer ebenfalls. Dabei zuzusehen, dass Menschen zurückgebracht werden an Orte, vor denen sie geflohen sind, das ist hart. Dabei darf keiner durchdrehen.  

Waren Sie selbst bei Einsätzen dabei?
Ich war zweimal für mehrere Wochen an Bord. In dieser Zeit gab es drei Einsätze. Gehen wir einen Einsatz durch. Die Aquarius läuft aus einem Hafen am Mittelmer aus, das Schiff patroulliert in den Gewässern vor der libyschen Küste, in der sogenannten Search and Rescue Zone, dabei halten wir von der Brücke aus 24 Stunden am Tag Ausschau nach Schlauchbooten. Entdecken wir eines, melden wir das der zuständigen Seenotleitstelle. Sofern wir das nächstgelegene Schiff sind, sollte sie uns die Order zum Einsatz erteilen. 

Führt die Entdeckung eines Schlauchboots automatisch zu einem Rettungseinsatz?
Die Menschen auf den Schlauchbooten sind in Seenot von dem Punkt an, an dem man sie entdeckt. Entweder entweicht die Luft aus den Kammern oder die Boote brechen in der Mitte, weil die Menschen dicht zusammen gepfercht auf den Holzpaneelen stehen. Die Außenhülle dieser Schlauchboote ist zwei, drei Millimeter dick. Ich würde nicht mal auf der Spree mit so einem Boot fahren. Hinzu kommt: Seitdem die europäische Militäroperation „Sophia“ Schlepper bekämpft, verschlechtert sich der Zustand der Schlauchboote. Die Schlepper gehen seither nicht mit auf die Boote. Die setzen die Leute in Libyen ins Boot, drücken ihnen einen Benzinkanister in die Hand und sagen: „ Das, was leuchtet, ist Italien.“ Das ist dann eine Ölbohrinsel. Früher sind sie noch mit auf die Boote, um diese zurückzubringen und wieder zu verwenden. Mittlerweile müssen die Schlauchboote von den Rettern aber zerstört werden. Und das führt dazu, dass die Schlepper nur noch die billigsten Fabrikate verwenden. Alle, die auf einem solchen Schlauchboot landen, haben nur zwei Möglichkeiten: Sie werden gerettet oder sie ertrinken.  

Wie holt die Crew die Flüchtlinge aus den Booten?
Wir haben zwei Schnellboote. Damit fahren wir zu den Schlauchbooten und verteilen als erstes immer Rettungswesten. Dann beginnt die Bergung, Verletzte, Frauen und Kinder zuerst. Das kann zwei, aber auch 48 Stunden dauern. Dann folgt das Boat Landing. An Bord sieht man ihnen einmal ins Gesicht, sie bekommen die Rettungsweste ausgezogen und müssen an einem sogenannten Schnupperer vorbei. Riechen Sie nach Benzin, saßen sie meistens nah am Motor oder mussten das Benzin nachfüllen. Dann müssen sie sofort ihre Kleider ausziehen und kriegen eine Dusche, weil Benzin in Verbindung mit Salzwasser zu Verbrennungen führt. Häufig sehen wir krasse Hautverletzungen, wir bergen auch viele Dehydrierte, Menschen mit Schussverletzungen, mit Verbrennungen auch Knochenbrüchen. Die werden sofort operiert. Wir hatten auch schon Geburten an Bord. Das ist schon ein logistisches Meisterwerk, auf 77 Metern eine kleine Klinik zu betreiben, die unter Leitung unseres Partners Ärzte ohne Grenzen funktioniert. Hunderte von Menschen zwei, drei Tage mit Essen zu versorgen, und sanitär alles so zu managen, dass es menschenwürdig ist. Meistens dauert es dann ein paar Stunden, bis einem ein sicherer Hafen zugewiesen wird. Und dann nochmal zwei Tage, bis das Schiff einen sicheren Hafen erreicht! In den letzten Wochen haben wir leider oft erfahren müssen, dass die Seenotleistellen ihre Zuständigkeit verweigern und wir tagelang auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten mussten, so wie im Juni, als wir nach einer Woche auf See dann 1000 Kilometer bis nach Spanien/Valencia fahren mussten, obwohl Malta oder Italien näher gewesen wären. 

Bereitet die Crew die Flüchtlinge darauf vor, was sie an Land erwartet?
Wir klären sie über ihre Rechte auf. Interessanterweise kennen die meisten das Wort „Asyl“ gar nicht. Sie wollen oder müssen weg von dort, woher sie kommen. Etliche sind absolut traumatisiert durch ihren Aufenthalt in Libyen. Jemand hat mal gesagt. “Ich wäre gern da geblieben, wo ich herkomme, aber es gab noch nicht mal die Mittel, um zu bleiben.“ Ich denke, genau darum geht es.

Inzwischen werden private Seenotretter stark kritisiert.
Ein Argument lautet, Seenotrettung sei eine staatliche Aufgabe. Seitdem wir da draußen sind, fordern wir ein europäisches Seenot-Rettungsprogramm, aber davon sind wir weiter entfernt denn je. Sobald sich keine Menschen mehr auf diese gefährliche Überfahrt begeben, werden wir auch nicht mehr da sein. Ein anderer Vorwurf ist, dass Seenotretter das Geschäft der Schleuser begünstigen. Dass Menschenhändler oder Schleuser wissen, dass Rettungsschiffe existieren, ist nicht auszuschließen. Aber das hat keine Konsequenz. Die Menschen flüchten unabhängig davon, ob Rettungsschiffe da sind oder nicht. Sind keine da, sterben mehr Menschen. Den Schleppern ist es egal, ob sie gerettet werden. 

Was wissen Sie über Schleuser und Schlepper?
Wir haben niemals Kontakt mit irgendwelchen Schleppern gehabt. Ärzte ohne Grenzen, unser Partner, ist eine der wenigen humanitären Organisationen, die in den Lagern in Libyen noch vor Ort sind. Und da hört man immer wieder, es gäbe Kommandeure, die um das Geld aus Europa konkurrieren. Interessant ist auch die Frage, inwiefern die libysche Küstenwache in Verbindung mit Schleppern steht.  

Wieviel kostet der Unterhalt der Aquarius?
Pro Tag 11.000 Euro inklusive Sprit, Crew, und Verpflegung, also gut 300 000 Euro im Monat. Eine Hälfte davon übernimmt Ärzte ohne Grenzen, die andere wir. Alles ist aus Spenden finanziert.

Welches Gefühl überwiegt nach drei Jahren Engagement für SOS Mediterranée: die Erleichterung, Menschen zu retten? Die Wut darüber, dass dies überhaupt nötig ist? Der Ärger darüber, kritisiert zu werden?
Letzteres auf jeden Fall nicht. Doch in den letzten Wochen und Monaten ist auch eine Ohnmacht zu spüren. Wir arbeiten nach geltendem Recht, wir sind unabhängig, und wir sind zivil. Wie kann es dann sein, dass wir nur noch eine rückwärtsgewandte, rechtsgerichtete Debatte führen? Was aber überwiegt, ist die Tatsache, dass wir das Richtige tun: Menschen zu retten. Lange war es so, dass wir unsere Arbeit gemacht haben, und niemanden hat es interessiert. In den letzten Wochen aber haben wir große Unterstützung erfahren von der Zivilgesellschaft, auch von vielen Prominenten. Sie sind auf die Straße gegangen, haben demonstriert und gespendet. Manche schreiben in den Spenden-Betreff: „Jetzt erst recht! Weiter so! “. Was in den Sommerwochen von einigen Politikern gesagt worden ist, geht vielen Menschen zu weit. Das spüren wir und das gibt einem Team Kraft.

Es geht um nichts. Und doch um alles

Das Finale der Fussball-WM mag die Menschen in seinen Bann schlagen – doch einem Vergleich mit der Gefühlsachterbahn eines Junioren-Matches kann es nicht standhalten. Selbstbeobachtungen am Spielfeldrand

Trost
Schon nach den ersten Spielzügen ist klar: Das wird heute nichts. Nach wenigen Minuten steht es 2:0 für die andere Mannschaft, geht es so weiter, wird das ein unlustiger Vormittag. Zur Halbzeit steht es 6:0. Einer heult, ein anderer schimpft, der Torwart sei schuld. Artur, mein Sohn sieht fürchterlich beleidigt aus, weshalb ist in diesen aufgewühlten Momenten nicht aus ihm herauszubekommen. Später wird er erzählen, die anderen hätten ihn allein gelassen in der Abwehr. Der Trainer hat in der Pause gut zu tun, seine Spieler zur zweiten Halbzeit wieder als Mannschaft auf den Platz schicken. Er stellt einen Mann mehr in die Abwehr und schärft ihnen ein, die Position zu halten. Am Ende steht es 7:1, die höchste Niederlage der Saison. Immerhin, die zweite Hälfte ging unentschieden aus. Auf diese Lesart haben sich die Eltern kurz nach dem Spiel schnell verständigt. Erschöpft, enttäuscht, zum Teil apathisch schleichen die Jungs vom Platz. So richtig scheint dieser aufmunternde Gedanke nicht zu zünden. Eine Mutter versucht die Situation zu retten, indem sie für jeden ein Eis besorgt, zum Trost. Artur spricht noch immer kein Wort. Es ist nicht ganz leicht, seine Enttäuschung einerseits ernst zu nehmen, andererseits dieser Niederlage nicht zu viele Gewicht zu verleihen. Ein Spiel ist verloren. Niemand scheidet aus, niemand bekommt null Punkte, weil in der F-Jugend noch keine Meisterschaften ausgespielt und keine Tabellen erstellt werden. Es geht, wenn man so will, um nichts. Und doch um alles.

Ehrgeiz
Samstag ist Spieltag, Anpfiff ist um neun Uhr in der Früh. Eine halbe Stunde vor dem Spiel trifft sich die Mannschaft, bei Auswärtsspielen kommt eine halbe Stunde Fahrt dazu, das bedeutet: Wecker stellen. In manchen Familien sind es die Mütter, die das Füllen der Trinkflasche, die Suche nach den Schienbeinschonern und den Support an der Seitenlinie zuständig sind. Bei uns bin das ich. Ein vorbildlicher Spielervater weiß natürlich, dass die Vorbereitung auf ein Spiel nicht erst mit dem Aufwärmen beginnt, sondern lange vorher. Ausreichend Schlaf, ein gutes, aber nicht zu schweres Abendessen, rechtzeitiges frühstücken. Doch welcher Vater ist schon pausenlos Vorbild?
Es gibt Eltern, die an das Talent ihres Nachwuchses Hoffnungen knüpfen und entsprechend wenig Nachsicht zeigen, wenn er die gewohnte Form mal nicht erreicht. Das andere Extrem markieren die Unbedarften, die mit Fußball eigentlich nichts verbindet, die der Entwicklung ihrer Kinder aber keinesfalls im Wege stehen wollen und allein deshalb ausreichend motiviert sind, sich in die für sie so unvertraute Sphäre eines Fußballplatzes begeben. Und es gibt die vordergründig Entspannten, die im Samstagmorgenkick zwar vor allem eine Übung in Fairplay und Teamwork sehen, bei einem Rückstand aber vom gelassenen Smalltalk an der Seitenlinie unvermittelt zu heißblütigen Fanparolen wechseln. Ehrgeizig sind sie also alle.
Mich eingeschlossen. Als ich mit einem Kaffeebecher aus der Sportgaststätte dem gegnerischen Team beim Warmmachen zusehe und zwei sehr schnelle und körperlich schon recht kräftige Spieler entdecke, ertappe ich bei dem Gedanken, ob ich wirklich alles getan habe für den Erfolg des anstehenden Spiels. Hätte ich meinen Sohn nicht doch besser noch einen Energieriegel besorgt?

Glück
Anfangs fand ich es lästig, sich vom Spielplan die Dramaturgie des Wochenendes diktieren zu lassen. Inzwischen stehe ich ausgesprochen gerne samstags auf dem Fußballplatz. Auch, weil ich dort das Spiel, das ich von Kindesbeinen an liebe, nochmal neu entdeckt habe. In seiner puren, unvollkommenen Form, seiner herrlichen Einfachheit und Unvorhersehbarkeit. Anders als in den großen Stadien ist das Fußball, der von nichts anderem getrieben ist als von Leidenschaft und dem Ziel, ein Tor mehr als der Gegner zu schießen. Und alle Dramen aufführt, die der Fußball so zu bieten hat: Siegtore in der Nachspielzeit. Aufholjagden. Kantersiege. Krachende Niederlagen. Unentschieden, die sie wie Siege anfühlen. Elfmeter, die keine waren. Glückliche, unverdiente Siege. Und mittendrin: der eigene Sohn und seine Freunde. Eine Konstellation, die ungeahnte Gefühle freisetzt.

Überheblickkeit
Ich hätte Leon gleich von Anfang an gebracht. Im Spiel zuvor hat er drei Tore geschossen, er ist der begabteste Stürmer im Team. Ich verstehe auch nicht, weshalb Artur heute auf der linken Seite spielt, er ist doch Rechtsfuß. Und wäre es jetzt nicht mal an der Zeit, die Jungs zu coachen? Sie daran zu erinnern, zu kombinieren, anstatt mit dem Ball am Fuß nach vorne zu rennen?
Von der Seitenlinie aus betrachtet sieht immer alles ganz einfach aus. Ich jedenfalls weiß immer, was zu tun wäre. Warum sieht der Fünfer den freien Mann schon wieder nicht? Manchmal wünsche ich mir ein Touchpad, mit dem ich die Spieler über den Platz schieben, in Zweikämpfe schicken oder aufs Tor schießen lasse, wie die Taktikexperten im Fernsehen. Mein in Jahrzehnten gereifter Fußballsachverstand, käme endlich einmal zur Anwendung. Und wie erfolgreich wir wären!

Respekt
Auch Ludwig verliert nicht gerne, Ludwig ist der Trainer. Er weiß natürlich, dass er in Leon einen talentierten Stürmer hat. Aber auch, dass der seine Mitspieler gelegentlich übersieht und recht eigensinnig ist. Das gefällt ihm nicht, die Mannschaft steht für Ludwig an erster Stelle. Und so bleibt Leon manchmal länger draußen als nötig.
Auch, weil es bei den Neunjährigen eben nicht darum geht, dass immer die Besten spielen, sondern, dass alle spielen. Aus sechs Feldspielern besteht eine Mannschaft, dazu der Torwart. Zu jedem Spiel kommen zehn bis 12 Spieler, da müssen auch die Besten pausieren. Jeder soll Gelegenheit haben, zu spielen Erfahrungen zu sammeln und besser zu werden. Und als Trainer weiß er, dass eine Niederlage durchaus hilfreich sein kann, um zu erklären, warum es sinnvoll ist, nicht allzu große Lücken zwischen Angriff und Verteidigung entstehen zu lassen und nicht alle Spieler gleichzeitig versuchen, den Ball zu gewinnen.
Zweimal in der Woche trainiert Ludwig 25 Jungen, am Wochenende coacht er die Spiele der ersten und der zweiten Mannschaft. Zu Beginn der Sommerferien organisiert er ein Camp für sie. Auf der Weihnachtsfeier dichtet er über jeden Spieler einen Vierzeiler. Warum er das alles macht? Ehrenamtlich, ohne Geld damit zu verdienen, seit vielen Jahren? Weil er den Fußball liebt. Weil er dem Verein verbunden ist. Weil es eine schöne Aufgabe ist, Jungs das Einmaleins des Fußballs beizubringen und sie dabei zu begleiten, eine Mannschaft zu werden. Ludwig zu kritisieren habe ich mir abgewöhnt. In meinen Augen ist er Ludwig ein Held des Alltags, der nur eines verdient: Respekt.

Leidenschaft
Als Spielervater befindet man sich in einem emotionalen Dilemma. Natürlich möchte man den eigenen Sohn gut spielen sehen. Spielt er tatsächlich gut, freut es einen natürlich. Aber man sollte es nicht zu deutlich zeigen. Schließlich ist Fußball ein Mannschaftssport. Spielt er nicht so gut, gilt das gleiche: Auch seine Enttäuschung an der Seitenlinie loszuwerden gehört sich als Spielervater nicht. Soweit die Theorie.
Tatsächlich staune ich manchmal über mich selbst. Etwa, wenn ich mit einer Begeisterung, als hätte er eben das Tor des Monats geschossen laut „Super, Artur!“ rufe, nur, weil er den Ball sauber aus der Gefahrenzone gespielt hat oder erleichtert klatsche, wenn er auf durchaus robuste Weise den Ball behauptet hat. Andere Eltern mögen sich in so einem Moment ihren Teil denken. Allerdings kennt jeder Vater und jede Mutter diese Augenblicke selbst, in denen sich Erleichterung, Überraschung oder auch mütterlicher Stolz ihr Ventil suchen. Manchmal habe ich mich insgeheim über einen schmutzigen Sieg in letzter Minute gefreut. Oder, wie im vergangenen Winter, als es der zweiten Mannschaft, in der mein Sohn spielt, bei einem Hallenturnier gelang, die erste Mannschaft mit einer strikt defensiven Taktik und einem einzigen erfolgreichen Konter zu schlagen. Ach, war das schön.

Sehnsucht
Bei jedem Spielt rollt der Ball ein paar Mal ins Aus, ein Zuschauer spielt ihn dann wieder zurück ins Feld. Ich mag diesen Moment, wenn sich für einen Augenblick dieses ungemein beglückende Gefühl einstellt, den Ball am Fuß zu spüren und manchmal auch die Erinnerung an andere große Momente. Einen Ball volley zu treffen oder wenn das Tornetz sich nach einem sattem Schuss beult. Einen besseren Ort, sich an seine eigene Fußballzeit zu erinnern, als an der Seitenlinie eines Platzes, gibt es nicht. Und auch keine bessere Gelegenheit, um sich in seinem Sohn selbst zu erkennen.
Während meiner Schulzeit kickte ich jeden Nachmittag irgendwo. In Gärten, auf Bolzplätzen, auf Sportanlagen. Im Verein spielte ich nur kurz. Mit dem Spiel, das ich so liebte, hatte das Training dort wenig zu tun. Bei meinem Sohn ist es genau umgekehrt. Fußball findet fast ausschließlich im Verein statt. Zweimal in der Woche Training, Spiel am Wochenende. Einfach kicken bis es dunkel wird? Dafür sind die Nachmittage von Drittklässlern zu verplant.
Manchmal denke ich, wenn ich zusehe, wie die Neunjährigen auf gut präparierten Rasenplätzen um Plastikhütchen dribbeln, Ballannahme, Torschüsse und Zuspiele üben, frage ich mich insgeheim, wie weit ich es wohl hätte bringen können, wenn mir jemand in diesem Alter gezeigt hätte, wie man eine Ball sauber stoppt oder in einen Zweikampf geht. Wir haben uns das selbst beigebracht, haben es uns abgeschaut oder einfach immer wieder versucht. Ich spielte dort, wo ich wollte, das, was ich konnte: rennen, flanken, Pässe in die Spitze spielen. Kein Trainer erklärte mich zum Verteidiger und wies mich an, meine Position zu halten. Soll ich meinen Sohn beneiden oder bedauern? Dieses Match geht unentschieden aus.

Ungeduld
Einer der letzten Angriffe läuft. Artur bleibt als letzter Mann in der eigenen Hälfte, so will es der Trainer. Doch er wirkt arg unbeteiligt, als ginge ihn das alles nichts an. Er nestelt an seinem Trikot, er blickt zur Seite, aber er sieht mich nicht. Sonst würde ich natürlich gestikulieren und ihm zu verstehen geben, dass das Spiel noch nicht vorbei ist. Ist er in Gedanken schon im Schwimmbad? Was geht mir nicht alles durch den Kopf. Ist er nur erschöpft? Ist mein Ehrgeiz größer als der seine? Oder ist er einfach nur viel gelassener als ich selbst? Teilt er sich seine Kräfte und Konzentration einfach nur sein effizent ein. Ich habe keine Antwort und leider auch kein Touchpad, mit dem ich eingreifen könnte.
Schlusspfiff. Das Spiel ist gewonnen, der Jubel groß, alle Lethargie verflogen. Die Spieler klatschen sich ab, bilden einen Kreis, rufen den Vereinsnamen und schicken laut ein „Olé“ hinterher. Nicht für alles, was auf dem Platz geschieht gibt es eine Erklärung. Auch das ist Fußball. Das sollte ich eigentlich wissen.

 

 

La Bella Machina

Eine Fussball-WM ohne Italien? Ein Trauerspiel. Gut, dass es noch ein paar Diszipilinen gibt, in denen Italiener nach wie vor die Besten der Besten sind. Etwa, Autos voller Kühnheit und Raffinesse zu bauen

Es gab Zeiten, da standen italienische Autos im Ruf, zwar unschlagbar schön zu sein, aber nicht sonderlich zuverlässig. Wer sich damals, in den 70er, 80er Jahren, dennoch einen Alfa, einen Lancia oder einen Fiat zulegte, gab in zweierlei Hinsicht starkes Statement ab. Zum einen gab er zu erkennen, dass er selbst ein versierter Schrauber ist, der sich von einem rumpelnden Getriebe nicht so leicht aus der Fassung bringen lässt. Und Verständnis – sowie das nötige Gespür – besaß für das, was sich unter der Motorhaube abspielte und für die Kräfte, die da wirkten.

Vor allem aber gab er zu verstehen, dass ihm nicht in erster Linie an einem Fahrzeug gelegen war, das ihn zu jeder Jahreszeit bequem und sicher von einem Ort zum anderen brachte, sondern Stil und gutes Aussehen höher schätzte als technische Vollkommenheit.

Wer von seinem Auto verlässliche Ingenieurskunst erwartete, war mit einem deutschen Fabrikat bestens bedient, wer Exzentrik suchte, sah sich in Großbritannien um und wer er sich für große Mengen an Chrom begeisterte, der orientierte sich an amerikanischen Modellen.

Wer sich dagegen für einen Italiener entschied signalisierte, was er vom Leben und damit auch von seinem Auto erwartete: Schönheit, Abenteuer, Freiheit. Was anderes auch soll man auch erwarten von einem Gefährt, das einen so vielversprechenden Namen trägt wie Alfa Romeo Giulia?

Dass italienische Autos Herzen schneller schlagen lassen, daran hatten Designstudios und Karosseriefirmen wie Pininfarina, Ghia, Bertone, Zagato oder Fioravanti einen großen Anteil. Sie entwickelten Formen und Linien, die ihre Grenzen nicht in Notwendigkeiten sahen, sondern allein in der Vorstellungskraft. So entstand eine Vielzahl von Modellen, die heute noch als kühn und zeitlos elegant gelten und Maßstäbe im Automobildesign setzten. Schönere, verwegenere Autos wurden nie wieder gebaut.

Entscheidend dafür war, dass die Autoherstelle die Gestaltung bei Designstudios in Auftrag gaben – anstatt wie bei deutschen oder britischen Herstellern früher und heute sowieso üblich, sie in einer hauseigenen Abteilung zu entwickeln. Daraus resultierten enorme Freiheiten für die Designer, sie konnten ihre Entwürfe relativ unabhängig von Vorgaben der Ingenieure gestalten. Chris Bangle, von 1992 bis 2009 Designchef von BMW, und in den achtziger Jahren im Designteam von Fiat, nennt noch ein weiteren Grund für die Überlegenheit des italienischen Designs der 70er Jahre: „Die Designer waren zumeist Quereinsteiger, viele waren Architekten“, oder hatten erste Erfahrungen in anderen Designdisziplinen gesammelt. Das ließ sie bisweilen unbekümmert an ihre Entwürfe herangehen.

Heute denkt man dabei zuerst an Sportwagen wie den Ferrari 308 GTB, den Maserati Ghibli oder den Lamborghini Miura. Dass damals in wenigen Jahren so viele mobile Legenden entstanden sind, ist auch eine Folge der Rivalität von autoverrückten Ingenieuren, Unternehmern und Mäzenen, die der Ehrgeiz trieb, einen noch schnelleren, noch keilförmigeren oder einfach einen Sportwagen zu bauen, der ihren Namen trug. Der erste Lamborghini entstand, weil Ferrucio Lamborghini, eigentlich ein Hersteller von Traktoren, den neuesten Ferrari als nicht gelungen empfand. Er heuerte drei Leute von Ferrari an, nur ein halbes Jahr später stand der Entwurf für den Lamborghini 350 GT. Auch der De Tomaso Pantera entstand aus ähnlichen Motiven.

Diese Begeisterung der Italiener für Sportwagen geht zurück auf die 20er und 30er Jahre, als die Geschichte des Automobils noch am Anfang stand. Der Rennsport war der Treiber für Hersteller wie Ferrari, Alfa Romeo und Lancia, ihre Autos und Fahrer dominierten über Jahre den Motorsport. Rennfahrer wie Alberto Ascari und Tazio Nuvolari waren nationale Helden.

Doch die Faszination italienischer Autos beschränkt sich ja keineswegs auf Sportwagen, Roadster und Coupés. Es waren geniale Kleinwagen wie der Cinquencento in den 50ern und 60ern, der Fiat 127, Autobianchi und Innocenti in den 70ern sowie der Uno und der Panda in den 80er und 90er Jahren, die mit Ihrer Mixtur aus Pragmatismus und eleganter Bescheidenheit Millionen Menschen die Möglichkeit gaben, mobil zu sein, und dabei bella figura zu machen.

Dass Giorgio Giugaro als einflussreichster Automobildesigner des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet wurde, hat nicht nur mit seinen Entwürfen von Klassikern wie dem Maserati Ghibli oder des Ferrari 250 GT zu tun, sondern ganz wesentlich mit der Gestaltung des Unos, Pandas, und des Puntos, den Millionensellern von Fiat.

Die Idee, italienisches Autodesign mit Lebenskunst gleichzusetzen, haben jedoch die Modelle der Mittelklasse am stärksten geprägt, der Alfa Romeo Giulia Sprint etwa, der Fiat 128, der Alfa Romeo Spider, der Lancia Fulvia oder der Fiat Spider. Bis heute verkörpern sie mit der Kombination von Sportlichkeit und Eleganz den Inbegriff der Bella Machina, eine Melange mediterraner Leichtigkeit und Lebenslust.
All das, was man in italienische Sportwagen hineindeuten und aus ihnen herauslesen kann, dieses von der Sehnsucht nach Freiheit, Romantik, Risiko und Geschwindigkeit bestimmte Lebensgefühl, findet sich nirgendwo so auf den Punkt verdichtet wie in der Sequenz am Ende der Reifeprüfung. Und machte den Spider auch international zum Star.

Als Benjamin, gespielt vom jungen Dustin Hoffmann, endlich erkennt, dass er die schöne Elaine mehr liebt als alles andere, macht er sich auf, sie vor einer großen Dummheit zu retten: ein anderen zu heiraten. Und so rast er halsbrecherisch in einem offenen Alfa Romeo 1600 Duetto Spider durch Kalifornien auf der Suche nach der Kirche, in der die Trauung bereits begonnen hat. Das Auto ist danach ziemlich ramponiert, doch er kommt gerade noch rechtzeitig, um sie vor dem Ja zum Falschen abzubringen.

Auch im realen Leben ist häufig zu beobachten, dass der Spider, egal ob von Alfa oder Fiat, oder eine Giuletta häufig dann den Besitzer wechseln, wenn es ernst wird im Leben: Wenn auf einmal der Hausrat einer Familie transportiert werden   muss und ein Fahrzeug ratsam erscheint, dass auch mehrstündige Fahrten mit Hund und Kindern ohne Murren hinnimmt.

Die Szene offenbart ein weiteres Detail, das unerlässlich ist, um ein italienisches Auto zu lenken: die Sonnenbrille. Nur damit kommt das Fahren mit einem Italiener zu sich selbst, weil sie erlaubt, den Blick auf das Wesentliche zu fokussieren. Außerdem zeigt sie die Richtung an, in die es seinen Träger zieht: zur Sonne, zur Freiheit.

Nun mag man einwenden, all das sei lange her, der Glanz von gestern. Schon richtig, der angestammte Platz italienischer Autolegenden ist nicht mehr die Straße, sondern das Museum, das Auktionshaus, der Spielzeugladen oder der Bildband. Doch das heißt ja nicht, dass sie nicht mehr existieren. Dort leben sie weiter als eine Idee, und werden als Kunstwerke betrachtet und gehandelt. Und wenn sie im Sommer dann doch mal aus der Garage geholt werden, sind sie ein umso größeres Ereignis.

Und es ist ja keineswegs so, dass in Italien keine schönen Autos mehr gebaut werden. Im Gegenteil. Ferraris haben nichts von Ihrer Faszination eingebüßt, Maserati baut komfortable, geräumige Sportwagen. Und mit der Neuauflage des Cinquecento gelang es Fiat die Idee seines legendären Vorfahren aufs beste mit zeitgemäßer Technologie wiederaufleben zu lassen. Die großen Würfe sind nicht mehr so zahlreich. Aber das ist in der Popmusik oder der Mode auch nicht anders.

Das hat damit zu tun, dass die Voraussetzungen, unter denen Autos hergestellt werden, völlig andere sind als damals. Die gr0ßen Hersteller bilden Allianzen über die Kontinente hinweg, um Fahrzeuge zu produzieren, die in China genauso gefallen und Absatz finden wie im Tessin. Vielen neuen Modellen ist das anzusehen. Sie mögen uns mit ihren Heeren an digitalen Assistenten in die Zukunft lenken, mit moderaten Verbrauchswerten und schlauen Innovationen überzeugen, doch all die guten Argumente hinterlassen auch große Gleichgültigkeit.

Wenn wir zugleich ein ums andere Mal stehen bleiben, wenn wir einen roten Ferrari California am Straßenrand entdecken, uns umdrehen, wenn wir einen Lamborghini röhren hören oder einem gut erhaltenen Alfa Spider sehnsuchtsvolle Blicke hinterherschicken, dann hat das sehr viel mit der in Italien geborenen Idee zu tun, das ganz normale Leben mit Kühnheit, Raffinesse und Eleganz zu überlisten, kurz gesagt: dass ein Auto viel mehr sein kann als ein Fahrzeug.

Zurück zur Wurzel

Anne-Christin Bansleben entwickelte ein umweltverträgliches Verfahren, um Leder zu gerben – mit einem Extrakt der Rhabarberwurzel

Sie kennt diesen Moment, wenn sich in den Gesichtszügen ihres Gegenübers Erstaunen und Neugier zu einem Fragezeichen formen, sobald sie von Ihrer Entdeckung erzählt. Also kommt sie einem zuvor und stellt die Frage selbst: „Wie man darauf kommt?“ Anne-Christin Bansleben hat vollkommen recht, genau das ging einem eben durch den Kopf.

Gemeinsam mit Ihrem Mann David und Ingo Schellenberg, ihrem ehemaligen Professor hat Anne Christin Bansleben herausgefunden, dass sich mit einem Extrakt aus der Wurzel des Rhabarbers Leder gerben lässt. Mit pflanzlichen Stoffen Tierhäute vor dem Verderben zu bewahren, ist keine neue Idee. Über Jahrtausende war das der einzige Weg Leder haltbar zu machen. Auch heute werden in Asien und Südamerika Tierhäute noch mit den Extrakten von Schalen, Rinden und getrockneten Früchten gegerbt. Aber eben nicht mit Rhabarber. Bansleben hat daraus ein Verfahren und ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickelt, das für Aufsehen sorgt, weil es einen Ausweg aus der industriellen Ledergerbung weisen könnte.
Aber wie kommt man nun auf die Idee, in einer Pflanze, die in vielen heimischen Gärten vor allem deswegen gedeiht, weil sie kaum Zuwendung verlangt und in den Sommermonaten eine gewisse Aufmerksamkeit in Form von Kuchen Kompotten und Schorlen erfährt, nach einem alternativen Gerbstoff zu fahnden?

Begonnen hat es mit dem Studium. Bansleben hatte sich an der Hochschule Anhalt wie ihr Mann David für Ökotrophologie eingeschrieben. Beide spezialisierten sich auf Pflanzenanalytik und wurden Teil der Forschungsgruppe um ihren Professor, Ingo Schellenberg. „Unser Ansatz lautete: Welche Inhaltsstoffe aus Pflanzen kann man sich für Neuentwicklungen zunutze machen? Zum Rhabarber hatten wir schon einige Untersuchungen angestellt und Zugriff auf mehr als 40 Spezies. Als sich zeigte, dass bei einigen Arten in der Wurzel Inhaltstoffe enthalten sind, die sich zum Gerben eignen, haben wir uns mit den bekannten Verfahren und weiter an unserer Entdeckung gearbeitet: Wie bekommt man den Extrakt aus der Pflanze? In welcher Kombination wirken die Inhaltstoffe am besten? Wie optimieren wir den Anbau?“

Wie die Geschichte weiter geht muss Bansleben derzeit oft erzählen. Jedem ihrer Sätze ist die Freude anzumerken darüber, was ihr und ihrem Team in den vergangenen Jahren gelungen ist. Keine Spur von Routine oder zurechtgelegten Wortbausteinen. Irgendwann, erzählt sie, kam der Punkt, an dem ihnen ihre Entdeckung so sehr ans Herz gewachsen war, dass sie ihren ursprünglichen Plan, als Forscher zu arbeiten, fallen ließen und beschlossen, selbst ein Unternehmen zu gründen. „Wir waren sicher, wir haben ein Superprodukt“, Fördermittel waren dennoch nicht aufzutreiben und so gingen sie selbst ins Risiko. Anfang 30 war sie damals. „Wir haben alles, was wir damals besessen haben, einschließlich unseres Autos, verkauft und in unser Unternehmen gesteckt“. Deepmello nannten sie es nach der herausragenden Eigenschaft ihres Leders: tiefzart.

Sie knüpften Kontakt zu Gerbern, verfeinerten ihr Verfahren, Schritt für Schritt kamen sie voran. Ehe sie den ersten Prototypen des Rhabarberleders in Händen hielten, vergingen vier Jahre.

Seit 2010 bringt deepmello jährlich zwei kleine Kollektionen Eco-Couture auf den Markt, Taschen, Börsen, Gürtel, High Heels, aber auch Jacken, Tops und Kleider aus Materialen wie Bioseide und Canvas, die sich gut mit Rhabarberleder kombinieren lassen. „Mit dem Label zeigen wir, wie man Rhabarbarleder verarbeiten kann. Wir haben sehr genaue Vorstellungen, wie wir unser Material verarbeitet sehen wollen“. Schwarz dominiert, „das liegt an meiner persönlichen Vorliebe, aber auch daran, das schwarzes Leder einfach toll aussieht und zeitlos ist. „Außerdem ist es uns wichtig, dass die Langlebigkeit von Leder wieder geschätzt wird“.
Den Großteil des Umsatzes macht deepmello allerdings mit dem Vertrieb des rhabarbergegerbten Leders. Schuhe werden daraus gefertigt, Couchgarnituren, neuerdings auch das Interieur von Yachten. Kleinere Fashionlabels verwenden das Leder, „mit einigen großen Brands sind wir im Gespräch, auch mit Autoherstellern“, sagt Bansleben. Sieben Mitarbeiter beschäftigt deepmello mittlerweile, der Kundenkreis wird größer und größer, der Umsatz verdoppelt sich von Jahr zu Jahr. Vor x Jahren kam noch die Kosmetiklinie dazu, red rhubarb. „Von Anfang an war es uns wichtig, die ganze Pflanze zu verwenden und keinen Abfall zu produzieren. Aus unserer Forschung wussten wir, dass in den Stengeln pflegende und schützende Wirkstoffe für die Haut enthalten sind“, sagt sie.
Ende Januar eröffnete deepmello einen Laden in Leipzig, deepmello and friends heißt er. Neben den eigenen Kollektionen finden sich dort unter dem Motto „Slow fashion & fine living“ auch Produkte anderer nachhaltig arbeitender Labels, Männerkleidung, Schmuck, Dessous, Kosmetik, Gourmetöle.

Bansleben ist viel unterwegs zur Zeit. Das liegt auch am Sitz von deepmello in Bernburg, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt zwischen Halle und Magdeburg. „Viele Menschen wundern sich, das wir aus einer kleinen Stadt kommen. Diesen Überraschungseffekt nutze ich gerne“, sagt sie. Zumal die Lage in der Mitte Deutschlands einen unschätzbaren Vorteil ist mit sich bringt: Die Wege sind kurz. Vom Anbau der Pflanzen, der Herstellung des Extraktes, den Häuten, der Gerberei, die Verarbeitung: alles made in Germany.
Und besitzt in Hinblick auf die herkömmliche Lederproduktion damit ein ziemlich schlagkräftiges Argument. Der Großteil der international verarbeiteten Häute stammt aus Südamerika, wird konserviert nach Asien transportiert und nach der Gerbung zur Verarbeitung nach Europa geschickt. „Wenn wir auf diese Weise auch noch eine strukturschwache Gegend wie Sachsen Anhalt stärken können, ist das natürlich toll.“

Die Rhabarberpflanzen wachsen auf einem fünf Hektar großem Gelände der Hochschule. Anders als der Stengel ist die Wurzel nicht saisonabhängig. Nach vier Jahren ist die Wurzel reif für die Ernte, dann sind die Wirkstoffe ausgebildet. „Teil unserer Forschung war es auch, den Anbau und die Ernte zu optimieren, deshalb können wir komplett auf Pflanzenschutzmittel verzichten.“ Die Häute stammen allesamt von Höfen aus Süddeutschland, die keine Massentierhaltung betreiben. Deepmello verwendet ausschließlich Rindsleder, „weil es das am vielseitigsten einsetzbare Leder ist“, so Bansleben.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Chromleder wird das Rhabarberleder nicht mit Kunststoff beschichtet. Zu erkennen ist das daran, dass manche Stellen mehr Struktur und Maserung aufweisen, manche weniger. Das Leder bekommt auf diese Weise mit der Zeit eine Art Patina. „Das ist ein Effekt, der uns sehr gefällt. Man sieht, das Produkt lebt weiter und entwickelt sich. Vor allem bei helleren Farben ist das sehr schön.“
Rhabarberleder riecht auch anders. „Was wir als typischen Ledergeruch wahrnehmen ist ja eigentlich der Geruch der Chemikalie. Wenn unsere Leder frisch hergestellt sind, haben sie einen leicht süßlichen, fruchtigen Geruch.

Als Indiz, wie vielversprechend und zukunftsträchtig Rhabarberleder ist, wertet Bansleben die Versuche, ihr Verfahren zu diskreditieren. Bereits kurz nachdem deepmeello auf dem Markt war, erzählt sie, sahen sie sich Kampagnen und Attacken ausgesetzt. Pflanzliche Gerbung würde mehr Wasser verbrauchen, die Qualität ihrer Leder sei ohne Chrom nicht denkbar, um den Bedarf zu decken, seien Anbauflächen für Rhabarber so groß sein wie Deutschland, Österreich, und die Schweiz zusammen notwendig. „Als derjenige, der versucht etwas besser zu machen, muss man sich ständig rechtfertigen und falsche Behauptungen widerlegen“, sagt sie. Für ihre Widersacher zeigt sie Verständnis. „Sobald man sich unser Verfahren versteht, taucht natürlich die Frage auf: Wie wird eigentlich all das andere Leder hergestellt?“ Und auch darauf gibt sie gleich die Antwort. „Leder“, sagt sie, „gilt als sehr hochwertiges Produkt. Aber es ist nur wenig darüber bekannt, wie es produziert wird“.

Der Großteil der Häute stammt aus Südamerika, wird konserviert nach Asien transportiert und nach der Gerbung zur Verarbeitung nach Europa geschickt. 80 Prozent des weltweit hergestellten Leders wird mit Chrom gegerbt. Für Bansleben, ihren Mann und Professor Schellenberg war diese Erkenntnis zusätzliche Motivation, neue Wege einzuschlagen. „Die Idee unseres Materials ist es, Ersatz zu schaffen für ein Produkt, das unter umweltbelastenden Bedingungen hergestellt wird. An einer Chromgerbung hängt ja nicht nur Wirkstoff dran. Chrom wird durch Tagebau abgebaut, vor allem in Asien und in Afrika. So wie Chrom im Boden vorliegt, kann es zur Gerbung nicht eingesetzt werden. Um es in das gerbende Chrom 3 umzuwandeln, erfordert einen hohen Energieaufwand. Der Großteil der Leder wird in Asien produziert, die Herstellungsbedingungen sind häufig sehr schlimm. Auf Arbeitsschutz oder ob es ein Abwassersystem gibt, wir dort in der Regel nicht geachtet. Kinder baden in den chromversuchten Flüssen, die Arbeiter stehen barfuß in den Fabriken. Das sind die Leder, die vorrangig am Markt gehandelt werden“.
Bansleben klingt nicht anklagend, wenn sie so spricht. Was sie antreibt, ist die Überzeugung , die eine gute Idee entwickelt zu haben. Wir wollen niemanden bekehren. Aber wir erklären viel. Viele unserer Kunden freuen sich darüber. Zudem sehe ich es als meine Verpflichtung an, aus meinen Fähigkeiten das Beste zu machen. Ich habe die Chance, gemeinsam mit Kollegen nachhaltige Produkte herzustellen, also machen wir das. Es ist mir wichtig, etwas voranzutreiben und etwas zu bewegen.“

Ideen für neue Produkte gibt es einige, mehr will sie nicht verraten. Nur soviel, dass die Pflanze im Mittelpunkt steht, über die sie so gut bescheid, wie nur wenige. „Rhabarber kann so viel, Rhabarber ist so unterschätzt“, sagt sie.

„Kein Mensch braucht Lust und Orgasmen, um gesund zu bleiben“

Sexualität erfüllt nicht nur den Zweck der Erregung und Fortpflanzung, sie ist vor allem auch eine Form der Kommunikation. Der Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers über falsche und richtige Erwartungen an die Intimität in Paarbeziehungen.

NZZ am Sonntag: Herr Ahlers, Sex ist die intimste Form von Kommunikation – so lautet Ihre zentrale These. Was meinen Sie damit?

Christoph Joseph Ahlers: Sex ist in unserer Kultur auf zwei Funktionen reduziert: Fortpflanzung und Erregung. Fortpflanzung galt dabei lange Zeit als das Gute und Reine, die Erregung als das Lasterhafte, Problematische – etwas, das es eher zu vermeiden galt. Diese Zweiteilung ist keine Erfindung der katholischen Kirche, sie geht zurück bis in die vorchristliche Antike. Die Amtskirche hat das Prinzip als religionswirtschaftliches Kapitalunternehmen die letzten 2000 Jahre lediglich sehr erfolglich bewirtschaftet. Ein zentrales Kozept der Sexualwissenschaft ist, dass zwischen der Erregung und der Fortpflanzung eine dritte Funktion existiert, nämlich die Kommunikation. Damit ist gemeint, dass wir uns durch Sex Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Angenommenheit und Geborgenheit erfüllen können. Doch genau für diese Funktion von Sex haben wir kein kulturelles Bewusstsein und deshalb tappen wir im Dunkeln, wenn in Beziehungen die Fortpflanzung erledigt und die Erregung vergangen ist.

Wie wichtig ist Lust denn?

Kein Mensch braucht Lust, Leidenschaft, Erregung und Orgasmus, um gesund zu bleiben. Was wir brauchen ist Zugehörigkeit, Angenommenheit, Wertschätzung, Anerkennung, vor allem auch durch intimen Körperkontakt. Wenn wir das lange nicht bekommen, werden wir krank. Und das ist es, was wir in sexuellen Beziehungen eigentlich bei- und voneinander suchen. Annahme und Kontakt, und nicht bloss Geilheit und Lust. Und hierin besteht die Kommunikationsfunktion von Sexualität. Auch für Männer. Sich einen runterholen, in den Puff gehen, sich mit Tinder einen Fuckbody hin und weg wischen, das kann zu kurzfristiger sexueller Befriedigung führen. Der Kern dessen aber, was Sexualität in partnerschaftlichen Beziehungen für uns bedeutet, besteht nicht in kurzfristiger Befriedigung, sondern in langfristiger emotionaler Erfüllung. Diese Kommunikationsfunktion von Sexualität ist der Grund, weshalb Männer und Frauen noch Paare bilden. Nicht Erregung und Fortpflanzung. Die kann jeder, womöglich sogar einfacher, allein.

Fortpflanzung alleine ist schwierig.

Überhaupt nicht. Zur Fortpflanzung braucht es nicht mal eine Beziehung. Es braucht nur Sperma, eine Eizelle und eine Leihmutter als Austrägerin, aber keine Partnerschaft.

Ist das Schwinden sexueller Anziehung in langjährigen Partnerschaften ein Naturgesetz?

So könnte man das sagen. Lust auf Sex mit dem eigenen Partner, mit dem ich mich seit Jahren in einer partnerschaftlichen Beziehung befinde, ist eine Fiktion. Zumindest, wenn ich darauf warte, dass diese Lust auf den eigenen Partner quasi von selbst kommen oder in mir enstehen soll.

Ehe ist doch keine Fiktion.

Ehe ist die Abkürzung für «erare humanum est». Scherz beiseite: Das Konzept Ehe hat mit Sexualität nichts zu tun. Ehe ist eine juristische Konstruktion zur Versorgungsabsicherung von Frau und Kindern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Langjährige Partnerschaften?

Das gab es immer. Aber es gab nicht das Thema, dass Mann und Frau, die in einer langjährigen Beziehung leben, Lust auf Sex miteinander haben müssen oder sollten. Das hat mit Ehe und lebenslanger Partnerschaft nichts zu tun. Die Vorstellung, auch als älteres Paar Lust auf Sex miteinander haben zu müssen, existiert erst seit Ende des 20. Jahrhunderts.

Woher stammt diese Vorstellung?

Bei der sexuellen Revolution in den 70er Jahren ging es vor allem darum, endlich zu dürfen, was verboten war. Das Thema mangelnde Lust auf Sex mit dem eigenen Partner ist erst entstanden, als sich die Möglichkeit, Sex zu haben, in den kategorischen Imperativ verwandelte, Sex haben zu müssen. Diese Anforderung raubt die Lust auf Sex. Alle sexuellen Dinge funktionieren nach dem psychologischen Naturgesetz, dass nur sein kann, was nicht sein muss. Seit Ende des 20. Jahrhunderts wachsen die ersten Generationen heran, die in sexueller Hinischt mehr dürfen, als sie wollen.

Es gibt Paare, die lange zusammen sind und nach wir vor Sex haben. Was machen die richtig?

Ihr Geheimnis ist, dass sie sich nicht auf die Genitalien schauen, sondern ins Gesicht. Die Vorstellung, der andere möge qua Erscheinung mein sexuelles Begehren auslösen und befeuern, ist in perspektivisch angelegten Beziehungen absurd. Paare, die in langjährigen Partnerschaften noch miteinander Sex haben, sind die, die echt miteinander in Kontakt bleiben. Sie reden nicht bloss zusammen über aussen, Arbeit, Kinder, Urlaub, Sport, sondern sie sprechen miteinander übereinander. Was eint uns, was entzweit uns? Was bindet und was trennt uns? Was sind wir füreinander, miteinander und ohne einander? Gelingt das, sehen sie sich anders an. Sie fühlen sich gesehen, sie fühlen sich gemeint und berührt und dadurch eben auch gewollt und gehen miteinander ins Bett. Und zwar deswegen, weil es zwischen ihnen etwas bedeutet. Und nicht die Penislänge und nicht die Busengrösse oder irgendeine exotische Sexualpraktik. Die Lust ist also das Ergebnis partnerschaftlicher Interaktion und Kommunikation und nicht die Voraussetzung für Sex!

Können Paare verloren gegangene Anziehungskräfte wieder entdecken?

Wenn sich ein Paar zusammentut, dann ist es wie mit einem Auto. Wenn du nicht regelmässig den Ölstand misst und Inspektion machst, gammelt dir das Ding weg. Bei Autos, Dachrinnen und Ausweisen weiss das jeder. Dass man eine Beziehung aktiv führen muss und nicht haben kann, im Sinne einer Verwaltung, darauf wird niemand vorbereitet.

Lässt die Lust mit dem Alter nach?

Wenn Sie von sexuellem Verlangen sprechen, so nimmt das ab dem 20. Lebensjahr tendenziell kontinuierlich ab, ohne deswegen irgendwann ganz zu vergehen. Aber viele ältere Leute sagen: Wir haben zwar nicht mehr rauschende Liebsnächte wie in jungen Jahren. Aber wenn wir miteinander schlafen, dann ist das freier und entspannter als je zuvor. Keiner muss sich Gedanken machen über Figur und Performance. Sondern wir haben uns und ein gutes Gefühl, unabhängig davon, ob wie was klappt oder nicht, und damit geht’s uns gut.

Wie schwer fällt es Männern, sich Ihnen in Ihrer Praxis anzuvertrauen?

Wenn sie einmal da sind, fällt es ihnen nicht schwer, sich anzuvertrauen. Aber sich zu trauen, einen Termin zu machen, das ist die Hürde. Männer nehmen alles möglich auf sich, wenn sie dadurch nur einem Paarbeziehungsgespräch aus dem Weg gehen können. Oft leiden sie lange und stumm, ehe sie sich um Hilfe bemühen. Zwar reden manche Männer mit Kumpels, Freunden oder Bekannten mitunter über Sexualität allgemein. Aber nicht über ihre eigenen sexuellen Wünsche, Bedürfnisse, Befürchtungen und Ängste. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Genau das geschieht aber im Rahmen einer Paar- und Sexualberatung.

Worunter leiden Männer am stärksten?

Unter internailsiertem Leistungsdruck und daraus resultierenden Versagensängsten. In der Leistungsgesellschaft ist selbst Sexualität unweigerlich mit Leistung verknüpft. Sex ist gleich Erregung, ist gleich Penetration, ist gleich Orgasmusproduktion bzw. Reproduktion. Guter Sex ist nur, wenn etwas stattfindet, funktioniert, klappt und dabei heraus kommt. Das Wertesystem der Leistungsgesellschaft lautet: Der Wert einer Person bestimmt sich durch den Wert ihren Funktion. Erlischt der Wert der Funktion, so erlischt der Wert der Person. Das regiert unsere Berufstätigkeit, unsere soziale Gesellschaftsteilhabe und das infiltriert unser Privates. Wir haben das Gefühl, auch da genügen zu müssen, etwas können zu müssen. Einfach mal rumzuhängen, nur mal da sein zu dürfen, das geht nicht mehr. Multioptionalität und Selbstoptimierung sind die Schraube, die sich, wie eine Ringmutter um den Hals, immer weiter festzieht. Und nach ganz fest, kommt ganz ab, wie bei jeder Schraube! Das erleben viele Menschen. Alle Psychotherapeuten können davon bereichten. Daxvorstände, Politiker, Führungspersönlichkeiten, die im Job den Harten markieren, und im geschützten Rahmen weinen. Weil sie auf den Arm wollen. Weil sie sich selbst und anderen weh tun müssen, um mithalten zu können. Und wenn diese menschenverachtende Doktrin, die sagt: Du bist nur, was du kannst, gefühlt auch im Sexuellen gilt, dann kann erstens im Sexuellen nichts mehr ungestört funktionieren und zweitens hab ich natürlich keine Lust mehr auf sexuelle Begegnungen und ziehe mich zurück in die sexuelle Selbstbetätigung.

Wie stark hat unser digitaler Lifestyle unseren Sex verändert?

Es gibt vor allem zwei Aspekte: Zum einen Sexual bzw. Casual Dating-Portale, die sexuelle Übereinkünfte optimieren und rationalisieren. Sie ermöglichen take-away-Sex to go mit irgend jemandem zu praktizieren, andere als Sexual Meat Snack zu benutzen. Sex, der beziehungslos, begegnungslos, und bedeutungslos ist. Klinisch hat das keine grosse Relevanz. Erheblich relevanter ist aus klinischer Perspektive der zweite Aspekt, nämlich die unbeschränkte Verfügbarkeit multimedialer Internetpornografie. Proportional zur Verfügbarkeit und Verbreitung von Internetpornografie hat sich das Phänomen des nachlassenden sexuellen Begehrens bei Männern entwickelt.

Lässt sich das belegen?

Nein, empirisch bisher nicht. Es existieren keine Daten und keine Studien dazu. Aber beide Phänomene nehmen simultan zu. Ob es sich um eine Kausalbeziehung oder eine Korrelation handelt, müsste man sexualwissenschaftlich untersuchen.

Warum gibt es dazu keine Studien?

Weil die Problematisierung des Themas Pornografie out ist, uncool. Wer das tut, ist oldschool. In der gesellschaftlichen wie bedauerlicherweise auch in der wissenschaftlichen Debatte. Porno ist easy, sexual Lifestyle. Wer das problematisiert ist automatisch eine Moralapostel.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen nachlassendem Verlangen und Pornokonsum?

Männer, die sich in sexueller Hinsicht überfordert fühlen, ziehen sich oft in die sexuelle Selbstbetätigung zurück. In ihrem Rückzug sind sie heute meist nicht mehr allein mit sich und ihren Fantasien, sondern umgeben von Flatscreens, auf denen ein Spektrum expliziter, sexuellen Darstellungen zu finden ist, die es menschheitsgeschichtlich so noch nie gegeben hat. Die dadurch mögliche sexuelle Stimulation liegt weit oberhalb des realen Stimulationsvermögens, das ich in zwischenmenschlichen Begegnungen erleben kann.

Was macht Pornographie für Männer so attraktiv?

Die Stimulation kickt unmittelbar. Ich kann gestalten, wie lang, wie viel ich von welcher Art sehen will und wann ich einen Höhepunkt erlebe. Und danach kann ich den Off-Schalter drücken. Für viele Männer ist das eine Traumsituation. In einer Beziehung bin ich konfrontiert mit den Gedanken, den Gefühlen und Wünschen eines anderen Menschen. Davor, dabei und danach bin ich unweigerlich in Beziehung. Das empfinden viele als anstrengend, kompliziert.

Sehen Sie in Sex mit Virtual Reality-Brillen eine Erweiterung oder eine Verarmung der Sexualität?

Sowohl als auch: Bezogen auf die Erregungsfunktion eine ungekannte Steigerung. Wenn Sie den Faktor Kommunikation in Rechnung stellen, erleben wir eine radikale Verarmung. Wenn sie jemanden sprechen, der einen Virtual Reality-Helm aufhatte und Sexual Fiction erlebt hat – es handelt sich nicht um die Darstellung sexueller Realität – dann haben die Leute danach ein Missmutsempfinden. Sind unwirsch und frustriert. Es fühlt sich an, als würde jemand die Farbe aus dem Fernseher drehen und alles in Schwarz Weiss sehen. Und vorher hattest du 3-D Pornorama. Die Impression ist so stark, dass man sie real nicht erleben kann. Ich kann mit Augmented Reality Sexualität, mit Sex-Robots und interaktiven Masturbatoren Stimulation und womöglich sexuelle Befriedigung in einer Intensität erleben, die in einer realen Begegnung unmöglich ist. Was ich dabei nicht erlangen kann, ist nachhaltige, emotionale Erfüllung. Die können wir nur in echten, gelingenden Beziehungen erleben. Beziehungen, in denen die Dinge, die wir sexuell miteinander tun, etwas meinen. Wenn ich in dir sein möchte oder du in mir, bekomme ich etwas gesagt. Das ist die Bedeutung von Beziehungsexualität. Technik kann das nicht ersetzten.

Das entspricht in etwa der Erfahrung eines Drogentrips.

Genau. Supranormale Stimulation verursacht Sucht und Abhängigkeit. Wenn wir starken Reizen ausgesetzt sind, reagiert unser Organismus zuerst mit starker Erregung. Dann muss eine Reizsteigerung erfolgen, um das gleiche Erregungsniveau zu halten. Und dann eskaliert das wie bei einem Alkoholiker. Das nennen wir dann Sexsucht.

Gleichzeitig scheint es logisch, sich eher Sex im Netz oder per Datenbrille zu suchen, wenn zum Beispiel eine Familie kleine Kinder hat und die Intimität auf der Strecke bleibt.

Familiengründung ist nicht gleichbedeutend mit Intimitätsverlust. Gleichwohl schlägt ein Baby oft wie ein Meteorit in eine Partnerschaft ein. In dieser Phase vergeht vielen erst einmal die Lust auf alles Schöngeistige, Musevolle, Liebevolle. Wir sind froh, wenn wir irgendwie durchkommen und vor allem irgendwann wieder durchschlafen können. Deswegen ist die sexuelle Beziehung von Paare in dieser Phase für gewöhnlich herabgesetzt, bei der Frau kommen sogar noch Hormone hinzu, die sexuelles Verlangen verringern.

Spielt es dabei eine Rolle, dass ein Paar mit Kindern seinen evolutionsbedingten Auftrag erfüllt hat?

Nein, wenn das zuträfe, hätten wir statistisch gesehen zweikommaviermal Sex in unserem Leben. Dann wäre der Auftrag erfüllt. Diese biologistischen Reduktionen greifen zu kurz. Die Forderung aber, nach der Geburt eines Kindes sexuell aktiv, potent und performant sein zu müssen, das macht Männer wie Frauen krank. Das hat es früher nicht gegeben. Früher war in der Familiengründungsphase klar, die Männer gehen in die Kneipe und die Frauen sehen zu, das sie zuhause klar kommen.

Sie plädieren für gute, alte Zeiten?

Als Sexualwissenschaftler sehe ich meine Aufgabe darin, Veränderungen zu beschreiben, nicht moralisch zu bewerten. Wenn in den Köpfen junger Eltern sich der Gedanke festsetzt, ein paar Wochen nach der Geburt muss wieder Erotik und Leidenschaft einsetzen, dann verzagen sie. Besser ist es zu sagen: Wir verlieren uns nicht aus den Augen, wir bleiben in Kontakt. Und keine sexuelle Handlung muss beweisen, dass es uns gibt. Wir können uns auch als Paar fühlen, auch wenn keiner keinem irgendwo etwas reinsteckt. Das ist eine riesen Freiheitserklärung, die Paare miteinander vereinbaren können. Genau darin besteht die Untersützung, die Paare in einer paar- und sexualpsychologischen Begleitung erfahren können.

Ihr Buch heisst «Himmel auf Erden und Hölle im Kopf – Was Sexualität für uns bedeutet». Wofür steht diese Metapher?

Der Himmel ist der Ort totaler Aufgehobenheit, Angenommenheit, Versorgtheit. Da wollen wir alle hin. Dass wir dafür nicht Mitglied irgendeiner Kirche werden müssen, sondern das alleine miteinander erleben können, wenn wir in sexueller Hinsicht unter einer Decke stecken, dass ist meine zentrale Botschaft.

 

Christoph Joseph Ahlers ist Sexualwissenschaftler und klinischer Sexualpsychologe. An der Berliner Charité und in der eigenen Schwerpunktpraxis für Klinische Paar- und Sexualpsychologie hat er hunderte Einzelpersonen und Paare beraten und behandelt. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher und medialer Publikationen. Sein neustes Buch «Himmel auf Erden und Hölle im Kopf – Was Sexualität für uns bedeutet» ist bei Goldmann erschienen.

Die Philosophie des Trinkens

In seinem Lokal wird die Verabreichung von Alkohol zelebriert, als handle es sich um die sinnhafteste Beschäftigung der Welt. Wie Charles Schumann die Bar zum Ort der Lebenskunst erhob

Der Abspann läuft, und man hat noch den Satz am Ende des Films im Kopf, dass er mit Menschen immer weniger anfangen kann, da brandet Beifall auf. Der Applaus gilt zunächst der Regisseurin und ihrem Team, doch zunehmend wandelt er sich zu einer Sympathiebekundung für den Mann, der eben mit schnellen, großen Schritten die Bühne erklommen hat: Charles Schumann. Dass seine Worte am Ende des Films alles andere als eine Publikumsbeschimpfung darstellen, das versteht bei der Münchner Premiere von Schumanns Bargespräche jeder. Der Kinosaal ist voll mit Stammgästen. So kennen sie ihn und sie wissen: So ist er halt, der Charles.

Das Schumanns, die Bar, die seit 35 Jahren seinen Namen trägt, liegt nur ein paar Gehminuten vom Kino entfernt. Eine halbe Stunde nach dem Schlussapplaus ist alles wieder wie gewohnt. Das Schumanns brechend voll, an einen Sitzplatz ist nicht zu denken, in den Gängen Trauben von Menschen, die, ein Glas in der Hand, mit Blicken und Worten versuchen sich verständlich zu machen, dazwischen die Kellner in ihren wunderbaren weißen Barjacken, Silbertabletts mit Drinks durch das Gedränge balancierend. Und mittendrin der Charles: grüßend, lächelnd, umgänglich. Alles andere als ein Misanthrop.

Barlegende, Barguru oder Pate der gehobenen Trinkkultur wird er häufig etwas ungelenk genannt, weil es kein treffendes Wort gibt, das seiner Rolle und seiner Bedeutung gerecht wird. Dass es in den großen Städten Europas, Japans und der USA so viele ausgezeichnete Bars gibt wie nie zuvor, Bartending als Handwerk anerkannt ist und Bars mit Stil, Gewandtheit und Weltläufigkeit assoziiert werden, daran hat Schumann einen erheblichen Anteil. Er hat die Barkultur wiederbelebt und weltweit etabliert. Vor einigen Monaten erhielt er dafür in New Orleans den Helen David Lifetime Achievement Award, eine Auszeichnung, die bislang ausschließlich an Amerikaner verliehen wurde.

Schumanns Bargespräche zeigt ihn in der Rolle eines Forschungsreisenden: zu Bars, Bartendern und Barbetreibern in New York, Paris, Berlin, Tokyo und Havanna, zu Cocktail-Historikern, und zu Menschen, die Bars als Orte der Inspiration und Erkenntnis schätzen. Schumann hört zu, er stellt Fragen und will wissen: Was machen die anderen? Er lässt sich zeigen, worin die Vorzüge des Hardshake bestehen, einer von Kazuo Uyeda entwickelten Technik, den Mixbecher zu schütteln. Oder wie groß der Abstand zwischen Eiswürfel und Glas sein muss, damit der Drink nicht verwässert. Manchmal scheint er selbst überrascht zu sein, welche Wertschätzung er in Tokyo oder New York erfährt. Charles Schumann hat den Mythos Bar wieder belebt, auch das ist eine These des Films.

Begonnen hat er damit 1982, als er mit der finanziellen Unterstützung eines Biererben Schumanns American Bar in der Münchner Maximiliansstraße eröffnete. Zu dieser Zeit war Bar noch ein Synonym für halbseidenes Publikum und Rotlicht, für Saufexzesse und Absturz. In München existierte genau eine Bar, in anderen Städten sah es nicht anders aus. Cocktails bekam man in den Bars großer Hotels. „Mein Vater“, erzählt Schumann, „hätte das Wort ‚Bar’ nicht mal in den Mund genommen“.

So begann er nach der Schule erst mal beim Bundesgrenzschutz zu arbeiten, sechs Jahre lang. Er durchlief eine Ausbildung im Auswärtigen Amt zum Konsulatssekretär, besuchte eine Hotelfachschule, ehe er für eine Weile nach Südfrankreich zog. Dort arbeitete er in Diskotheken, eine Weile leitete er ein Erotik-Cabaret an der spanischen Grenze. Zurück in München schrieb er sich an der Hochschule für Politik ein und begann als Barkeeper in Harry New York Bar zu arbeiten.

Das Licht im Schumanns war warm und dunkel, die Stühle hart, die Zahl der Tische begrenzt. Vom ersten Tag an war das Schumanns ein Ort, „an dem man allem, wovon man sonst umgeben ist, für einige Zeit entrinnen“ konnte, schrieb der Musikkritiker Joachim Kaiser. Auf der Karte standen Drinks, die man heute Klassiker nennt, Whisky Sour, Gimlet, Margarita, Daiquiri. Wer hungrig war, hatte die Wahl zwischen Roastbeef und dem Fernsehteller, mit Käse, Schinken und Roastbeef belegten Broten. Mehr noch als die Cocktails begründete die Auswahl der Gäste den Ruf der Bar. Schumann hatte eine genaue Vorstellung davon, wer in seiner Bar willkommen war: „Kopfarbeiter“ nennt er sie, gemeint waren und sind Verleger, Journalisten, Galeristen, Regisseure, Schriftsteller. Manche kamen fünf- sechsmal die Woche und hatten ihre festen Tische und Privilegien. Wer wo sitzen darf, wer stehen und wer warten musste, das folgte Regeln, die für seine Gäste nicht leicht zu durchschauen waren. Klar war nur, dass weder Geld noch Einfluss und schon gar nicht Prominenz halfen, bevorzugt behandelt zu werden. Schumann avancierte zum heimlichen Regisseur eines allabendlichen Schauspiels der Begegnungen, Bartender und Kellner wachten in ihren makellosen Schürzen und Jacken darüber, dass die Dramaturgie und die ungeschriebenen Gesetze eingehalten wurden. Nicht vorlaut sein, den Barleuten mit Respekt begegnen, kein herablassendes Fingergeschnippse und, bloß nicht, an Tische setzen, auf denen ein Reserviert-Schildchen zum Fernbleiben mahnte. „Das Schumanns damals“, sagt der Schriftsteller Maxim Biller im Film, „war ein moderner Salon“.

Wer dazugehören wollte, musste sein Bier zunächst im Stehen trinken, und allmählich das Vertrauen von Stefan, Roman, Silvio oder einem der anderen Kellner oder Bartender gewinnen, ehe er damit rechnen konnte ein Sitzplatz angeboten zu bekommen. Als der Hype immer größer wurde und am Wochenende mehr Menschen draußen vor der Tür standen als innen Platz fanden und Schumann überwiegend damit beschäftigt war, den Einlass zu regeln, beschloss er kurzerhand, das Schumanns am Samstag, dem umsatzstärksten Tag, zu schließen.

Zwei Jahre später bereits, 1984, setzte Schumann erneut Maßstäbe, als es ihm gelang seine Idee einer Bar in Buchform zu bringen. Großen Anteil daran hatte der Illustrator Gunter Mattei, der Schumanns Barbuch gestaltete. Der Einband dunkelblau wie der Nachthimmel, der Schumanns-Schriftzug in dunklem Rot dezent schimmernd, innen drin: zeitlose Strenge, Drinks und Stories. Anstatt wie damals und auch heute noch üblich die Drinks in ihrer Farbenpracht abzubilden setzte Mattei auf Schwarz-Weiß-Illustrationen, die Atmosphäre und Anspruch auf den Punkt brachten: die Bar, ein Ort von Geist und Eleganz. Diesem Konzept folgte auch eine Reihe weiterer Bücher, die Schumann herausgab. Allen voran American Bar, das 1992 erschien und bis heute weltweit als Bibel der Barkultur gilt und Schumanns internationalen Ruhm begründete.

Zwei Wochen vor der Premiere. Der Himmel ist wolkenlos, doch die Luft an diesem Herbsttag ist noch kühl, die Sonne hat den Winkel des Münchner Hofgartens, in dem die Gartentische des Schumanns stehen, noch nicht ganz erreicht. Charles Schumann ist schon aus der Ferne auszumachen, er zählt zu den Menschen, deren Silhouette unverwechselbar ist. Die zurückgekämmten grauen Haare enden auf dem Kragen des dunklen Samtjacketts, dazu trägt er eine schwarze Cordhose und ein weißes Hemd. Seine nackten Füße stecken in einem Paar schon etwas mitgenommener Lederschuhe. Sechs Paar hat er davon vor vielen Jahren gekauft, bessere Schuhe, sagt er, habe er nie wieder gefunden. Er holt zwei Stühle, stellt sie an die Wand, dort, wo die Sonne schon für ein wenig Wärme sorgt. Ganz gleich, ob er von den Dreharbeiten erzählt, von Foodabteilungen japanischer Kaufhäuser schwärmt oder über seine Bratkartoffeln spricht, die als die besten der Stadt gelten, er macht einen ruhelosen Eindruck. Seine Sätze gelangen nicht immer bis zum letzten Wort, weil während des Redens in seinem Kopf schon längst der nächste Gedanke Form annimmt. Oder er aus dem Augenwinkel mitbekommen hat, dass ein Tisch für den Mittagsbetrieb nicht richtig eingedeckt ist. Nach wie vor ist er es, der alles im Blick hat und darauf achtet, dass jedes Detail sitzt. Eine Aufgabe, die Konzentration verlangt. Denn das Schumanns ist groß geworden.

Nach einem Streit um den Pachtvertrag zog das Schumanns 2003 um, ein paar Straßen weiter nur, an den Hofgarten. Seither hat sich vieles verändert. Mit der meterhohen Decke, dem langen Tresen und der riesigen blaugrünen Marmorplatte an der Wand gleicht das Schumanns einer Kathedrale der Barkultur, in der das Essen inzwischen ebenso wichtig ist wie die Drinks. Tische stehen aber auch draußen auf der Ludwigstraße und im Hofgarten, im Sommer einer der schönsten Plätze Münchens, sowie in der ersten Etage in einem separaten Raum. Ohne Reservierung ist es schwierig einen Platz zu bekommen. Samstags ist geöffnet, mittags ebenso. Jeden Tag gibt es eine kleine Lunchkarte und eine für den Abend. 40 Mitarbeiter sind nötig, um den Betrieb vom späten Vormittag an bis zum Morgengrauen am Laufen zu halten. Nicht zu vergessen die Tagesbar in der Stadtmitte, tagsüber Treffpunkt für Espresso und Lunch.

Zu gr0ß sei das alles, findet Schumann selbst. Dann sehnt er sich nach der kleinen überschaubaren Bar, die er einfach zusperrt, wenn ihm der Sinn danach steht. „Dann hänge ich ein Schild an die Tür, auf dem steht „Heute habe ich keine Kraft“. Er lächelt, weil er selbst am besten weiß, dass das nur eine stille Hoffnung ist. Um seine Wurzeln nicht ganz zu verlieren und die Idee der intimen Bar nicht ganz aufzugeben, eröffnete er vor vier Jahren in der ersten Etage das Fleurs Du Mal, eine Bar, in der die Gäste um einen neun Meter langen Tisch aus Walnußholz sitzen. Hier werden Cocktails zelebriert, die Karte mit ausgewählten Drinks wechselt wöchentlich. Zwanzig, dreißig Gäste, und es ist voll.

Ein bisschen so wie in „Irdische Vergnügen“, einem Text von Luis Bunuel. Er erschien bereits in Schumanns erstem Buch und er zitiert ihn noch heute gern. Im Film liest Pep Guardiola daraus, in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern häufiger Gast im Schumanns. Der Regisseur beschreibt darin die Bar als einen Ort der Meditation, als Schule der Einsamkeit. „Sie muss vor allem ruhig sein, möglichst düster und sehr bequem. Jede Musik ist verpönt, auch die entfernteste, höchstens ein Dutzend Tische, möglichst nur Stammgäste“. Und rauchen darf man natürlich auch.

Dass junge Bartender häufig ganz andere Präferenzen haben, sich Mixologen nennen, wie DJs um die Welt touren und Gastspiele in den angesagten Bars geben, ihre Unterarm-Tattoos wie ihr Ego zur Schau stellen, mit absurden Innovationen Originalität beweisen wollen, das hat mit seiner Haltung, eine Bar zu führen, nicht viel gemein. Vor kurzem machte eine Bar Schlagzeilen, die einen Drink in einem Gelatinekondom serviert. Dass der Bar-Boom, den er selbst mit ausgelöst hat, mitunter seltsame Formen annimmt, dass selbst in Hotelbars laute Musik gespielt wird und Barleute dort T-Shirts oder Hüte hinterm Tresen tragen, nimmt er mit Nonchalance. Im Film sagt er den schönen Satz: „Ich halte es wie mein Freund Yohji Yamamoto: Ich kenne alle Trends, aber sie interessieren mich nicht.“

In Schumanns Bargespräche ist einmal zu sehen, wie ein junger Kollege auf einem Symposium in Tokyo sichtbar begeistert davon, ihn zu treffen, auf ihn zukommt. Schumann erwidert die Begrüßung schroff mit dem Satz. „Was machst du hier? Reise nicht so viel in der Welt herum. Deine Bar braucht dich“. So hält er es nämlich, Charles ist immer da.
Aus diesem Grund zogen sich die Dreharbeiten für den Film über einen Zeitraum von vier Jahren hin. Schumann lässt das Schumanns nicht gern allein. „Ein Barmann muss ein guter Gastgeber für die angenehmen Gäste sein, ein Dompteur für die Schwierigen und ein Therapeut für die Traurigen“, heißt es einmal im Film. Seinen Tag beginnt er morgens in der Tagesbar, mittags wenn die Essensgäste kommen, geht er hinüber an den Hofgarten, abends verabschiedet er sich selten vor 23 Uhr. Er weiß, er ist das Gesicht der Bar. Viele Gäste gehen ins Schumanns, etwa wegen des Tartars und der Drinks, aber ebenso viele gehen zu Charles. Um ihn zu sehen, zu grüßen oder einfach nur zu beobachten, wie er die einen in die Seite boxt, Ihnen seine Hände auf die Schultern legt oder um eine seiner berüchtigten Bemerkungen aufzuschnappen.

Schumanns Bargespräche ist bereits Marieke Schröders zweiter Film über Schumann. Der erste lief anlässlich seines 75. Geburtstags. Sie begleitete ihn auf einer Reise in die Oberpfalz, auf den Hof, auf dem er aufwuchs und nach Frankreich, wo er seine ersten Erfahrungen im Nachtleben sammelte und wo aus Karl-Georg Charles wurde.
„Was mich an ihm am meisten beeindruckt, ist seine Neugier. Seine innere Haltung ist äußerlich sichtbar. Seine geraden großen Schritte und die Art, wie er die Beine gleichzeitig schlaksig von sich wirft, das ist genau die Kombination, die Charles ausmacht. Und was man nicht vergessen darf: Charles ist ein wahnsinnig schöner Mann.“

Dass Schumanns Ausstrahlung weit über den Tresen hinausreicht entdeckte als erster Werner Baldessarini. Der Designer machte Schumann zum Testimonial für sein Männermode Label. Es machte Schumann weltweit auch bei Menschen bekannt, die noch nie einen Fuß in eine Bar gesetzt hatten. Eine Reihe von Modeljobs folgten, wer immer ihn fotografierte, er verkörperte die Sehnsucht, nach einem erfüllten Männerleben, dem Typus Mann, der eins mit sich ist und nicht stehen bleibt.

Der Film zeigt ihn einmal, wie er einen alten Kollegen in Tokyo besucht. Als der ihn fragt, wie er das Mixen gelernt habe, antwortet Charles seelenruhig: „Mit Wasser“. Irritiert hakt der Andere nach: „Wenn man Wasser mit Wasser mischt, dann wird es am Ende nach Wasser schmecken. Wie soll man auf diese Weise herausfinden, ob das Verhältnis unterschiedlicher Spirituosen stimmig ist?“ Charles bleibt dabei. Und lächelt.

Sein Gegenüber mit einem Rätsel zurückzulassen, mit einem Satz, der nach Erwiderung verlangt, oder einem schlagfertigen Konter, diese Praxis des Bardialogs hat er über die Jahre kultiviert und zu einer eigenen Kunstform entwickelt, die auch davon lebt, dass sich in ihr manch charmante Bosheiten verbirgt.

Was auch dazu führte, das ihn in München zwar jeder kennt, aber durchaus nicht jeder gut auf ihn zu sprechen ist. Seine direkte und gelegentlich auch rigide Art Menschen, die er nicht mochte, hinaus zu komplementieren ist berüchtigt. Mancher trägt ihm eine Zurückweisung bis heute nach. Heute, im Rückblick und etwas milder geworden, sagt Schumann, er müsse sich bei vielen Menschen entschuldigen.

76 Jahre ist er mittlerweile. Sein Gesicht ist immer leicht gebräunt, zweimal in der Woche geht er zum Boxtraining, am Samstagnachmittag spielt er Fussball. An den Wochenenden lernt er japanisch, er ist gut in Form. Und dennoch: Er denkt darüber nach, wie es weitergehen könnte. Ist das Schumanns noch das Schumanns, ohne Charles? Wird sein Sohn Marvin, benannt nach dem ehemaligen Boxchampion Marvin Hagler, es einmal übernehmen? Noch hat er keine Antwort darauf. Seit 30 Jahren schimpft er auf München und droht seinen Stammgästen eine kleine Bar irgendwo am Atlantik zu eröffnen. Bislang blieb es bei der Drohung. Inzwischen hat er einen anderen Plan. Das Schumanns soll weitergeführt werden, wie auch immer. „Aber ich möchte mich gerne öfter ausklinken. Dann werde ich drei Monate mal hier leben und drei Monate dort. Drei Monate in einem spanisch sprechenden Land, dann ein halbes Jahr nach Kyoto. Und auch mal in einer Stadt leben, wo man nur englisch spricht. Und wenn ich dann noch einen Platz finden würde, an dem ich sage: „Da bleibe ich!“, das wäre großartig.“

Sie haben ihr Ziel erreicht

Kreisel bremsen Autos am Ortseingang, sie sind aber noch mehr: Schauplatz für Skulpturen. Was will die Kunst uns sagen?

Die erste Begegnung verläuft immer sehr flüchtig. Sobald eines dieser Gebilde ins Blickfeld gerät, muss alles ganz schnell gehen, ehe es Sekunden später im Rückspiegel wieder verschwindet. Bremsen, runterschalten und sofort die nächste Entscheidung treffen. Erste rechts? Zweite rechts? Oder weiter im Kreis? Welche Wahl man auch trifft, zurück bleibt ein Rätsel: Was war das eben? Eine monströse Büroklammer? Eine kopfstehende Bratwurst? Ein Sekundenspektakel für Ausflügler? Ein Schrei nach Aufmerksamkeit?

Die meisten dieser Rätsel finden sich ein paar Hundert Meter vor den Ortsschildern kleiner Orte, auf Inseln inmitten eines Kreisverkehrs. Kunst im Kreisverkehr nennt sich dieses Phänomen daher, Kenner sprechen von Kreiselkunst.

Ihrem Publikum macht es diese Kunstform ausgesprochen schwer, ihr die üblichen Formen der Bewunderung entgegenzubringen und ihre Botschaften zu entschlüsseln. Fahrer zu zwingen, langsam zu fahren und dabei schnell Kunst zu konsumieren, das ist nicht nur viel verlangt, sondern ein Paradox, das Anerkennung und Stellenwert der Werke nicht fördert. Der Kunstmarkt jedenfalls ignoriert Kreiselkunst bislang und auch die Feuilletons haben noch kaum Nennenswertes beigetragen, Kreiselkunst zu dechiffrieren. So darf man sich nicht wundern, dass die wenigen veröffentlichten Ansichten aus der Umfrage eines Nachrichtenportals stammen: Die Antworten reichen von »Die Künstler müssen ja auch von was leben« über »Farbe und Experimente finde ich immer gut« bis »Blumen wären schöner«.

Kreiselkunst ist in Deutschland ein Phänomen der Provinz. Hochburg ist Baden-Württemberg, 164 Werke zählt die Website kunstimkreisverkehr.de dort, in Hessen 28, in Bayern 15, in Brandenburg nur eines. Große, runde Plätze, in deren Mitte Kunstwerke an historische Momente erinnern, gibt es in Städten natürlich bereits seit Jahrhunderten. Die Kolumbus-Statue auf dem Columbus Circle in New York erinnert an den großen Entdecker, die Siegessäule auf dem Großen Stern in Berlin an einen militärischen Sieg, der Obelisk am Place de la Concorde in Paris feiert die Freundschaft zweier Völker. Kreiselkunst dagegen entsteht überwiegend fernab von Metropolen, an Orten wie Mögglingen, Bochingen oder Lauterbach. Aus Motiven, die nur wenig mit Ruhmestaten zu tun haben.

Die Grundlagen dieser Kunst entstanden Anfang der Neunzigerjahre. Damals setzte sich unter Verkehrsplanern die Überzeugung durch, dass Kreisverkehre gegenüber den bis dahin üblichen Kreuzungen gleich mehrere Vorteile besitzen. Sie halten den Verkehr beständig in Bewegung, drosseln das Tempo, sorgen für weniger Unfälle und sind günstiger in Bau und Unterhalt als die Ampelanlagen. Verkehrsplaner empfehlen Kreisel seither besonders dort, wo Landstraßen in Orte übergehen. Verknüpfungsbereich nennen sie das.

Mitte der Neunzigerjahre stellte sich heraus, dass Kreisverkehre noch ein bisschen sicherer werden, wenn man die Inseln in der Mitte leicht erhöht anlegt. Autofahrer nehmen sie dann früher wahr, bremsen eher und fahren mit niedrigerer Geschwindigkeit ein. Inmitten der Inseln standen nun natürliche Sockel, Bühnen ohne Schauspiel.

Vielerorts wurde das als Gelegenheit und Aufforderung aufgefasst, der Zeige- und Selbstdarstellungslust ungehemmt nachzukommen und für ein Statement am Ortseingang zu sorgen: »Seht her, wir sind nicht die, für die ihr uns haltet. Wir können auch anders!«

Seither müssen Jurys Entscheidungen treffen, ob eher ein stählerner Vogel, ein Windspiel oder ein Granitblock das Selbstverständnis ihres Ortes zum Ausdruck bringt. 30 000 Euro stehen im Schnitt zur Verfügung, die Aufträge werden ausgeschrieben, wer den Platz auf der Insel gestalten will, muss sich bewerben und einem Mehrheitsvotum beugen. Kreiselkunst ist auch Castingkunst. Das erklärt, dass viele Werke so groß und schrill ausfallen.

Umso rätselhafter bleibt häufig ihre Botschaft. Es ist nachvollziehbar, dass eine Treibscheibe an den Kali-Bergbau in Neustadt erinnern soll. Ebenso leicht zu verstehen: Die Kurbelwelle im Kreisverkehr von Wasseralfingen verweist auf das nahe Werk eines weltweit tätigen Herstellers von Schiffsschrauben. Geradezu zwangsläufig erscheint, dass in Dillingen ein Werk von Richard Serra steht: Der amerikanische Bildhauer verwendet für seine Großskulpturen überwiegend Bleche der Dillinger Hütte und ließ viele seiner Werke dort auch fertigen.

Was aber sagt die Skulptur »Seelenknoten« über Landshut? Die »Pusteblume« über Ebersbach an der Fils? Oder ein Werk wie die »Triade« über Wittmund, in dessen Beschreibung es heißt: »Nach jeder drittel Umdrehung um die vertikale Achse kommt die Skulptur mit sich selbst zur Deckung. Die Ecken der drei Quadrate bilden in vier verschiedenen Höhen jeweils ein gleichseitiges Dreieck«? Dass man in Wittmund gern Denksportaufgaben löst?

Sicher, Kunst muss sich nicht erklären. Vermutlich kommt man dem Kern der Werke am nächsten, wenn man sie nicht mit Maßstäben der Kunst misst. Und sie stattdessen aus der Perspektive derer betrachtet, denen sie ihre Existenz verdanken und die sich in ausführlichen Expertisen mit ihren Eigenheiten beschäftigen: die Verkehrsexperten. In ihren Augen handelt es sich bei Kreiselkunst um nichts anderes als »starre Hindernisse«.

Ich denk noch mal drüber nach

Warum es oft so schwer fällt, Entscheidungen zu treffen

Auf meine innere Stimme ist Verlaß. Jedenfalls, wenn es um Essensfragen geht. Ich muss nur meinen Gelüsten folgen, dann mache ich alles richtig. Steht mir der Sinn nach Fisch, gibt’s Fisch, ist mir eher nach Pasta zumute, gibt’s eben Pasta. Auch wenn meine innere Stimme vertrauensvoll „Leberkässemmel!“ oder „Currywurst!“ flüstert, zögere ich nicht lange. Aus Erfahrung weiß ich: es wird Wochen dauern, bis dieser Wunsch mich wieder überkommt. Das funktioniert ziemlich gut. Ich bin nicht dick, ich habe Spaß am Essen, mein Körper bekommt auf diese Weise, alles was er braucht. Vielleicht sollte ich ein Buch darüber schreiben.

Ich kenne mich inzwischen recht gut, das ist das Schöne am Älterwerden. Ich weiß, was mir steht und dass mir meine Haare nicht viele Möglichkeiten lassen. Ich weiß, worauf ich achten muss, um nicht krank zu werden. Ja oder Nein zu sagen, fällt mir auch in anderen Fällen leicht. Ein Hotel buchen, weil man im Netz so schöne Bilder gesehen hat: empfiehlt sich nicht. Wein und Wodka durcheinander trinken: auch nicht zu empfehlen. Sonntags um halb elf auf die Salzburger Autobahn, Richtung Süden: auch keine gute Idee. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich habe diese Einsichten gewonnen, erkämpft und erlitten. Manche haben sich zu Überzeugungen ausgewachsen, andere zu Gewohnheiten. Erfahrung ist enorm hilfreich, um gute und richtige Entscheidungen zu treffen.
Alles in allem, denke ich, ist mir das Instrumentarium vertraut, das nötig ist, um richtige und gute Entscheidungen zu treffen. Das gilt für große wie für kleine Fragen. Im Beruf, beim Einkaufen, beim Zusammenleben mit Familie und Bekannten. Ich denke, ich habe ein gutes Gespür dafür, wann ich mich auf Erfahrung verlassen kann, und wann auf eine Empfehlung von Freunden, wann ich meinem Bauch gehorche,  wann die Vorschlägen von amazon und itunes etwas taugen, wann es sinnvoll ist, ganz pragmatisch zu entscheiden, wann spontan und wann es besser ist, über eine Entscheidung noch eine Weile nachzudenken.

Trotzdem gerate ich gelegentlich in eine Art Entscheidungsnotstand. Es gibt für diesen Zustand des Mit-Sich-Ringens, Selbstbefragens, Argumente-Abwägens, Neubewertens, fortwährenden Perspektivenwechselns, Hinausschiebens und Noch-Nicht-Entscheidens ein schönes Wort: Zaudern. Zaudern gilt als Schwäche. Ich finde, das ist ungerecht. Es macht einen Unterschied, ob einer seinen Kopf eine viertel Stunde lang in eine Speisekarte vergräbt, um dann noch immer unschlüssig zu sein, was er will. Oder ob man Zeit gewinnen möchte, um sich ein Bild zu machen, um Informationen zu beschaffen. Beim Pokern, ein Spiel, das ausschließlich davon lebt, schnell Entscheidungen zu treffen, gibt es einen Zug, in dem ein Spieler sagen kann: Ich schiebe. Das bedeutet, er wartet ab, wie sich die Lage entwickelt und verschiebt seine Entscheidung eine Runde.

Ich muss nicht pokern, um zu schieben. Drei Konstellationen habe ich ausgemacht, in denen das geschieht. Etwa, wenn ich eine Entscheidung treffen soll, die mein Leben in weiter Ferne betrifft. Es widerstrebt mir einfach, im März Pläne für Sylvester zu machen. Im Januar einen Tisch für das Oktoberfest zu reservieren. Oder kurz nach den Sommerferien einen Wintermantel zu kaufen, nur weil dann die Auswahl besonders groß ist. Selbst schuld, ich weiß.

Es fällt mir schwer, eine Entscheidung zu treffen, wenn Vorstellung und Wirklichkeit partout nicht in Einklang zu bringen sind. Wenn ich etwa einen Anzug oder ein Jackett kaufen will. Stoff, Schnitt, Farbe, in der Regel weiß ich genau, wonach ich suche. In Geschäften finde ich zwar unzählige Varianten von Anzügen, nur nicht den, den ich will. Das ist der Moment, an dem der Anzugkauf zu einer schwierigen Frage zuspitzt: Soll ich mich für einen passablen Anzug entscheiden, also einen, der meinen Vorstellungen am nächsten kommt, aber eben nicht entspricht? Oder den Kauf weiter aufschieben, in der Hoffnung, doch noch zu finden, was ich ursprünglich im Sinn hatte?

Beim dritten Dilemma verhält es sich genau umgekehrt. Es tritt auf, wenn man etwa versucht, einen Kinderautositz zu erwerben. Einen Urlaub mit Freunden in einem Ferienhaus plant. Oder den Ehrgeiz entwickelt, den idealen Mobilfunktarif zu finden. In  Fragen des Alltags also, bei denen es vor lauter Auswahl, Angeboten und Möglichkeiten, Extras, Preisvergleichen, Innovationen, Geheimtipps, Spezialtarifen, Sonderkonditionen, und persönlichen Empfehlungen, enormen Aufwand bedeutet, auch nur eine erste ungefähre Einschätzung zu gewinnen. Situationen, die den Wunsch nach einem persönlichen Assistenten aufkommen lassen und einen zweitägigen Workshop nahelegen, tatsächlich aber überwiegend in Wutanfällen oder Gleichgültigkeit münden. Und wer seine Entscheidung nicht allein danach ausrichten will, für möglichst wenig möglichst viel zu bekommen, sondern auch verantwortungsvoll und richtig handeln möchte, für den wird es richtig kompliziert. Es ist das Dilemma zeitgemäßen Handelns: um eine Entscheidung zu treffen können wir zwar auf so viele Ressourcen zurückgreifen wie noch nie, uns munitionieren mit Wissen und Argumenten. Aber das kostet Zeit. Und Nerven.

Psychologen haben für diese Art der Überforderung einen Begriff geprägt: Decision fatigue, Entscheidungsmüdigkeit. Roy Baumeister, Sozialpsychologe an der Florida State University of Tallahassee, hat dazu eine Reihe von Studien und Experimente ausgewertet. Entscheidungen zu treffen kostet Kraft, sagt er. Und Energie. Er vertritt die These, dass die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen nachlässt wie ein Muskel, der durch Beanspruchung ermüdet. „Wer den ganzen Tag lang Entscheidungen treffen muss, dem kann es passieren, das er abends nicht mal die Wahl zwischen Vanille-und Himbereis treffen kann.“ Das Gute dabei: man kann diese Fähigkeit wie einen Muskel trainieren.

Wie viel Energie eine Entscheidung kostet, hängt nach Baumeister auch davon ab, ob man eine Entscheidung gerne trifft oder ob man eine negative Grundeinstellung hat. Das erklärt, weshalb ich nach vergeblicher Anzugjagd mit leeren Händen und schlecht gelaunt zurückkehre, meine Frau aber mit prall gefüllten Tüten und einem Lächeln im Gesicht. Am meisten Energie kostet es, so Baumeister, sich einen Überblick, über die Möglichkeiten zu verschaffen, zumal, wenn wir die Optionen selbst recherchieren müssen und nicht nur gegeneinander abwägen müssen.

Dass Menschen eher bereit sind eine Entscheidung zu treffen, wenn die Zahl der Optionen geringer ist, haben die Sozial-Forscher Sheena Iyengar und Mark Lepper herausgefunden. Probanden, die zwischen 24 verschiedenen Marmeladensorten die Wahl hatten, kauften weniger als die, die nur zwischen sechs Sorten wählen konnten. Zudem waren die mit Ihrer Wahl auch zufriedener. Große Auswahl bedeutet also keineswegs große Befriedigung.

Ähnlich ergeht es Männern und Frauen, die online nach Partnern fürs Leben oder für eine Nacht suchen: Das große Angebot macht die Wahl nicht leichter. Im Gegenteil. Die Wissenschaftler Günter Hitsch und Ali Hortascu von der University of Chicago sowie Dan Ariely von der Duke University haben in Versuchen festgestellt, dass mit der Zahl der Kategorien und Möglichkeiten auch die Ansprüche an den Partner steigen. „Sie wollen sich mit niemandem einlassen, der nicht in Größe, Alter, Religion und 45 anderen Dimensionen ihrem Ideal entspricht.“ Mehr Glück hatten Partnersuchende beim Speed–Dating. Dort ist die Auswahl auf ein oder zwei Dutzend Teilnehmer beschränkt, aufgrund der kurzen Zeitspanne, in der die Teilnehmer Gelegenheit haben, sich kennenzulernen, ist auch die Zahl der Optionen geringer und damit übersichtlicher.

Baumeister stieß bei seinen Studien auf einen weiteren Punkt, der Einfluss darauf hat, ob und wie wir uns entscheiden: nämlich, wie erschöpft wir bereits sind, wenn wir eine Entscheidung treffen. Zwei Wissenschaftler  – Jonathan Levav von der Columbia University und Shai Danziger von der Ben–Gurion-Universität in Tel Aviv(?) –  haben mehr als tausend Urteile untersucht, die israelische Bewährungsrichter gefällt haben. Jeden dritten Häftling ließen die Richter vorzeitig frei. Dabei entdeckten sie ein interessantes Muster: 70 Prozent der Häftlinge wurden in den Verhandlungen am frühen Vormittag begnadigt, am späten Nachmittag nur zehn Prozent. Der Übergang vom Vormittag zum Nachmittag verläuft dabei nicht linear. Nach der Mittagspause der Richter kamen wieder 70 Prozent frei, kurz davor nur 15 Prozent. Levav und Danziger führen das darauf zurück, dass die Richter in der Pause Obst oder belegte Brote zu sich nahmen und damit dem Blut wieder frische Glukose zuführten.

Bei einem anderen Experiment beobachteten Jonathan Levav, Sheena Iyengar, Mark Heitmann und Andreas Herrmann deutsche Kunden beim Autokauf. Sie mussten wählen zwischen vier verschiedenen Gangschaltungen, dreizehn verschiedenen Reifen und Felgen, zwölf Kombinationen aus Motoren und Getrieben und 56 verschiedenen Sitzbezügen. Stellte man ihnen als erstes die Frage nach den Sitzbezügen ermüdeten sie besonders schnell – die Auswahl war besonders groß. Ob sie bereit waren für einzelne Extras Aufpreise zu zahlen, hing davon ab, wie viel Willenskraft sie zu diesem Zeitpunkt noch aufbringen konnten.

Wissenschaftliche Erklärungen für das eigene Empfinden zu bekommen hat etwas Tröstliches. Ich weiß jetzt: Meine gelegentlich auftretenden Unzulänglichkeiten beim Entscheiden sind keine Privatsache, sondern Ausdruck eines weit verbreiteten Phänomens. Und ich liege ganz gut im Rennen mit meinen Strategien, Entscheidungen zu treffen und den Entscheidungsmuskel nicht sinnlos zu überreizen.

Manches, weiß ich jetzt, mache ich instinktiv richtig. Bietet mir jemand einen Termin am Vormittag und einen am Nachmittag an, nehme ich immer den früheren. Aus Erfahrung, morgens unverbrauchter und aufnahmefähiger zu sein. An meinen Glukosepegel habe ich dabei nie gedacht.

Ich verstehe, was passiert, wenn ich am frühen Abend aus einem Kaufhaus vor fünf dunkelblauen Anzüge flüchte: decision fatigue infolge Unterzuckerung. Ich verstehe auch, weshalb meine Frau darüber lacht: Einkaufen zu gehen ist für sie ein Vergnügen, für mich eine lästige Pflicht.

Unbewusst richtig liege ich offensichtlich auch damit, die Auswahl an Entscheidungen so weit als möglich zu reduzieren. Nicht jeder Möglichkeit und jedem Link zu folgen, der sich bietet. Einmal zum richtigen Zeitpunkt Nein sagen, um sich nicht in einem Gewirr nachfolgender Detailfragen zu verlieren.

Entscheiden heißt, eine Wahl zu treffen. Zwischen mindestens zwei Alternativen, oft auch mehr. Dass sehr viel für die eine, aber nur sehr wenig für die andere Alternative spricht, kommt eher selten vor. Meistens ist so, dass zwei Alternativen miteinander konkurrieren, für die es jeweils gute Gründe gibt. Das macht es schwierig. Ohne Nuancen abzuwägen kommt man nicht weiter. Mit dem Zug nach Hamburg? Oder doch fliegen? Beides hat Vorteile. Entscheiden bedeutet oft, Abschied zu nehmen von einer nicht so schlechten Alternative.

Baumeister schreibt, der Mangel und der Schwund an Optionen wird häufig als Verlust empfunden. Ich kenne das. Zugleich beschleicht mich an diesem  Punkt ein ungutes Gefühl. Vor lauter guten Alternativen sich nicht entscheiden zu können, das ist auch Ausdruck einer Übersättigung. Ein Luxusproblem. Es ist, als würde man sich darüber beklagen, dass man nach Champagner immer so viel aufstoßen muss.

Ich finde, es ist schon in Ordnung, sich damit beschäftigen, warum Entscheidungen oft so schwer fallen. Es prägt das Lebensgefühl vieler Menschen und für viele ist das ein Problem. Ich meine etwas Grundsätzliches.

Für die meisten von uns (Deutschen?) ist es von kleinauf selbstverständlich, Alternativen zu haben. Das ist es aber nicht. Eine Wahl treffen zu können, ist ein Privileg. Anderswo kämpfen Menschen verbissen um diese Freiheit: sich entscheiden zu können. Freiheit heißt, eine Wahl zu haben. Doch nur wer eine Wahl trifft, nutzt sie auch. Das gerät leicht in Vergessenheit.

Es ist nicht nötig, solche Gedanken wie ein Monstranz unentwegt vor sich herzutragen, doch sich ab und an daran zu erinnern, hilft, die Bedeutung einzelner Entscheidungen besser einzuschätzen. Was passiert denn schon, wenn wir mal eine falsche Entscheidung treffen? Wir sitzen eine Stunde länger im Zug. Wir essen etwas, was uns nicht so schmeckt. Wir tragen ein T-Shirt, das nicht unser Liebstes ist. Wir verlieren nicht viel dabei. Das zu verstehen, hilft, besser mit seinen Entscheidungsressourcen zu haushalten und nicht zuviel Energie mit den falschen Fragen zu verschwenden.

Inzwischen besitze ich übrigens auch einen dunkelblauen Anzug. Ich habe ihn vor ein paar Tagen gekauft, vormittags, nach einem guten Frühstück, so richtig schön glucosesatt.

„Der Berg muss gefährlich bleiben. Wenn ein Berg nicht mehr tödlich ist, wird er zur Attrappe“

Kaum einer kennt die Gebirgslandschaften dieser Welt besser als der Südtiroler Reinhold Messner. Heute kämpft er wortgewaltig  gegen die Verhunzung der Alpen. Philip Reichardt sprach mit ihm auf Schloss Firmian bei Bozen, wo er eines seiner fünf Bergmusseen eingerichtet hat. 

ALPS: Über welches Erlebnis in den Alpen haben Sie sich zuletzt gefreut?

MESSNER: Vor zwei Wochen bin ich mit meinem Sohn Simon die Langkofel-Nordwand geklettert. Mit dem eigenen Sohn zu klettern, ist natürlich ein starkes Erlebnis. Aber wenn man älter, ungeschickter und langsamer wird, ist das extreme Unterwegssein in einer großen Felswand nicht mehr so einfach. (Messner ist 67, sein Sohn 19.)

A: Und worüber haben Sie sich in den Bergen zuletzt geärgert?

M: Ich ärgere mich generell nicht mehr. Es lohnt sich nicht. Ich bin ein solitärer Gestalter und versuche Dinge so zu machen, wie ich es für richtig halte.

A:  Sie haben sich den Alpen auf unterschiedliche Arten genähert: als Bergsteiger, als Autor und Filmemacher, als Museumsgründer, als Biobauer und auch als Politiker…

M: Ja, aber als Abgeordneter im Europaparlament hat man kaum Möglichkeiten, die Alpen in den Mittelpunkt zu stellen.

A: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie: „Die Wahrnehmung der Alpen verändert sich mit der Entfernung.“ Wie ist das zu verstehen?

M: Ein Mensch, der in den Alpen lebt, nimmt sie ganz anders wahr, als ein Mensch, der in der Stadt lebt. Die allermeisten Menschen nehmen die Alpen heute als Postkarten-Idylle wahr

A:  Das ist die Wahrnehmung der Städter. Wie empfindet ein Mensch, der in den Alpen lebt und arbeitet?

M:  Für den Bergbauern bedeuten die Alpen Mühe. Er muss steigen, um seine Tiere auf die Alm zu treiben oder Holz zu schlagen. Als Jäger holt er da oben eine Gämse. Dafür steigt er ausnahmsweise bis knapp über den Waldrand. Er weiß: Weiter oben ist nichts zu holen. Kein Teufel könnte ihn treiben, höher hinaufzusteigen. Höher hinaufzusteigen ist für ihn nutzlos. Die Landschaft oberhalb von 2400 Metern haben Bauern früher als wertlos angesehen. Die Idee, auf Gipfel zu steigen, kam erst mit der Aufklärung in der Romantik aus industrialisierten Stadtregionen; aus England, vor allem  Manchester, wo die ersten Industrien entstanden, von dort kamen die ersten Bergsteiger. Später haben Städter die Alpenvereine aufgebaut und versucht, sich die Hochgebirgsregion anzueignen. Aber denen gehören die Alpen nicht! Wenn schon, gehören sie den Leuten, die dort leben.

A: Stadtmenschen haben für Sie zuviel Einfluss auf die Alpen?

R: Ja. Sie sind politisch besser organisiert, in Gesinnungsvereinen, wie ich sie nenne. Bergbauern gibt es wenige und sie haben keine Lobby.

A: Aber unter den Städtern gibt es doch auch viele Naturschützer…

M: Selbsternannte Naturschützer haben oft wenig Ahnung von der Natur der Gebirge, das muss ich leider sagen. Was sie tun, damit eine Wiese grün bleibt, Bäche oder Wälder gesunden, ist kontraproduktiv. Naturschutz als Selbstzweck, um sich in den Medien wichtig zu machen. Es begann in den 70er Jahren. Umweltgruppen und Idealisten haben damit angefangen, die Alpen vor den Menschen zu schützen. So ist ein schräges Bild entstanden. Man hat den Blick der Romantiker übernommen und gefordert: überall Heideland! Aber die Alpen sind kein Heideland. Ohne die Bauern  als Landschaftspfleger geht die Kulturlandschaft kaputt.

A: Halten Sie Naturschutz für überflüssig?

M: Nein, aber die Bauern haben sich über Jahrtausende selber vor der Natur geschützt. Ein Bergbauer konnte nur überleben, wenn nicht Muren oder Lawinen auf seinen Hof herabgingen. Das war nur möglich, wenn er den Wald über sich pflegte. Die nachhaltige Waldbewirtschaftung ist viel älter als die Öko-Bewegung. Der Städter hat das alles verlernt. Nur dort, wo die Stadtkultur hinkommt, gilt es heute die Alpen vor den Menschen zu schützen.

A: In vielen Gegenden der Alpen verlassen die Menschen ihre Heimat, weil sie keine Zukunft haben.

M: Ja, der ländliche Raum verödet, Straßendörfer breite sich allerorten aus. Städte wie Innsbruck, Lausanne, Bozen wachsen mächtig.

A: Verödung und Verstädtertung – beide Entwicklungen entwerten die Alpen. Sehen Sie einen Ausweg?

M: Handeln, ein Stück Land kaufen und anpacken. Nicht reden, machen! Verantwortung für ein Stück Alpen übernehmen und versuchen, es besser zu machen.

A: Stadtmenschen, die Land in den Alpen kaufen, haben oft ganz andere Motive.

M: Da genau liegt der Fehler. Landschaftsverbrauch, Schlafburgen, im Grunde sollte unsere Landesregierung verbieten, dass jemand in Südtirol eine Zweitwohnung kauft. Cortina d‘ Ampezzo zum Beispiel besteht bald nur noch aus Zweitwohnungen. Wenn die Einheimischen abwandern, wird der Ort zu einer Ruine verkommen.

A: Viele Städter spüren eine enorme Sehnsucht nach Natur, nach Rausgehen, nach Landleben.

M: Alles schön und gut, aber die Alpen können nicht ersetzen, was in den Städten fehlt. Die allermeisten gehen ja nicht in die Natur, sondern dorthin, wo alle Infrastrukturen da sind und Wohnsiedlungen gebaut werden.

A: Werner Bätzing, der Wissenschaftler, Alpenforscher und Kulturgeograf spricht von drei Sichtweisen, die das Bild der Alpen prägen: die schrecklichen Berge, die romantischen Berge und die Berge als Sportgerät.

M: Dem stimme ich völlig zu. Ich bin nicht glücklich damit, dass die Berge ein Sportgerät sind. Die Leute bewegen sich heute zu 99 Prozent auf wenigen, präparierten Wegen und Pisten. Was in den 30er Jahren mit dem Skifahren passiert ist –Hänge wurden präpariert, Seilbahnen gebaut, Pisten angelegt – passiert jetzt beim Bergsteigen.

A: Soll etwa jeder seine eigenen Wege in den Bergen gehen?

M: Ich hätte nichts dagegen, wenn sich die potentielle Gästeschar gleichmäßig über die Alpen verteilen würde, dann hätten wir alle viel mehr Platz.  Aber die allermeisten finden „ihre“ Wege gar nicht. Wege sind entstanden, weil Menschen den Wildwechseln folgten. Auf den gleichen Wildwechseln wurden die Tiere hoch und runter getrieben, so sind Jäger-und Hirtensteige entstanden. Auf diesen Trassen haben die Bergsteiger dann ihre Wege angelegt und markiert. Dort sind die Massen unterwegs. Der Massentourismus ist nicht das Problem, die Verteilung ist es.

A: Liegt in der Natursehnsucht der Städter nicht auch eine Chance?

M: Ja, wenn sie nicht die Stadtkultur in den Bergen suchen. Ich habe nichts dagegen, dass die Leute in die Berge gehen, im Gegenteil. Wichtig ist das Verständnis der Berge: Bis etwa 2400 Meter gibt es eine kleinräumige alpine Kulturlandschaft. Bis dorthin gibt es Wege, man kann gehen und biken. Darüber ist der Bergwald, im Idealfall Naturlandschaft, beide Landschaften bilden eine Einheit. Dort beginnt die Eigenverantwortung. Diese Barriere muss es weiterhin geben, wie einen Zaun, an dem die Angst beginnt. Der Berg muss gefährlich bleiben, weil man auf ihm umkommen kann. Wenn ein Berg nicht mehr tödlich ist, wird er zur Attrappe.

A: Wenn man montags in die Zeitungen schaut, sind sie immer voll mit Bergunfällen.

M: Leider ja. Berge sind immer noch gefährlich. Wenn alle das wüssten,  würde viel weniger passieren. Und wenn es die Hubschrauberrettung nicht gäbe, müssten Sozialpolitiker das Bergsteigen verbieten.

A: Wie wird sich das Bergsteigen künftig verändern?

M: Das klassische Bergsteigen wird sich mehr und mehr verlieren. Die großen Routen in den Dolomiten wurden in den 60er Jahren zehnmal so oft geklettert wie heute. Es gibt auch weniger Kletterer in den großen Wänden. Die Kletterer sind inzwischen  neben der Straße, an den Randfelsen. Da sind die wirklich schwierigen Wege, wo alle zwei, drei Meter ein gebohrter Haken steckt. Man soll nicht wirklich abstürzen können. Mir soll’s recht sein.

A: Verliert das Bergsteigen für Sie durch verbesserte Sicherheitsmaßnahmen an Reiz?

M: Das Wertvollste, das ich von oben herunterholen kann, ist Erlebnis. Und dieses Erlebnis hängt nicht davon ab, wie schwierig, wie gut, und wie hoch ich klettere, sondern vom Verhältnis meines Know-how, meiner Erfahrung, meines Könnens zur Herausforderung, die ich annehme. Derjenige ist der erlebnisoffenste Alpinist, der auf fast alle Technologie verzichtet und zugleich in der Lage ist, aufzuhören, wenn er Angst bekommt.

Die Alpen Adria Passage

Wenn schon ein neuer Tunnel durch die Alpen gegraben werden muss, warum nicht einer für Schiffe? Diese Frage stellt sich Albert Mairhofer seit sieben Jahren. Längst hat er ein Konzept für einen gigantischen Kanal  zwischen Hall in Tirol und Meran entwicklt. Und er findet  für seine Idee viele überzeugende Argumente

 

Zu erkennen sei er an seiner Aktentasche, ließ er vorab wissen. In einer großen Stadt wäre das gewagt, doch am Bahnhof von Hall in Tirol ist Albert Mairhofer tatsächlich der Einzige, der mit einer schwarzen Ledertasche vormittags aus dem Zug steigt. Er hatte diesen Ort als Treffpunkt gewählt, er spielt eine wichtige Rolle in seinen Plänen. Ehe er beginnt, ihn in einem Cafe zu erläutern, holt er aus seiner Tasche zwei Mappen mit sauber abgehefteten Schautafeln, Karten und Kalkulationen hervor und breitet sie vor sich aus. Als wollte er sich vergewissern, dass seine Idee zumindest auf diese  Weise Gestalt angenommen hat und nicht nur in seinem Kopf existiert.

Es ist eine Idee von gewaltiger Dimension. Ein Jahrhundertprojekt. Es geht um die großen Themen, Energie Verkehr, Umwelt, es hätte Auswirkungen für ganz Europa. Donau- Tirol-Adria-Passage hat er sein Projekt getauft. Es würde einen anderen Plan, der bereits viel weiter gedeihen ist als der seine, überflüssig machen. So sieht Albert Mairhofer das. Er will mit dem Schiff durch die Berge.

Das klingt ziemlich verrückt, größenwahnsinnig. Und steht in einem sonderbaren Gegensatz zu Mairhofers bescheidenem wie überaus korrektem Auftreten. 67 Jahre ist er alt, er trägt ein graues Jackett zu grauen Schläfen und grauem Schnauzbart, dazu ein rosa Hemd mit rotgrau gestreifter Kravatte. Das Rätsel, wie das zusammenpasst, löst sich, sobald Mairhofer seinen Plan Schritt für Schritt erklärt. Natürlich hat er alles im Kopf, Zahlen, Daten, Argumente. Er spricht ohne Hast und Eile, so unaufgeregt wie einer, der ganz auf die Kraft seiner Idee und Argumente vertraut.

Kernstück seines Plans ist ein 78 Kilometer langer Kanal durch den Alpenhauptkamm, der Inn und Etsch verbindet. Zwei Röhren mit einem Durchmesser von 14 Metern, eine für jede Richtung, schnurgerade durch das Bergmassiv getrieben. Per Wasserstrahlantrieb sollen die Schiffe quasi lautlos durch den Kanal gleiten, ohne ihre Motoren nutzen zu müssen. In Hall in Tirol soll der Schiffstunnel beginnen, in Gargazon, einem kleinen Ort kurz vor Meran, enden. So entstünde eine durchgehende, 700 Kilometer lange Wasserstraße von Passau nach Venedig, über den Rhein-Main–Donau-Kanal wäre die Nordsee an das Mittelmeer angebunden. Zunächst gut 250 Kilometer auf dem Inn, durch den Kanal, dann 85 Kilometer auf der Etsch entlang bis sie bei Mori in den Gardasee mündet. Die weitere Route führt über Mincio und Po, beziehungsweise ab Mantua über ein bestehendes Kanalsystem bis an die Adria. „Überseeschiffe müssten nicht mehr 4000 Kilometer Umweg um ganz Europa herumfahren, um ihre Ladung loszuwerden“, sagt Mairhofer, die Mittelmeerhäfen bekämen eine neue Bedeutung.

Damit 110 Meter lange Frachtschiffe auf der Tirol-Adria-Passage vorankommen, ist es mit dem Bau des Kanals alleine nicht getan: die 19 Stauwerke des Inns müssten um Schleusenkammern erweitert werden. Bei Gargazon hat Mairhofer ein gigantisches Schiffshebewerk vorgesehen: Gargazon liegt 550 Meter über dem Meer, die Etsch fließt auf einer Höhe von 250 Meter. „Man kann sich das wie einen Küchenaufzug in alten Schlössern vorstellen, von der Küche hinauf in den Speisesaal.“ Bislang  befindet sich das größte Schiffshebewerk in China, am Vierschluchtendamm, es überwindet 130 Höhenmeter. Auf italienischer Seite wartet eine grundsätzliche Herausforderung: Etsch, Mincio und Po führen zu wenig Wasser. Um ihre Pegel zu erhöhen, müsste ihnen Wasser aus dem Inn zugeführt werden. Das soll ein ausgeklügeltes System von Wasserspeichern, Stauseen und Wasserkraftwerken regeln.

Sieben Jahre ist es jetzt her, als ein Zwischenruf auf einer Bürgerversammlung den Anstoß gab für Mairhofers Plan. Es ging mal wieder um Verkehrsprobleme in Südtirol, keiner wusste weiter, als ein Zuhörer erregt rief: „Macht doch die Etsch schiffbar!“ Er meinte es höhnisch. Mairhofer aber ließ dieser Satz nicht mehr los. „Erst habe ich mich über Karten hergemacht. Dort sieht man schön, wie sich Inn und Etsch in die Alpen hineinwühlen. Bis auf ein Stück von 78 Kilometer. Da habe ich mir gedacht: wenn man einen Tunnel für den Zugverkehr bohren kann, dann doch auch einen für Schiffsverkehr.“

Damals hatten Österreich und Italien gerade ein Abkommen unterzeichnet, das den Bau des Brennerbasistunnels besiegelte: einen Eisenbahntunnel von  Innsbruck nach Franzensfeste, 55 Kilometer lang, für Güter- und Personenzüge.

Mairhofer begann zu recherchieren. Er studierte EU-Recht, Bestimmungen des Schiffsgüterverkehrs und Niedrigwasserperioden. Er kalkulierte, wie sich Wasser aus Stauseen in den Kanal leiten ließe, suchte den Kontakt zu Ingenieuren und gründete in London eine Firma, die Tirol Adria Limited. Eins kam zum anderen, sein Plan wurde immer größer.

Im Januar 2007 war er mit seinen Entwürfen fertig. Er schickte seinen Schriftsatz an die Regierungen von Tirol, Bayern und Südtirol und wandte sich an die zuständigen Ministerien in Rom, Wien, Brüssel und Berlin. Er fand, er hatte gute Arbeit geleistet und setzte auf die Überzeugungskraft seiner Argumente.

Der Kanal wäre schneller zu realisieren als der Eisenbahntunnel, sieben bis zehn Jahre veranschlagt er für den Durchstich. Beim Gotthardtunnel wird es weitere acht Jahre dauern, ehe alle Einbauten gemacht sind. Das ist der Unterschied“, sagt er. Und er wäre billiger. Acht Milliarden soll der Eisenbahntunnel kosten, rund 40 Prozent davon werden für Gleise und Einbauten veranschlagt. Allein die Probebohrungen haben bislang schon mehr als eineinhalb Milliarden Euro verschlungen. Wirtschaftsprüfer rechnen damit, dass sich die Kosten verdoppeln und sogar verdreifachen könnten. Die Finanzierung ist aber nach wie vor ungeklärt, der Baubeginn ist daraufhin verschoben worden, auf 2015. Zudem zweifeln verschiedene Gutachten am Nutzen des Eisenbahntunnels. Insbesondere, weil er von Güter– und Personenzügen befahren werden soll. Das macht die Strecke langsamer und treibt die Kosten hoch. Es sei keineswegs erwiesen, ob der Eisenbahntunnel tatsächlich den Transitverkehr durch Tirol und Südtirol verringern würde.

Im Vergleich dazu habe der Kanal nur Vorzüge. „Das Projekt ist so gut, dass sich alles andere eigentlich von selbst ergeben müsste“, dachte er damals.  Investoren, die ihre Chance wittern, Politiker, die auf den europäischen Ansatz anspringen, Umweltverbände, die sich für den Abbau von Emissionen  begeistern, so hatte er sich das vorgestellt. Doch es kam anders.

Was seither geschah, hat seinen Glauben erschüttert, dass Politik dem Allgemeinwohl zu dienen habe. Da waren die Briefe, die „mit so schönen Sätzen beginnen und meine Überlegungen loben“. Und mit guten Wünschen und einer Absage enden. Da waren Begegnungen wie die mit einem Gremium von Professoren vor. Sie hatten Interesse signalisiert und luden Mairhofer zu einem Gespräch ein. „Sie waren ziemlich überrascht. Sie hatten eine ähnliche Idee, die aber umständlicher war als die meine.“ Der Abschied fiel kühl aus. Er traf auf Politiker, die sich nicht einmal die Mühe machten, seine Idee verstehen zu wollen. Auf Ingenieure, die um öffentliche Aufträge fürchteten, wenn sie sich für seine Idee engagierten. Auf Wissenschaftler, die ganz offen darauf verwiesen, dass sie in einen Interessenkonflikt gerieten, wenn sie sich für den Kanal verwendeten. Nirgends fand Mairhofer Unterstützung. „Sie sind alle mit dem Basistunnel beschäftigt und keiner will es sich mit der Regierung verscherzen. Alle profitieren davon. Da beziehen sie ihre Gehälter. Alles andere ist lästig. Wer einen Gegenvorschlag macht, ist ein Feind.“

Nicht einmal Grüne und Umweltschützer wollten sich mit der Donau-Tirol-Adria-Passage anfreunden. „Sie sahen nur, dass es bei meiner Idee auch einen Tunnel braucht, sogar einen längeren. Die waren nur daran interessiert, gegen etwas zu sein, nicht aber an einer Alternative.“

Dabei, hat Mairhofer errechnet, schone der Kanal auch die Umwelt. Mit dem Kanal ließen sich täglich 1 Million Liter Treibstoff und 2700 Tonnen CO2 sparen. Eine Schiffsladung entspricht dem, was 82 Lastwagen oder 42 Tankwaggons transportieren. Auch bei den sogenannten Zusatzkosten schneide der Schiffsverkehr im Vergleich zu Lastwagen und Güterzug am besten ab: also bei Kosten die als Folge von Luftverschmutzung, Unfällen, Lärm, Wasser- und Bodenbelastung entstehen.

Er sagt das einfach so, beiläufig, ohne es zu betonen, als würde er dem nicht viel Bedeutung beimessen, „das ein Nebeneffekt“. Vielleicht ist das die falsche Strategie. Und einer der Gründe, weshalb seine Idee bislang so wenig Widerhall gefunden hat. Vielleicht, meint er, war auch die Idee mit der Gesellschaft in London nicht so gut. Er dachte, das gebe dem Ganzen einen internationalen Anstrich. Es kam aber eher so an, dass er seine Ziele mit Hilfe einer Briefkastenfirma verfolgt.

Irritierend für seine Gesprächspartner ist wohl auch, dass die Tirol-Adria Ltd allein aus Albert Mairhofer besteht. Er hat keine Partner, keine Berater, er macht alles selbst. Mairhofer ist weder Ingenieur noch Architekt, noch Landschaftsplaner oder Unternehmer. Mairhofer war Beamter, er leitete ein Grundbuchamt. Mit 53 wurde er früh pensioniert. „Doch ich bin seit 40 Jahren mit der Materie befasst“. Genaugenommen seit seiner Kindheit. Sein Vater besaß eine Sägewerk, es lag wie die meisten produzierenden Betriebe an einem Fluss und „so bekam ich von kleinauf mit, wie sich aus fließendem Wasser Energie gewinnen lässt“. Seither gilt der Wasserkraft seine Leidenschaft.

Wenn er vom Wasser spricht, wird er lauter. Dass Länder wie Österreich und Italien sich noch immer gegen das Überleiten von Wasser sperren, weil sie es als Eigentum betrachten, bringt ihn in Fahrt. „Wasser ist ein allgemeines Gut. Es gehört niemand. Nicht dem Staat, nicht dem Land Tirol, nicht Privatleuten. Von unserem Wasser zu sprechen, das ist ein Gedanke von vorgestern. Man muss doch sehen, wie man für die Gemeinschaft den größten Nutzen stiftet.“ Nach seiner Pensionierung baute er selbst ein kleines Wasserkraftwerk. Es versorgt rund 300 Haushalte mit Strom.

Er nimmt nun doch einmal seine Mappe zu Hilfe und blättert darin. Seine Pläne gehen noch viel weiter. Sie sehen ein System von Wasserkraftwerken vor, das die Ressourcen der Ötztaler und Stubaier Alpen nutzt. Um neben dem Güter- auch den Personenverkehr über die Alpen zu verbessern, schlägt er eine Magnetschwebebahn von Verona nach München vor. 330 Kilometer wäre die Trasse lang, die Fahrzeit würde eine Stunde betragen. Sie soll durch das Karwendel und die Kanalröhre, entlang des Deckengewölbes, führen. „Platz“, sagt er, „ist da ja genug“. Außerdem möchte er die Trasse für eine Hochspannungs-Strom- und Datenleitungen nutzen, sie biete ideale Voraussetzungen. Und am Südportal bei Gargazon sollen am Hang auf eine Breite von drei Kilometern 20 000 Terrassenwohnungen entstehen. Allein damit, hat er berechnet, ließe sich der Bau des Tunnels finanzieren. „Mit der Magnetbahn wären sie in einer halben Stunde in München. Was glauben Sie, wie viel Münchner auf einmal in Südtirol würden leben wollen!“.

Und jetzt? Wie geht es weiter mit seinem Plan? Vielleicht kommt es zu einer Volksbefragung über den Eisenbahntunnel. So wie beim Bahnhof in Stuttgart. Auch dort begannen die Proteste erst, als es eigentlich schon zu spät war.  Aber es passierte. Richtig zufrieden macht ihn diese Aussicht nicht. Er will nichts verhindern, er möchte für die bessere Alternative streiten.

Er fährt jetzt mit dem Finger über eine Alpenkarte, in die er mit Filzstift  die Wasserstraße eingezeichnet hat. So betrachtet erscheint alles so einfach, so logisch. Könnte es sein, dass er von Beginn an einen aussichtlosen Kampf geführt hat? War er einfach ein paar Jahre zu spät dran mit seiner Idee? Oder kommt die Zeit erst noch, in der sein Plan auf Interesse stößt? Er hat darauf noch keine Antwort. Wie gesagt, es ist ein Jahrhundertprojekt. Das verlangt Geduld.

Immer wieder sonntags

Früher war Sonntag der Tag, um den Rausch auszuschlafen. Jetzt ist er der wichtigste Tag für die Familie – und der, an dem am meisten gestritten wird. Warum eigentlich?

 

Aus der Ferne betrachtet, sagen wir von Mittwochabend aus, scheint der Sonntag ein großes Versprechen zu sein. Wie kein anderer Tag bietet er alle Möglichkeiten, weil er uns eine Ressource schenkt, die an Wochentagen immer knapp ist: Zeit. Zeit, über die wir selbst bestimmen. Zeit, Freunde zu treffen, Zeit, Ruhe zu finden, Zeit, sich gehen zu lassen, Zeit, Pläne zu machen. Doch je näher er rückt, umso deutlicher zeigt sich auch der tückische Charakter des Sonntags, insbesondere für Familien.

Der Sonntag weckt Erwartungen, und was es kompliziert macht: bei jedem andere. Das lässt sich zum Beispiel Woche für Woche in den einschlägigen Parks beobachten. Ein Blick in ermattete, kompromisssatte Gesichter, in Mienen von Vätern und Müttern, die angestrengt ihre Unzufriedenheit überspielen, genügt, um zu begreifen: Keiner macht, was er will. Welche Szenen zwischen Schlafanzughosen, Croissantkrümeln und zerknitterten Zeitungen bereits hinter ihnen liegen, wie sie gerungen haben, ehe sie aufbrachen zum finalen Spaziergang sonntagnachmittags im Park, es ist zu erahnen. Sonst wäre man ja nicht ebenfalls hier und reihte sich ein in die Kinderwagenkolonne.

Als ich Vater wurde, stellte ich mir den Sonntag als eine Art Familienfeiertag vor. Nicht wegen der Tradition oder der Religion, sondern weil alle Zeit haben. Inzwischen weiß ich, dass das nicht so einfach ist. Das fängt schon damit an, dass der Sonntag genauso früh beginnt wie der Rest der Woche. Und nur, weil man nun Vater ist, vergisst man ja nicht einfach, wofür der Tag früher einmal stand. Sportexzesse. Tage, an denen man ein ganzes Buch gelesen hat. Tage, an denen man einen ausführlichen Mittagsschlaf hielt. Jetzt hat auch meine Lebensgefährtin Vorstellungen von einem perfekten Sonntag. Und unser Sohn? Noch spricht er nicht darüber, aber vermutlich hat er auch schon Ideen.

Dazu kommt, dass der Sonntag auch noch als Zeitreserve für alles Aufgeschobene, Unerledigte, Lästige herhalten muss. Steuererklärungen. Möbelrücken. Anrufe bei Verwandten. Sonntag ist auch Tag des schlechten Gewissens.

Es gibt also reichlich Möglichkeiten, den Sonntag zu ruinieren – doch auch ein paar Strategien, ihn zu überstehen. Die erste: Den Sonntag planen. Keiner Verabredung aus dem Weg gehen, keine Einladung ausschlagen. Das spart langes Nachdenken, gibt dem Tag Struktur und kann natürlich ganz furchtbar enden. Die zweite: Den Sonntag auf sich zukommen lassen. Allein die Vorstellung, einmal nichts zu müssen, kann enorm entspannen. Auf seine Intuition zu setzen und spontanen Eingebungen zu folgen, kann dem Sonntag sehr überraschende Wendungen geben. Und ebenfalls furchtbar in die Hose gehen. Die dritte: Rituale pflegen. Sonntagszeitungen besorgen. Erst mittags anziehen. Gemeinsam kochen. Tatort schauen. Macht den Sonntag überschaubar, dimmt die Erwartungen und kann in seiner 134. Wiederholung furchtbar langweilig sein.

Mit allen drei Strategien habe ich gute wie schlechte Erfahrungen gemacht und die Erkenntnis gewonnen: Keine Antwort auf die Sonntagsfrage ist richtig, wenn man sie zur Regel erklärt. Wer sich den Sonntag zum Freund machen will, muss genau wissen, was er von ihm will. Woche für Woche.

„Ich mag die Natur, ich liebe sie, aber ich gehe zu ihr hinaus, sie soll nicht zu mir reinkommen“

Sechs junge Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: So sehr sich ihre Stoffe, ihre Lebenswege und Ihre Art, Geschichten zu erzählen, auch unterschieden – die Sehnsucht nach den Bergen lässt sie nicht los.

 

„Ich möchte Sie warnen“, schreibt Dorothee Elmiger ein paar Tage vor unserem Treffen. Offenbar sind ihr Bedenken gekommen, als sie in der Betreffzeile der Mail „Alps“ gelesen hatte und sicherlich war sie sich der mahnenden Strenge ihrer Worte bewusst, „ich habe zu den Alpen nicht sehr viel zu sagen.“ Nun, natürlich sollte es auch ein wenig um die Berge gehen. Immerhin ist Elmiger Schweizerin und wuchs in Appenzell auf, da wäre es seltsam, keine einzige Frage nach ihrem Verhältnis zu den Bergen zu stellen.

Der Anlass sie zu treffen ist jedoch ein anderer. Vergangenen Sommer erschien ihr erster Roman, ein Debüt, das sich sehr unterscheidet von anderen Debüts. Es ist rätselhaft, manchmal sperrig, wirkt passagenweise mehr wie eine Sammlung von Fundsachen als eine Erzählung, und trägt den schönen Titel Einladung an die Waghalsigen.

In einem Kohlerevier ist ein Feuer ausgebrochen, das unter Tage noch immer glimmt. Zwei Schwestern spüren ihrer Vergangenheit nach, sie erkunden die Geschichte des Ortes, sie schlagen nach in Büchern, um zu verstehen was geschehen ist und suchen nach einem Fluss, um neu zu beginnen.

Als Elmiger in Klagenfurt beim Ingeborg Bachmann-Preis daraus las, sprachen viele Kritiker von einer Entdeckung. Die 24-Jährige bekam den zweiten Preis, und dann ging alles sehr schnell. Das Buch kam in die Läden, die Feuilletons stürzten sich darauf, sie wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert und erhielt kurz darauf auch noch den Aspekte-Literaturpreis, alles innerhalb von ein paar Wochen.

Schließlich stimmte sie einem Treffen doch zu. Sie schlug ein Kulturcafe in Kreuzberg vor, ein großer, schmuckloser Raum, in dem jedes gesprochene Wort lange nachhallt. Ein guter Ort, um sich mit Menschen zu verabreden, die man nicht kennt. Elmiger trägt einen blauen V-Pulli, Jeans, die Haare kurz im Nacken. Ihr Pony ist gerade soviel zu lang, dass sie ihn sich ab und an aus dem Gesicht streichen muss. Es ist ihr zweiter Winter in Berlin, sie kam her um zu studieren, Politik und Philosophie.

Seitdem sie hier lebt, sagt sie, falle ihr das Schreiben schwerer als zuvor. Berlin taucht nicht in ihren Texten auf, ihre Umgebung hat nichts zu tun mit dem Stoff, an dem sie gerade sitzt. Berlin ist ihr fremd. Ebenso wie die Rolle als bemerkenswerte junge Schriftstellerin. Wenn sie auf Lesereisen in ein Hotel eincheckt, trägt sie in der Rubrik Beruf nach wie vor Studentin ein.

Sie lässt offen, wo ihr Roman spielt, die Ortsnamen die darin auftauchen, lassen jedoch Schweizassoziationen entstehen. „Ich habe lange überlegt, ob  ich echte Ortsnamen verwenden soll“. Sie entschied sich dagegen, „aber der Ort in meinem Buch ist auch die Schweiz.“

Und wie ist es nun mit den Bergen? „Nun“, sagt sie vorsichtig, „je länger ich von Zuhause fort bin, um so deutlicher werden mir meine Prägungen bewusst“. Neulich erzählt sie, war sie das erste Mal an der Ostsee. Die Tatsache, dass dort alles so flach sei, habe sie schon sehr erstaunt.

 

Harriet Köhler hat ihr zweites Buch bereits veröffentlicht. Ähnlich wie Elmiger feierten die Rezensenten ihr Debut Ostersonntag unüberhörbar, „virtuos“, „großartig“, „fulminantes Sprachgefühl“. Sie erzählt darin von vier Menschen, die ihre Familie  am liebsten loswerden möchten. Das war 2007.

Zwei Jahre später erschien Köhlers zweiter Roman Und dann diese Stille, wieder eine Familiengeschichte. Ursprünglich hatte sie vor etwas ganz anderes zu schreiben. Sie dachte an Stoffe wie Aus dem Innenleben eines Investmentbankers oder eine Geschichte aus der Sicht eines Chefs, den alle hassen. Ostersonntag hatte Erwartungen geweckt, ein Bild entstehen lassen von der „jungen Wilden“. Sie fing an zu schreiben bis sie an den Punkt kam, an dem sie merkte: „Ich kann das erzählen, aber es berührte mich nicht. Ich musste erst begreifen, dass ich nur darüber schreiben kann, was mich wirklich bewegt.“ Und das war eben wiederum eine Familiengeschichte. Und dann diese Stille erzählt vom Schweigen in den Familien, vom Unvermögen miteinander zu reden und ins Gespräch zu kommen. „Die Sehnsucht nach dem großen Gefühl, das hat in Deutschland eine lange Tradition. Zugleich können die wenigsten Menschen damit offen umgehen. In Frankreich oder in Brasilien ist das anders, ganz anders“, sagt sie.

Köhler ist in München aufgewachsen, lebt inzwischen in Frankfurt und wird demnächst nach Berlin ziehen. Nicht aus Neigung, ihr Mann wird dort einen neuen Job antreten. Ginge es nach ihr, sie würde zurückkehren. „Erst“, sagt sie, „war ich froh aus München wegzukommen, aber in Frankfurt hat sich mein Blick auf die Stadt verändert. Zum ersten Mal habe ich mir dieses Jahr im Fernsehen den Einzug der Wiesnwirte angesehen. Auch der Dialekt gefällt mir immer besser.“

Im Sommer des vergangenen Jahres verbrachte Köhler vier Wochen in Gottlieben am Bodensee, ein Stipendium des Frankfurter Literaturhaus. Es war das erste Mal, dass sie längere Zeit in einem so kleinen Ort war. Es wurde eine beklemmende Erfahrung. „Ich wusste oft nicht, wohin mit mir. Die Menschen sahen mir nach, weil sie mich nicht kannten“. Manchmal fuhr sie mit dem Rad nach Konstanz, zum Telefonieren ging sie auf den Steg, dem einzigen Fleck, an dem ihr Telefon Empfang hatte. „Ich habe dort soviel geschrieben wie noch nie zuvor, einfach, weil es so unglaublich langweilig war.“ Es klingt wie ein Rahmen für eine Erzählung. Sie muss nur noch eine Autorin finden.

 

Auch Verena Rossbacher ist das Unbehagen vertraut, das von Orten ausgehen kann. Ein Cafe in einer Ecke von Prenzlauer Berg mit einer hohen Dichte von Schauspielern, Schriftstellern und Journalisten. Lila Stofftapete mit Blumenmuster, ein Klavier an der Wand, Kerzen brennen bereits am Nachmittag, Neuberliner Gastlichkeit gepaart mit Kaffeehauszitaten. Rossbacher sieht aus wie hineingemalt in diese Kulisse. Sie trägt ein lilafarbenes Oberteil mit Spitzen an den Ärmeln, Ohrringe mit Rubinen, das Haar hat sie zusammengebunden, es reicht ihr bis an die Hüfte. Ich versuche ihre Augenfarbe zu entschlüsseln. Grün? Braun? Grünbraun? Schwer zu sagen.

„Hier ist alles Folklore“, sagt sie. Die aufgehübschten Fassaden, die schnell sanierten Häuser, nichts Gewachsenes. Alles wird hier zelebriert, sagt sie, selbst das Kinderkriegen. Alles sei Haltung und Lifestyle. „Es ist sehr elitär, und das ist nicht gut für mich“, sagt sie. Wie zum Beweis, was sie sagt, kommt Axel Prahl, der Schauspieler, um die Ecke, ein Kind an der Hand.

Diesen Sommer  (Anm.: 2011) möchte sie weg von dort. Nicht zurück, bloß an einen Ort an dem es auch ein wenig Grün gibt. „In den Westen“, sagt sie, nach Charlottenburg, vielleicht in die Nähe des Botanischen Gartens oder gleich in den Grunewald. „Ich bin in Gegenden aufgewachsen, in denen es selbstverständlich schön ist. In Leipzig und Berlin muss man das Schöne suchen“. Was ihr abgeht wird deutlich, wenn sie davon erzählt, wie sie aufwuchs in Vorarlberg und St.Gallen, schwärmt von der Lage Zürichs oder dem Gefühl „irgendwo hinaufzusteigen und runterzusehen“, der Selbstverständlichkeit des Draußenseins. Vergangenen Sommer war sie mit dem Fahrrad viel in Berlin unterwegs, um ein wenig Natur zu finden. „Ich mag die Verausgabung und Ermüdung.“ Auch beim Schreiben.

Fünf Jahre saß sie an Verlangen nach Drachen, ihrem viel gepriesenem Debüt. Sie erzählt darin von sechs Männern, die alle von derselben Frau verlassen wurden, Klara.

Sechs Männer erzählen von Klara, der Frau, von der sie nacheinander verlassen wurden. Exzentrische und eigenwillige Charaktere allesamt, verliebt und verbissen in ihre Ideen und Empfindlichkeiten. Sie spielen Mozart für ihre Pflanzen, konservieren Haare ihrer Geliebten in Eiswürfeln, malträtieren Klaviere und kehren im Neugröschl ein, einem Wiener Beisl, das sich zur Autowerkstatt erklärt, wenn kein Koch zur Hand ist, ein Panoptikum voller Irrsinn und sehr komischen Dialogen.

Man muss sehr tief in der Melancholie verankert sein, um so lustig sein zu können, schrieb ein Kritiker anlässlich ihres  Romans. Sie mag dieses Zitat. „Literatur, die nicht humorvoll ist, finde ich sehr schwierig.“ Die lustigsten Sachen schreibe sie immer dann, wenn es ihr am wenigsten gut geht. Derzeit schreibt sie an Buch, das im kommenden Frühjahr erscheinen soll. Eine Novelle sollte es werden, aber es sieht so aus, als käme alles ganz anders, größer, vertrackter. „Im Moment“ sagt sie, „reiße ich einen schlechten Witz nach dem anderen. Das ist sehr erleichternd“.

 

Mit Xaver Bayer war ein Treffen in Wien vereinbart, er hatte  die Bar des Hotel Intercontinental vorgeschlagen. Doch daraus wurde nichts. In Berlin begann es zu schneien, dicke Flocken. Am Flughafen fehlte das Enteisungsmittel. Flüge wurden gestrichen, Züge standen still, Mietwagen waren ausgebucht. Nichts ging mehr, eineinhalb Tage Warten auf Anschluss.

Eine Lage, in die auch eine der Figuren aus Bayers Erzählband Die durchsichtigen Hände geraten sein könnte. In den 24 Erzählungen finden sich seine Charaktere immer wieder in Situationen, in denen, ausgelöst von ganz banalen Begebenheiten, von einem Moment auf den anderen ihre Existenz an einer einzigen Frage hängt. Ein Paar findet beim Abstieg von einem Berg den Weg zurück nicht mehr. Ein Künstler fühlt sich auf einer Gala von einer Fernsehkamera verfolgt und entwickelt wüste Gewaltphantasien. Ein Mann hört in seiner Wohnung Schreie eines Mädchens. Doch er kann sie nicht orten und je länger er versucht, sie ausfindig zu machen, umso unsicherer ist er sich seiner Wahrnehmung. Meistens entscheiden seine Figuren, nichts zu unternehmen. Ein Versagen, ein Scheitern? Bayer löst das nicht auf. „Das Schauerliche“, sagt er ein paar Tage später am Telefon, „zeigt sich deutlicher, wenn man nicht hinter den Vorhang blickt, sonder nur die Geräusche hört.“

Die Genauigkeit, mit der Bayer Gedankengänge und Irrwege seiner Charaktere zeichnet, erinnert viele Kritiker an Peter Handke. „Ich kann diese Tradition nicht verleugnen. Aber ganz so feierlich wie Handke bin ich wohl nicht.“

Drei Romane hat Bayer bislang veröffentlicht, den ersten, Heute könnte ein glücklicher Tag sein, mit 24. Weiter hieß der zweite, er erzählt von einem Gamer, dem alle Sehnsüchte abhanden kommen. Inzwischen ist Bayer 33, doch im Gegensatz zu vielen Autoren seiner Generation schottet er sich gegen die Versuchungen der Öffentlichkeit und des Internets ab. Er schreibt seine Texte bewusst mit der Hand auf Papier und überträgt sie erst ganz zum Schluss in den Computer. „Das hat nur Vorteile. Ich verliere so keine Daten. Der Computer verführt dazu, nicht selbst zu denken, etwa im Thesaurus ein Wort nachzuschauen. Das Handgeschriebene in den Computer zu übertragen ist außerdem ein wichtiger Moment und Gelegenheit, Änderungen am Text vorzunehmen. Ein Notizbuch stiehlt niemand. Durchgestrichenes auf Papier bleibt stehen, auf dem Computer gelöschtes ist weg.“ Er meidet Lesungen, obwohl das für viele Autoren oft die einträglichste Quelle für Einnahmen ist. Er komme sich  dabei vor „wie ein Handelsvertreter seiner selbst“. So nimmt er in Kauf, dass er vom Schreiben nach wie vor nicht leben kann. „Ich lebe von den Sparbüchern meiner Großmutter“, sagt er, „ich habe alles auf eine Karte gesetzt“. Das hält er auch bei seinem im Frühjahr erscheinendem Buch wieder so. Es besteht aus einem einzigen Satz und erzählt von einer Reise ins Ich. Es ist die Geschichte eines Mannes, der auf einem Flughafen auf den Abflug wartet.

 

Kartoffelsalat, sagt Lena Gorelik, das sei so eine Sache. Manchmal ertappe sie sich dabei, wie sie Kartoffeln in kleine Würfel schneidet, so wie man es in Russland macht, wenn man Kartoffelsalat zubereitet. Sobald ihr das bewusst werde, gehe sie aber dazu über, die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, so wie es in Bayern üblich ist. Es sind Momente wie diese, in dem ihre Biographie sich in einem Augenblick verdichtet.

In Meine weißen Nächte, ihrem ersten Roman, erzählt Gorelik von einem Mädchen aus St.Petersburg, das mit seinen Eltern als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland auswandert. Von der Ankunft in einem Flüchtlingslager, der fremden neuen Heimat, von den seltsamen Sitten ihrer neuen Landsleute, etwa zu viert im Auto zu sitzen und stundenlang kein Wort zu reden. Es ist, mehr oder weniger, ihre Geschichte. Gorelik lernte sehr schnell Deutsch, es fiel ihr nicht schwer, „ich war immer das Mädchen, das ein Buch vor dem Gesicht hatte“.

Ihre Stimme ist etwas belegt, sie trägt einen dicken Wollschal um den Hals und legt ihn auch nicht ab, als sie längst Platz genommen hat in einem kleinen Münchner Cafe, das auch Vinylplatten und Kinder T-Shirts verkauft und eine Tasse Tee sie wärmt.

24 war sie, als das Buch erschien. Das Russische und das Jüdische schrieb sie damals in einem Text für eine Zeitung, seien „nicht wichtig“ für sie. „Ich hatte damals vor allem den Drang dazuzugehören und mich möglichst wenig zu unterscheiden. Ich wollte so deutsch wie möglich sein“, sagt sie im Rückblick. Inzwischen ist sie 30 und sieht sie das etwas anders. „Ich habe jetzt ein größeres Selbstbewusstein, was meine Herkunft angeht, sagt sie. Ich gehöre nicht weniger dazu als jeder andere, aber mit meiner Vergangenheit und meiner Geschichte. Ich muss nicht mehr versuchen jemand zu sein, der ich nicht bin.“

Derzeit arbeitet Gorelik an drei Büchern. Einen Roman hat sie begonnen, die Themen der beiden anderen fielen ihr gewissermaßen vor die Füße. Für ein Sachbuch reiste sie quer durch Deutschland und traf Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sich aber hier zuhause fühlen. So wie sie. Gorelik lebte in Frankfurt und in Hamburg, in Toronto und in Jerusalem. „Aber in München fühle ich mich am wohlsten. Ich mag das, was man bayerische Gemütlichkeit nennt, ich sage Schmarrn und Christkindlmarkt und liebe es, sonntags in die Berge hinauszufahren. Berge sind für mich immer noch ein Naturwunder“.

Das Dritte Buch erscheint im März und trägt den Titel Lieber Mischa, du bist ein Jude. Vor einem Jahr wurde Gorelik Mutter eines Sohns, „auch das hat mich dazu gebracht mit vielen Fragen auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Es geht darum, sagt sie, „was ich meinem Kind mitgeben möchte“. Über das dazugehören, das Coolsein, über Großväter und, das ist ihr Gorelik ganz wichtig: jüdischen Humor.

 

Der Schneefall in Berlin vereitelte auch das Treffen mit Thomas Glavinic. Er antwortet auf Fragen aber ohnehin lieber schriftlich. Glavinic ist 38 und lebt in Wien. In Kürze erscheint sein achter Roman, Lisa.

Wann wissen Sie, dass ein Manuskript fertig ist? Sagen wir, irgendwann nach der 19. Überarbeitung reicht es mir einfach. Ist Ihnen der Gedanke vertraut, bereits erschienene Romane oder Texte noch mal umschreiben zu wollen? Naja, umschreiben… Ich würde sagen, in jedem meiner Bücher gibt es viele Dinge, die ich im Nachhinein gern besser gemacht hätte. Wie sozial sind Sie beim Schreiben? Benötigen Sie den Rückzug, Abgeschiedenheit? Ja, schon. Ich habe mir eigens eine Wohnung dafür angemietet, in der es kein Telefon gibt, aber dafür viel Musik und Kaffee, und da habe ich den ganzen Tag lang meine Ruhe. Unter welchen Umständen schreiben Sie am liebsten? Mit Ausblick auf das Meer, in einer luxuriösen Villa, mit einer schönen Frau, die hinter mir im Bett schläft. Aber da das nicht immer möglich ist, nehme ichs, wies kommt. Lieber morgens oder nachts? Oder egal? Nach dem Aufstehen. Ich darf nicht zuviel vom Tag gesehen haben, ich will quasi aus dem Schlaf in den Text hinein. Kann Alkohol beim Schreiben helfen? Beim Nachdenken über den Text im Vorhinein ja. Ich glaube, das mit dem Alkohol als Hilfsmotor beim Schreiben ist ein Mythos. Schreiben hat ja mitunter auch etwas mit Denken zu tun, und wie gut wir denken, wenn wir betrunken sind, wissen wir alle.

Lisa erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nach einem Einbruch in seine Wohnung in einer kleinen Hütte verschanzt, weil die Ermittler DNA-Spuren einer Serienmörderin fanden, Lisa. Von dort spricht er Abend für Abend befeuert von Whisky und Kokain er via Internetradio zu einem imaginären Publikum. Ein irrwitziger Text über die Absurdität virtueller Realität.

Können Sie an einem Computer schreiben, der Internetzugang hat? Schon, ja. Soviel Selbstdisziplin bringe ich schon noch auf. Welchen Nutzen hat Facebook für Sie? Nutzen? Spaß macht es halt ab und zu. Es ist Zeitvertreib. Ein virtueller Kaffeehausbesuch. Haben Sie bestimmte Zeiten oder Regeln, wann und wie sie Mails lesen beantworten, ins Netz gehen zu Facebook? Ich habe sowieso kaum Regeln, weil ich mich eh nicht dran halten kann. Ich habe ein I-Phone mit Facebookzugang, das sagt wahrscheinlich alles.

In Das bin doch ich erzählt Glavinic von einem Schriftsteller der Thomas Glavinic heißt, und endlich auf den Durchbruch hofft. Er hat einen Freund, der sehr erfolgreich ist, Daniel Kehlmann heißt er. Ein Meisterwerk der Selbstiroie, schrieb ein Kritiker.

Spielt es bei der Wahl Ihrer Stoffe eine Rolle, Erwartungen zu unterlaufen? Nein. Ich mache einfach etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ich will Texte schreiben, an denen ich scheitern kann, nicht solche, die ich schon dutzendfach geschrieben habe. Es gibt Autoren, die schreiben ihr Leben lang dasselbe Buch, wieder und wieder. Ich halte das für eine Mischung aus Feigheit und Mangel an Kreativität. In Das bin doch ich gibt es eine schöne Szene im Sessellift. In Das Leben der Wünsche spielt ein Seilbahnunglück eine Rolle. Sind Berge für Sie ein Ort der Bedrohung? Nein, ich liebe Berge! Ich bin nur zu faul, hinaufzugehen. Meiden Sie Berge eher oder können Sie mit der Idee Berge als Ort der Selbsterfahrung und des Rückzugs zu begreifen etwas anfangen? Ich kann mit der Idee mehr als nur etwas anfangen, deswegen dreht sich einer meiner nächsten Romane ums Bergsteigen. Hat sich an Ihrer Einstellung dazu in den vergangenen Jahren etwas verändert? Nein, ich lese schon seit meiner Kindheit Bergbücher, und über Höhenbergsteigen im besonderen habe ich so ziemlich alles gelesen, was mir je in die Finger gekommen ist, und das war viel. Welchen Gipfel haben Sie zuletzt bestiegen? Die Rax. Nicht lachen.

Nicht, dass vorher alles verkehrt war. Nur: Nie zuvor fühlte sich etwas so zweifellos richtig an.

Ein Mann kommt viele Jahre seines Lebens ohne Kind aus. Dann wird er Vater. Und sein Leben anders. Ganz anders. Philip Reichardt über Verluste und Gewinne

 Klar, ich bin Anfänger. Alles, was ich beitragen kann über das Leben als Vater, beruht auf den Erfahrungen eines Jahres. Das ist nicht viel, schon gar nicht, wenn ich mich mit all den Experten in meinem Freundeskreis messe, die zwei und mehr Kinder haben, manche schon so lange, dass sie sich bereits aufs Abitur vorbereiten.

Mit dem Leben ohne Kinder dagegen kenne ich mich aus, ziemlich gut sogar. Ich habe es bis in alle Einzelheiten studiert, und ich habe es geliebt. Eine großartige Zeit, die ich nicht missen möchte. Jetzt bin ich Mitte vierzig und endlich Vater. Ich weiß also, wovon ich spreche, wenn ich mein jetziges Leben mit dem von früher vergleiche.

Natürlich, es hat sich einiges verändert. Ich gehe so früh zu Bett wie nie zuvor. Mein Fahrrad hat Rost angesetzt. In den Bergen war ich seit der Geburt meines Sohnes kein einziges Mal, weder zu Fuß noch mit dem Mountainbike. Ins Kino schaffte ich es seither genau einmal. Dafür kenne ich mich inzwischen in Drogeriemärkten aus und wohne im ersten Stock.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich ist nämlich kaum etwas abhanden gekommen. Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich um Viertel nach elf das Licht ausmache. Anstatt ins Kino zu gehen, habe ich eine ganze Reihe großartiger amerikanischer Serien auf DVD gesehen. Freunde zu treffen erfordert nun Absprachen und mehr Aufwand, doch umso mehr schätze ich es nun, einen Abend mit ihnen zu verbringen. Ich habe mich bei Facebook registriert, so lässt sich Kontakt halten mit vielen Bekannten und Kollegen, die ich nicht mehr so oft treffe.

Ich sehe nach wie vor samstags die Sportschau, manchmal allerdings verstehe ich kein Wort, weil Artur nebenan singt, schreit oder beides zugleich. Mein Koordinatensystem hat sich ein wenig verschoben, die Grenzen, in denen ich mich nun bewege, sind enger. Doch das Leben steht nicht auf dem Kopf. Es ist keinesfalls so, dass all das, was mein Leben früher ausmachte, nun mit einem Schlag keine Rolle mehr spielen würde. Nur frage ich mich verstärkt, was wirklich wichtig ist.

Laufen gehen etwa: nach wie vor sehr wichtig, auch wenn es mehr Aufwand erfordert, die Zeit dafür zu finden. Selber gut kochen: wichtiger als vorher, macht jetzt auch mehr Spaß. Der Kontakt zu meiner Mutter, meiner Schwester, ihren Kindern: wichtiger, häufiger und stärker als früher. Tolle Anzüge, Hemden und Schuhe tragen: nicht mehr so wichtig. Drogeriemärkte: leider wichtig, früher kam ich auch gut ohne sie aus. Die Wohnung unterm Dach: existiert nicht mehr. Sie aufzugeben bedeutete den stärksten Einschnitt seit Arturs Geburt. Diese Wohnung war Ausdruck eines Lebensgefühls, an dem mir viel lag und liegt. Ein einziger riesiger Raum, offene Küche, eine Galerie, auf der mein Schreibtisch stand, sechs Meter hohe Decken. Fast sieben Jahre wohnte ich dort, ich liebte sie. Wenn man will, das perfekte Symbol meines Lebens ohne Kind. Doch sie hatte ihre Macken. Kein Lift, kein Stauraum, keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Für einen allein war sie perfekt, für zwei eine Herausforderung, für drei eine Zumutung. Wahr ist aber auch, dass ich manchmal mit Wehmut an sie zurückdenke, etwa wenn ich morgens in unserer Altbauküche das Licht anknipse, weil die Sonne es nicht bis zur Küchentür schafft, schon gar nicht in den ersten Stock.

Begriffen, dass mein Leben mittlerweile einer anderen Spur folgt als früher, hatte ich an einem Samstagvormittag vergangenen Sommer. Ich war mit Artur in der Münchner Innenstadt unterwegs, als die Christopher-Street- Day-Parade an uns vorbeizog. Von einem Wagen wummerte ein besonders treibender Beat, unmöglich, sich ihm zu entziehen, die Bässe durchdrangen den Körper, und meine Reflexe – sie funktionierten. Ich blieb stehen, ließ die Einkaufstüten sinken, trommelte mit der Hand den Rhythmus auf meinem Schenkel, sah den enthemmt Tanzenden nach und bekam große Lust, mich wieder einmal von House-Beats durch die Nacht tragen zu lassen. So wie früher. Zugleich verstand ich in diesem Moment, dass dieses Gefühl, das ich mir einige Augenblicke lang herbeisehnte, von meinem jetzigen Leben schon ein ganzes Stück entfernt lag.

Nicht, dass vorher alles verkehrt war, keineswegs. Nur: Nie zuvor fühlte sich etwas so zweifellos richtig an. Es ist, als hätte sich das Leben als Vater um eine bislang nicht zugängliche Dimension erweitert. An Erfahrungen, Perspektiven, Glücksmomenten. Seinen Sohn ins Mittelmeer zu tauchen und zu sehen, wie er vergnügt mit den Beinen strampelt und seinem Papa zulächelt, mit der Kraxe auf dem Rücken wandern zu gehen und zu spüren, wie er hörbar gut gelaunt mit seiner kleinen Hand auf meine Schulter klopft: Das sind, auch wenn es sich immer ein wenig nach Heile-Welt-Kitsch anhört, tatsächlich große Momente. Früher nickte ich angestrengt und simulierte Verständnis, wenn Freunde glückstrunken von ähnlichen Erfahrungen berichteten.

Nun verstehe ich, was sie damals meinten. Jetzt, mit der Erfahrung von 14 Monaten, halte ich es für eine schöne Vorstellung, zu wissen, dass ich ihn prägen werde. Ich werde sein Maßstab sein, eine ganze Weile lang. Er wird glauben, was ich sage, er wird mir vertrauen, dass die Entscheidungen, die ich treffe, richtig sind. Er wird imitieren, was ich vormache, erst nur Gesten, dann Worte, später wohl wird er auch Ansichten und Einstellungen von mir übernehmen. Bis er dann irgendwann seine eigenen Maßstäbe entwickeln wird.

Ich werde mir also Gedanken machen müssen, was ich einem Menschen beibringen möchte, der noch nichts weiß von dieser Welt, welche Erfahrungen ich weitergebe und welche lieber nicht, wofür ich ihn begeistern und mit welchen Augen ich ihn auf dieses Leben blicken lassen möchte. Keine leichte Aufgabe, doch vielleicht werde ich daran wachsen und er auch. Schon jetzt freue ich mich darauf, mit ihm Musik zu hören, ins Stadion zu gehen oder selbst zu kicken, ihm Geschichten zu erzählen, ihm zu vermitteln, was schön, lustig und gerecht ist.

Mittlerweile weiß ich auch, dass nicht alles genauso kommen wird, wie ich es mir ausmale. Von Beginn an haben meine Lebensgefährtin und ich uns etwa vorgenommen, dass nicht das Kind unser Leben bestimmt, sondern wir das seine. Diesen Ansatz finde ich auch nach 14 Monaten noch richtig. Doch er lässt sich nicht immer durchhalten. Prinzipien sind das eine, Alltag das andere. Irgendwann wird Artur Fahrrad fahren, mich in die Berge begleiten und ich wieder ins Kino und ins Theater gehen.

Ein wenig überrascht hat mich, dass Menschen, die ich schon lange kenne, mir nun gelegentlich allzu gönnerhaft und altklug begegnen, insbesondere, wenn sie selbst schon lange Eltern sind. So überschwänglich ihre Glückwünsche, Ratschläge und ihr Interesse auch ausfallen, ihre eigentliche, häufig subtil verpackte Botschaft lautet, dass der größte Makel meines Lebens nun endlich behoben sei. „Na bitte! Doch noch gescheit geworden! Willkommen im Club der allzeit Sorgenvollen und Breibeschmierten.“ Es ärgert mich jedes Mal. Was dachten sie früher eigentlich über mich? Ich hatte ein schönes Leben, eine schöne Wohnung und obendrein genug Schlaf. Recht haben sie dennoch: Ich fühle mich ja tatsächlich bereichert und auf eine Weise kompletter. Auf keinen Fall missen möchte ich eine Erfahrung aus dem vergangenen Sommer. Zum ersten Mal machten wir zu dritt zwei Wochen Urlaub in Italien, und egal, ob wir an den Strand gingen, einkaufen oder in eine Pizzeria, es dauerte immer nur ein paar Augenblicke, ehe Artur alle Aufmerksamkeit auf sich zog. „Arturo“, herzten sie ihn, küssten ihm die Füße, machten ihm kleine Geschenke und sangen Lieder für „Arturo Bambolotto“. Ich hatte das Gefühl, Vater eines Popstars zu sein. Irgendwann wandten sie sich immer Arturs schöner Mutter zu, sie nahm die Zuneigung und Freundlichkeiten strahlend entgegen.

Doch einmal kam es anders. Wir waren gerade in einem Hotel angekommen und waren auf dem Weg in unser Zimmer. Ein Page trug unsere Koffer und flirtete währenddessen mit Artur. Er konnte sich gar nicht trennen vom Anblick des kleinen, blonden Jungen. Schließlich verabschiedete er sich, drehte sich nicht, wie sonst immer üblich, zur Mutter hin, sondern zu mir. Anerkennend sagte er: „Complimente al papá“ – Kompliment an den Vater.

 

Auf einmal war er nicht mehr da

Was wissen wir über unsere Eltern? Nach dem Tod seines Vaters beschäftigte sich Philip Reichardt mit dieser Frage und schrieb ein Buch darüber

Bis zu dem Tag, an dem er starb, glaubte ich meinen Vater gut zu kennen. Ich kannte seine Vorlieben, seine Eigenheiten, seine Empfindlichkeiten. Ich wusste, welchen Humor er schätzte, welche Filme und welche Bücher. Es fiel mir nicht schwer, an der Art, wie er aus dem Auto stieg, auf seine Laune zu schließen.

Von kleinauf vertraut waren mir auch viele der Geschichten, die er immer wieder erzählte. Manche klangen abenteuerlich, manche mündeten in ziemlich komischen oder abstrusen Pointen. Als ich älter wurde, kamen natürlich Zweifel auf, ob sich wirklich alles genauso zugetragen hatte, wie er es erzählte und irgendwann durchschaute ich auch seine Technik des  Hinzufügens und Weglassens. Doch darauf kam es gar nicht an. Seine Erzählungen fügten sich mit den Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Jugend und später mit ihm machte zu einem Bild  seines Lebens, das mich alles in allem zufrieden stellte. So war er eben, der Vater.

Dass ich doch nicht so gut Bescheid wusste über meinen Vater, wurde mir wenige Stunden nach seinem Tod zum ersten Mal bewusst. Genaugenommen, als es um die Frage ging, wie er beerdigt werden sollte. Darüber hatten wir nie gesprochen, er hatte dazu nichts hinterlassen und ich hatte mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Einen Tag lang hatten meine Familie und ich Zeit, eine Entscheidung zu treffen. In diesen Stunden setzte sich ein Mechanismus in Gang, der mich die nächsten Jahren über beschäftigen sollte. Nun, da er nicht mehr da war, sah ich in seinem Leben überall nur Lücken, Fragen und Rätsel.

Sein Tod kam völlig unerwartet, nichts schien darauf hinzudeuten. Oder doch? Hatte ich möglicherweise Hinweise übersehen? Ahnte er insgeheim, dass er am Ende seines Lebens angekommen war? Telefonate in den Wochen zuvor erschienen auf einmal in einem anderen Licht. Hätte ich damals genauer hinhören und reagieren müssen? Jede Antwort brachte neue Fragen hervor.

Ich räumte seine Wohnung – zunächst mit Widerwillen, schließlich mit dem Eifer eines Archäologen – leerte Schränke und Regale und fragte mich, wie es dazu kam, dass ich so wenig über ihn wusste. Unser Verhältnis war so normal wie es zwischen Vater und Sohn nur sein kann, nicht unbedingt innig, doch es stand auch kein Zerwürfnis im Weg, das vertraute Gespräche von vornherein unmöglich gemacht hätte.

Wenn wir uns trafen, unterhielten wir uns darüber, was eben so anstand. Wir tauschten Neuigkeiten aus, nahmen durch, was wir in der Zeitung gelesen hatten, kommentierten Formel-1 und Fußballergebnisse, er erzählte von seinem Pferd oder seinem Hund, ich von meinen Plänen. Ich möchte diese Gespräche nicht missen, doch im Nachhinein erschienen mir unsere Unterhaltungen einer ausgeklügelten Choreografie zu folgen, die jede Anstrengung und Berührung vermied, die schmerzhaft hätte sein können.

Was mir nun so überaus wissenswert erschien, war gar nicht einmal neu. Es ging um Fragen, die ich mir schon gestellt hatte, manche auch ihm. Nun, da er nicht mehr darauf antworten konnte, erlangten sie allerdings eine Dringlichkeit wie nie zuvor.

Hatte er auf Menschen geschossen als 15-Jähriger Flakhelfer, gar einen getötet? Wann und kam hatte er begriffen, was für eine mörderische, abartige Idee hinter dem Nationalsozialismus steckte? Warum erzählte er so wenig von seinem Vater? Wie war das mit seiner Mutter, von der es immer nur hieß, sie sei früh gestorben? Was genau hatte ihn so fasziniert an Amerika, als er mit einem Stipendium ein Jahr in den USA verbrachte und gar nicht mehr zurückkehren wollte?

Mein Vater war 35 bei meiner Geburt, 73, als er starb. An die ersten sechs Jahre meines Lebens habe ich wie viele andere auch nur wenige und nur sehr schemenhafte Erinnerungen. Zu dem Zeitpunkt, als meine Erinnerung allmählich einsetzt und stärker wird, war also schon mehr als die Hälfte seines Lebens vorbei. Die folgenden 12 Jahre, also etwa bis zu meiner Volljährigkeit, nahm ich meinen Vater aus der Perspektive des Kindes und Jugendlichen wahr. Zunächst als Helden, bis ich mich irgendwann auf Augenhöhe fühlte, zunächst nur körperlich,  mit zunehmender Unabhängigkeit auch auf andere Weise. Bleiben 15, vielleicht knapp 20 Jahre, in denen ich ihn mit erwachsenem Bewusstsein wahrnahm, 20 Jahre, auf denen das Gros meiner Beobachtungen, Erfahrungen und Urteile über ihn beruhen. Seine letzten 20 Jahre.

Ich begann mein Wissen über ihn, das Geflecht aus Erinnerungsfetzen, Zitaten und Anekdoten, zu entwirren. Woher wusste ich, was ich wusste? Ich staunte, dass meine Vorstellung von der Ehe meiner Eltern allein auf ein paar Fotografien beruhte. Überrascht war ich auch, welche Rolle all die Legenden spielten, auf die innerhalb unserer Familie immer wieder angespielt und Bezug genommen wurde. Welche Rolle etwa spielte die Bekanntschaft mit Hildegard Knef für die Ehe meiner Eltern? Die meisten von ihnen stammen aus den 50er Jahren, der Zeit, als mein Vater begann zu arbeiten und eine Familie gründete. Ich entdeckte, wie vage diese Geschichten waren, dass sie ohne Anfang und Ende auskamen und ihre Existenz als Nebensätze fristeten. Und, wie sich in einigen Fällen herausstellte, hatte das meistens auch gute Gründe. Je weiter ich zurückging in der Biographie meines Vaters, umso verschwommener wurde das Bild.

Mit ihm über seine Zeit im Krieg zu sprechen, war nicht leicht. Wenn es ging, vermied er es. Doch im Laufe der Jahre kam immerhin so viel zusammen, dass ich begriffen hatte, dass dies die finstersten Jahre seines Lebens gewesen sein mussten. Irgendwann machte ich mich daran, jede Geschichte, jedes Detail zu notieren, das mir einfiel. Nach einigen Wochen und etlichen Anläufen standen ganze fünf Stichworte und Sätze in meinem Notizbuch.

Ich empfand Scham beim Anblick dieser dürftigen Ausbeute. Erst als ich mich unter Gleichaltrigen umhörte, wurde mir bewusst, dass mein Unwissen eher Regel-, denn Einzelfall war, und zwar unabhängig davon, in welcher Konstellation und unter welchen Bedingungen einer aufwuchs.

Ich stellte Nachforschungen an, stieß auf Briefe, die der Vaters meines Vaters an ihn geschrieben hatte und entdeckte ein Tagebuch aus dem Jahr 1946, da war er 17. Ich recherchierte in Archiven, sprach mit alten Bekannten, identifizierte alte Fotos und näherte mich einer grundsätzlichen Frage: Gibt es das überhaupt, eine Art Kanon, was ein Sohn über seinen Vater, eine Tochter über ihre Mutter wissen wollte? Liegt es nicht in der Natur der Dinge, dass Söhne ihre Väter nur in Umrissen kennen? Liegt nicht gerade im Unausgesprochenen und Undurchschaubarem ihre Macht und ihr Mysterium, die ihnen Deutungshoheit, Respekt und Bewunderung der Söhne sichert?

Ich fand eine Menge heraus, wenn auch längst nicht alles, was ich wissen wollte. Manches Rätsel lösten sich, Lücken schlossen sich, manche nebulöse Andeutungen entfalteten ihren Sinn, und so setzte ich mir das Bild vom Leben meines Vaters noch einmal neu zusammen.

Man mag sich fragen: muss das sein? Ist es wirklich notwendig über die Vergangenheit seiner Eltern Bescheid zu wissen? Nein, bestimmt nicht. Es ist nur ungemein erhellend. Die Geschichte seiner Eltern zu kennen, heißt nicht, sie zu idealisieren, sondern schafft erst die Voraussetzung dafür, sich von ihr lösen zu können und sie nicht wie ein unsichtbares Erbe ein Leben lang mit sich herumschleppen zu müssen. Zu begreifen, inwieweit und worin man sich von ihnen unterscheidet, wie sie Einstellungen prägten, und auf welche Weise Muster ihres Lebens sich im eigenen fortsetzen, heißt, die eigenen Spielräume zu vergrößern und die Chancen der eigenen Entwicklung zu erkennen. Es bedeutet, sich selbst aus der eigenen Geschichte heraus zu verstehen.

Und weg ist er

Von einer Party, aus einer öden Beziehung, nach belanglosem Sex.Warum bloß findet ein Mann das so faszinierend?

Leo Kaplan trifft seine Entscheidung innerhalb weniger Sekunden. Bestürzt und gekränkt dreht er sich um, läuft wortlos die Treppen hinunter und verschwindet. Zurück lässt er seine Geliebte, die ihm eben mitgeteilt hatte, dass sie das gemeinsame Kind abgetrieben hat, und einen Haufen unbeantworteter Fragen. Es ist die entscheidende Wende im Leben des Leo Kaplan, Held in Leon de Winters gleichnamigem Roman.

Wer ohne Ankündigung geht, einfach verschwindet, hinterlässt eine Lücke, Verstörung, oft auch Zorn und Verzweiflung. Er bricht mit der Konvention, dem Abschied eine Form zu geben. Seinem Gegenüber in die Augen zu blicken und seine Absichten zu offenbaren, zeugt von Verlässlichkeit und Charakter. Wer dieses Ritual der gegenseitigen Vergewisserung unterläuft, gibt Rätsel auf und enttäuscht Erwartungen. Im Verschwinden steckt der Schwindel — die harmlosere, weil nicht so bösartige Variante der Lüge. Im alltäglichen Umgang geht solches Verhalten, je nach Anlass und Lage, mal als Fauxpas durch, mal als Affront. In Fällen besonderer Heimtücke wird es als Vergehen geahndet.

Sich im Getümmel einer Party unauffällig davon zu machen, ohne dem Gastgeber zu danken, verrät nicht eben Klasse, wird aber in aller Regel als mindere Unhöflichkeit nachgesehen, die schnell in Vergessenheit gerät. Zumal bei Gästen, die zuvor zu glänzen verstanden. Wer sich einen Abend lang kaum bemerkbar macht und erst mit einem heimlichen Abgang für Aufmerksamkeit sorgt, dessen Verschwinden wird kaum Bedauern auslösen.
Am ehesten mit Nachsicht rechnen kann, wer nach einer unverhofften Liebesnacht morgens aus einem fremden Bett verschwindet. Nicht nur weil das lautlose Davonschleichen sich nahezu von selbst erklärt, sondern gelegentlich auch auf erleichtertes Einverständnis trifft.

Nicht selten geht dem Verschwinden ein Verstummen und Verschweigen voraus. Das macht sich vor allem zu nutze, wer Übles im Sinn hat, der Zusammenhang wird allerdings meist erst im Nachhinein bemerkt. Der Fondsmanager etwa, der das Geld seiner Anleger verzockt, von einem Tag auf den anderen nicht mehrauffindbar ist, seine Spuren verwischt und vor seiner Verantwortung und der Wut seiner Geldgeber flieht. Mit empörtem Kopfschütteln kommt er nicht davon. Er sieht sich von Ermittlern und Staatsanwälten verfolgt. Zu Recht.

Ein ganz anderes Motiv treibt dagegen Jay, die Hauptfigur aus Hanif Kureishis Erzählung »Rastlose Nähe«: Mit seinem Verschwinden gibt er eine Antwort auf das Verschwinden der Liebe und jeder Lebendigkeit aus seinem Leben. Als er morgens fortgeht, trägt er nichts weiter bei sich als eine kleine Tasche. Alles andere lässt er zurück: seine beiden Söhne, seine Frau, das gemeinsame Haus, sein bisheriges Leben. Bevor er geht, spielt er alles nochmal durch, nimmt ein letztes Mal vertraute Geräusche wahr, lässt die vergangenen Jahre an sich vorbeiziehen und versichert sich seiner Motive — akribisch wie einen Ausbruch aus dem Gefängnis hat er alles geplant. Sobald er aufwacht, rasiert er sich, schreibt seiner Frau einen Zettel und verschwindet. Ohne Geschrei, kaltblütig und voller Hoffnung.

Kureishis Held folgt seiner Sehnsucht nach mehr Leben und mehr Sex. Einermännlichen Fantasie, die umso mehr Anziehungskraft entfaltet, je berechenbarer das Idealbild des Mannes sich darstellt. Jays Entschluss artikuliert das Wunschdenken desjenigen, der sich schon mit einem Bier in der Hand als ganzer Kerl fühlt und den iPod-Stöpsel im Ohr, den Flachbildschirm an der Wand und die Hautpflegeserie im Bad als Ausweis zeitgemäßer Männlichkeit ansieht.

Ein Gedankenspiel, in dem Männer Mut zeigen — auch darin, nicht von allen gemocht zu werden —, nicht alles zerreden und laue Kompromisse schließen, Entschlüsse fassen und Zwänge abschutteln, endlich einmal ihrer inneren Stimme und ihrem Verlangen folgen und tun, was getan werden muss, so schmerzhaft es auch sein mag. Alles auf null, zurück auf los und dann immer weiter. Sempre avanti. Wer plant zu verschwinden, muss also kein schlechter Kerl sein, nur weil er Rätsel aufgibt. Im Gegenteil, er taugt durchaus zum einsamen Helden, sofern sein Abgang nicht in erster Linie eine Flucht darstellt, sondern Überdruss am Gleichmaß ihn leitet, Abenteuerlust, Lebenshunger. Er widersetzt sich dem Erwartbaren und Geläufigen, macht sich frei, kennt nur seinen Willen und nimmt in Kauf, verdächtigt, verurteilt, und wenn es ganz blöd kommt, verteufelt zu werden. Sein Verdienst besteht darin, dass die Lücke, die er hinterlässt, im besten Fall mehr bewegt als seine Präsenz und jede noch so große Zahl kluger Gedanken und Worte.

Ein Motiv, das häufig in Thrillern und Agentengeschichten Verwendung findet, schließlich lassen sich auf diese Weise falsche Fährten legen und Gegenspielerin die Irre schicken. In Vollendung beherrscht diese Gabe des Entkommens und gleichzeitigen Täuschens Patricia Highsmiths Romanheld Tom Ripley, ein ebenso charmanter wie eiskalter Hochstapler und Mörder, der an seinen Aufgaben wächst. Zunehmende Bedrängnis seiner Verfolger beantwortet er mit zunehmender Souveränität, je näher sie kommen, umso gerissener seine Tricks und Wege, abermals zu verschwinden. Erfolgreich ist jemand wie Ripley allerdings nur, weil er seinen Verstand benutzt, sich von Stimmungen nicht einfangen lässt, die Launen seines Gegenübers erfasst wie ein Seismograf und seine wahren Absichten zu verbergen versteht. Sowie über ein Gespür für exaktes Timing verfügt.
Wer zu früh geht, weil er etwa einer Laune folgt oder einer Verstimmung nachgibt, wird es daran merken, dass ihn Zweifel plagen: Hätte ich vielleicht doch bleiben sollen? Leo Kaplan ließ sich von einem Impuls leiten. Ruhe fand er erst, als er herausfand, dass der Satz seiner Geliebten, der den Ausschlag für sein Verschwinden gab, nicht der Wahrheit entsprach —17 Jahre später.

Wer zu lange zögert und den richtigen Zeitpunkt verpasst, stellt das in der Regel in genau jenem Moment fest, da die Gelegenheit vorüber ist. Er wird fluchen, sich weiter in Geduld üben, bis er versteht, dass genau darin das Problem liegt: dass er zu viel davon besitzt. Den perfekten Augenblick zu erkennen, verlangt Scharfblick sowie Gewissheit, seinen Impulsen zu trauen. Nur dann wird man lautlos entkommen. Ob er auf diese Weise das Gluck findet, ist eine andere Frage. Selbst wenn er nichts Besseres findet als das, was er verlässt, und der Kick des Abenteuers mit der Zeit nachlässt, eines bleibt ihm immer: aufzutauchen, wenn keiner damit rechnet.

Welches Geheimnis nimmt ein Vater mit ins Grab?

„Vielleicht stellen wir unseren Eltern zu Lebzeiten zu wenig Fragen“, sagt der Autor Philip Reichardt.  Kann man das posthum nachholen?

 

BRIGITTE: Zeigen Sie mir bitte Ihre Brieftasche?

Philip Reichardt: Hm. Bitte schön.

 

Sie sagen, ein Portemonnaie reiche aus, den Kosmos seines Besitzers aufzuspannen.Was für einen Menschen sehen Sie?

Erst mal jemanden, der eine neue Brieftasche bräuchte . . . Aber wenn ich da trotzdem mal reingreife: Betriebserlaubnis für eine Vespa, FC-Bayern-Jahreskarte, Fitness-Club, die Key-Card eines Hotels aus Vorarlberg, die ich versehentlich mitgenommen habe. Und dann noch ein ganzer Packen Quittungen.

Das sagt eine Menge über den Besitzer. Sie haben das mit dem Leben Ihres verstorbenen Vaters versucht und darüber ein Buch geschrieben*. Anstatt seiner Brieftasche hatten Sie eine ganze Wohnung.

 

Dort fing ich an. Es war meine letzte Chance, Antworten von ihm zu bekommen . . . .

 

. . als posthumer Fährtenleser. Was war das für ein Gefühl?

Anfangs kam ich mir vor wie ein Eindringling, der in Sachen stöberte, die ihn nichts angehen. Ständig dachte ich: Du hast hier nichts verloren. Das sind nicht deine Sachen.

Sie hätten ihn ja auch schon zu Lebzeiten fragen können.

Sein Tod kam völlig unerwartet, und da erst wurde mir bewusst, wie wenig ich über ihn weiß. Ich hatte das Gefühl, ich hätte etwas versäumt. Fragen nicht gestellt, Gesprächsangebote ignoriert. Diesen Fehler wollte ich nicht noch mal machen. Mit der Zeit merkte ich, dass diese Wohnung meines Vaters hoch spannend war. Wie ein Archäologe arbeitete ich mich durch, Schicht für Schicht, kartografierte gelebtes Leben. Ich habe sogar ein Faible für Leitz-Ordner entwickelt.

Was erzählen denn schnöde Unterlagen?

Selbst in Kontoauszügen und Amtsschreiben wird ein Mensch sichtbar. Am Zustand seiner Wohnung konnte ich ziemlich gut ablesen, wie dort gelebt wurde, vor allem aber, wie nicht. In der Küche hatte er die letzten 20 Jahre höchstens Wasser heiß gemacht, das Sofa war begraben unter Videokassetten. Es ist nicht so, dass da plötzlich ein komplett anderer Mensch auftaucht. Aber ich bekam einen anderen Zugang. Mir hat das geholfen, zu verstehen, warum er so war, wie er war.

Zum Beispiel?

Für mich war es eine ganz wichtige Einsicht zu sehen, dass auch mein Vater ein Sohn gewesen ist.

Klingt banal …

 … ist es aber nicht. Ich habe verstanden, wie sehr mein Großvater, den ich nie kennen gelernt habe, meinen Vater geprägt hat. Bei den Recherchen habe ich Briefe von ihm an meinen Vater gefunden. Und ich wäre fast vom Stuhl gefallen: Nahezu identische Briefe hat mein Vater an mich geschrieben. Der Ton: „Mein Junge, warum höre ich nichts von dir? Warum kümmerst du dich nicht um deinen alten Vater. . . “ Er hatte diese Art Vaterhaltung offenbar einfach übernommen.

 

An Ihrem Vaterbild mussten Sie einiges korrigieren. Kleine Dinge: Die vier Bände von Kempowskis „Echolot“, als groß­artiges Geburtstagsgeschenk gelobt, jetzt fanden Sie sie originalverpackt im Regal. Aber auch, dass seine Familie gar nicht aus Schlesien, sondern aus Sachsen stammte, dass seine Mutter starb, als er 14 Jahre alt war und nicht, wie er immer erzählt hatte, drei. Warum wussten Sie so wenig?

Er sprach nicht gern über Vergangenes, vielleicht habe ich ihm auch zu wenig Fragen gestellt. Da bin ich ja nicht allein. Wen ich auch frage, ganz egal, in was für einer Familienkonstellation jemand ist, ob er seinen Vater gar nicht kennt, ob er ein Scheidungskind ist oder mit einem Vater aufgewachsen ist, der jeden Tag am Frühstückstisch saß. Jeder, wirklich jeder, hat mir bestätigt: Wenn du mich so fragst – über meinen Vater, da gibt es so einiges, was ich nicht weiß.

Ist das ein Vater-Sohn-Problem? Sind Mütter einfach zugänglicher?

Ich denke schon. Meine Mutter hat aus ihrem Leben nie so ein Hehl gemacht. Ich kenne die Geschichte ihrer Familie, ihrer Großeltern und auch einer Generation davor. Die meines Vaters praktisch nicht.

Sicher auch ein Generationenproblem: Die einen wollen nicht richtig erwachsen werden, die anderen für immer jung bleiben.

Ja, das ganze Verhältnis ist ins Rutschen geraten. Das erleichtert die Verständigung nicht gerade. Man lernt seine Eltern kennen, wenn sie schon fast die Hälfte ihres Lebens hinter sich haben. Wie wurden sie aber zu denen, die sie sind? Was hat sie geprägt? Das sind die spannenden Fragen.

Glauben Sie, die Babys von heute werden später mal weniger Kommunikationsprobleme mit ihren Eltern haben?

Schwierig, da eine Prognose zu stellen. Jedenfalls bestehen zwischen den Männern, die jetzt Väter sind, und ihren Kindern viel mehr Gemeinsamkeiten. Da muss ich mir nur meine Freunde ansehen, die jetzt Väter sind. Die holen ihre alten Panini-Sammelbilder hervor und bereiten ihre Jugend noch einmal auf. Gemeinsame Grundlagen vereinfachen die Verständigung enorm.

Vergangenheit wird wiederbelebt. Wie viel müssen wir von unseren Eltern wissen?

Mag sein, dass manche mit Unwissen leben können. Ich denke aber, man sollte sich schon über zentrale Motive und Wendepunkte im Leben der Eltern im Klaren sein. Ich glaube, es befreit, sich diese Prägungen bewusst zu machen. Denn so selbstbestimmt unser eigenes Leben auch scheinen mag, viele Themen kommen einfach aus der eigenen Familie.

Ihr Vater war bei Kriegsende 16. Haben Sie mit ihm über den Krieg gesprochen?

Mein Vater senkte immer die Augen, wenn das Gespräch darauf kam – und ich bin verstummt vor seinem Leiden. Heute denke ich, ich habe zu viel Rücksicht genommen. Rücksicht hält Dinge unter dem Deckel. Mitunter ist es nötig, schmerzhafte Fragen zu stellen.

Welches Geheimnis nimmt ein Vater mit ins Grab?

Meiner mehr als eines. Daran ist auch nichts verkehrt, es geht ja nicht darum, die DNS der Eltern zu entschlüsseln. Das Undurchschaubare in der Figur des eigenen Vaters trägt maßgeblich zu der Ausstrahlung bei, die er für seine Kinder hat. Bei uns in der Familie gab es zum Beispiel die Sache mit Hildegard Knef. Da war was zwischen Vater und ihr. . .

Hat er Ihnen das erzählt?

Ich wusste, dass mein Vater sie irgendwie kannte. Aber nicht, woher und wieso. Wenn die Knef im Fernsehen war, dann kam nur so ein kleines Lächeln von meinem Vater, „Ach ja, die Hilde, Mensch, lange nicht mehr gesehen“. Und wenn ich nachfragte, hieß es nur: „Wir kannten uns. Von früher. Damals eine schöne Frau.“ Er wollte darüber nicht reden.

Sie haben es trotzdem herausbekommen.

Nicht alles. Ich habe Fotos von ihr gefunden, mit Widmungen für ihn. „Love Hilde“, stand darunter. Aber es blieb alles im Ungefähren. Er ist wohl als junger Reporter, kurz nachdem er meine Mutter kennen gelernt hatte, Anfang der fünfziger Jahre ein paar Tage mit Hildegard Knef umhergereist. Meine Mutter wollte dann mehrere Monate lang nichts von ihm wissen. Aber was da wirklich passiert ist, weiß ich nicht. Seitdem gehört die Geschichte mit Hildegard Knef zum Familienmythos . . .

. . . der fast die Ehe Ihrer Eltern verhindert hätte. Wozu sind Familienlegenden da?

Sie definieren das gemeinsame Familienwissen, sind eine Möglichkeit, sich nach außen abzugrenzen. Wer die Geschichte kennt, gehört dazu. Egal, ob sie nun stimmt oder nicht. Und zum anderen funktionieren solche Geschichten als Metaphern. So wie bei uns ein Erlebnis meines Vaters in den letzten Kriegsmonaten. Es bestand im Wesentlichen aus drei Stichworten: Dresden, Greta, Löschteich. Ohne dass er je im Detail darüber sprach, hatte ich die Geschichte so verstanden, dass er nie so viel Angst hatte wie damals. Und dass die Idee von Greta, an einem Löschteich Schutz zu suchen, ihm das Leben rettete.

Und was sagt Greta heute dazu?

Ihre Version geht so: Tatsächlich kam er Ende Januar 1945 nach Dresden ins Lazarett. Dort haben sie sich getroffen und ineinander verliebt. Zwei Tage vor dem ersten Angriff sahen sie sich das letzte Mal. Sie verbrachten die Bombennächte also gar nicht gemeinsam. Doch er hatte das Gefühl, dass es die Liebe zu Greta war, die ihm das Leben gerettet hat.

 

INTERVIEW: GEORG CADEGGIANINI

 *Philip Reichardt: Auf einmal war er nicht mehr da. Ein Sohn, ein Vater, eine Spurensuche. 251 S., 19,95 Euro, Luchterhand Literaturverlag

Im Isartal geht’s abwärts

Ach, was heißt schon Nobelvorort? Über den Niedergang von Grünwald

 

Keiner da heute. Keine Bayernstars, keine Ochsenknechts, keiner, dem man in einer Talkshow schon mal begegnet wäre. Nicht mal einer, der auch nur annähernd das Klischee des Grünwalders erfüllen mag: um die Schultern den rosa Kaschmirpullover, im Haar die Sonnenbrille mit Goldbügel, im Gesicht unerklärliche Bräune und das überhebliche Lächeln des allzu schnell oder ohne Arbeit zu Geld Gekommenen.

Für den Münchner ist Grünwald etwa das, was der Berliner in München sieht: ein Ort, dessen Bewohner er, wegen der vermuteten Privilegien, insgeheim beneidet, aufgrund ihnen unterstellter Eigenschaften jedoch lautstark verachtet, zumindest belächelt. Ein dankbares und verlässliches Feindbild, das allein schon deshalb funktioniert, weil Grünwald nicht zu München gehört. Grünwald beginnt da, wo München aufhört.

Und nun das. Viel zu viele Kellner für viel zu wenige Gäste. Vereinzeltes Messergeklapper aus der hintersten Ecke des Lokals, ein Paar, dem schon vor dem Hauptgang die Gesprächsthemen ausgehen, im »Eboli«, dem Klassiker unter den Grünwalder Lokalen, herrscht trostlose Stille – trotz Samstagabend, trotz cremefarbener Lederpolster, trotz der perfekten Kulisse für Louis-Vuitton-Handtaschen und Geplauder über Lachs-carpaccio. So bleibt es den ganzen Abend, und man bekommt beinahe Mitleid mit dem Wirt, der offensichtlich erst vor Kurzem einen Haufen Geld in die Renovierung gesteckt hat. Auch beim anderen Italiener, eine Straße weiter, bietet sich kein anderes Bild, abgesehen davon, dass man dort noch ganz dem Stil der Achtzigerjahre vertraut. Irgendetwas stimmt hier nicht mehr: Entweder ist das Klischee schon ein wenig in die Jahre gekommen. Oder der Ort selbst hat sich verändert in den vergangenen Jahren.> Die Vorstellung, dass Grünwald vor allem aus übergeschnappten Reichen und fortgeschrittenem Schnöseltum bestehe, hat entscheidend der Umstand geprägt, dass mehr als zwanzig Jahre lang jeden Freitagabend um Viertel nach acht angebliche Grünwalder Gebräuche im Fernsehen zu besichtigen waren. Oberinspektor Derrick bot einem Millionenpublikum Einblick in Villen, Gärten und die Abgründe verkrachter Millionäre, die Mehrzahl der Derrick-Folgen wurden in Grünwald gedreht. Gewöhnlich bekam es der Oberinspektor mit Witwenmördern, verwahrlosten Söhnen, skrupellosen Töchtern und raffgierigen Ehefrauen zu tun.

Natürlich ist nicht alles nur Vorurteil. Der durchschnittliche Grünwalder versteuert dreimal so viel wie der durchschnittliche Münchner, die Statistik verzeichnet mehr gemeldete Autos (11 709) als Einwohner (10 954), und es leben auch noch richtige Stars in Grünwald – wenngleich nur wenige, Franck Ribéry etwa und bald auch Jürgen Klinsmann, der mit seiner Familie in die Villa des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld einzieht. Doch dass in Grünwald einiges anders ist als früher, das zeigt sich, wenn man in Zeitschriften blättert. In den Klatschspalten tauchen Grünwalder Prominente nur noch gelegentlich auf, etwa wenn sie Ärger mit Kindern, Alkohol oder Ehemännern haben, was einfach daran liegt, dass die meisten, die dort noch leben, wie etwa Carolin Reiber, Patrick Lindner, Max Greger oder die Kessler-Zwillinge, ihre besten Zeiten schon hinter sich haben. Ein Los, dem Uschi Glas, Horst Jüssen und Roberto Blanco offenbar entkommen wollten – sie haben Grünwald verlassen. Oliver Kahn, so ist zu hören, sieht sich ebenfalls nach einer neuen Bleibe um, wahrscheinlich in Harlaching. Es braucht schon einiges Wohlwollen und Sinn für Nostalgie, um Grünwald nach wie vor als »Prominentenvorort« zu bezeichnen. Zuletzt war von Grünwald öfter im Wirtschaftsteil zu lesen, wenn Steuerfahnder nach unterschlagenem Geld fahndeten, in Korruptionsfällen ermittelten oder gegen Anlage-betrug vorgingen. Nicht dass ein direkter Zusammenhang bestünde, doch dass sich in-zwischen auffallend viele Finanzdienstleister, Leasingfirmen und Fondsverwaltungen in Grünwald niedergelassen haben, hat weniger mit der Abgeschiedenheit zu tun als mit dem Umstand, dass der Ort seit 2004 über einen der geringsten Gewerbesteuersätze Deutschlands verfügt.

Zu bestaunen gibt es in Grünwald aber noch ganz anderes: alte und noch mehr kuriose Villen. Toskanische Landhäuser, Bungalows im Palm-Springs-Stil, alpenländische Holzhäuser, bizarre Bauten, die nur dem Geschmack ihrer Erbauer folgen. Doch was viel stärker ins Auge sticht, sind die Baulücken und Bauzäune, die Schilder der Immobilienfirmen entlang der guten Adressen: »Zu verkaufen«. Die Auswahl ist groß: Penthouse-Wohnungen, Villen und Bungalows, alles ist zu haben, und Baugrund ist, etwa im Vergleich zum Herzogpark in Bogenhausen, günstig. 1500 Euro für den Quadratmeter muss man in Grünwald derzeit zahlen, in Bogenhausen sind es beinahe doppelt so viel. Dass Grünwald nicht mehr die teuerste und begehrteste Adresse für Münchens Reiche ist, dafür gibt es einige Gründe. Detlev von Wangenheim makelt seit mehr als vierzig Jahren Luxusimmobilien in und um München. Die Bedürfnisse haben sich verändert: »Besonders weil die Käufer immer jünger werden«, erklärt er. Sei es, dass sie in der IT- oder Finanzbranche schnell zu Geld gekommen sind oder dass sie große Vermögen geerbt haben. Wer über mehr Geld als genug verfügt, den zieht es heute in die Stadt, so zentral wie möglich – oder gleich ganz raus an den Starnberger See. Früher stand eine Grünwalder Adresse für Leben im Grünen, mit Garten und Personal. Der Weg hinaus aus der Stadt, durch Harlaching hindurch, galt ebenso als Privileg wie die Ferne zum Getöse der Stadt. Heute bedeutet Grünwald auf dem Immobilienmarkt: Randlage, weite Wege, hoher Zeitaufwand.

Ende der Neunziger nahm der Niedergang Grünwalds als Villenvorort seinen Anfang. Bis dahin hatten Baugrundstücke eine Mindestgröße von einem Tagwerk, das entspricht 3408 Quadratmetern. Es galt die einfache Regel: ein Tagwerk, ein Gebäude. Seit 1997 gilt der sogenannte Tagwerkszwang nur noch für ein Karree entlang des Isarhoch-ufers, überall sonst dürfen Grundstücke geteilt, gedrittelt und mehrfach bebaut werden. Das Resultat ist nun überall zu besichtigen: Eine Villa nach der anderen weicht »Doppelspännern« und den unter alten Grünwaldern verhassten »Flachdachkisten« – der Vorort wird anderen Vororten immer ähnlicher, außer dass hier inzwischen viele Russen Grundstücke und Häuser kaufen, wie der Makler von Wangenheim erzählt.

Früher wurde Grünwald gelegentlich mit Beverly Hills verglichen, und so abwegig war das nicht mal: die Filmstudios, die Stars, das Geld. Doch die großen Zeiten des Bavaria Filmgeländes, als Billy Wilder, Ingmar Bergman und Rainer Werner Fassbinder dort drehten, sind lange vorbei. Heute residiert da RTL 2.

Grünwald verblasst. Man merkt es nur nicht gleich. Zum einen, weil die Patina, in die sich der alte Glanz an vielen Stellen verwandelt hat, oft noch sehr schön ist. Zum anderen, weil das Verblassen sich an diesem Ort unter erstklassigen Bedingungen vollzieht. Inzwischen gibt es nahezu alles, was auch anderswo vorstädtisches Leben ausmacht: Bioläden, McDonald’s, Schwimmbad, Kulturzentrum. Und Kindergärten – in den vergangenen Jahren kamen so viele neue hinzu, dass Dietmar Jobst, Geschäftsleiter der Gemeinde Grünwald, den in Deutschland ziemlich einmaligen Satz sagen kann: »Bei Kindergartenplätzen haben wir eine Deckung von 100 Prozent, bei Krippen immerhin von 90 Prozent.« Derzeit plant man ein eigenes Gymnasium. Geblieben ist das Geld. Es gibt davon trotz allem immer noch so viel in Grünwald, dass die Gemeinde derzeit über eine Kinderprämie nachdenkt, eine Art zusätzliches Kindergeld. 100 Euro pro Kind und Monat. Allerdings, heißt es, sollen nur bedürftige Familien davon profitieren. Daran könnte es scheitern.

Ein See will mehr

Der Maestro also auch. Gestern erst war er angekommen, doch die seltsame Sorge der Einheimischen hatte er sich seitdem bereits zu eigen gemacht. Wir trafen uns auf der Terrasse des »San Rocco«, des schönsten Hotels am See. Die Spätnachmittagssonne hatte noch viel Kraft, ein weißer Leinenschirm gab Schatten, vor uns zwei Gläser kühlen Piemonteser Weißweins, vor allem aber: der See, dieses unvergleichliche Idyll. Eingefädelt hatte das Gespräch die Dottoressa. Unter diesem Namen kennt sie jeder im Hotel, sie ist dort für das Marketing zuständig. »Der Maestro«, sagte sie, »würde Sie gerne kennenlernen.« Nun gut, warum nicht. »Achten Sie aber darauf«, empfahl sie mir, »ihn mit Maestro anzusprechen, darauf legt er Wert.« Ich erkundigte mich nach seiner Arbeit, er zeigte mir einen Bildband seiner Werke, sprach davon, dass er sich im Augenblick ein wenig treiben lasse, und so sei er hier im Norden gelandet. Mit einer Gruppe Rad fahrender Rotarier. Wir waren uns einig, dass es einem Wunder gleichkommt, dass ein so schöner Fleck bislang nahezu unentdeckt geblieben ist, und versicherten uns gegenseitig, wie sehr wir die hiesige Unaufgeregtheit schätzten. Wir nahmen einen Schluck und sahen raus auf den See, hinüber zu der kleinen Insel mit dem Franziskanerkloster. Luigi, der Kellner, kam vorbei und sagte: »Im Winter, bei günstigem Wind, hört man den Gesang der Messe.« Wir schwiegen ein paar Augenblicke lang, dann sagte er unvermittelt: »Haben Sie vielleicht eine Idee?« Ich verstand erst nicht, worauf sich seine Frage bezog. Tatsächlich meinte er: Was man tun könne, um diesem schönen Fleck zu helfen. Ihn bekannt zu machen, ihm ein Image zu verpassen. Verkaufsargumente finden. Er also auch. Die Dottoressa sprach davon, Luigi, Jenni, die im Tourismusbüro arbeitet, nahezu jeder, der am und vom See lebt, kam irgendwann mehr oder weniger deutlich darauf zu sprechen: Hier muss etwas geschehen, am Lago di Orta. So kann es nicht weitergehen. Mit der Stille, der Ruhe, dem Idyll. Mag sein, dass einem der Blick für das Schöne abhanden kommt, wenn man pausenlos davon umgeben ist, und die Stille unerträglich wird, wenn sie kein Ende nimmt. Und doch überrascht es, dass niemand auf die Idee kommt, dass es alles andere als ein Versäumnis war, sich in der Vergangenheit nicht ganz und gar dem Tourismus hinzugeben, sondern das größte Glück, das dem See widerfahren konnte, und erst Untätigkeit dazu führte, dass der Lago di Orta ein Juwel ist, wie es selbst in Italien nicht so oft zu finden ist. Der See liegt ein gute Stunde nördlich von Mailand. Er ist umgeben von sanft ansteigenden Hügeln, die in der Ferne von Bergketten überragt werden. Mit einer kleinen, hübschen Insel mittendrin, über die, am Kloster vorbei, der Weg der Stille führt. Kleine Holzboote fahren zwischen der Insel und Orta San Giulio hin und her, wer will, den bringen sie auch hinüber ans andere Ufer nach Pella; abgelegt wird, wenn das Boot voll und der Capitano fertig ist mit der Zigarette auf der Piazza Motta. Dort liegen zwei Cafés, eine Gelateria, eine Enoteca und ein Designhotel. Den Berg hinauf gelangt man zum Sacro Monte, auf dem in 21 Kapellen Fresken und Figuren aus dem Leben von Franz von Assisi erzählen. Offenbar hatte der Abend zuvor Eindruck hinterlassen beim Maestro. Da saß er in der Mitte einer langen Tafel, um ihn eine Reihe aufmerksamer und zurechtgemachter Männer und Frauen, die schwiegen, wenn er sprach, und auf ihn einredeten, sobald sich eine Gelegenheit bot. Nur so war seine Sorge zu verstehen. Zu erklären ist diese Haltung, das Idyll mithilfe vom Imagekampagnen und Neubauten verbessern und an die vermeintlichen Bedürfnisse zahlungskräftiger Gäste anpassen zu wollen, nur aus der Lage des Lago di Orta und aus der psychischen Verfassung, die sich daraus für seine Bewohner ergibt. Um mal eben zu beschreiben, wo der See sich befindet, lässt sich kaum vermeiden, einen anderen, viel, viel größeren, viel, viel berühmteren See zu erwähnen, den Lago Maggiore im Osten. So ergeht es dem kleinen Lago di Orta wie dem Sohn eines berühmten Vaters, der auch als Erwachsener nur als der Sohn wahrgenommen wird und sich schwertut, aus dessen gewaltigem Schatten hervorzutreten. Und beim Versuch, sich von dessen Übermacht zu lösen, auf die eigenartigsten Mittel verfällt, ohne darauf zu achten, wo seine eigenen Stärken liegen. Wie es vielleicht gehen könnte, demonstriert Domenico. An der Südspitze des Sees gehört ihm ein Haus, in dem er mit seiner Frau Lydia lebt, dazu ein herrliches, großes Seegrundstück, das ohne Zaun zum Nachbarn auskommt, sodass der Garten wie ein Park wirkt. Sie haben ein paar Zimmer übrig und vermieten sie. Er hat das Haus geerbt und die Zimmer so belassen, wie sie waren, mitsamt den alten Möbeln, antiken Betten, den Ankleidetischchen und den Waschschüsseln. Lydia kocht und zum Frühstück trifft man sich in der Küche, in der der Espresso auf einem alten Holzofen heiß wird. »Am schönsten«, sagt Domenico, sei es im Januar oder Februar. »Dann kann man stundenlang am See stehen, ohne ein menschliches Geräusch zu hören.« Dann sei der See das Paradies schlechthin. Als ich dem Maestro davon erzählte, nickte er langsam. Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass er von unserem Zusammentreffen genauso überrascht war wie ich, die Idee stammte keineswegs von ihm, sondern von der Dottoressa. Vermutlich dachte sie, es könne nicht schaden, wenn in einer Geschichte über den See, an dem das Hotel liegt, für das sie arbeitet, auch ein Maestro aus Rom vorkommt, der aussieht wie ein Maestro, Ausstellungen in Zürich und München hatte und zuletzt das Plakat für den Giro d’Italia entwarf.

 

„Hellmutt, ca va?“

Beim ersten Mal stand Philip Reichardt sechs Wochen lang hinter der Theke. Beim zweiten Mal wechselte er die Seiten – und gab der hübschen Barfrau Nachhilfe

Nachmittags am Meer. Für ein Tennismatch ist es zu heiß, die Warteliste am Wasserskisteg zu lang, also unternehme ich, was Urlauber eben so tun. Nichts. Ich lasse mich auf einer Liege nieder, von einem ablegen-den Ausflugsschiff wehen klickende Housebeats an den Strand herüber, unterlegt vom tiefen Röhren beschleunigender Motorboote, gerade eben so laut, dass man abwechselnd dösen und gelegentlich einen Blick auf die Silhouetten der Tanzenden auf dem Schiff werfen kann. In diese vertraute Soundkulisse mischt sich ein Geräusch, dessen Herkunft ich zunächst nicht identifizieren kann. Es stammt von zwei Männern, einem Dicken mit Schnauzbart und einem Dünnen mit sehr weißer Haut, die bis zu den Knien im Wasser stehen und sich unterhalten. Auf Russisch, wie mir nach ein paar Sätzen klar wird. Russen in der Badehose. Ich muss lachen. Bislang waren mir Russen in Lederjacken, in Trainingsanzügen, auch in Wintermänteln begegnet, aber nie in Badehose. Bei 36 Grad im Schatten findet man das sogar sehr lustig. Vor zwanzig Jahren war ich schon einmal hier in Kemer, an der so genannten türki-schen Riviera, in einem Feriendorf des Club Méditerranée. Damals gab es hier noch keine Russen in Badehose und meine Aufmerksamkeit galt weniger dem Studium von Badegewohnheiten als dem Problem, mit einer Rolle klarzukommen, die ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Mein Freund Dominik und ich hatten damals gehört, dass der Club Med für die Hochsaison zusätzliche GOs, Gentils Organisateurs, zur Verstärkung suche. Sechs Wochen Urlaub für nahezu umsonst, so stellten wir uns das vor. Es war Mitte der achtziger Jahre. Später, als sie vorbei waren, nannte man sie das Spaßjahrzehnt. Das GO-Leben schien uns dem von Popstars zumindest verwandt zu sein: alles hinter sich lassen, was mühsam und langweilig ist, das Leben ein einziges Fest. Unter schönen, gleich gesinnten Menschen sein, Sport treiben, von Tag zu Tag besser aussehen, essen, wenn man hungrig, trinken, wenn man durstig ist, die Nächte durchfeiern, schöne Frauen aus aller Welt kennen lernen und probieren, was so geht. In unserer Vorstellung war das nun greifbar und die Bedingungen hielten wir für fair: Flug, Kost und Logis frei gegen etwas Mitarbeit. Do-minik bewarb sich als Surflehrer, ich als DJ. Mich nahmen sie. Als Barmann. In Kemer, an der südlichen Küste der Türkei, erwarte man im August eine Menge deutscher Urlauber, hieß es, da brauche man einen an der Theke, der Deutsch spricht. Egal, dachte ich, als Barmann arbeitet man genauso nachts wie ein DJ. Einen Tag später stieg ich ins Flugzeug und fand mich ein paar Stunden später in einem winzigen Bungalow wieder, den ich mit einem schwedischen Aerobic-GO, zwei französischen Tennislehrern und einem belgischen Segelinstructor sowie fünf Matratzen teilte. Mein Arbeitstag begann morgens um halb elf, sobald die französischen Gäste kamen, um nach dem Frühstück einen richtigen Kaffee zu trinken, und endete nachts um zwei, sobald die Letzten in den Nightclub weiterzogen. Dazwischen eine Pause mittags und zwei freie Stunden am Nachmittag, die meist für das Waschen und Bügeln weißer Hemden und Hosen draufging. Das Ganze sieben Tage die Woche, sechs Wochen am Stück. Ich hatte den stressigsten Job erwischt, der unter GOs zu vergeben war. Statt auf Segelbooten oder Wasserski verbrachte ich den Sommer im Schatten einer Strandbar, schleppte eimerweise Eis und schnitt Zitronen und Orangen klein. Statt Tennis zu spielen lernte ich, Champagnerpyramiden zu errichten, statt die Welt der Aurélies zu erkunden, mixte ich Alexanders. Anstelle von bezahltem Urlaub machte ich unbezahlte Arbeit. Die zweite Chance ließ eine Weile auf sich warten, aber sie kam. Als Gast, als Gentil Membre, als GM, wie es in der Club-Med-Sprache heißt. Mein erster Eindruck: alles wie früher. Die Bungalows, die Essenszeiten, die Poolspiele vor dem Mittagsbuffet. Die nächste Regung: Staunen. Darüber, wie viel Platz ein Bungalow bietet, wenn nicht fünf Matratzen darin Platz finden müssen, sondern nur ein Doppelbett. Die Klimaanlage. Der Fernseher mit integriertem Internetzugang an der Wand. Früher wäre der in einem Club Med undenkbar gewesen. Ein Fernseher vertrug sich nicht mit der Idee, dass Ferien zur besten Zeit des Jahres werden, indem man so viele heimische Gewohnheiten wie möglich für eine Weile hinter sich lässt. Damals trugen die Bungalows Namen wie Paloma, Mirabelle oder Jolie und nicht Ziffern wie Zimmer im Hotel. Und die Drinks an der Bar zahlte man mit beigen, braunen und goldfarbenen Perlen, die man als Kette um Hals oder Handgelenk trug. Jetzt sind die Getränke »all inclusive« und an der Bar mahnt ein Schild: »Exzessiver Genuss von Alkohol schadet der Gesundheit.« An der Stelle der heiß dampfenden Espressomaschine befindet sich ein Gerät, in das einfach nur kleine Nespresso-Kapseln eingelegt werden. Das Bier kommt nun aus Dänemark, die Coke aus Brauseschläuchen statt aus Flaschen, man trinkt aus Plastikbechern und nicht mehr aus Gläsern. Und ich stehe auf der anderen Seite des Tresens. Als freundlicher, durstiger Gast, ohne Decknamen. Großartiges Gefühl. Damals bekam ich erst mal einen neuen Namen. Die Mehrzahl meiner Kollegen an der Bar waren Türken, und dass ich als Deutscher Philip hieß, irritierte sie. Franzosen hießen in ihrer Vorstellung so oder Engländer, aber doch nicht einer, der aus Deutschland kommt. Also gaben sie mir einen deutschen Namen. Für sie war ich von nun an: Helmut, ausgesprochen wie das englische Wort für »Hölle« und einem u wie in »kaputt«. Hellmutt. Hellmutt Schmidt. Immerhin dieser Bezug. Schließlich war Helmut Kohl damals schon drei Jahre lang Kanzler. Aber für die Türken an der Bar in Kemer regierte noch immer Helmut Schmidt. Mein Chef, Roger, war ein kleiner, drahtiger Franzose, ein Tyrann. Er war ziemlich ungehalten, dass man ihm einen Deutschen geschickt hatte, und nach ein paar Tagen war mir auch klar, weshalb: Es gab in Kemer so gut wie keine durstigen Deutschen und es wurden auch keine erwartet. Fehler in der Zentrale. Das Clubdorf war randvoll mit Franzosen und jungen, reichen Türken. Nichts war da überflüssiger als ein Deutsch sprechender Barmann, der sich mit seinem Schulfranzösisch mühte und eigentlich ein DJ sein wollte. Roger ließ mich das spüren. Er sah mir genau auf die Finger, ermahnte und belehrte mich, wann immer sich dazu eine Gelegenheit bot. Heute beobachte ich Kerim, den einzigen Türken an der Bar, wie er Eiswürfel in Gläser bugsiert, wie großzügig er mit Sodas und Alkohol umgeht. Neben mir Carla, eine Italienerin, sie arbeitet an der Rezeption, trägt einen Jeans-Minirock und einen um die Schultern gebundenen Pareo. »ça va bien ?«, fragt sie und lächelt. »Merci, ça va très bien. Et toi?«, antworte ich. Es folgt ein schönes Lächeln, Bargeplauder, très gentil. Natürlich, ich war auch sehr freundlich damals. Aber was mir zuwider war: dass es keine Alternative dazu gab. In einem Brief an meine Eltern schrieb ich: »Die ewige Freundlichkeit, zum Teufel damit! Unter siebenmal Grüßen, Händeschütteln und Schulterklopfen ist der Weg vom Bungalow zur Bar nicht zu machen. ›Salut, Hellmutt, ça va bien?‹ – ›Ça va bien, toi aussi?‹ – ›Merci, bonne journée!‹ Den ganzen Tag geht’s so. Manchem Arsch möchte man auch zeigen, dass er einer ist.« Danach hatte ich erst mal genug von lustigen Trinkspielen, Clubtänzen und der sonntäglichen Club-Olympiade, Blau gegen Rot. Als GO, aber auch als Gast. Ich unternahm Solotrips, machte Ferien zu zweit, zu dritt, zu sechst, mietete Ferienhäuser und fühlte mich mit meiner Abneigung gegen Club-urlaub wohl (und im Recht). Allein der Begriff Animation löste ein gewisses Schaudern aus und geriet zum Feindbild. Außerdem: Auf Ibiza wurde in den neunziger Jahren noch wilder gefeiert, in der Südsee und in Asien eröffneten Resorts, die Clubdörfer an Stil und Klasse bei weitem übertrafen, und Billigflüge brachten einen sowieso überallhin. Nahezu alles, was den Club Med noch in den achtziger Jahren einzigartig und zur erstbesten Alternative zu piefigem Hotelurlaub machte, ist längst in jedem besseren Ferienhotel Selbstverständlichkeit: ein großes Sportangebot, Kinderbetreuung, die üppigen Buffets. Und jetzt? Ich gehe schwimmen, Wasserski fahren und in den Hamam. Ich esse viel, schlafe in der Sonne und verpasse das Ausflugsschiff. Ich verabrede mich zum Cocktail, tanze im Openair-Nightclub, schwärme für eine Clique unfassbar schön anzusehen-der, eleganter israelischer Frauen, ich grüße die, mit denen ich beim Frühstück saß oder am Strand lag, und erfreue mich an den Sonderbaren und ihren Ritualen. So geht das Tag für Tag. Ich suche nach den alten Vorbehalten, frage mich, was von den alten Urteilen noch übrig ist. Nicht viel. Blass und überarbeitet kommt man an, gelassen und mit gesunder Gesichtsfarbe fährt man davon und dazwischen liegen ein paar Tage, die ausgefüllt sind von Nichtigkeiten und Dahintreiben. Perfekt, ein fairer Deal. Abends an der Bar treffe ich die Russen wieder. Wir trinken Raki und unterhalten uns auf Englisch. Sie sind ebenfalls sichtlich angetan von den eleganten israelischen Frauen, die aber immer in Begleitung ihrer Männer auftreten. Sie stehen ein paar Meter entfernt von uns. Die Russen versuchen es trotzdem, reden lauter. Wo man für einen Ausflug einen Helikopter chartern könne und wie viel es wohl kosten würde, das ganze Clubdorf zu kaufen. Russenhumor, vergeblich. Die einzige Israelin, die ansprechbar ist, heißt Yael. Sie arbeitet an der Bar, sie ist die Schnellste und die Schönste. Als sich der Andrang ein wenig legt, lehnt sie sich mit dem Rücken an eine Säule. Das habe ich damals auch getan, an meinem ersten Tag an der Bar. Nur dieses eine Mal. Roger, der Chef de Bar, faltete mich zusammen, weil ich eine Grundregel des Barmanns verletzt hatte. Nie wieder, fuhr er mich an, wolle er mich so sehen. »Ein Barmann steht, er lehnt sich nicht an, niemals.« Seither achte ich darauf, wie Barmänner stehen. Roger hat damals Recht gehabt. Ich bestelle einen Gimlet, das dauert ein wenig. Ich frage sie, ob sie die Gegend ringsum kennt. Es soll sehr schön sein, sagt sie, jedenfalls erzählen das alle, die das Hinterland auf Ausflügen erkundet haben, aber nein, sie hat dafür noch keine Zeit gehabt. So ging es mir damals auch und so ist es auch diesmal. Schließlich bin ich gekommen, um nachzusehen, wie es meiner Bar

Die Sender mit der Maus

Hinter RTL 2 beginnt im Fernsehen die Welt eines neuen Medienproletariats. Unzählige Moderatorinnen suchen dort ihr Glück

Geschichten wie diese kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen: Ein Mann hält an der Ampel, es ist Sommer, neben ihm eine hübsche Frau im Cabrio. Er sieht hinüber, sie lächelt zurück, sie wechseln ein paar Worte, und noch ehe es grün wird, hat sie ein Angebot, als Praktikantin beim Fernsehen anzufangen.

Bei Sandra Ahrabian trug es sich tatsächlich so zu, drei Jahre ist das jetzt her. Seit sieben Monaten ist sie nun nahezu täglich im Fernsehen zu sehen. Mal nachmittags, mal in der Nacht, mal am Vormittag. Auf 9Live oder Sat.1, wo sie Telefongewinnspiele moderiert, oder auf 123 TV, einem Auktionssender, einer Art moderiertem Ebay.

Dort erklärt sie die Vorzüge von Handkreissägen, den Nutzen von Saunagürteln oder Mikrofasern in der Bettwäsche. Und lächelt dazu. Ein hübsches Lächeln.

Sie genießt das alles sehr, dieses neue aufregende Leben, das Erkanntwerden auf der Straße, das schnelle Geld, selbst das viele Arbeiten und gelegentliche Überfordertsein, wenn sie es nicht schafft, sich vor lauter Sendeterminen wirklich jedes Detail einzuprägen, das die Handkreissäge auszeichnet. Auch dass ihre mehrjährige Beziehung in der Hetze zwischen den Studios vor kurzem in die Brüche ging, nimmt sie in Kauf, weil eben auch ein wenig Schmerz dazugehört, wenn man plötzlich so gefragt ist und Karriere macht.

Sie ist da in ein großes Abenteuer hineingeraten, damals an der Ampel, seither läuft es wie von selbst. Warum sollte sie sich da ausgerechnet jetzt für den Reporter Gedanken machen? Es wird schon alles richtig sein so. Besser als Industriekauffrau, den Job, den sie gelernt und auch eine Weile ausgeübt hat, ist es allemal. Im Gegensatz dazu ist es doch ein Gewinn, sagt sie, über die nützlichen Eigenschaften von Fritteusen oder Multifunktionsleitern Bescheid zu wissen: »Schließlich gehört das zur Allgemeinbildung.« Und lacht ausnahmsweise einmal nicht.

Möglich sind Geschichten wie diese, seitdem nicht mehr alles, was aus dem Fernseher kommt, auch Fernsehen ist. Es bedarf nur eines kleinen Ausflugs auf der Fernbedienung, vorbei an den Privaten und den Nachrichtensendern in die Gegend der blinkenden Telefonnummern, Monstertruckrennen und strippenden Athletinnen, um festzustellen, dass der Fernseher gelegentlich mutiert ist: zum Schaufenster, zum Spielautomaten, zur Ladentheke oder eben zum Auktionshaus. Die Sender tragen Namen wie HSE 24, Sonnenklar TV, TV Gusto, Traumpartner TV oder 9Live und versorgen mit ihren Angeboten nahezu jedes menschliche Bedürfnis. Hervorgebracht haben diese Programme einen Typus von Fernseharbeiterinnen, bei deren flüchtigem Anblick man nicht recht weiß: Sind hier besonders eilfertige Verkäuferinnen und Kundenberaterinnen am Werk, die zufällig vor eine Kamera geraten sind? Oder handelt es sich doch um eine neue Generation von Moderatorinnen, die ­ angetrieben von Erfolgsgeschichten wie der einer Schauspielerin Jessica Schwarz ­ einen Platz auf der letzten Programmtaste in Kauf nehmen, um ihrem Traum von Fernsehruhm ein bisschen näher zu kommen?

Es ist mittags um zwei, Anneke ist noch nicht lange wach. Bis eine Stunde nach Mitternacht stand sie in einem kleinen Fernsehstudio vor der Kamera und moderierte Telefongewinnspiele. Wie heißt der Song von Robbie Williams? Let me … you? Zur Wahl stehen a) love b) entertain c) kiss. Solche Sachen. Drei Stunden lang, live. Gegen halb vier war sie im Bett, nun bestellt sie in ihrem Lieblingscafé an der Münchner Universität eine Latte Macchiato, die zweite heute. »War gut gestern. Das Thema der Sendung hieß Strand, dazu fiel mir viel ein.«

Gut heißt auch: Es haben genug Menschen angerufen bei ihr. Genug, damit ihre Produktionsfirma zufrieden ist und Geld verdient, genug, damit der Sender, Viva Plus, Geld verdient, genug auch, dass sie sich keine Sorgen machen muss. Fiele die Anzahl der Anrufe im Vergleich zu ihren Kolleginnen dauerhaft ab, bekäme sie dagegen schnell ein Problem. Man würde sie austauschen. Gegen eine andere, die nur auf ihre Chance wartet. Damit muss Anneke im Moment nicht rechnen, im Gegenteil. Seit acht Monaten moderiert sie das Nachtquiz mittlerweile und macht ihren Job so gut, dass sie bereits die neuen Moderatorinnen coacht.

»Natürlich ist mir klar, dass Call-in-Fernsehen keinen guten Ruf hat«, sagt sie. Es ist ein Job, ein guter Job, er finanziert ihr das Psychologiestudium. Vergangenes Jahr machte sie noch Schichtdienst in einem Callcenter, jetzt verdient Sie so viel, dass sie in München gut leben und sogar ein bisschen was zur Seite legen kann. Vor allem ist es ein Anfang, ein erster Schritt. Sie versucht das Beste daraus zu machen »und ein bisschen Niveau hineinzubringen«, das heißt: »Fair zu sein zu den Zuschauern, schwere Rätsel nicht als leicht zu verkaufen, die Anrufer nicht zu verarschen.«

Anneke legt Wert auf die Unterschiede zu ihren Call-in-Kolleginnen. Anneke kann singen, sie kann tanzen, sie absolvierte eine Musical- und Schauspielausbildung. Mit einer Girlgroup nahm sie eine CD auf, mit einer Hip-Hop-Formation gab sie Konzerte.

Noch heißt ihre Bühne Viva Plus, ein Sender, der nur in einigen Bundesländern zu empfangen ist. Bei Viva begann auch die beeindruckende Karriere der Heike Makatsch. Über Musikmoderationen, Bravo-TV, eine eigene kleine Sendung im privaten Fernsehen und Fernsehrollen spielte sie sich ins internationale Kino hinein, in den richtig großen, erwachsenen Glamour. Eine Geschichte, die erzählt, dass alles möglich ist, wenn man beim Fernsehen beginnt. Anneke hat, wie vermutlich Zigtausend andere junge Frauen auch, diese Geschichte natürlich im Kopf, wenn sie vor der Kamera steht und ihrem Publikum idiotisch einfach Fragen stellen muss.

Noch aber steht sie am Anfang der medialen Verwertungskette und wartet auf Angebote: für eine Moderation bei einem Sender, den man überall empfangen kann, für eine Rolle in einer Soap. Es sieht so aus, als könnte ihr Plan aufgehen. Zweimal war sie schon ganz dicht dran, einmal bei Lotta in Love, einmal bei Verbotene Liebe. Drei Musikproduzenten haben sich bei ihr gemeldet, auch mit dem Regisseur des Kinofilms Die sieben Zwerge traf sie sich neulich. Alles Zeichen, dass es weitergeht. Sie geben ihr Mut, weiter an sich zu arbeiten: »Ich muss lernen, die Augen offen zu halten, ich blinzle noch zu viel.«

»Von Anneke wird man bald schon mehr hören«, sagt Sabine Appelhagen. Seit ein paar Wochen betreut sie Anneke als Agentin und sie hält viel von ihr. Vor allem, weil sie so vielseitig ist. »Das Geschäft hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Es ist vielleicht einfacher geworden, einen Einstieg zu finden, weil die Nachfrage nach neuen Gesichtern immer größer wird.« Aber es sei auch ein Spiel mit hohem Einsatz. Wer es hineinschafft, dem bieten sich alle Chancen: auf lukrative Nebenjobs bei Messen, Eröffnungen und Präsentationen, Sponsorenverträge, Modeljobs, das Interesse der Boulevard- und Klatschmagazine und gutes, schnelles Geld. Nach zwei, drei Jahren besitzt fast jede ihre Eigentumswohnung. Bleibt der zählbare Erfolg einer Sendung aus, ist die Moderatorin dagegen die Erste, die das zu spüren bekommt.

Sabine Appelhagen, die in den frühen neunziger Jahren selbst auf Pro7 Filme anmoderierte, sagt ihren Künstlern aus dieser Erfahrung heraus gern: »Moderator ist kein Beruf, sondern ein Zustand.«

Die Sender suchten Persönlichkeiten, Menschen, an die man sich erinnert, mit denen man etwas verbindet, wie Tim Mälzer etwa: »Muss man nicht mögen, aber ein Supertyp. Oder Barbara Schöneberger. Tolle Frau, ihr fehlt nur die richtige Sendung. Oder Else Buschheuer. Auch ein super Typ, sie ist jetzt wieder da, beim MDR. Oder eben Anna Heesch. Eine ganz Liebe, die müssen Sie kennen lernen!«

Um mit Anna ins Gespräch zu kommen, muss man sehr genau die Lücke abpassen, wenn sie doch einmal Luft holt zwischen zwei Sätzen. Sie hat aber auch eine Menge zu erzählen nach sieben Jahren beim Fernsehen. Allein zu beschreiben, wo sie derzeit überall zu sehen ist, dauert: Auf 9Live etwa, wo sie mal morgens, mal abends Gewinnspiele moderiert, auf Sat.1, wo sie ebenfalls eine Quiz-Show moderiert, oder im Hamburger Lokalsender Hamburg 1. Dort leitet sie abwechselnd eine Gesundheitssendung mit dem Titel AOK-TV und ein Reisequiz. Auf Astro-TV, einem Digitalsender, ist sie gemeinsam mit einem Astrologen zu sehen, die Sendung heißt Zukunftsblick, auf Kabel1 im Filmquiz und schließlich unterhält sie sich in Finanzplaner TV mit Wirtschaftsexperten. Früher, als sie noch nicht beim Fernsehen war, hat sie Betriebswirtschaft studiert.

Das ist eine ihrer Rollen: Anna, die Fernsehmoderatorin.

Es gibt Anna Heesch aber in noch mehr öffentlichen Rollen zu sehen. Anna, die Gala-Moderatorin, Anna, das Werbegesicht, Anna, das Model. Und, darauf ist sie besonders stolz: Anna, die Unternehmerin. Mit einem Partner entwickelte sie eine Kosmetikserie, so genannte Sternzeichen-Kosmetik. Für jedes Sternzeichen die passende Creme.

Mittlerweile ist Anna ein Profi, durch und durch. Okay, ihr Name verbindet sich vor allem mit Call-in-TV ­ die Diskussionen und Vorbehalte: tausendmal beschrieben, hinterfragt, diskutiert, dagegen gehalten. Egal, sie liebt all die Annehmlichkeiten, Privilegien und öffentlichen Aufmerksamkeiten, dieses Leben, in dem ein Ausrufezeichen das nächste jagt. Die Schlagzeile in der Hamburger Morgenpost etwa: »Anna holt die Männer vor die Glotze«, da hatte sie gerade ihre ersten Auftritte als Wetterfee hinter sich. »Irre, oder?« Das Foto in Gala, eine ganze Seite groß. Da war sie erst Lokalmoderatorin. Die eigene Homepage, die sie ständig aktualisieren lässt. Der Modesponsor, der sie laufend mit Kostümen, Jacken, Röcken und Accessoires für ihre Auftritte versorgt. Das rastlose Hin und Her zwischen den Studios in München, Hamburg, Berlin und Köln. Ihr Freund, ein Anwalt aus Hamburg, dem sie eine Gastrolle in der Sendung Richter Alexander Hold verschafft hat, als Anwalt. Ihr Auftritt im Playboy, der ihren Bekanntheitsgrad noch mal ein ganzes Stück erhöht hat. »Ich empfinde diese Bilder als große Ehre.« Sie hat sich da was aufgebaut.

Und sie kennt das Geschäft, die Tricks ebenso wie die Fallen. Als die Frage kommt, die man ihr immer wieder stellt, nämlich, wie es weitergeht, was als Nächstes kommt, wo ihre Ziele liegen, weicht zum ersten Mal das Tempo aus ihren Worten, sie weiß: Jetzt bloß nicht das Falsche sagen, etwas, was Ärger geben, dem Ruf schaden, als überheblich ausgelegt oder gar laufende Verhandlungen gefährden könnte. »Ich bin total glücklich mit dem, was ich mache«, meint sie. »Ich bin in meinem Traum schon angekommen, deshalb träume ich nicht weiter.«

Will man herausfinden, wie Geschichten wie die von Sandra, Anneke oder Anna weitergehen können, hilft ein Blick zurück. Auf eine, bei der alles ganz ähnlich anfing. Mit einem Sieg bei einem Modelcontest, der Neugier und der Unbeschwertheit einer 20-Jährigen. Wenn Sophie Rosentreter von damals erzählt, klingt es, als spreche sie von einer Vergangenheit, die ein ganzes Leben zurückliegt. Dabei ist sie vor ein paar Monaten erst dreißig geworden.

Ihr Preis für den ersten Platz war ein Gastauftritt bei MTV, in der Sendung von Christian Ulmen. Sie machte Eindruck, bekam einen Vertrag und war auf einmal ein Fernsehgesicht. Sophie flog durch die Welt, interviewte Popstars, hatte schnell Erfolg. »Eine tolle Zeit«, sagt sie heute. Nach drei Jahren, da war sie 23, bekam sie ein Angebot, eines, das aussah wie eine große Chance, mindestens aber wie der richtige nächste Schritt: Die Moderation von Big Brother, der ersten Staffel. Das große Thema damals. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Percy Hoven führte sie durch die Sendung.

»Es war die Zeit, in der ich lernte, wie das Fernsehen wirklich funktioniert und worauf es ankommt«, sagt sie heute. Wie es einen sehr schnell sehr bekannt macht ­ im Dezember 2000 landete sie auf einer Liste der meistabgefragten Frauennamen im Internet in den Top Ten, zwischen Jennifer Lopez und Verona Feldbusch. Und wie es sich anfühlt, wenn sich die Öffentlichkeit, die einen eben noch so leicht nach oben trug, gegen einen wendet. Sophie bekam böse Verrisse, Kritiken voller Häme, von der »hochgradig blonden Sophie Rosentreter, bei deren Kreisch-Organ jeder Wellensittich tot von der Stange fällt«, schrieb der Spiegel damals. Der Sender wechselte sie nach der ersten Staffel aus.

»Ich war damals einfach noch nicht so weit«, sagt sie heute. »Ich war überfordert.« Bei MTV moderierte sie noch zwei Jahre, dann verschwand sie ganz vom Bildschirm und wechselte die Seite, hinter die Kamera. »Ich wollte mich nicht länger wie eine Marionette fühlen und davon abhängig sein, was mir ein Redakteur aufschrieb.« Sie lernte, wie man recherchiert, wie man einen Beitrag aufbaut und schneidet, und arbeitet jetzt als Redakteurin für eine TV-Produktionsfirma, dreht Reportagen und Dokumentationen, etwa eine Serie über dicke Kinder.

Sie trägt die Haare länger als damals, nur noch selten erkennt sie jemand auf der Straße. »Ich genieße das sehr, dass nicht mehr alle Augen auf mich gerichtet sind.« Aber das Beste an ihrer Entscheidung sei etwas anderes: »Jetzt kann ich selbst bestimmen, was zu sehen ist und was nicht.«

Eine Geschichte, wie sie das Fernsehen eher selten erzählt.

Horrorskop

Lieber Himmel, danke, dass ich Jungfrau bin! Ein Plädoyer für ein verleumdetes Sternzeichen. 

Neulich, mit Susanne beim Bier. Irgendwann kamen wir auf die Geburt ihres Sohnes zu sprechen, wie er sich Zeit ließ, wie einige ihrer Freundinnen immer nervöser wurden: »Oh Gott, du Arme! Hoffentlich setzen die Wehen bald ein, sonst wird’s eine Jungfrau!« Und wie sie schließlich doch Glück hatte: Ihr Sohn wurde gerade noch als Löwe geboren. Susanne versichert glaubhaft, von Horoskopen nichts zu verstehen. Aber so viel hatte sie begriffen: »Jungfrau ist ein Horrorsternzeichen.« Sagt sie, ohne zu bedenken, welches Sternzeichen ihr Gegenüber besitzt.

Ich weiß: Jungfrauen gelten als nervtötende Besserwisser, hüftsteife Allesplaner, Bausparer, bar jeder Kreativität, pedantische Kleingeldzähler, die bei fremden Leuten mit dem Zeigefinger über Bilderrahmen fahren, um zu prüfen, ob er staubfrei ist.

Typisch Jungfrau? Mag sein, ich kann das schwer beurteilen. Ich mache mir nicht viel aus Horoskopen, besitze kein ausgeprägtes Faible dafür, Menschen nach ihrem Sternzeichen zu beurteilen, und meine Astrologiekenntnisse gehen über das im Umlauf befindliche Zeitschriftenwissen nicht hinaus. Keine der Verhaltensweisen ist mir gänzlich fremd, jede kann ich irgendwie nachvollziehen, was vermutlich daran liegt, dass ich ebenfalls im Sternzeichen der Jungfrau geboren bin, Anfang September, zweite Dekade.

Zu meinen besten Freunden zählen fast ausschließlich Jungfrauen, ich weiß, dass ich mit Jungfrauen besonders gut zusammenarbeite, und meine Freundin ist ebenfalls Jungfrau. Nicht, dass ich mir meine Freunde nach dem Sternzeichen aussuche. Es ist einfach nur so, dass ich meine Zeit gern mit angenehmen Menschen verbringe, die ein feines Gespür besitzen, Interesse daran haben, zum Kern der Dinge vorzudringen, und in der Lage sind zuzuhören und Geschichten erzählen können. Das sind dann eben oft Jungfrauen.

Ich habe mir sagen lassen, es sei der vage Spiritismus, der Astrologie gelegentlich umgibt, der dem klaren Verstand der Jungfrau suspekt sei. Andererseits: Die Menschheit anhand ihres Geburtsdatums und ihres Geburtsortes in zwölf Grundtypen einzuteilen, ihnen jeweils bestimmte Eigenschaften zuzuweisen und mit Hilfe des Aszendenten die Grundzüge eines Charakters zu skizzieren, diese Art der Systematik ­ das gefällt mir. Die Jungfrau unterscheidet eben gern und legt Wert auf Nuancen. Einfach Ja oder Nein zu sagen, so simpel ist das Leben nicht.

Ansonsten messe ich der Astrologie etwa so viel Bedeutung bei wie der Frage, welchen Fußballverein einer unterstützt. Das lässt ebenfalls tief blicken und gibt Aufschluss über Persönlichkeit und Charakter. Ein wenig fremd, aber tapfer muss einer sein, der Borussia Dortmund die Daumen hält, durchaus sympathisch sind Werder-Bremen-Fans, aber mag man sich vorstellen, mit einem Hertha-Fan befreundet zu sein? Eben. Das Glück, von klein auf Fan des FC Bayern zu sein, kann eben nicht jedem zuteil werden ­ so wenig, wie als Jungfrau geboren zu sein.

Natürlich, Jungfrau ist nicht gerade ein Stern-zeichen zum Angeben und Eindruckschinden, wie etwa der Löwe mit seinen Rockstarqualitäten oder der Skorpion mit seinem Giftstachel.

Gibt man sich als Jungfrau zu erkennen, trifft man auf drei Reaktionsmuster: augenzwinkernde Scherze (was bei der Jungfrau zum sofortigen Abbruch aller Beziehungen führt); die Unterstellung aller Langweilereigenschaften wie Unschuld, Harmlosigkeit, Sparsamkeit und ein übermäßiger Drang zu Sauberkeit und Ordnung (was wiederum Jungfrauen wahnsinnig langweilt); unmittelbare Feindseligkeit (was Jungfrauen gelassen als Herausforderung annehmen).

Am meisten vom Wesen der Jungfrau-Geborenen verstanden haben diejenigen, die von Sternbildern tatsächlich etwas verstehen. Meine Freundin Claudia etwa. Ihr verdanke ich die Überzeugung, dass die Jungfrau etwas Besonderes und Spezielles sei, eine Art Königin unter den Sternzeichen. Claudia ist keine Astrologin, aber ihr Wissen über Jupiterübergänge, Sonnen im vierten Haus und XY-Transite ist enorm, so dass sich auch eine rationale Natur gern ab und an davon beeindrucken lässt. Von ihr stammt auch der schöne Satz, dass man der Jungfrau erst einen Knopf öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu entdecken, wer und was da alles in ihr steckt. Ein schönes Bild, finde ich. Erstens wahr, zweitens durch und durch sympathisch und drittens lassen sich auf diese Weise falsche Freunde und aufrechte Interessenten ziemlich leicht unterscheiden. Sollen sich doch Widder und Löwen in Nachmittagstalkshows blamie-ren, Bürorunden bei Prosecco mit Klamauk unterhalten oder Gemüsehobel in der Fußgängerzone anpreisen. Unsere Sache ist solches Posen und Geplärre nicht. (Außen Jungfrau, innen Geschmack.)

Ein Bild, das aber auch erahnen lässt, weshalb Jungfrauen sich gelegentlich falsch verstanden und nicht richtig wahrgenommen fühlen. Hört man sich ein wenig um bei Menschen, die zwischen 24. August und 23. September geboren sind, gewinnt man den Eindruck, mit Menschen zu reden, die sich grundsätzlich im Einklang mit sich selbst befinden. Nur eines macht ihnen gelegentlich Bauchschmerzen: der Ruf, wonach sie gnadenlos pragmatisch seien und mit Sicherheit über ein ausgeglichenes Bankkonto und eine blitzblanke Küche verfügten. Die Klugen unter den Jungfrauen, und das sind die meisten, wissen ohnehin: Das sind Unterstellungen, wie sie früher in ähnlicher Weise auch die Klassenbesten erfahren haben. Zumindest aber Wahrnehmungen von Menschen, die den Knopf nicht öffnen. Weil sie ihn nicht finden. Oder erst gar nicht wissen, dass es ihn gibt.

Ich traf Menschen, die sich daran stören, dass man aus Jungfrauen nicht gleich schlau werde, sie schwer zu durchschauen seien und ihre Motive nicht gleich offen darlegen. Ja, sonst noch was? Natürlich bedarf es ein wenig Mühe, Interesse und auch Hingabe, um eine Jungfrau kennen und vielleicht sogar schätzen zu lernen. Wem das zu viel ist, der darf sich gern mit leicht zu durchschauenden Löwen oder Widdern zufrieden geben.

Zugegeben, es bereitet uns kein sonderliches Vergnügen, als Erste auf die Tanzfläche zu gehen, und ich gebe auch zu, dass es mir eine gewisse Genugtuung bereitet, Passwörter zu finden, die unknackbar sind. Nicht, weil sie aus kryptischen Zahlenkombinationen bestünden, sondern, weil sie auf Begriffe verweisen, die kein Mensch, der mich kennt, mit mir in Zusammenhang bringen würde. Ich weiß, es gibt Menschen, etwa solche, die im Winter oder im Frühjahr geboren sind, die kommen damit nicht klar und bemängeln dann, Jungfrauen hätten so etwas Geheimnisvolles. Man könnte vielleicht so sagen: Die Jungfrau weiß noch, was ein Geheimnis ausmacht ­ nämlich, dass es geheim ist. Und bleibt.

Ich rufe meine alte Freundin Claudia an, um mit ihr über die Vorzüge der Jungfrau zu sprechen. »Ich muss dir ja nicht sagen, dass Selbstlob etwas ist, was die Jungfrau als aufdringlich und ein wenig peinlich empfindet ­ und auch mir also gar nicht liegt«, sage ich. Das Wort Selbstlob kam mir offenbar so schwer über die Lippen, dass sie verstand: selbstlos. »Typisch Jungfrau!«

Zu unserem Treffen bringt sie eine große, rote Hutschachtel mit, voller Bücher, Unterlagen und Diagrammen. »Claudia, was macht die Jungfrau sympathisch?« Sie, ein Skorpion und von scharfem Verstand, antwortet: »Die große Stärke der Jungfrau ist ihre enorme Loyalität. Sie braucht zwar etwas, um in Gang zu kommen, aber wenn sie erst mal überzeugt ist von einer Idee, von einem Menschen, kann man sich kaum etwas Besseres wünschen. Sie ist unter allen Sternzeichen die große Realistin und immer auf der Suche nach Wahrheit. Deshalb gibt es auch unter Journalisten, Juristen und Psycho-analytikern so viele Jungfrauen. Sie verfolgt ihre Ziele und weiß, wie sie umzusetzen sind, sie versucht, Unnötiges zu vermeiden, sie ist sehr moralisch, ihr Verhalten ist immer an ethischen Maßstäben ausgerichtet. Sie hat ein ausgesprochen ausgeprägtes Bewusstsein für Werte und Qualität. Sie sucht immer nach Begründungen und ihre Lieblingsfrage ist: warum? Ihr Geist ist ständig in Bewegung…«

»Stopp«, sage ich, »eine Frage: Warum füh-len sich Jungfrauen manchmal so falsch verstanden?«

Sie kramt in der Hutschachtel und findet einige Augenblicke später dort auch eine Erklärung. In einem ihrer Bücher heißt es, Jungfrauen würden »auf traurige Art fehlgedeutet«. Das liege daran, dass im Mittelalter das Christentum einige Sternzeichen in seinem Sinne ein wenig umgedeutet und den christlichen Moralvorstellungen angepasst habe. Am meisten hätten dabei der Skorpion und die Jungfrau gelitten. Der Skorpion steht seither vor allem im Ruf des rach- und sexsüchtigen Bösewichts, der Jungfrau haften eine Reihe von Merkmalen an, die auch zur Charakterisierung der Jungfrau Maria taugen, aber eben nicht den Kern des Jungfrau-Wesens treffen: reinlich, adrett, ausgeglichen, eine durch und durch saubere Seele. Damit sollten die geläufigsten Miss-verständnisse ausgeräumt sein.

Eins noch: Böswillige unterstellen der Jungfrau gelegentlich, nein, immer, es fehle ihr an Kreativität, erst recht an Genie. Darauf nur eine kurze Antwort:

Goethe, 1. Dekade. Beckenbauer, 2. Dekade. Garbo, 3. Dekade.

Fassen wir also zusammen: Die Jungfrau, egal ob Mann oder Frau, ist in ihrem Innern ein feinnerviger, sensibler Romantiker, der sich im Leben zu behaupten weiß, nie seine Maßstäbe vergisst, Lösungen sucht und findet und gelegentlich mit seiner Gabe zur Beobachtung und der Fähigkeit, die Dinge richtig zu benennen und in einen Zusammenhang zu stellen, brilliert, ohne anderen davon sofort erzählen zu müssen.

Sollten Sie, liebe Widder, Löwen, Skorpi-one, Stiere, Wassermänner, Schützen, Steinböcke, Zwillinge, Waagen, Fische und Krebse derzeit auf der Suche nach einem neuen Freund, Kollegen, Chef oder Ehepartner sein: Nehmen Sie eine Jungfrau, es gibt keine Besseren. Sofern man nicht vergisst, den Knopf zu öffnen.